Eindrücke von der Musikmesse 2016

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Diesmal waren die Hallen in denen die Musikmesse stattfand im hinteren Teil des Geländes und ich latschte erst mal gefühlte zwei Kilometer, bis ich endlich in Halle 9 ankam. Das Laufpensum war insgesamt deutlich höher, da ich etliche Male durch die Hallen 9 mit den klassischen Pianos und 9.1 mit der ganzen Elektronik kreiste und zwischendurch Abstecher zu der Extra-Halle machte, in der ausschließlich Yamaha untergebracht war.

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Zu mehr reichte es nicht, die anderen Schwerpunkte mit E-Gitarren und klassischen Instrumenten und vor allem Percussion musste ich weg lassen. Ein Tag reicht auf dieser Messe wirklich nicht weit. Aber gut, man sucht sich eben das raus, was einen am ehesten interessiert, wäre ich ein Gitarrist dann hätte ich die ganze Zeit diese Instrumente ausprobiert.

 

Pianos, Pianos…

Letztes Jahr war ich noch etwas Orientierungslos und verbrachte zu viel Zeit damit interessante Percussion-Instrumente anzustaunen und auszuprobieren und geriet zu spät in die Halle mit den Tasteninstrumenten. Diesmal machte ich mich als erstes daran und schaffte es in einem Rutsch die vier Hersteller Kawai, Casio, Roland und Yamaha zu vergleichen und mir ein abgerundeteres Bild zu verschaffen als letztes Mal.
Die Stage Pianos und Master-Keyboards von Kawai MP 7 und MP 11 machten wieder einen sehr guten Eindruck auf mich, wobei mir der Unterschied zwischen den beiden größer vor kam. Das MP 11 spielt sich schon deutlich besser. Das Digital-Piano CS 11, das allerneueste und mit der neuen Grand Feel II Tastatur ausgestattet spielte sich noch mal deutlich optimaler und hatte auch, nachdem ich die von Yamaha ausprobiert hatte noch etwas die Nase vorn. Ich unterhielt mich mit einem der Verkäufer und er vermutete auch, dass beim nächsten Produktwechsel diese Tastaturen auch in die Masterkeyboards kommen.

Kawai CS 11
Kawai CS 11

Casio hat die neue mit Bösendorfer zusammen entwickelten Tastatur im Programm und in verschiedene GP-Modelle eingebaut. Im Vergleich zu den bisherigen Klimperdingern ein Meilenweiter Fortschritt und reicht an das MP 11 oder die Mittelguten Digital-Pianos von Yamaha heran.

Bei Yamaha spielte ich mich fast durch alle Digital-Pianos und sie hatten schon etliche da stehen. Selbst das billigste Modell spielte sich noch besser, als die in der mittleren Preisklasse von Casio, was ich schon krass fand. Man muss allerdings sagen, dass das Spielgefühl zwischen den für mich wahrnehmbar vier Klassen von Tastaturen auch bei Yamaha sehr unterschiedlich ist. Die Qualität der eingebauten Sounds natürlich auch, aber nicht so stark. Auf die Sounds achtete ich nur in zweiter Linie, natürlich unterscheiden sich die Pianoklänge bei den großen Modellen zwischen Kawai und Yamaha im Charakter, aber das bleibt letztlich Geschmackssache, ein besser oder schlechter gibt es da eigentlich nicht.

Das Spitzenmodell N 3 in Flügelform kostet auch deutlich mehr, als die Spitzenmodelle von Kawai. Es spielte sich sehr gut und kommt vielleicht vom Anschlag her mehr an die echten Flügel heran, die ich zwischendurch auch immer wieder anspielte. Der Druckpunkt war etwas präsenter und man musste mehr Kraft aufwenden und das kann individuell natürlich dann auch mehr der eigenen Vorstellung wie sich das optimal anfühlen sollte entgegenkommen. Für mich blieb Kawai besser, weil weicher und leichter und eher wie ein sehr gutes Klavier zu spielen und trotzdem definiert genug.

Yamaha N 3
Yamaha N 3

Roland Digital- und Stage-Pianos testete ich auch kurz an, das RD 800, das mich auch wieder überhaupt nicht ansprach, es hat einfach einen viel zu künstlichen Druckpunkt.
Das Homepiano-Flaggschiff LX 17 dagegen spielte sich gut und durchaus mit der Mittelklasse von Kawai und Yamaha zu vergleichen.
Von den anderen Stagepianos waren das FP 80 noch ganz OK, während das FP 30 sich einfach nur furchtbar anfühlte.

