Ein Tag auf der Musikmesse

Ein Bericht von Stefan Federspiel

Auf einer Musikmesse wird jeder wieder andere Wege gehen und Stände und Produkte herauspicken, als ein anderer. Übertragen auf das Internet, die überbordende Fülle an Neuigkeiten und Produkten jeden Tag und zum Beispiel BuenasIdeas allgemein gilt prinzipiell dasselbe. Letztlich ist die Auswahl und der Fokus der Aufmerksamkeit immer sehr individuell. Bei diesem „Reisebericht“ bin ich vielleicht subjektiver als sonst, hoffe aber dennoch, dass der eine oder andere etwas für ihn interessantes heraus ziehen kann.

Wahrscheinlich hat man meistens irgendwelche Instrumente im Kopf, die man sich vielleicht anschaffen will oder die einen zumindest interessieren. Bei mir standen an erster Stelle ein Cajon und ein besseres MIDI-Keyboard. Nach der langen Anreise mit dem Bus kam ich erst gegen elf auf dem Messegelände an. Da hatte ich die Vorführung von Hakim Ludin, einem von YouTube bekannten Cajon-Spieler gerade verpasst. Also irrte ich erst mal durch die zwei den akustischen Instrumenten vorbehaltenen Hallen und wurde von viel klassischen Blech- und Streichinstrumenten erschlagen und sah nur Chinesen. Chinesen, Chinesen und noch mal Chinesen, versprengt darunter ein paar Amerikaner bei den Gitarren und einigen deutschen dem Geigenbau- oder Blechinstrumentenbau verschriebenen Firmen. Der Konkurrenzdruck aus Fernost dürfte hier beträchtlich sein.

Eine Ein-Mann-Firma aus der Schweiz fiel mir auf, die ein Nischenprodukt herstellt, nämlich faltbare Reisegitarren. Kein Witz. So ähnlich wie der faltbare Zaubertrank-Kessel aus Harry Potter. Der Korpus besteht praktisch nur aus dem Hals und einer kaum breiteren Verlängerung auf der der Steg und die Tonabnehmer montiert sind. Darum herum ein Gestänge aus gebogenen Metallstangen, das den sonst üblichen Korpus nachgebildet ist und damit der Gitarre einen Halt am Körper gibt. Dieses Gestänge, den Hals und den Korpus kann man zusammenfalten und in einer kleinen Tasche verstauen. Das Ganze funktioniert natürlich nur elektrisch verstärkt und man muss entweder noch einen Amp dabei haben oder am Zielort vorfinden.

Es gibt ein Bassgitarre, ein Elektro- und ein Akustikmodell, das dann mit Nylonsaiten. Das große Elektro-Modell verfügt über einen Piezo-Tonabnehmer, einen Stereo-Humbucker Pickup und einen MIDI-Ausgang. Das Signal aus dem Humbucker kann man z. B. auf zwei Amps verteilen, was er dann auch vorführte und das aus dem Piezo in einen davon zusätzlich einstöpseln und das MIDI-Signal kann man mit einem dieser MIDI-Gitarren-Syntheinheiten noch dazumischen. In die Gitarren ist eine Elektronik verbaut, die das Signal aus dem Piezo „veredelt“, was bei der Akustikgitarre dazu führt, dass sie verblüffend echt nach einer Gitarre mit einem voll resonanten Korpus klingt.
http://thebone.ch/

TheBone_Acoustic
theCLASSICAL ll

Windcontroller waren für mich immer mal wieder ein interessantes Thema, hier stieß ich zu meiner Überraschung auf einen wohl schon sehr lange etablierten Hersteller, den ich nicht kannte. Was auch daran liegen mag, dass er ein wirklich sehr exklusives Instrument aus einem umgebauten Yamaha-Saxophon anbietet. Im Mundstück ist der Blaswandler-Sensor, in den Klappen Sensoren, die Klappe auf/zu dedektieren, im Trichter ist die MIDI-Elektronik untergebracht.

Für Saxophonisten natürlich Super, die brauchen sich überhaupt nicht umzugewöhnen. Der Meinung des Herstellers Softwind Instruments nach das am weitesten entwickelte und am sensibelsten spielbare MIDI-Windinstrument. Das beste klangliche Ergebnis erzielt man seiner Erfahrung nach mit den VST-Plugins von Samplemodeling (http://samplemodeling.com/) – was ich auch vermutet hätte. Er führte das eindrucksvoll quer durch die Bank vor, auf meine Frage, was sonst noch gut passt, meinte er, die Blechblasinstrumente von Wallander (siehe den Testbericht auf BuenasIdeas) , die etwas orchestraler klingen, als die eher Jazz-orientierten von Samplemodeling, was nicht heisst, dass diese nicht auch sehr gut für Klassik gehen, da gibt es ja genug Beispiele.

