Ein Keyboard wird gespielt, aber aus dem MIDI-Kabel kommt kein Ton. Trotzdem erscheinen plötzlich Noten in der DAW. Anschlagstärke, Pedalbewegungen und Pitch Bend werden aufgezeichnet. Anschließend kann dieselbe Aufnahme einen Konzertflügel, einen Synthesizer, ein Schlagzeug oder sogar ein komplettes Orchester spielen.
Professor Pegel betrachtet das MIDI-Kabel. „Da kommt also Musik durch.“ Nicht ganz. Er hält es ans Ohr. „Ich höre nichts.“ Und genau damit sind wir bereits bei einem der wichtigsten Punkte: MIDI ist kein Audio.
MIDI überträgt normalerweise keinen Klang. Stattdessen werden Informationen darüber übertragen, was ein elektronisches Instrument oder eine Software tun soll. Das klingt zunächst nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich gehört MIDI aber zu den wichtigsten Technologien in der Geschichte der elektronischen Musikproduktion.

Was bedeutet MIDI?
MIDI steht für Musical Instrument Digital Interface. Der Standard wurde 1983 eingeführt, damit elektronische Musikinstrumente und andere Geräte verschiedener Hersteller miteinander kommunizieren können. MIDI überträgt digitale Nachrichten, etwa musikalische Noten, Programmwechsel oder Steuerinformationen.
Das Grundprinzip ist erstaunlich einfach. Ein Gerät sendet eine Information. Ein anderes Gerät empfängt sie und reagiert darauf. TASTE C3 GEDRÜCKT > MIDI-DATEN > SYNTHESIZER > TON C3. Der entscheidende Punkt: Zwischen Keyboard und Synthesizer wird dabei nicht unbedingt der Klang des Keyboards übertragen. Übertragen wird vielmehr die Information: Spiele diese Note.
MIDI ist kein Audio
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Satz des gesamten Artikels: MIDI enthält normalerweise keinen Klang. Eine Audioaufnahme und eine MIDI-Aufnahme sind zwei vollkommen unterschiedliche Dinge. Nehmen wir ein Klavier. Bei einer Audioaufnahme wird der tatsächliche Klang aufgezeichnet.
Das Ergebnis könnte eine WAV-Datei sein. KLAVIER > MIKROFON > AUDIOINTERFACE > WAV. Bei MIDI wird dagegen die musikalische Darbietung als Folge von Steuerinformationen aufgezeichnet. MIDI-KEYBOARD > MIDI > DAW.
Die DAW weiß anschließend:
- Welche Note wurde gespielt?
- Wann wurde sie gespielt?
- Wie lange wurde sie gehalten?
- Wie stark wurde sie angeschlagen?
- Wurde das Sustain-Pedal benutzt?
- Wurde Pitch Bend bewegt?
Der eigentliche Klang kann erst später erzeugt werden.
Ein kleines Gedankenexperiment
Professor Pegel spielt eine wunderschöne Klavierpassage auf einem MIDI-Keyboard ein. In der DAW befindet sich danach keine Klavieraufnahme. Stattdessen liegen dort MIDI-Daten. Nun lädt er einen Konzertflügel. Die Passage klingt nach Klavier. Dann ersetzt er das Instrument durch einen Synthesizer. Plötzlich klingt dieselbe Darbietung elektronisch.
Danach lädt er Streicher. Jetzt spielt ein virtuelles Orchester dieselben Noten. Professor Pegel nickt. „Ich habe also einmal gespielt und kann mich anschließend entscheiden, welches Instrument ich angeblich beherrsche.“ Genau darin liegt eine der großen Stärken von MIDI.
Was wird über MIDI übertragen?
MIDI kann viele unterschiedliche Informationen übertragen. Zu den wichtigsten gehören: NOTE ON. Eine Note wird gestartet. NOTE OFF. Eine Note wird beendet. VELOCITY. Information über die Anschlagstärke. CONTROL CHANGE. Steuerung verschiedener Parameter. PITCH BEND. Kontinuierliche Veränderung der Tonhöhe. PROGRAM CHANGE. Auswahl eines Programms beziehungsweise Sounds.
