Arcane Strings – Rohe und mikrotonale Streicher von Crow Hill
Perfekt gestimmte Streicher, sauber aufeinander abgestimmte Ensembles und möglichst makellose Intonation? Genau das möchte Arcane Strings offenbar nicht sein. Die neue Streicher-Library von The Crow Hill Company verfolgt einen deutlich anderen Ansatz: rau, locker, mikrotonal, manchmal unangenehm und stellenweise geradezu wild.
Seit dem 14. August 2026 ist Arcane Strings erhältlich. Für The Crow Hill Company handelt es sich zugleich um die erste größere Veröffentlichung seit mehr als einem Jahr. Entwickelt wurde die Library insbesondere für Media- und Filmkomponisten, die ihren Scores eine eigenständige, menschliche und bewusst unperfekte Klangfarbe verleihen möchten.
Und dabei wurde ein Grundsatz offenbar ziemlich konsequent verfolgt: Was professionelle Streicher normalerweise vermeiden würden, könnte für Arcane Strings gerade interessant sein.

Streicher, die nicht perfekt sein wollen
Die Grundidee hinter Arcane Strings ist ungewöhnlich. Statt ausschließlich professionelle Musiker möglichst perfekt einzuspielen, wollte The Crow Hill Company Streicherklänge aufnehmen, die ungeschliffen, instabil und menschlich wirken.
Christian Henson beschreibt das Ziel als einen Sound, der „unrefined, unblended, loose, microtonal“ und gelegentlich sogar unangenehm sein darf – allerdings ohne daraus einfach eine weitere Horror-Library zu machen.
Im Mittelpunkt stehen dabei die tieferen Register eines Streichorchesters:
Bässe, Celli und Violen.
Henson bezeichnet Arcane Strings deshalb selbst als eine Art „Baritone Library“. Eine durchaus passende Beschreibung, denn hier geht es weniger um seidige Violinenflächen als um dunkle, schwere und teilweise ziemlich widerspenstige Klanglandschaften.
Wenn 70 Christian Hensons zum Streichorchester werden
Eine der kuriosesten Geschichten hinter Arcane Strings betrifft die Musiker selbst.
Neben professionellen Spielern ist Christian Henson nämlich auch selbst reichlich in den Aufnahmen vertreten. Nach eigener Aussage stecken sinngemäß rund 70 Versionen von ihm selbst in der Library, aufgenommen mit Bässen, Celli und Violen.
Dass Henson dabei nicht unbedingt den Anspruch erhebt, diese Instrumente auf dem Niveau eines professionellen Orchestermusikers zu beherrschen, gehört zum Konzept. Genau daraus soll ein Teil des Charakters entstehen.
Während klassische Orchester-Libraries häufig versuchen, Unterschiede zwischen Spielern möglichst kontrolliert zusammenzuführen, darf man bei Arcane Strings die einzelnen Musiker weiterhin hören. Kleine Abweichungen in Timing, Tonhöhe und Spielweise werden nicht vollständig glattgebügelt.
Selbst der beteiligte Toningenieur Stuart Hamilton soll während der Aufnahmen bei Castlesound Studios irgendwann festgestellt haben: „I simply don’t know what we’re doing!“ Für eine experimentelle Sample-Library ist das möglicherweise sogar ein Qualitätsmerkmal.
Mikrotonal, makrotonal und ziemlich intensiv
Anstelle des bei Orchester-Libraries üblichen Mixers für verschiedene Mikrofonpositionen arbeitet Arcane Strings mit drei sogenannten Partials. Diese drei Bestandteile repräsentieren unterschiedliche Bearbeitungen beziehungsweise Aspekte der aufgenommenen Performance und lassen sich miteinander mischen.
MICROTONAL stellt dabei die vergleichsweise neutrale Variante dar. Das Material wurde bei der Nachbearbeitung stärker hinsichtlich der Tonhöhe zusammengeführt und soll dadurch intimer und wärmer klingen.
MACROTONAL enthält weniger Pitch-Korrektur. Dadurch treten die Tonhöhenunterschiede zwischen den einzelnen Spielern stärker hervor. Mit zunehmender Anzahl leicht unterschiedlich intonierender Instrumente entsteht ein breiteres und größer wirkendes Ensemble, bei dem gleichzeitig einzelne Stimmen wahrnehmbar bleiben.
Und dann wäre da noch INTENSE. Hier wird es erheblich aggressiver. Das Signal wurde sehr nah mikrofoniert, kräftig komprimiert und zusätzlich mit EQ bearbeitet.
