Testbericht: BASTL INSTRUMENTS KASTLE – modularer Winzling


Reise in die Urwelt…

Im anhaltenden Retro-Dauertrend erfreut sich auch modulares Synthesizer-Equipment inzwischen einer Beliebtheit wie nie zuvor, sei es in Form von Rack-Modulen aller Art, von platzsparenden Tischgeräten oder im virtuellen Software-Format auf dem Computer, wobei die Grenzen hier zunehmend fließender werden, da analoge und digitale Welten immer weiter miteinander vermschmelzen. Und es war bisher nie so günstig wie heute, sich zu „modularisieren“. Dennoch, wenn wir die vergleichsweise günstigen Software-Emulation einmal beiseite lassen, sondern etwas „Richtiges“ zum Anfassen haben wollen, dann landen wir, je nach dem persönlichem Bedarf und der entsprechenden Ausbautiefe des Systems, zumeist immer noch bei drei bis vierstelligen Eurobeträgen.

Einen deutlichen Preisausrutscher nach unten leistet sich hingegen eine kleine, in der Tschechischen Republik beheimatete, Hardware-Schnitzerei namens BASTL INSTRUMENTS, die von einem kreativen Trio geführt wird (Schnitzerei ist hier übrigens durchaus wörtlich zu nehmen, denn BASTL INSTRUMENTS hat u.a. bereits mit allerlei, teilweise aus Holz gefertigten Eurorack-Modulen eine gewisse Bekanntheit!): Der jüngst erschienende und sich schon in meinem Testlabor befindliche Modular-Synthesizer KASTLE.

KASTLE setzt sich mit einem Nettopreis von gerade mal 65,50 Euronen aber nicht nur finanziell von seinem Umfeld ab, sondern auch in Bezug auf sein Gewicht und seine Abmessungen. Wer mit „Modulsynthesizer“ in erster Linie tonnenschwere Schrankwände aus den 1970ern oder zumindest geräumige Eurorack-Skiffs assoziiert, der sollte am besten gleich mal eine Lupe bereithalten…

 

Pan Tau…

Wenn man KASTLE als „kompakt“ bezeichnen wollte, dann wäre das schon eine massive Untertreibung. Er ist tatsächlich so klein, dass er locker als Modularsystem für die Puppenstube durchgehen könnte. Ein MONOTRON wirkt groß neben KASTLE, ein MONOTRIBE sogar riesig, einzig der PL2 von PLOYTEC ist noch winziger, was bei diesem aber auch nur durch den Verzicht auf jegliche Bedienelemente möglich wurde. Um eine bessere Vorstellung von den geringen Maßen des KASTLE zu vermitteln, habe ich für das nachfolgende Foto einfach mal diverse Gegenstände zum Größenvergleich um ihn herum drapiert.

KASTLE im Größenverrgleich

KASTLE im Größenverrgleich

Das Teil findet also bequem in einer Handfläche Platz, mit eingelegten Batterien ist das Gesamtgewicht zudem genau richtig – nicht zu leicht und nicht zu schwer. Dass bei einem dertigen Formfaktor für die modularen Verknüpfungen wohl kaum Patch-Kabel mit Miniklinken oder Bananensteckern zum Einsatz kömmen, dürfte sich wohl von selbst verstehen, wo sollten hier die dazu notwendigen Buchsen denn auch Platz finden?

Stattdessen benutzt man kleine, flexible Drahtsteckbrücken, wie sie auch Elektronik-Frickler für ihre Breadboard-Schaltungen verwenden. Ein 10er-Tütchen davon liefert BASTL INSTRUMENTS zum KASTLE mit, Ersatz ist ebenfalls günstig zu bekommen (für den Preis einer ganzen Tüte solcher Steckbrücken bekommt man in der Regel noch nicht mal ein einziges Patch-Kabel fürs Eurorack…). Dieses Konzept ist nicht mehr so ganz neu, meines Wissens hat ANYWHERE INSTRUMENTS dies zuerst beim TINYSIZER eingeführt und danach beim MINISIZER fortgesetzt, und Firmen wie MOOG (WERKSTATT 01) oder SOUNDMACHINES (NS1nanosynth) haben es ebenfalls übernommen.