synthophone_moEr berichtete, dass auch gute Saxophonspieler mit seinem Instrument in manchen Situationen besser spielen können, da es auch bei leisen hohen Tönen nicht abbricht und Triller in einem viel weiteren Bereich möglich sind als mit dem echten Instrument. Ein Saxophonist kann damit sein Klangliches Spektrum jedenfalls gewaltig erweitern. Er führte z. B. auch ein Bass-Kontrafagott Plugin von Samplemodeling vor, das so gespielt wirklich sehr gut klang. Tief in die Tasche muss man schon greifen, das Synthophone kostet ca. 3500 €.
http://www.softwind.ch/

 

SpacedrumIn der Drum-Abteilung faszinierten mich die Handpans und Stahlzungentrommeln. Dort konnte ich erstmals Hand an eine Spacedrum (http://spacedrum.fr/) legen, die äußerlich sehr ähnlich zur Hang ist. Zu meinem Erstaunen gab es auch eine Spacedrum mit 13 Tönen, vollchromatisch eine Oktave umfassend. Sehr hübsch, aber auch sehr teuer, jedoch immer noch nicht mit den Preisen zu vergleichen die man für eine eine Gubal, das Nachfolgeinstrument der Hang zahlen muss – wenn man überhaupt eine Chance hat, eine zu bekommen. Mit der Zenko (http://metalsounds.fr/en/) haben sie auch eine Metallzungen-Trommel im Programm. Noch etwas besser gefielen mir die Stahlzungentrommeln von Beat Root.
http://beatroot.fr/?lang=en

 

Inzwischen war es Zeit für die Vorführung beim Cajon-Stand von Sela. Der Perkussionist Hakim Ludin spielt natürlich irrsinnig schnell und differenziert. Er muss schon ziemlich ausgeprägte Hornhäute an den Fingerspitzen haben. Er erzählte, dass er vor 20 Jahren, als die Cajons noch völlig unbekannt waren ausgelacht wurde und die Leute fragten, warum er auf einem Lautsprecher herumklopfen würde. Heute macht er Workshops. Sela hat einen neuen Express-Bausatz zu einem verhältnismäßig günstigen Preis neu im Programm, den man nur noch schleifen und zusammenstecken muss. Jedenfalls steckt schon allein in dem der Snare-Teppich, wie leicht man ihn ein- und ausbauen kann, einiges an Überlegung und Erfahrung. Sie bieten etliche verschiedene Dekore und Modelle an, darunter auch eines mit einer Hebel-Mechanik, die den Snare-Teppich ein und ausschaltet.
http://www.sela-cajon.com/

Sela-Cajon-Quick-Assembly-Kit-01

Da es mittlerweile schon nach halb Zwei Uhr war, ging es nach einem hastigen Mittagessen in der prallen Sonne gleich weiter in die Halle 5, die Halle 4 mit allem rund um die Elektrogitarre ließ ich links liegen. Hier lief ich als erstes auf einen riesigen Messestand von Roland zu und erkundigte mich nach dem MIDI Master Keyboard A-88, dass ich im Auge hatte. Leider war das nicht ausgestellt, aber ein Stage Piano, RD-800, angeblich mit derselben Tastatur, was sich aber im Nachhinein als falsch herausstellte, es ist eine andere, weiterentwickelte Version mit „Druckpunksimulation“, die man auch spürte, mich aber eher störte. Nun, trotzdem eine gute Tastatur, die allem was ich zu Hause habe weit überlegen ist. Damit wäre es viel eher möglich Pianopassagen differenziert einzuspielen und auch die meisten anderen virtuellen Instrumente profitieren enorm von einem definierten Anschlag.

Roland_RD_800

Weiter hinten in der Halle stieß ich auf einen Stand von Kawai, mit vielen akustischen Flügeln und etlichen Digitalpianos. Ich setzte mich an eines der freien Digitalpianos, begann zu spielen und war überrascht, wie anders sich das anfühlte. Viel besser, viel weicher und viel eher wie eine richtige Klaviertastatur. Und da gab es noch Steigerungsmöglichkeiten, wie ich dann feststellte, denn ich hangelte mich nach und nach die Qualitäts-und Preisstufen nach oben und es waren immer kleine Verbesserungen spürbar. Auf dem neuesten und besten Modell CA 97 liefen dann die Finger so leicht über die Tasten, dass ich zumindest das Gefühl hatte, ich könnte mindestens 50 % besser als auf dem alten (aber nicht schlechten) Klavier zu Hause spielen.