Wie ich ansonsten durch die Piano-Halle stolperte begegneten mir jede Mange chinesische Firmen. Das spektakulärste waren Pianos mit riesigen LCD-Schirmen, auf denen Notenblätter leuchteten und die gespielten Noten als Balken von unten hoch blubberten. Sie spielten sich sogar automatisch von selbst, wie alte Pianorollen-Klaviere. Wer’s braucht…

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Aussergewöhnlich war noch die neue Firma Alpha aus Wien, die sehr exklusiv gestaltete Pianos anbietet, die eine Original-Renner-Mechanik verbaut haben und eine Eigenentwicklung bei der Sensorik einsetzt, die nicht optisch die Geschwindigkeit des Anschlags misst, sondern tatsächlich die Anschlagskraft des Hammers. Der Anschlag fühlte sich schlicht wie der eines analogen Flügels an, einschließlich des Nachvibrierens der Gegengewichte. Wie mir erklärt wurde, wollen sie Pianisten ansprechen, die sich nicht auf die doch etwas andere Tastatur von Digitalpianos umstellen wollen. Das ist hiermit möglich, nur zu einem professionellen Preis ab ca. 28.000 Euro… Das Alpha Studio Piano steuert die Klänge des Bösendorfer aus der Vienna Symphony Library an, die immer wieder in Foren als die ultimative Piano-Sample-Bibliothek gehandelt wurde, nach dem Motto: „Ihr habt doch keine Ahnung, arbeitet erst mal mit dem richtig ernst zu nehmenden (teuren) Zeug…“ (Nun ja… jetzt gibt es mit dem neuen Piano von Hans Zimmer sowohl preislich, als auch vom Klang her Konkurrenz)

Das Alpha Studio
Das Alpha Studio

Das Alpha M ist zumindest vom Design her ein Highlight, die Tastatur lässt sich zudem mechanisch in der Gewichtung verändern.

Alpha Piano M
Alpha Piano M

 

Exotische Controller

Ich war ja schon etwas elektrisiert, als ich von Andreas erfuhr, dass auch Roli mit seinem Seaboard auf der Musikmesse ist. Ja von Andreas, den ich in der Mittagspause traf und der den weiten Weg von Spanien auf sich genommen hatte um Kontakte zu knüpfen und die neuesten Instrumente zu sehen. Er stellte fest, dass es diesmal auf der Musikmesse gar keine Neuvorstellungen gab, das kam alles schon auf der NAMM. Wobei ich dann doch noch eine interessante Neuankündigung fand, aber dazu später.

Das berühmte Seaboard also und das in der neuen, deutlich günstigeren Version Seaboard Rise, die nur noch als Controller ohne eingebaute Sounds funktioniert, der eigens dafür entwickelte Synth Juce läuft dann unter Windows, Mac OS oder iOS auf einem angesteuerten Gerät. Bisher gab es eine Version mit 25 Tasten, nun die erweiterte Version Roli Seaboard Rise 49.

Der Stand von Roli mit den Seaboards zum Ausprobieren
Der Stand von Roli mit den Seaboards zum Ausprobieren

Der Stand von Roli war extrem umlagert und ich stand eine Weile an, um an eines der kleinen Seaboards zu kommen. Wie allerseits schon zu lesen war es tatsächlich mit einem Keyboard mit gewöhnlichen Tasten nicht zu vergleichen. Die Anordnung ist grundsätzlich ähnlich, aber das war es auch schon, das Ding fühlte sich völlig anders an. Man hat es hier mit einer musikalischen Handballenauflage oder Fahradsattel-Gelauflage zu tun und allzu schnell konnte ich meine Finger da nicht präzise drüber bewegen. Es geht schneller, das konnte man bei einer Demonstration erleben. Aber mir schien, selbst mit offensichtlich viel Übung an dem Gerät fallen bei schnelleren Akkorden dann Noten unter den Tisch oder es gibt leichte Verzögerungen.