KASTLE - Oberseite mit Patch-Draht

KASTLE – Oberseite mit Patch-Draht

Fast alle Patch-Punkte sind übrigens mindestens doppelt und teilweise sogar dreifach ausgeführt, womit sogenannte Multiples in der Regel also kaum benötigt werden sollten (und falls doch, dürfte hier ein Mini-Breadbord für einsfuffzig wohl mehr als ausreichen). Das Ganze funktioniert in der Praxis ganz gut, wenngleich ich manchmal gewisse Schwierigkeiten hatte, die leicht versenkten Pfostenbuchsen auf Anhieb genau zu treffen, das ist aber wohl eher einer zu gering ausgeprägten Feinmotorik sowie einer inzwischen abnehmenden Sehschärfe meinerseits zuzuschreiben… 😉

Trotz des vordergründigen Spielzeugsformats hinterlässt KASTLE einen vergleichsweise robusten Eindruck. Das offenbar von BASTL handgefertigte Gehäuse aus Kunststoff und die Frontplatte wirken hinreichend stabil, ebenso wie die insgesamt sieben Drehregler und der kleine Kippschalter zum Ein- und Auschalten. Die Potis wackeln nicht auf ihren Achsen und schleifen auch nicht, und sie lassen sich aufgrund ihres angenehmen Widerstands trotz ihrer Minigröße recht gut bedienen, zumindest sofern man denn nicht gerade Paul Pranke genannt wird… 😉 Die Pfostenbuchsen, die beim KASTLE als Patch-Punkte dienen, sind übrigens qualitaiv kein Vergleich zu diesen
billigen Breadboards aus dem Elektronikversand, denn die eingesteckten Patch-Kabel sitzen ordentlich fest darin und wackeln nicht etwa herum oder rutschen gar unbeabsichtigt heraus, auch hier hat BASTLE INSTRUMENTS löblicherweise nicht am falschen Ende gespart!

Auf jeden Fall macht KASTLE auf mich einen deulich handfesteren und wertigeren Eindruck, als etwa die drei MONOTRON-Modelle (von denen mir kürzlich das DUO aus heiterem Himmel verreckt ist, mal einfach so nach einer Weile des unbenutzten Herumliegens…), die optisch und haptisch ja wirklich wie Spielzeuge daherkommen.

Die Gehäuseseitenteile des KASTLE weisen eine dezente, verschnörkelte Gravur auf, die laut BASTL INSTRUMENTS bei jedem einzelnen Gerät individuell ausfällt. Vielleicht ist dies ja mal ganz nützlich, falls gemeine Diebe mir den KASTLE mal stehlen sollten und die Polizei ihn später anhand der internationalen KASTLE-Datenbank dann einwandfrei zu identifizieren vermag… 😉

KASTLE - Unterseite

KASTLE – Unterseite

Vielleicht mag der eine oder andere Leser sich ja fragen, wo denn die Batteriefachabdeckung abgeblieben ist. Nun ja, es gibt gar keine! Die für den Betrieb des KASTLE notwendigen drei AA-Zellen (neben Einweg-Batterien mit 1,5 Volt schluckt KASTLE auch problemlos wiederaufladbare Akkus mit ihren üblichen 1,2 Volt) sitzen eingelegt stramm an ihrem Platz und fallen auch dann nicht heraus, wenn man man das Gerät heftig schüttelt, obgleich mir eigentlich kein sinnvoller Grund einfällt, warum man deratiges bei normaler Gesundheit überhaupt machen sollte. Man sollte allerdings darauf verzichten, den KASTLE auf eine feuchte Kneipentheke zu stellen oder ihn mit in die Sauna zu nehmen, doch auch dies dürften wohl nur Menschen mit einer ausgeprägten Sekundärbegabung anstellen.