Der Klang aller Digitalpianos von Kawai schien mir sehr authentisch, mit dem von Roland konnte ich nicht so recht vergleichen, weil es an deren Stand so laut gewesen war. Interessant für den Einsatz als MIDI Controller waren jedoch die Stage Piano Modelle MP 7 und MP 11 (mit Holztastatur) oder das einfachere und etwas ältere Modell VPC1, das sie jedoch leider nicht da hatten. So, da hatte ich nun also unversehens ein neues, etwas utopisches Anspar-Ziel…
http://www.kawai.de/

Kawai_Stand

Kawai_mp7
Kawai MP 7 Stagepiano

Auf meine Runde zurück zum Ausgang, kam ich noch am Stand von Casio vorbei, und probierte dort schnell zwei Digitalpianos aus, aber nach dieser Erfahrung kamen sie mir wie grausam unsensibles Plastik vor, was natürlich etwas ungerecht ist, denn wäre ich ihnen zuallererst begegnet, dann wäre mir der sicher immer noch große Unterschied zu meinem Billig-MIDI Controller zu Hause stärker aufgefallen.

Jetzt hatte ich so viel Zeit mit den Digitalpianos verbracht, dass mir keine zwei Stunden bis Torschluss für die Synthesizer und das DJ-Equipment im Stock darüber übrig blieben. Schon nach einigen Schritten wurde mein Blick magisch von einem blaugrün leuchtenden Instrument angezogen, es war ein LinnStrument, das eigentlich nur für Demo-Input für die die DAW Bitwig sorgte. Aber der Präsentator am Stand führte es mir kurz vor und es war schon faszinierend zu erleben, wie man einerseits definierte Noten spielen konnte und andererseits mit einem Wischer auf der jeweiligen Pad-Reihe nach rechts oder links einen Glide-Effekt hatte. Man konnte auch die Quantisierung ausschalten, dann gab es sogar wenn man etwas abseits der Mitte des Pads drückte einen leichten Pitch-Bend Effekt. Das Ganze ist Velocity-sensitiv und mit Aftertouch, was einen großen und grundlegenden Unterschied zu entsprechenden Programmen auf dem iPad darstellt. Auch die Möglichkeit die Verteilung der Noten nach eigenen Mustern zu organisieren eröffnet neue Möglichkeiten und belegt, dass bei der Entwicklung des LinnStruments wirklich weitergedacht wurde.
http://www.rogerlinndesign.com/linnstrument.html

Linnstrument
Das Linnstrument in Aktion

Nun wurde mir auch noch Bitwig vorgeführt, Ableton Live kenne ich nur aus Videos und konnte deshalb im Detail nur mit FL Studio vergleichen, interessant fand ich aber, wie einfach und schnell sich Automationen erstellen lassen und einfache Elemente zu komplexen Automations-Gebilden verkettet werden können.

Bitwig

Danach geriet ich in einen Stand, an dem ein älterer Herr auf einem futuristisch aussehenden Stage Piano gekonnt herum klimperte. Außen stand schon Physis Piano, was wie ich schon gleich vermutete, auf physikalische Modellierung hindeutete. Und tatsächlich war in dieses Stage Piano eine ähnliche Technik eingebaut, wie ihn das Plugin Pianoteq, das Pianoklänge nicht mit Samples erzeugt, sondern durch rein mathematische Berechnung. Das Modell H1 verfügt neben Piano über mehrere separate Soundmodule, wie E-Piano oder Mallets. Der Vorteil für die Bühne ist, dass diese physikalisch modellierten Sounds mit ihrer großen Flexibilität in das Instrument eingebaut sind und keinen separaten störungsanfälligen Rechner benötigen.

Der Knaller war aber ein großes MIDI Controller Keyboard, das K4 EX, in dem dieselbe Technik verbaut war, zusätzlich aber viele Kontrollelemente und Anschlüsse, z. B. acht (!) Pedalanschlüsse und neben den Pitchrad zwei Modulationsräder sowie neun Fader und Endlos-Encoder.
Teuer, aber ein Traum für MIDI-Kontrollfreaks
http://www.viscountinstruments.com/physis-piano-k4-83-199.html

Physis_Piano_K4

Demo mit mehreren Pedalen: https://www.youtube.com/watch?v=yibEf9SR3hQ

Promo-Video Physis Piano H1: https://www.youtube.com/watch?v=XUWI9q0GXo4

Interessanter Vergleich mit dem Stage Piano von Roland, das ich zuerst ausprobiert hatte,
Physis Piano H1 VS Roland RD 800: https://www.youtube.com/watch?v=TQB0HwE_Ufk

 

Bei meinem nun etwas beschleunigten Gang durch die Reihen fiel mir am Stand des Mini-Keyboard-Herstellers CME ein von YouTube vertrautes Gesicht auf, es war Jordan Rudess, der bekannte Keyboarder mit dem Ziegenbart, der einige der genialsten iPad Apps entwickelt hat (http://www.wizdommusic.com/). Er führte einem jungen Typen eine App vor, die ähnlich aussah, wie sein Geo Synthesizer, die ich aber später auf seiner Website nicht fand, wahrscheinlich ist sie noch unveröffentlicht.