Daneben existieren zahlreiche weitere Nachrichtentypen und Erweiterungen. Der MIDI-Standard wurde ursprünglich ausdrücklich für den Austausch musikalischer Informationen zwischen Instrumenten, Sequencern, Computern und anderen Geräten entwickelt.
Note On – jetzt geht es los
Wird eine Taste auf einem MIDI-Keyboard gedrückt, kann eine Note-On-Nachricht gesendet werden. Sie enthält unter anderem die Information, welche Note gespielt wurde. NOTE ON: C3. Das empfangende Instrument weiß nun: Spiele C3. Drückt Professor Pegel stattdessen ein G3, wird entsprechend eine andere Notennummer übertragen. Das MIDI-System muss dabei keinen Namen wie „C3“ übertragen. Intern werden Noten durch numerische Werte repräsentiert.
Note Off – irgendwann muss Schluss sein
Wird die Taste losgelassen, muss das empfangende Instrument wissen, dass die Note beendet werden soll. Dafür gibt es Note Off.
Vereinfacht:
- TASTE DRÜCKEN > NOTE ON
- TASTE LOSLASSEN > NOTE OFF
Fehlt die entsprechende Beendigung einer Note, kann ein sogenannter hängender Ton entstehen. Der Synthesizer spielt dann weiter, obwohl längst niemand mehr die Taste drückt. Professor Pegel kennt das. Besonders schön bei einem sehr lauten Synthesizer-Preset.
Velocity – nicht jede Note ist gleich
Musik besteht nicht nur aus richtigen Tonhöhen. Entscheidend ist auch, wie eine Note gespielt wird. Hier kommt Velocity ins Spiel. Bei einem anschlagdynamischen Keyboard wird gemessen, wie schnell beziehungsweise kräftig eine Taste angeschlagen wird. Dieser Wert kann anschließend vom Instrument musikalisch interpretiert werden.
Bei MIDI 1.0 stehen für viele klassische Parameter 128 Werte zur Verfügung: 0 bis 127. Ein Piano kann bei niedriger Velocity einen leisen, weichen Klang erzeugen und bei hoher Velocity einen lauteren und härteren Klang. Velocity muss allerdings nicht zwangsläufig nur die Lautstärke steuern.
Ein Synthesizer könnte damit auch:
- Filteröffnung,
- Hüllkurve,
- Sample-Layer
- oder Modulationsintensität
beeinflussen.
Velocity ist also zunächst eine Spielinformation. Was das Instrument daraus macht, hängt vom jeweiligen Klangprogramm ab.
Die berühmten Werte 0 bis 127
Bei MIDI 1.0 begegnen uns ständig Werte zwischen: 0 und 127. Warum gerade 127? Viele MIDI-1.0-Datenwerte besitzen eine Auflösung von sieben Bit. Mit sieben Bit lassen sich 128 verschiedene Zustände darstellen. Deshalb findet man bei zahlreichen MIDI-Controllern: 0 = Minimum bis 127 = Maximum. Das ist einer der charakteristischen technischen Aspekte von MIDI 1.0.
Allerdings sollte daraus nicht der Schluss gezogen werden, MIDI 1.0 könne grundsätzlich nur 128 Abstufungen darstellen. Für bestimmte Controller sind Kombinationen möglich, die eine höhere Auflösung erlauben.
Control Change – an den Reglern drehen
Neben Noten kann MIDI auch Steuerbewegungen übertragen. Dafür existieren Control-Change-Nachrichten, häufig kurz CC genannt. Ein Drehregler auf einem MIDI-Controller kann einen Parameter eines Synthesizers steuern. Etwa Filter Cutoff, Resonanz, Lautstärke, Panorama, Modulation oder Effektanteil.
Ein bekanntes Beispiel ist:
CC1 = Modulation Wheel
Ein weiteres:
CC7 = Volume
Und:
CC64 = Sustain Pedal
Damit kann ein Controller wesentlich mehr als nur Noten senden. Er wird zur Fernbedienung für Instrumente, Plugins und DAW-Funktionen.