Auf der Rückseite des KASTLE gibt es schließlich noch zwei Miniklinkenbuchsen, eine davon dient als Audioausgang, während die andere durch ihre zwei analoge Steuerspannungen in den KASTLE hinein oder auch aus ihm heraus zu leiten vermag. Linker und rechter Kanal der Stereobuchse sind dabei jeweils mit einem eigenen Patch-Punkt auf dem Bedienpanel verbunden. Ein zusätzlicher simpler Mono-Stereo-Y-Adapter reicht übrigens aus, um daran bei Bedarf zwei normale Eurorack-Patch-Kabel anzuschließen. KASTLE verarbeitet Steuerspannungen von 0 bis 5 Volt.

 

Das Krankenhaus am Rande der Stadt…

Noch ein Wörtchen zum Einschalter: Wenn man KASTLE direkt an an einem Verstärker oder an Aktivmonitoren anschließt, insbesondere aber, wenn man ihn mit einem Kopfhörer oder mit Ohrstöpseln benutzt, dann sollte man tunlichst beachten, dass man die Lautstärke auf der Wiedergabeseite zunächsr reduziert, denn KASTLE verfügt über keine eigene Lautstärkeregelung legt nach dem Umlegen des Einschalters ohne Vorwarnung sofort mit kräftigem Linepegel los! Je nach eingestelltem Patch, der Wiedergabelautstärke und der individullen Sensitivität des Hörers kann das dann irritierende bis hin zu nahtodähnliche Empfindungen auslösen… 😉

KASTLE - Breadboard als Multiples

KASTLE – Mini-Breadboard als Multiples

Mit dem letztgenannten Umstand stellen wir auch gleich einmal fest, dass KASTLE kein Synthesizer der üblichen Sorte ist. Man könnte ihn eher als Drone- oder Noisebox bezeichnen, zumindest im Alleinbetrieb, also ohne Verbund mit weiterem Modularequipment. KASTLE lässt sich nämlich nicht auf gewohnte Weise über eine via CV/Gate angeschlossene Tastatur oder über einen Sequencer spielen. Zwar kann man ihm eine steuerspannung zuführen und diese auch der Tonhöhe zuweisen, jedoch fehlt ihm die Möglichkeit, ein externes Gate-Signal zu verarbeiten und er besitzt auch keinen spannungsgesteuerten Verstärker. KASTLE ist also mitnichten ein weiterer Bassline-, Lead-Synthie, wer sowas sucht, der wird woanders fündig. Dies sei nur vorab erwähnt, um etwaige Mißverständnisse oder Fehlerwartungen auszuschließen!

 

Die Besucher…

Auch wenn Modularsysteme häufig analog ausgeführt sind, so ist dies nicht zwangsläufig so, und KASTLE macht hier ebenfalls eine Ausnahme. Unter seinem Plastikpanzer schlägt ein digitales Herz, genauer gesagt sogar zwei davon. Von den beiden Microprozessoren der Sorte ATTINY 85 übernimmt einer die Klangerzeugung, während der Andere für die Modulationsaufgaben zuständig ist. Diese Chips lassen sich sogar von Bedarften mittels der verbreiteten ARDUINO-Entwicklerplattform komplett umprogrammieren und mit eigenem Code betanken.

Da BASTL INSTRUMENTS erwähnt, dass diese Microchips austauschbar seien, hege ich zudem die starke Vermutung, dass sie nicht, nur um ein paar Cent zu sparen, fest auf der Platine verlötet sind, sondern sich in Stecksockeln befinden. Ich konnte dies selbst zwar nicht verifizieren, da ich meinen KASTLE nicht extra dafür öffnen wollte, allerding spricht die Abbildung zum ebenfalls erhältlichen KASTLE-Selbstbausatz dafür, denn auf diesem sind besagte Chip-Sockel eindeutig zu erkennen. Somit könnte man sich auch mehrere ATTINY 85-Pärchen besorgen und diese jeweils mit diversen alternativen Images bestücken, um sie bei Bedarf von Hand auszutauschen.