Werden alle drei Partials miteinander kombiniert, soll daraus ein entsprechend massiver Gesamtklang entstehen. Damit lässt sich nicht nur die Klangfarbe verändern. Auch die wahrgenommene Größe und gewissermaßen die „Öffnung“ des Ensembles kann während eines Arrangements gesteuert werden.
Vier Dynamik-Layer statt einfacher Effekt-Library
Trotz des bewusst rauen Charakters wurde beim Sampling keineswegs gespart. Arcane Strings arbeitet mit bis zu vier Dynamik-Layern. Gerade bei einer Library dieser Art ist das interessant, da sich die Unregelmäßigkeiten und unterschiedlichen Charaktere der Performances damit dynamisch herausarbeiten lassen.
Expression und Dynamics spielen entsprechend eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der Sounds.
Auch die langen Artikulationen wurden ausgesprochen umfangreich aufgenommen. Laut Henson kommen bei einzelnen Tonzentren ungefähr 40 Minuten Performance-Material zusammen. Dadurch sollen sich hörbare Wiederholungen beziehungsweise typische Loop-Effekte bei langen Klängen weitgehend vermeiden lassen.
19 Artikulationen zwischen Rusty Longs und Gasps
Insgesamt enthält Arcane Strings 19 Artikulationen beziehungsweise Spielweisen. Schon deren Namen machen deutlich, dass wir uns hier nicht unbedingt in der klassischen Abteilung für Violinen-Legato befinden.
RUSTY LONGS bilden vergleichsweise ehrliche lange Töne ohne Vibrato. Dadurch entsteht laut Henson eine teilweise an eine Viola erinnernde Klangfarbe.
ASHEN LONGS bewegen sich stärker in Richtung Sul Tasto, sollen aber bewusst nicht vollständig in den inzwischen ziemlich bekannten nordisch-düsteren Streicherklang abdriften.
Interessant sind auch die OSCILLATIONS. Diese können sich zum Host-Tempo synchronisieren, bleiben dabei aber absichtlich etwas locker um das musikalische Raster herum. Mit zunehmender Dynamik wird der Rhythmus definierter.
Das könnte gerade für Scores interessant sein, bei denen Bewegung entstehen soll, ohne dass diese sofort nach einem perfekt quantisierten Sequencer klingt.
STORM TREMS, BREATHS und GASPS
Mit STORM TREMS stehen freie Tremolos zur Verfügung, die einen rumpelnden, beinahe sturmartigen Charakter erzeugen können.
Bei BREATHS spielen die einzelnen Musiker bewusst nicht exakt miteinander. Eine Host-Synchronisation findet hier nicht statt. Stattdessen entsteht aus den unterschiedlichen Bewegungen der Spieler eine organische Klangtextur.
Noch unberechenbarer werden die GASPS. Dabei handelt es sich um aleatorische Performances, die ebenfalls nicht zum Tempo der DAW synchronisiert werden. Die Aufnahmen sind wiederum ausgesprochen lang und loopen an unterschiedlichen Stellen. Dadurch sollen sich weniger offensichtlich wiederholende Klangflächen erzeugen lassen.
Das Konzept zieht sich damit konsequent durch Arcane Strings: Nicht die perfekte Wiederholbarkeit steht im Mittelpunkt, sondern kontrollierte Unordnung.
STRIKES mit bis zu sieben Round Robins
Natürlich darf bei einer solchen Library auch ordentlich auf die Instrumente eingewirkt werden. Die STRIKES besitzen lange Ausklänge und verwenden bis zu sieben Round Robins. Dabei wurden auch kleine Ereignisse nach dem eigentlichen Anschlag bewusst in den Samples belassen.
Christian Henson vergleicht den Effekt mit Donner: Nicht nur der erste Knall ist interessant, sondern auch das, was danach passiert.
Daneben gibt es spezielle ARCANE STRIKES mit einem charakteristischen zeitlichen Verlauf. Wer diese exakt auf einen Beat setzen möchte, sollte die MIDI-Note deshalb entsprechend vorziehen. Und schließlich gibt es noch PLUCKS, die laut Entwickler ebenfalls alles andere als gewöhnlich ausgefallen sind.