MIDI Learn – einmal bewegen, fertig
Viele Plugins und DAWs besitzen eine Funktion namens MIDI Learn. Das Prinzip ist ausgesprochen praktisch. Zunächst wird ein Parameter ausgewählt. Dann bewegt man einen Regler am MIDI-Controller. Die Software merkt sich die Verbindung. HARDWARE-REGLER > MIDI CC > FILTER CUTOFF. Ab diesem Moment steuert der physische Regler den virtuellen Parameter.
Dadurch lässt sich Software wesentlich unmittelbarer bedienen. Professor Pegel dreht am Controller. Der Filter öffnet sich. „Sehr gut. Endlich wieder echte Knöpfe.“
Pitch Bend – Tonhöhe ohne Stufen
Das Pitch-Bend-Rad eines Keyboards dient zur kontinuierlichen Veränderung der Tonhöhe. Damit können Gitarren-Bendings, Synthesizer-Glides oder expressive Tonhöhenbewegungen erzeugt werden. Pitch Bend besitzt in MIDI 1.0 eine höhere Auflösung als ein einfacher 7-Bit-Controller und kann dadurch wesentlich feinere Bewegungen übertragen.
Wie groß der tatsächlich hörbare Tonhöhenbereich ist, bestimmt normalerweise das empfangende Instrument. Ein vollständiger Ausschlag könnte ungefähr zwei Halbtöne, ungefähr zwölf Halbtöne oder einen anderen Bereich steuern.
Aftertouch – drücken, nachdem die Taste schon unten ist
Einige Keyboards können zusätzlich Aftertouch übertragen. Dabei wird gemessen, wie stark eine bereits gedrückte Taste weiter nach unten gedrückt beziehungsweise belastet wird. Damit lassen sich expressive Veränderungen erzeugen. Zum Beispiel mehr Vibrato, Filter öffnen, Lautstärke erhöhen, Effektanteil verändern.
Beim klassischen Channel Aftertouch gilt der Wert für den gesamten MIDI-Kanal. Polyphonic Aftertouch kann dagegen Informationen für einzelne Noten liefern. Gerade bei modernen expressiven Controllern ist das besonders interessant.
MIDI-Kanäle – 16 Gespräche über eine Verbindung
Das klassische MIDI-1.0-System arbeitet mit 16 MIDI-Kanälen. Dadurch können unterschiedliche Instrumente beziehungsweise Parts über dieselbe Verbindung adressiert werden.
- KANAL 1 = PIANO
- KANAL 2 = BASS
- KANAL 3 = STRINGS
- KANAL 10 = DRUMS
Das empfangende Gerät kann entscheiden, auf welchen Kanal es reagieren soll. Man kann sich MIDI-Kanäle ungefähr wie unterschiedliche Funkkanäle vorstellen. Die Daten laufen über dieselbe Verbindung, aber nicht jeder Empfänger muss auf jede Nachricht reagieren.
Warum Kanal 10 häufig für Schlagzeug verwendet wird
Wer mit General MIDI arbeitet, begegnet häufig einer Besonderheit: MIDI-Kanal 10 wird für Schlagzeug verwendet. Dabei repräsentieren verschiedene MIDI-Noten unterschiedliche Schlaginstrumente. Eine Note spielt etwa die Bassdrum. Eine andere die Snare. Andere Noten steuern Hi-Hats, Toms, Becken und Percussion.
Dadurch kann ein Drumkit über dieselbe Notenstruktur gesteuert werden wie ein melodisches Instrument – nur dass jede Taste einen anderen Schlagzeugklang auslöst.
Program Change – bitte einen anderen Sound
MIDI kann einem Instrument außerdem mitteilen, dass es einen anderen Klang auswählen soll. Dafür existiert Program Change. Ein Keyboard könnte während einer Live-Performance automatisch zwischen Piano, E-Piano, Organ und Synthesizer umschalten. Program Changes waren besonders bei Hardware-Synthesizern und komplexen Live-Setups wichtig und werden auch heute noch verwendet.