KASTLE DIY-Kit

KASTLE DIY-Kit

Natürlich sollte man hierbei schon genau wissen, was man da tut, für mich persönlich jedenfalls ist sowas aufgrund mangelnder Programmierkenntnisse eher nix, für mich stellt aber auch schon das Hantieren mit SysEx-Code eine nervtötende Beschäftigung dar, die ich weitgehend meide, wenn es möglich ist… 😉 Für die programmierwilligen und -fähigen Adam Bernaus unter Euch wird diese Option jedoch sicherlich ein Pluspunkt darstellen.

 

Rumburak…

Die Klangerzeugung des KASTLE besteht aus einem sogenannten komplexen Oszillator, was sofort gewisse BUCHLA/Westcoast-Assoziationen weckt. Eigentlich sind es ja zwei digitale Oszillatoren, von denen der Eine den Anderen moduliert. Hinzu kommt noch ein Waveshaper als Dritter im Bunde. Damit wird klar, dass KASTLE erstmal nichts mit subtraktiver Synthese (à la MOOG/Eastcoast) an der Brause hat. Hier wird also nicht eine einfache, aber obertonreiche Wellenform mit einem Filter gedämpft, sondern die Oberonstruktur des Klangs in der Oszillatorsektion selbst manipuliert, mal recht grob vereinfacht.

Auf welche Weise dies geschieht, bestimmt der jeweilige Synthese-Modus des KASTLE, insgesamt sind es derer drei: Phasenmodulation (alias FM), Phasenverzerrung (PD) sowie Track & Hold-Modulation.

Wer sich nun wundert, dass die Phasen-Modulation hier mit „FM“ bezeichnet wird, was ja eigentlich für „Frequenzmodulation“ steht, dem sei lediglich verraten, dass YAMAHA dies schon in den 1980er mit dem DX7 und seinen Geschwistern ganz genauso gehalten hat, denn während in diesen Geräten tatsächlich die mit der FM mathematisch sehr eng verwandte und ähnlich klingende Phasenmodulation zum Einsatz kam, hat YAMAHA aus Marketinggründen lieber auf den zumindest im englischen Sprachraum bereits etablierten Begriff FM gesetzt, jedermann wußte etwa, was ein FM-Radio ist…

PM/FM ist auch der Modus, in dem sich der KASTLE befindet, wenn keine Drahtverbindung mit den MODE-Eingangspunkten besteht. Mittels des OSC PITCH-Reglers bestimmt man die Tonhöhe des Carriers, während OSC TIMBRE die des Modulators regelt. WAVESHAPE schließlich legt die Tiefe der Mdulationstiefe fest. Alle drei Parameter können auch über Steuerspannungen geregelt werden, für die Erstgenannten gibt es zusätzliche Abschwächer (PICH MOD und TIMBRE MOD).

BASTL INSTRUMENTS KASTLE

BASTL INSTRUMENTS KASTLE

Über entsprechend gesetzte Patch-Kabel kann man in einen der anderen beiden Synthese-Modi wechseln, und dies sowohl statisch als auch moduliert. Ein Klang kann somit dynamisch alle drei Syntheseformen beinhalten, bzw. zwischen diesen changieren.

Phase Distortion, kurz PD, ist ebenfalls ein alter bekannter aus den 1980ern, nämlich durch die CZ-Serie vom Taschenrechnerhersteller CASIO mit ihrem typischen „Plastikklang“. Mein allererster Hardware-Synthesizer war ein CZ-3000, der bedienungstechnisch zwar die altbewährte subtraktive Synthese mit Hilfe diverser Tricks nachzuahmen versuchte, unter der Haube jedoch völlig anders tickte. Die Umsetzung der PD im KASTLE konzentriert sich dabei insbesondere auf einen mehr resonanten, teils vocalartigen Klangcharakter. WAVESHAPE fügt hierbei eine hochpassfilterartige Nuance hinzu.