Arcane Strings soll bewusst nicht jedem gefallen
Vielleicht ist das Interessanteste an Arcane Strings, dass The Crow Hill Company gar nicht erst versucht, die Library als universelles Streicherpaket zu verkaufen. Bereits die Vorstellung beginnt mit einer Warnung: „You may not like this.“
Beschrieben wird ein Orchester-Plugin, das klingt, als würden Streicher mit rostigem Haar über Stacheldraht streichen – mikrotonal, locker, undiszipliniert und roh. Auch Christian Henson räumt ein, vor der Veröffentlichung ungewöhnlich nervös gewesen zu sein. Gleichzeitig entspreche das Ergebnis genau dem Klang, den er ursprünglich im Kopf gehabt habe.
Das macht ziemlich deutlich, worum es bei dieser Library geht. Arcane Strings will kein Ersatz für eine klassische Orchester-Library sein.
Vielmehr soll sie einem bestehenden Streicherarrangement zusätzliche Ecken und Kanten verleihen oder selbst zum charakteristischen Zentrum eines Film-, Serien- oder Game-Scores werden. Gerade die hörbaren Unterschiede zwischen den Spielern sind dabei kein Fehler, sondern wesentlicher Bestandteil des Instruments.
Vier Effekt-Makros für weitere Klangformung
Für die interne Klangbearbeitung stehen vier speziell zusammengestellte Effekt-Makros zur Verfügung.
- CASSETTE liefert einen Tape-Effekt, der offenbar bewusst auch etwas unangenehm werden darf.
- FREQ DISTORTION kombiniert Filterung und Clipping für stärkere Verzerrungen.
- LPF/HPF ermöglicht die Kontrolle der teilweise sehr ausgeprägten hohen Frequenzanteile.
- SPLOSH übernimmt schließlich die räumliche Bearbeitung mittels Reverb.
Damit lassen sich die ohnehin schon ungewöhnlichen Ausgangsklänge innerhalb des Instruments weiter in Richtung Sounddesign schieben.
Arcane Strings – Preis und Verfügbarkeit
Arcane Strings ist seit dem 14. August 2026 für macOS und Windows erhältlich.
Zum Start bietet The Crow Hill Company die Library im Rahmen eines Early-Access-Angebots für 109 britische Pfund (127,50 Euro) an. Dieser Einführungspreis gilt bis zum 1. September 2026 um Mitternacht BST. Anschließend steigt der reguläre Preis auf 149 britische Pfund (ca. 174 Euro).
Die Library umfasst 6 GB unkomprimiertes Audiomaterial, das für die Installation auf rund 3 GB komprimiert wurde.
Unterstützt werden AAX, AU, VST und VST3. Auf dem Mac werden macOS 12 bis 15 sowie Apple-Silicon- und Intel-Systeme unterstützt. Unter Windows werden Windows 10 und Windows 11 angegeben.
Die Installation und Aktivierung erfolgt über die kostenlose Crow Hill App.
Technische Daten im Überblick
Arcane Strings bietet bis zu vier Dynamik-Layer, bis zu sieben Round Robins, drei miteinander mischbare Partials und insgesamt 19 Artikulationen. Hinzu kommen die vier Effekt-Makros CASSETTE, FREQ DISTORTION, LPF/HPF und SPLOSH.
Damit ist die Library technisch durchaus umfangreich ausgestattet. Ihr eigentliches Verkaufsargument liegt allerdings weniger in Zahlen als im Klangkonzept.
Fazit
Mit Arcane Strings geht The Crow Hill Company bewusst einen anderen Weg als viele klassische Orchester-Libraries. Hier sollen Streicher nicht möglichst sauber, perfekt intoniert und homogen klingen. Im Gegenteil. Tonhöhenschwankungen, unterschiedliche Spieler, lockeres Timing und hörbare individuelle Performances werden bewusst zum Bestandteil des Sounds gemacht.
Das dürfte Arcane Strings zu einem ausgesprochen speziellen Instrument machen – und genau das scheint beabsichtigt zu sein.
Für den nächsten perfekt polierten Hollywood-Streicherteppich gibt es schließlich bereits genügend Libraries. Wer dagegen nach dunklen, rauen, mikrotonalen und manchmal etwas widerspenstigen Streichern sucht, bekommt hier ein Werkzeug, das sich ziemlich deutlich von der üblichen Konkurrenz absetzt.
Oder um es mit Christian Hensons eigener Frage zusammenzufassen: Ist es schon zu weit gegangen – oder vielleicht noch nicht weit genug?
Hier ist der Link: https://thecrowhillcompany.com/explore/arcane-strings/