MIDI und die DAW
In moderner Musikproduktion begegnet MIDI häufig innerhalb einer DAW. Eine typische Kette sieht so aus: MIDI-KEYBOARD > DAW > VIRTUELLES INSTRUMENT > AUDIO. Das Keyboard sendet MIDI-Daten. Die DAW zeichnet sie auf. Ein virtuelles Instrument empfängt die Daten. Das Instrument erzeugt daraus Audio. Dieses Audiosignal gelangt anschließend in den Mixer. Damit sind MIDI und Audio innerhalb der DAW eng miteinander verbunden, bleiben technisch aber unterschiedliche Dinge.
Die Piano Roll – MIDI sichtbar machen
Eine der wichtigsten Darstellungen von MIDI-Daten in einer DAW ist die Piano Roll. Links befindet sich normalerweise eine Klaviatur. Horizontal verläuft die Zeit. Die MIDI-Noten erscheinen als Balken. Die Position legt fest, WANN eine Note gespielt wird. Die Höhe definiert, WELCHE NOTE gespielt wird. Die Länge bestimmt, WIE LANGE sie gespielt wird.
Zusätzliche Bereiche können beispielsweise Velocity, Controllerdaten, Pitch Bend oder andere Informationen anzeigen. Musik wird dadurch beinahe zu einer grafischen Konstruktion.
Der große Vorteil: MIDI bleibt veränderbar
Hier zeigt MIDI seine enorme Stärke. Eine Audioaufnahme eines falschen Klaviertons lässt sich zwar heute ebenfalls aufwendig bearbeiten. Bei MIDI ist die Sache wesentlich einfacher. Falsche Note? Verschieben. Zu früh gespielt? Nach rechts schieben. Zu spät? Nach links. Zu leise? Velocity erhöhen. Zu kurz? Note verlängern. Falsches Instrument? Anderen Synthesizer laden.
Professor Pegel schaut auf seine Aufnahme. „Das war keine schlechte Performance.“ Er verschiebt zwölf Noten. „Das war eine Vorabversion.“
Quantisierung – Timing auf dem Raster
MIDI-Noten lassen sich sehr einfach zeitlich korrigieren. Dafür gibt es die Quantisierung. Die DAW verschiebt Noten dabei auf ein musikalisches Raster. 1/4, 1/8, 1/16 oder andere rhythmische Unterteilungen. Eine ungenau eingespielte Hi-Hat kann dadurch exakt auf die Sechzehntelpositionen gesetzt werden.
Allerdings gilt: Perfektes Timing ist nicht automatisch gutes Timing. Wer jede Note vollständig auf das Raster zwingt, kann einer menschlichen Performance ihren Groove nehmen. Deshalb bieten moderne DAWs Möglichkeiten wie Quantisierungsstärke, Swing oder Groove-Templates.
MIDI und Automation
MIDI-Steuerdaten können auch für Automation und Performance-Steuerung verwendet werden.
Ein Controller kann:
- Plugin-Parameter,
- Mixer-Fader,
- Panorama,
- Effekte,
- Transportfunktionen
- oder virtuelle Instrumente
steuern.
Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen MIDI-Performance und DAW-Bedienung. Ein Produzent kann einen Filterverlauf mit einem Hardware-Regler einspielen, statt ihn mit der Maus einzuzeichnen. Gerade für musikalische Bewegungen fühlt sich das häufig natürlicher an.
DIN-MIDI – der klassische fünfpolige Stecker
Das klassische MIDI-Kabel verwendet einen fünfpoligen DIN-Stecker. Diese Verbindung gehört zu den bekanntesten Symbolen elektronischer Musiktechnik.
Typische Anschlüsse sind:
- MIDI IN
- MIDI OUT
- MIDI THRU
MIDI OUT sendet Daten. MIDI IN empfängt Daten. MIDI THRU kann empfangene Informationen an weitere Geräte weiterreichen. Damit lassen sich mehrere Geräte miteinander verbinden.
USB-MIDI
Heute wird MIDI sehr häufig über USB übertragen. Ein modernes MIDI-Keyboard kann dadurch direkt mit einem Computer verbunden werden. Ein separates MIDI-Interface ist dann häufig nicht notwendig. Das Prinzip bleibt jedoch dasselbe: Es werden MIDI-Nachrichten übertragen. USB ist in diesem Fall der Transportweg. MIDI selbst beschreibt die musikalische Kommunikation. Das ist ein wichtiger Unterschied.