Track & Hold-Modulation war mir zugegebenermaßen bis dato keinerlei Begriff. Laut der Bedienungsanleitung wird hier aus einer Sinuswelle eine Pulswelle mit variabler Weite erzeugt, ein zweiter Oszillator wird dann von eben dieser Pulswelle abhängig von deren Pulsweite via Comparator-Schaltung getriggert (oder so ähnlich…). WAVESHAPE regelt in diesem Modus die Pulsweite. Die besagte Pulswelle kann übrigens unabhängig davon auch über ihren eigenen Patchpunkt abgegriffen werden, beispielsweise zu Modulationszwecken und/oder auch zur Andickung des Audiosignals. Bei letzterem Vorhaben wird einfach eine Verbindung vom Pulsewellen-Ausgang zu OSC OUT gesteckt, wohinter sich ein passiver Summierer verbirgt.

 

Luzie, der Schrecken der Straße…

Um Bewegung in die Kiste, pardon, den KASTLE zu bekommen, gibt es die Modulationssektion, bestehend aus einem LFO und einem Generator, der sich wiederholende Sequenzen mit quantisierten Spannungsverläufen erzeugt.

Im autarken Betrieb wird die Geschwindigkeit beider Komponennten mit dem LFO RATE-Poti eingestellt, im Verbund mit anderen Geräten kann man KASTLE auch einen externen Clock-Impuls zuführen und diesen auf LFO R(e)S(e)T legen, dann läuft das Kästchen brav im Takt mit. Die Phasen von LFO und Step-Generator sind dann allerdings nicht unbedingt gerade dort, wo man sie haben will, hier muss man gegebenenfalls so lange von Hand resetten, bis die Modulatoren ihre richtige Stellung erreicht haben.

Im Test funktionierte dies sowohl mit einem KORG MONOTRIBE als Master, wie auch mit einem von mir eigens dafür angefertigten REX-Loop (siehe Link unten), bestehend aus einem gesampleten und über mehrere Takte in ein 16tel-Raster kopierten Pulssignal. Mit diesem tempovariablen Taktgeber-Loop, den ich über einen separaten Kanal meiner Soundkarte dem KASTLE zuführte, gelang es mir auch schließlich, dessen LFO-Tempo über die DAW zu steuern. Dazu muss der Sequencer natürlich laufen, denn ansonsten fällt der KASTLE natürlich wieder in sein eigenes Tempo zurück (wir erinnern uns, er erzeugt ja ein ständiges Audiosignal…).

Die Geschwindigkeit kann des Weiteren noch über den Parameter RATE MOD, ebenfalls mit via Poti und CV einstellbarem Pegel, variiert werden, KASTLE hat also nicht nur rigide Stakkato-Rhytmen drauf, sondern auch stetig wechselnde Tempi.

Der LFO bietet die beiden separat abgreifbaren Wellenformen Puls und Dreieck. Darüber hinaus kann man dem Dreiecksausgang auch einen abfallenden Sägezahn entlocken, indem man den Puls auf LFO RST legt, dann wird nämlich die aufsteigende Flanke des Dreiecks einfach übersprungen. Dies ist beispielsweise praktisch für perkussive Geschichten, denn KASTLE besitzt ja keine Hüllkurven.