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Was ich aber erwartete war, dass man auf der Fläche unter den Tastenwülsten ein kontinuierliches Glissando hin bekommt. Es quantisierte die Notenhöhen aber immer, wenn man den Finger weiter schob, statt dass der Ton übergangslos gleiten würde. Auch, als ich nachfragte und das Gerät umgestellt wurde machte es das immer noch. Das erschien mir dann schon etwas sinnlos. Aber ich musste den Platz am Gerät wieder räumen, weil hinter mir schon wieder eine kleine Schlange anstand. Ich verschob einen erneuten Versuch auf später und als es gegen Abend dann etwas ruhiger wurde kehrte ich noch ein Mal zurück, nun an ein Rise 49. Das war schon mal mit einem Synth-Preset mit aufgedrehtem Sustain belegt und wenn ich nun die Pitch-Empfindlichkeit voll aufdehte gab es gleitende Übergänge unterhalb und oberhalb der Wülste und auch, wenn man den Finger in den Tälern zwischen den Silikonwülsten drehte. Die Tonveränderung, die wie bei einem Mod-Wheel entsteht, wenn man die Tasten nach oben fährt, aber (soweit das physisch möglich ist) einzeln pro Finger funktionierte auch gut.

Akkorde greifen fand ich nach wie vor etwas schwierig, monophon aber ist eine ganz andere Expressivität möglich und es lassen sich auch Polyphon interessante „Klangwolken“ aus stabilen und gleitenden Tönen gleichzeitig produzieren. Was mir noch auffiel war, dass erst nach einem leichten Eindrücken der Oberfläche der Ton ansprach, dann aber gleich bei ca 20% Lautstärke. Ein sanfter Übergang von Stille oder ganz leise zur vollen Lautstärke war nicht möglich. Vielleicht lässt sich das auch noch irgendwo einstellen.

An einem Stand der (Startup-) Firma Aodyo Instruments wurde ihr per Crowdfunding finanziertes Blasinstrument gespielt, dazu hieb ein anderer Typ wie wild auf dem Trackpad seines Macbooks herum und produzierte gar nicht mal so schlechtes Schlagzeug. Als ich dabei stand war das ein ziemlich verzerrtes Synth-Getröte und nicht so überzeugend. Aber im Nachhinein schaute ich mir das im Netz an und und die gezeigten Beispiele des Instruments Sylphyo sind schon ganz interessant. Inwieweit das jetzt sensibler ist oder leichter zu spielen, als ein Blaswandler von Yamaha oder das EWI USB von Akai ist so natürlich nicht zu sagen. Der Preis von 800 Euro ist aber auch nicht so ganz günstig.
http://aodyo.com/

Das Sylpyho in Aktion (naja, gerade war Pause)
Das Sylpyho in Aktion (naja, gerade war Pause)

Ein weiterer neuer Controller ist das du-touch, ein zweigeteiltes Instrument, dass man vor dem Bauch hängen hat, oder auf einem Stativ vor sich. Die zwei identischen Panels mit sechseckigen Touch-Pads spielt man ähnlich wie ein Knopf-Akkordeon. Nur, dass man ziemlich auf die Pads hauen muss, damit was passiert. Ich hatte zwar Kopfhörer auf, aber es war dermaßen unmenschlich laut an dem Stand, weil parallel ein anderes Instrument per Lautsprecherverstärkung vorgeführt wurde, dass selbst wenn es auf sanfteres Pressen einen leiseren Laut von sich gegeben hätte dieser nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Pads reagieren wie sehr stramme, harte Drumpads, wie auf einem Korg Nanopad Beispielsweise. Mit den zusätzlichen Slidern, Buttons und Loopern wahrscheinlich mit mehr Ruhe eine Auseinandersetzung wert, aber unter den Bedingungen gab ich ganz schnell etwas frustriert auf.
https://dualo.org/du-touch/

Dualo du-touch
Dualo du-touch

 

Modular Soft und Hard

An dem Stand von Softube, die bisher für eher edle Effekt-Hardware-Emulationen bekannt sind wurde zu meinem Erstaunen ein richtiger virtueller Modular-Synth vorgestellt. Seltsam, sollte ich das wirklich verpasst haben? Nein es handelte sich noch um eine Beta-Version, das Release soll erst am 11.ten Mai sein. So. Nun, der Stand bei Software-Modularsystemen war bisher, dass es zwei Freeware-Exemplare gibt, Kamioooka und Sonigen Modular, die zwar ganz interessant aber klanglich nicht so recht authentisch sind. Es gibt ein kommerzielles Modularsystem KarmaFX, das zwar gut, aber überhaupt nicht analog klingt und auch nicht klingen will. Und dann eben noch die großen Brocken Reaktor, der unlängst mit der Version 6 und dem Blocks-Konzept deutlich modernisiert wurde, MAX MSP/for Live und Kyma, das in einer ganz anderen Liga spielt. Alle anderen, Aalto, Bazille, Arturia Modular V usw. sind nur semimodular, da sie keine freie Anordnung der Module erlauben.