MIDI über andere Transportwege
MIDI ist nicht untrennbar mit dem klassischen DIN-Kabel verbunden. MIDI-Daten können über unterschiedliche Transportwege übertragen werden. Dazu gehören beispielsweise USB und verschiedene Netzwerk- beziehungsweise drahtlose Lösungen.
Das zeigt, warum MIDI besser als Kommunikationsstandard verstanden werden sollte und nicht einfach als „dieses Kabel mit fünf Pins“.
Was ist eine MIDI-Datei?
MIDI-Daten können auch in Dateien gespeichert werden. Das bekannte Standard MIDI File, häufig mit der Dateiendung .MID enthält musikalische Ereignisse und zeitliche Informationen. Auch hier gilt: Eine MIDI-Datei ist normalerweise keine Audioaufnahme. Eine winzige MIDI-Datei kann ein komplettes Musikstück enthalten, weil sie nicht Tausende Audiosamples pro Sekunde speichern muss.
Stattdessen speichert sie hauptsächlich musikalische Anweisungen. Das erklärt auch, warum dieselbe MIDI-Datei auf unterschiedlichen Klangerzeugern vollkommen unterschiedlich klingen kann. Die Noten bleiben gleich. Die Klangerzeugung ändert sich.
General MIDI – damit nicht plötzlich die Snare zum Klavier wird
Ein Problem früher MIDI-Systeme war die Zuordnung von Sounds. Wenn Programm 17 auf einem Synthesizer ein E-Piano und auf einem anderen eine Tuba aufrief, konnte der Austausch von MIDI-Dateien interessante Ergebnisse erzeugen. Dafür wurde General MIDI, kurz GM, entwickelt. General MIDI definiert unter anderem standardisierte Zuordnungen für Instrumentenprogramme und Schlagzeugklänge.
Dadurch kann eine kompatible MIDI-Datei auf verschiedenen GM-Geräten grundsätzlich mit vergleichbaren Instrumententypen wiedergegeben werden. Klanglich können sich diese natürlich trotzdem erheblich unterscheiden.
MIDI Clock – alle im gleichen Tempo
MIDI kann auch zur Synchronisation verwendet werden. MIDI Clock ermöglicht es, mehrere Geräte tempoabhängig miteinander zu synchronisieren. Ein Gerät fungiert dabei als Taktgeber. Andere Geräte folgen diesem Tempo. Das ist praktisch bei Drumcomputern, Sequencern, Arpeggiatoren, Delays und Hardware-Synthesizern. Dadurch können mehrere Geräte gemeinsam im gleichen musikalischen Tempo arbeiten.
MIDI ist nicht automatisch latenzfrei
MIDI-Daten sind klein. Das bedeutet jedoch nicht, dass ein MIDI-System zwangsläufig vollkommen verzögerungsfrei arbeitet. Latenz kann an verschiedenen Stellen entstehen: Controller, Transportweg, Treiber, DAW, virtuelles Instrument, Audio-Buffer und Audiointerface.
Besonders wichtig: Die klassische Auflösung bestimmter MIDI-1.0-Parameter ist nicht automatisch die Ursache einer hohen Audio-Latenz. Das sind unterschiedliche technische Themen. Wenn ein Software-Piano verzögert reagiert, liegt das Problem häufig eher im Audio-Buffer beziehungsweise im gesamten Signalweg als in der Velocity-Auflösung von MIDI.
MIDI-Jitter – wenn Timing schwankt
Neben einer konstanten Verzögerung kann auch Jitter auftreten. Dabei kommen MIDI-Ereignisse nicht immer exakt mit demselben zeitlichen Abstand an. Für viele Anwendungen ist das unproblematisch. Bei sehr timingkritischen elektronischen Produktionen mit mehreren synchronisierten Hardwaregeräten können solche Schwankungen jedoch relevant werden.