Der Step-Generator ist eine Sache für sich. Er kann mittels eines 8-Bit-Schieberegisters geloopte Sequenzen mit acht verschiedenen Spannungsschritten erzeugen, wobei neue Spannungswerte jeweils zweimal pro LFO-Durchlauf (also einmal pro Flankenwechsel…) generiert werden, abhängig vom aktuellen Status dreier Bits. Mit jeder neuen Spannung springt das Schieberegister dann einen Schritt weiter. Die Verdrahtung der BIT IN-Buchse legt fest, wie der Step-Generator reagiert. Wenn dort nichts angeschlossen ist, dann erzeugt er ein Muster mit sechzehn Schritten, bei einer anliegenden niedrigen Steuerpannung werden daraus nur acht Schritte, während hohe Steuerspannungen stetige Zufallsmuster erzeugen. Bei einer wechselnden Steuerspannung, etwa durch den LFO oder durch externe CV-signale lassen sich auch halb-zufällige Muster erzeugen. Darüber hinaus bietet KASTLE auch noch einen Ausgang für jeweils eine hohe und eine niedrige Fix-Spannung, damit kann den den Step-Generators in einen festen Zustand versetzen (ebenso wie den Synthese-Modus).

Liest sich alles recht kompliziert? Nun, in der Praxis komt man ums Experimentieren nicht herum, aber gerade das macht ja eben den Reiz eines Modularsynthesizers aus.

Nachdem ich anfänglich nur diverse Knarz-Sequenzen hinbekamm, entdeckte ich mit der Zeit und mit jedem zusätzlichen Patch-Kabel ständig neue Möglichkeiten, Rhythmen und Klangvariationen. Manche Ergebnisse waren kaum vorhersehbar und damit eine umso größere Überaschung. Ich kann an dieser Stelle nur raten, einmal gefundene Patches irgendwie festzuhalten, sei es als simples Handyfoto oder auch gleich als Audioaufnahme. Mit jedem Umstecken und mit jeder Poti-Drehung ist man sonst schon wieder bei einem neuen Klang angelangt und hat das alte Patch bereits wieder vergessen… 😉

 

Ikarie XB 1…

KASTLE sieht zwar niedlich aus, sein klanglicher Output ist jedoch alles andere als niedlich. Wem etwa bei FM und PD vornehmlich Glöckchen, E-Pianos oder anderes Gebimmel vorschwebt, der kennt noch nicht die gemeinere Seite dieser Syntheseformen. Und wer schon dachte, dass sein MONOTRON böse klingen kann, dem gibt KASTLE mal richtig was auf die Ohren. Seine Klangerzeugung kann bei entsprechenden Patches wohlig schwebend brummen und aber bei Extremeinstellungen wild kreischen, aber auch dazwischen ist so allerhand mit würzigen Obertönen möglich.

Darüber hinaus bietet KASTLE durch seinen Step-Generator, den flexiblen LFO und nicht zuletzt auch die beiden externen CV-Anschlüsse interessante rhytmische Sequenzen sowie sehr bewegte Klänge. Spätestens hier muss das oben angesprochene MONOTRON dann die Fahnen strecken, zumindest in seiner Werksausführung und ohne einen beherzten Griff zum Lötkolben.

Der Grundklang ist dabei erkennbar digitalen Ursprungs, durchsetzungsfähig bis hin zu aggressiv und inklusive allerlei typischer Artefakte, die der audiophile Schöngeist möglichwerweise als störend empfinden mag, während der geneigte Kreativling sie als unverzichtbaren „Edeldreck“ begrüßen dürfte („One man’s music is another man’s noise“). Natürlich ist nicht alles, was KASTLE so von sich geben kann, jeweils immer direkt in einem musikalischen Kontext nutzbar (zumal er ja auch nicht für das melodiöse Keyboardspiel geeignet ist), es sei denn, man beschäftigt sich ausschließlich mit Illbient und ähnlich pathogenen Spielarten, vielleicht um damit eine Therapie zu umgehen. In diesem Falle liefert KASTLE auf Wunsch dystopische Klangwirkstoffe, bei denen Assoziationen mit Begriffen wie „radioaktiv“, „Chemieunfall“ oder „Batteriesäurevergiftung“ nicht ganz fern liegen.