Hier nun bei Softubes Modular das klassische modulare Konzept, jeder kann mit jedem und alles kann fast beliebig verkabelt werden. Grundlage der Bausteine sind ganz offiziell einige Doepfer Eurorack-Module (!), der eigene Drum-Synth Heatbeat und Emulationen von Modulen von Intellijel. Dazu kommen einige Verbindungs/MIDI Module für das Routing, ein Sequencer und Effekte. Die Emulationen entstanden in Zusammenarbeit mit den Herstellern der Originale, sind von diesen authorisiert und sollen so nahe an der Hardware dran sein, wie es eben momentan möglich ist. Es wurde mir erzählt, dass sie schon einige Besitzer von Doepfer Modularsystemen am Stand hatten, die ohne einen direkten A/B Vergleich zunächst mal aus der Erinnerung keinen Unterschied fest stellen konnten. Das ist natürlich Werbung, hört sich aber ganz gut an.

Softube Modular Vorführung
Softube Modular Vorführung

Bei einer Vorführung hörte sich der virtuelle Modular-Synth für mich sehr authentisch an, es wurde gezeigt, dass man auch mit Feedback-Schleifen arbeiten und so richtig experimentelles Analog-Pfeifen/Kreischen/Blubbern erzeugen kann. Ich war schwer beeindruckt und werde dann voraussichtlich, wenn das Ding rauskommt die Basisversion testen können. Schon vom Start an sollen neben der Basis-Version auch Erweiterungs-Module angeboten werden und das Ziel ist im Laufe der Zeit eine immer breitere Palette zur Verfügung zu stellen.
http://www.softube.com/index.php?id=news150

Der Kontrast war eine Vorführung eines echten realen und völlig analogen Modular-Synthesizer-Monsters am Stand des Synthmag, eines Nischenmagazins für die Fans alter Hardware-Kisten. Jo – so richtig alte Schule, was er da aufführte…

Vorführung des Formant Modular Synthesizers
Vorführung des Formant Modular Synthesizers

Das ist der größte Formant Modular Synthesizer, den es in Europa gibt. Das waren DIY Module, die anhand von Bauplänen selbst zusammengebaut wurden. Ich sprach mit dem Herrn und er hat seinerzeit wohl einige von den Dingern gebaut. Aber heute wäre das gar nicht mehr möglich, weil die Bauteile und Komponenten längst nicht mehr produziert werden. Ich fragte ihn, ob er sich als Fachmann nicht mal den Softube Modular ein paar Stände weiter anhören wollte. Aber – Ähemmmm…. – das war natürlich reine Blasphemie! Nein, er konnte sich nicht vorstellen, dass da etwas wirklich analog klingendes heraus kommen könnte… (kennen wir diese Diskussion?) Schon wenn er seine auf Band aufgenommene Musik über ein Audio-Interface nur auf den Rechner überspielt, sei sie schon kaputt, der wesentliche Teil weg. Das analoge Rauschen, das das menschliche Ohr als natürlich erkennt, könne einfach nicht in die digitale Welt übersetzt werden. Tja – ich sprach vor einem Dinosaurier-Gerät mit einem Dinosaurier und es kann natürlich sein, dass er recht hat, denn die wenigsten unserer Generation haben noch eine längere und tiefer gehende Hörerfahrung mit großen analogen Systemen.

 

Streifblicke

Ansonsten kam ich mit dem einen Tag, wie anfangs schon erwähnt nicht so weit, um alle Hallen wirklich anzuschauen würde man wohl drei Tage brauchen. Die DAW Mixcraft ließ ich mir kurz vorführen, weil ich die noch gar nicht kenne und nie Zeit hatte davon mal eine Demo zu installieren. Doch, ganz nett und übersichtlich.
Den freundlichen Herrn, der das Notensatzprogramm Notion präsentierte fragte ich nach den Vorteilen der Version 5, weil ich noch bei der Nr. 4 bin. Er riet mir zu warten, weil dieses Jahr noch die Version 6 rauskommen soll. Notion überzeugte mich damals, weil es am besten mit MIDI Import/Export umgehen kann und im Vergleich zu dem Preis einen sehr guten Leistungsumfang gegenüber den Schlachtschiffen in dem Bereich hat.

Den neuen Korg minilogue hätte ich mir gerne angeschaut oder die Volcas, aber die waren dermaßen umlagert, dass da kein Herankommen möglich war.

Eine recht gute Jazz-Mucke ließ mich noch am Stand von Motu verharren, es wurde Live-Recording mit ihrem Equipment demonstriert. Eine Augen- und Ohrenweide.

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Ein Bericht von Stefan Federspiel

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