Latenz und Jitter sollten deshalb unterschieden werden:
- LATENZ = konstante beziehungsweise durchschnittliche Verzögerung
- JITTER = zeitliche Schwankung
MIDI 1.0 – erstaunlich langlebig
MIDI 1.0 wurde 1983 veröffentlicht. Mehr als vier Jahrzehnte später wird der Standard weiterhin intensiv verwendet. Die MIDI Association beschreibt MIDI 1.0 auch heute als wichtigen und weiterhin relevanten Standard. Das ist bemerkenswert. Computerplattformen kamen und gingen. Speichermedien verschwanden. Schnittstellen wurden ersetzt.
Doch ein Synthesizer aus den 1980er-Jahren kann über MIDI unter Umständen noch immer mit einem modernen Produktionssystem kommunizieren. Diese Langlebigkeit gehört zu den größten Erfolgen des Standards.
Wo liegen die Grenzen von MIDI 1.0?
Natürlich besitzt ein Standard aus dem Jahr 1983 technische Einschränkungen. Dazu gehören unter anderem die begrenzte Auflösung vieler Controllerdaten, die Architektur der klassischen MIDI-Nachrichten und die ursprünglich stark einseitig gedachte Kommunikation zwischen Sender und Empfänger.
Musikalische Anforderungen haben sich ebenfalls verändert. Heute gibt es: MPE-Controller, polyfonen Aftertouch, hochauflösende Controller, komplexe Softwareinstrumente, umfangreiche Parameterstrukturen und immer expressivere elektronische Instrumente. Deshalb wurde MIDI weiterentwickelt.
MIDI 2.0
MIDI 2.0 erweitert die grundlegenden Ideen von MIDI 1.0 erheblich. Es soll MIDI 1.0 dabei ausdrücklich nicht einfach ersetzen, sondern baut auf dessen Architektur und Konzepten auf. Rückwärtskompatibilität spielt eine zentrale Rolle.
Zu den wichtigen Konzepten gehören unter anderem:
- höhere Auflösung,
- verbesserte Ausdrucksmöglichkeiten,
- bidirektionale Kommunikation,
- MIDI Capability Inquiry,
- Profiles,
- Property Exchange
- und moderne Kommunikationsstrukturen.
Während MIDI 1.0 häufig einer Kommunikation vom Sender zum Empfänger entspricht, können MIDI-2.0-Systeme wesentlich stärker miteinander Informationen austauschen und Fähigkeiten aushandeln.
MIDI 2.0 macht MIDI 1.0 nicht wertlos
Das ist besonders wichtig. Ein neuer Standard bedeutet hier nicht: alles Alte wegwerfen. MIDI 2.0 wurde bewusst so entwickelt, dass vorhandene MIDI-1.0-Systeme weiterhin eine Rolle spielen können. Geräte können ihre Fähigkeiten erkennen und gegebenenfalls weiterhin über MIDI 1.0 kommunizieren.
Das ist angesichts von mehr als vier Jahrzehnten existierender MIDI-Hardware enorm wichtig. Ein Synthesizer wird schließlich nicht plötzlich musikalisch unbrauchbar, nur weil seine MIDI-Schnittstelle 40 Jahre alt ist.
Was sind MPE und polyfone Expression?
Eine interessante Entwicklung zwischen klassischem MIDI 1.0 und MIDI 2.0 ist MPE – MIDI Polyphonic Expression. Damit können expressive Parameter für einzelne Noten eines polyfonen Spiels gesteuert werden. Ein Musiker kann einen Akkord halten und nur eine einzelne Note darin benden oder klanglich verändern.
Das eröffnet völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten für Controller und Softwareinstrumente. Die MIDI Association führt MPE weiterhin als Erweiterung der MIDI-1.0-Welt. MIDI 2.0 entwickelt die Idee hochauflösender und notenbezogener Ausdrucksmöglichkeiten noch deutlich weiter.
Warum MIDI für Musikproduzenten so wichtig ist
MIDI trennt musikalische Information und Klangerzeugung voneinander. Und genau das ist seine größte Stärke. Eine Performance kann aufgenommen werden, ohne dass endgültig entschieden werden muss, welcher Klang später verwendet wird. Ein Arrangement kann transponiert werden. Noten können verändert werden. Tempo kann angepasst werden. Instrumente können ersetzt werden. Controllerbewegungen können editiert werden. Komplette Orchesterarrangements können auf einem einzigen Computer entstehen.