Das muss aber gar nicht so sein! KASTLE erzeugt nämlich eine erstaunliche Vielzahl an Klanggebilden, die sehr inspirierend wirken und die sich auch musikalisch verwenden lassen, seien es Rhythmen, Sequenzen oder auch sich ständig bewegende Dauerklänge. Dem Sounddesigner bietet KASTLE eine frische und recht unverbraucht wirkende Quelle für neues Samplematerial, insbesondere bei den Nachbearbeitungsmöglichkeiten, die ein Computer heute so bietet, tun sich hier komplette Science-Fiction-Soundtracks vor meinem inneren Ohr auf.

Nun wieder zu den obligatorischen Klangbeispielen. Fangen wir zunächst mit drei spontanen Patch-Sessions an, die ich alle „on-the-fly“ aufgenommen und anchließend lediglich normalisiert und mit Fade-Ins und -outs versehen habe. Doch Obacht sei den klanglich Empfindsameren geraten, denn manche Stellen davon klingen schon ziemlich verstrahlt:

 

Das nächste Patch stellt mal einen perkussiven Loop dar, auch ganz gut denkbar als Begleitung zu einem darunter liegenden Drumbeat:

 

Im folgenden Klangbeispiel habe ich KASTLE einmal in den externen Eingang meines KORG MONOTRIBE eingespeist. Dessen Filter war dabei voll geöffnet, um das Klangbild nicht sonderlich zu beeinflussen. Leider kann man internen Oszillator des MONOTRIBE nicht getrennt vom Audioeingang in der Lautstärke regeln, er läuft somit im Hintergrund immer mit. KASTLE ist allerdings so laut, dass er ihn locker übertönt. Auch wird das Eingangssignal nicht permant durchgeschliffen, sondern immer nur zusammen mit dem MONOTRIBE-OSC getriggert, so dass aus dem ursprünglichen Dauerton des KASTLE eine rhythmische Sequenz wird (Kick, Snare und Hihat stammen ebenfalls aus dem MONOTRON):

 

Waren alle bisherigen Klangbeispiele Mono-Aufnahmen von einzelnen Patches, so folgt nun ein kleines, ambientartiges Arrangement, bestehend aus insgesamt vier einzelnen Loop-Patches, die ich allesamt mit Hilfe des bereits erwähnten Pulssignals zu CUBASE synchronisiert habe. Zuerst kommt die trockene Version, danach habe ich den Track auch noch mal in eine kräftige Hallsuppe getunkt, einfach nur so zum Vergleich:

 

Und zum Abschluss führe ich Euch der Vollständigkeit halber noch meinen fehlgeschlagenen Versuch vor, KASTLE via Steuerspanung chromatisch über die Tastatur des MicroBrute zu spielen. Dazu habe ich den CV-Eingang mittels eines kleinen Breadboards und etwas längeren Drahtbrücken auf PITCH MOD und TIMBRE MOD zugleich gelegt, aber egal, welche Einstellung ich auch mit den Potis vorgenommen hatte, es gelang mir einfdach nicht, die Oszillatoren des KASTLE zu einem sauberen Notenspiel zu bewegen (ansonsten harmonieren die Beiden aber durchaus, der MicroBrute hatte KASTLE im Beispiel gerne seinen VCA und seine Hüllkurve ausgeliehen…):

 

Möglicherweise kann in diesem Falle ja auch ein Realtime-Pitchshifter wie diese Freeware hier weiterhelfen, ich bin allerdings im Zuge dieses Tests nicht mehr dazu gekommen, das noch auszuprobieren, da ich dieses Plugin selbst gerade erst entdeckt habe: http://vicanek.de/audioprocessing/midichoir.htm

 

Drei Nüsse für Aschenbrödel…

KASTLE macht sehr viel Spaß! Wenn sich ein Kanditat auf dem Labortisch als inspirierend herausstellt, dann sind wir Schreiberlinge der testenden Zunft natürlich immer erfreut. Insofern scheine ich es hier ja wieder mal gut getroffen zu haben, was sicherlich auch an meiner sorgfältigen Vorauswahl der Testkobjekte liegen mag (ich habe nämlich einfach nicht genügend Zeit, um auch noch unnützen Mist zu testen…), doch auch ich kann schließlich nicht hellsehen, sondern nur hoffen, dass ich richtig liege! Schön hinterher, wenn das Hoffen dann nicht etwa für die Katz‘ war.