Jordan_Rudess

Aber er spielte dann noch den Geo Synthesizer, der auch MIDI ausgibt und im weitesten Sinn das Äquivalent zum LinnStrument auf dem iPad darstellt. Bei ihm lief das natürlich alles äusserst flüssig und virtuos ab, aber diese App zu spielen ist schwieriger, als es im Internet so aussieht, ich hatte nur ein paar mal Gelegenheit und dachte immer, üben muss man da auch, die Möglichkeiten sind jedoch faszinierend.

Er führte auch kurz sein Sample-Instrument SampleWiz vor, das es erlaubt ein geladenes Sample in Echtzeit zu manipulieren – auch nur in einzelnen Frequenzbändern. HarmonyWiz hatte ich entweder noch nie gesehen oder nicht beachtet, es wirkt zwar eher wie ein Spielzeug, wie man per Wischgeste letztlich eine Melodie „zeichnet“ und diese dann Mehrstimmig harmonisiert wird, aber verblüffend ist es allemal.

Der junge Mann neben ihm stellte sich als der App-Entwickler Oliver Greschke heraus, der ihm dann seine App Elastic Drums vorführte, ein Drum Sequencer, der die sehr flexible und schnelle Erstellung von Drum-Patterns und Automationen erlaubt. Die App wird von der bekannten Electro-Band Mouse on Mars vertrieben. (http://www.mouseonmars.com/mominstruments/elasticdrums/)

Quasi als Geheimtipp zeigte Jordan Rudess ihm noch die App AudioStretch eines befreundeten Entwicklers, die als Transkriptions-Tool daher kommt, aber an Magie grenzt, wenn man die Rechenkapazität eines iPhones oder iPads mit einbezieht, denn es verlangsamt und beschleunigt die Abspielgeschwindigkeit einer Musikdatei ohne Artefakte, ohne Tonhöhenveränderung in Echtzeit und tatsächlich bis null und friert den Ton ein. Ich musste zwei mal fragen, ob das jetzt Granularsynthese ohne das typische Flackern sei. Nein sagte er, keine Granularsynthese, sondern sehr hoch entwickelte und optimierte andere Audio-Algorithmen. (http://www.audiostretch.com/AudioStretchForiOS.html)

Ich fand sogar noch ein Video, in dem Jordan Rudess diese App präsentiert:
https://www.youtube.com/watch?v=nBkrbLSNnFg

Zu dem neuen ultraportablen CME Xkey37 Minikeyboard, das er eigentlich an dem Stand präsentierte sagte er auch noch ein paar Takte, es sei trotz dem geringen Hub sehr gut spielbar, verfügt über polyphonen Aftertouch und mit einem Spezialkabel kann man nicht nur MIDI herausführen, sondern hat Anschlüsse für ein Sustain- und ein Expressionpedal.
http://www.cme-pro.com/xkey37/

Xkey37_profile1_cable
Xkey37 mit Spezialanschlusskabel

 

Damit war der Tag auf der Musikmesse praktisch schon vorbei, ich ließ am Stand von Spitfire Audio noch eine allzu lange Vorführung ihrer zweifellos tollen Film-Musik Soundbibliotheken über mich ergehen (ist aber im Moment nicht so mein Thema, curiosity killed the cat…), konnte dann noch kurz bei Arturia an ihrem MicroBrute Synth in Verbindung mit ihrem neuen BeatStep Pro herumschrauben (wirklich viel zu kurz…), dann gingen die Lichter aus.

Auf der Rückreise im Bus lernte ich noch einen Pianisten kennen, der ebenfalls den Tag auf der Musikmesse verbracht und auf einem ganz anderen Niveau Instrumente ausprobiert hatte. Er war dann am Ende von einem neuen super tollen, jedoch absolut unbezahlbaren Flügel von Yamaha begeistert (…oder war es doch Steinway? Sein neuester Blogeintrag verunsichert mich jetzt doch etwas) und erzählte, dass er auch viele Digitalpianos angespielt hätte, aber die wenigsten gut fand (welche genau wäre ja schon interessant gewesen…). (http://www.schoene-klaviermusik.de/)

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