MIDI ist deshalb nicht einfach eine technische Schnittstelle. Es ist eines der grundlegenden Werkzeuge moderner Komposition und Musikproduktion.
Audio oder MIDI – wann verwendet man was?
Beide Systeme haben unterschiedliche Stärken.
Audio eignet sich besonders, wenn:
- eine reale Stimme aufgenommen wird,
- eine akustische Gitarre aufgenommen wird,
- der tatsächliche Klang eines Instruments erhalten werden soll,
- eine fertige Performance als Klang vorliegt.
MIDI eignet sich besonders, wenn:
- virtuelle Instrumente gespielt werden,
- Noten später verändert werden sollen,
- Synthesizer gesteuert werden,
- Drums programmiert werden,
- Arrangements flexibel bleiben sollen,
- Hardwareinstrumente synchronisiert oder gesteuert werden.
- In modernen Produktionen werden beide Welten ständig kombiniert.

Der typische MIDI-Workflow
Ein moderner Produktionsablauf könnte so aussehen: MIDI-CONTROLLER > MIDI-SPUR > PIANO ROLL > VIRTUELLES INSTRUMENT > AUDIO > MIXER
Der Musiker spielt. Die DAW zeichnet MIDI auf. Die Noten werden bei Bedarf editiert. Ein virtuelles Instrument erzeugt den Klang. Das Audiosignal wird anschließend mit EQ, Kompressor, Reverb und anderen Plugins bearbeitet. Damit bildet MIDI häufig den Anfang eines Signalwegs, dessen Ende wieder Audio ist.
Die große Stärke: Entscheidungen bleiben offen
Bei einer Audioaufnahme wird der Klang bereits während der Aufnahme stark festgelegt. Bei MIDI bleibt vieles offen. Eine Piano-Aufnahme kann später zu einem E-Piano werden. Ein Synth-Bass kann durch einen anderen Synthesizer ersetzt werden. Ein Drumkit kann vollständig ausgetauscht werden.
Eine komplette Passage kann um drei Halbtöne transponiert werden. Das Tempo kann verändert werden. Einzelne Noten können verschoben werden. Diese Flexibilität hat die moderne Musikproduktion fundamental verändert. Professor Pegel betrachtet seine MIDI-Spur. „Das Schöne an MIDI ist also, dass ich mich erst später entscheiden muss.“ Er schaut auf seine 73 unbearbeiteten Projekte. „Das erklärt einiges.“
Professor Pegels Fazit
MIDI gehört zu den wichtigsten Kommunikationsstandards der Musikproduktion. Das Grundprinzip lässt sich auf einen Satz reduzieren: MIDI ÜBERTRÄGT MUSIKALISCHE INFORMATIONEN – NICHT DEN EIGENTLICHEN KLANG.
Ein MIDI-System kann Informationen über:
- Noten,
- Anschlagstärke,
- Controller,
- Pitch Bend,
- Pedale,
- Programme,
- Timing
- und zahlreiche weitere Parameter
übertragen.
Diese Daten können anschließend Hardware-Synthesizer, virtuelle Instrumente, Drumcomputer, Effektgeräte oder andere Systeme steuern.
Das klassische MIDI 1.0 stammt aus dem Jahr 1983 und ist bis heute relevant. MIDI 2.0 erweitert das Konzept um moderne Möglichkeiten wie höhere Auflösung, bidirektionale Kommunikation und verbesserte Gerätekommunikation, ohne MIDI 1.0 einfach über Bord zu werfen.
Professor Pegel hält noch einmal das MIDI-Kabel ans Ohr. Stille. Dann spielt er eine Taste und aus dem Synthesizer ertönt ein mächtiger Akkord. Er nickt zufrieden. „Jetzt verstehe ich es.“ Kurze Pause. „Im Kabel steckt nicht die Musik. Nur die Arbeitsanweisung.“
Weitere Informationen zum Thema MIDI: https://de.wikipedia.org/wiki/MIDI