Bei KASTLE war es das definitiv nicht, und daher gibt’s von mir auch einen BuenasIdeas-Tipp! Einmal für den maximalen Spaßfaktor bei minimaler Größe, einmal für die Experimentiermöglichkeiten und einmal für den eigenständigen Klang weit abseits von den ausgetretenen Pfaden subtraktiv-analoger Klischees.

Reine Keyboarder werden mit KASTLE aufgrund der mangelnden chromatischen Spielmöglichkeit zwar nicht sonderlich viel anfangen können, passionierte Klangbastler allerdings dafür umso mehr. Wenn man KASTLE nicht nur autark, sondern in Kooperation mit anderem (semi-)modularem Equipment einsetzt, dann zeigt er sich dabei recht

symbiotisch und vermag eine frische Brise in den Klangpark zu pusten, wie er selbst ebenfalls sehr von externen Hüllkurven, Filtern oder anderen Manipulatoren zu profitieren lernt.

Wie eingangs bereits erwähnt bietet BASTL INSTRUMENTS den KASTLE für krumme 65,50 Euro ohne Mehrwertsteuer an (das DIY-Kit kostet 54,- Euro) bei diversen hierzulande ansässigen Versandhändlern habe ich ihn zu einem adäquaten Bruttopreis von 79,- Euro gesehen. Angesichts der guten Verarbeitung und der experimentellen Möglichkeiten ist dies ein fairer Betrag. Dafür bekommt man im Eurorack-Sektor vielleicht gerade mal ein einzelnes Modul der einfacheren Sorte, mit dem man alleine wenig bis nichts anfangen kann.

Ob als modulare Einstiegsdroge für den Eigenbedarf, als originelles Weihnachtsgeschenk für einen Elektromusikanten oder als mobile Klangdusche für unterwegs, KASTLE ist eine Empfehlung wert.

Und wenn die Leute um Euch herum wieder mal nur auf ihre tragbaren Hypnosevorrichtungen, ähh…, Smartphones starren, dann holt doch mal wie selbstverständlich den KASTLE aus der Tasche und stöpselt ein wenig daran herum. Falls Euch jemand fragen sollte, was das ist, dann sagt Ihr einfach nur, Ihr wüßtet es auch nicht so genau, dass Teil sei heute mit der Post gekommen und ticke die ganze Zeit so merkwürdig, Ihr überlegtet gerade, ob Ihr jetzt lieber den blauen oder den roten Draht rausziehen sollt… 😉

Positives:

+ eigenständiger Lo-Fi-Klang mit Charakter
+ zahlreiche modulare Patch-Möglichkeiten
+ robuste Fertigung in Handarbeit
+ autarke Nutzung als Drone-Synth/Noisebox möglich
+ flexible und facettenteiche Klangerzeugung
+ cooler Step-Generator
+ flexibler LFO
+ praktisches Format
+ Sync-Möglichkeiten
+ hoher Spaßfaktor
+ preiswert

Negatives:

– keine eigene Lautstärkeregelung
– kein chromatisches Spiel möglich

Produktwebseite: http://www.bastl-instruments.com/instruments/kastle/

KASTLE bei Noise Kitchen, dem eigenen Webshop von BASTL INSTRUMENTS: http://noise.kitchen/product-category/bastl/kastle/

Abschließend noch der Link zum oben erwähnt Sync-Pulse-Loop (die Zip-Datei enthält neben dem RX2-File auch noch mal eine normale WAV-Datei mit 120 BPM sowie einen One-Shot des Pulse-Samples zum Erstellen eigener Sync-Raster mittels DAW oder Sampler): http://www.perrystaltic.de/stuff/Sync-Pulse.zip

 

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