Audacity 4 ist da: Neue Oberfläche, ASIO und Workspaces
Audacity gehört zu den Programmen, die vermutlich schon auf einem Computer installiert waren, bevor dessen Besitzer genau wusste, was eine Wellenform eigentlich darstellt. Seit dem Jahr 2000 wird der kostenlose Open-Source-Audioeditor zum Aufnehmen, Schneiden, Restaurieren, Konvertieren und Bearbeiten von Audiodateien verwendet. Nun ist Audacity 4.0 erschienen – und dieses Mal wurde nicht nur an einigen Menüs und Effekten geschraubt.
Die Benutzeroberfläche wurde auf Basis des Qt-Frameworks vollständig neu aufgebaut, Audioclips lassen sich erheblich flexibler bearbeiten und frei auf der Zeitleiste anordnen, Arbeitsbereiche können gespeichert werden und selbst ASIO hält offiziell Einzug in die Windows-Version.
Damit nähert sich Audacity stärker als je zuvor einer modernen Digital Audio Workstation. Allerdings ist der Umbau noch nicht vollständig abgeschlossen: Einige aus Audacity 3 bekannte Funktionen fehlen in der ersten Version von Audacity 4 noch.
Audacity 4 sieht endlich nach moderner Audiosoftware aus
Die auffälligste Neuerung ist ohne Zweifel die Benutzeroberfläche. Während andere Audioprogramme über die Jahre immer aufwendiger, dunkler und futuristischer wurden, hielt Audacity lange an einem Design fest, das angenehm zuverlässig vermittelte: „Hier wird gearbeitet – Schönheit ist nicht Teil der Stellenbeschreibung.“

Mit Audacity 4 ändert sich das grundlegend. Die Oberfläche wurde mit Qt neu entwickelt und unterstützt jetzt eine moderne Darstellung mit sauberer Skalierung auf hochauflösenden Bildschirmen. Werkzeugleisten und Bedienfelder können verschoben, angedockt, frei positioniert sowie ein- oder ausgeblendet werden.
Für die optische Gestaltung stehen helle, dunkle und kontrastreiche Themes zur Verfügung. Zusätzlich lassen sich Akzentfarben, Spurfarben und die Darstellung der Audioclips anpassen.
Audacity hat damit nicht nur einen neuen Anstrich erhalten. Die gesamte Oberfläche wurde strukturell erneuert, damit sie künftig einfacher erweitert und an unterschiedliche Arbeitsweisen angepasst werden kann.
Workspaces speichern verschiedene Arbeitsumgebungen
Ein wichtiger Bestandteil des neuen Bedienkonzepts sind die Workspaces. Damit lassen sich unterschiedliche Anordnungen der Werkzeugleisten und Bedienfelder speichern und später wieder aufrufen.
Audacity 4 liefert bereits mehrere Arbeitsbereiche mit:
- Modern für die neue Standardoberfläche,
- Classic für Anwender, die sich stärker an der bisherigen Bedienung orientieren möchten,
- Music für musikbezogene Aufnahme- und Bearbeitungsaufgaben.
Eigene Arbeitsbereiche können ebenfalls erstellt werden. So lässt sich eine reduzierte Oberfläche für Sprachaufnahmen und Podcasts einrichten, während für Musikproduktionen ein umfangreicheres Layout mit Effektbereichen und Pegelanzeigen verwendet wird.
Das Konzept erinnert zunehmend an die Arbeitsbereiche klassischer DAWs. Was eine solche Software grundsätzlich von einem einfachen Audioeditor unterscheidet, erklärt der Artikel Professor Pegel erklärt Digital Audio Workstations.
Neue Startseite verwaltet die letzten Projekte
Audacity 4 öffnet sich mit einer neuen Startseite. Dort werden zuletzt verwendete Projekte zusammen mit Vorschaubildern dargestellt. Projekte sollen dadurch schneller auffindbar sein, ohne zunächst den richtigen Ordner auf einer Festplatte suchen zu müssen.
Gerade Anwender, die regelmäßig Podcasts, Sprachaufnahmen oder verschiedene Schnittfassungen bearbeiten, dürften von der übersichtlicheren Projektverwaltung profitieren.
Audacity 4 verwendet dafür ein neues Projektformat mit der Dateiendung .aup4. Projekte aus Audacity 3 mit der Endung .aup3 können geöffnet und in das neue Format konvertiert werden. Die ursprüngliche Datei bleibt dabei unverändert erhalten.
Nach der Umwandlung lässt sich ein Projekt allerdings nicht wieder im älteren .aup3-Format speichern. Wer wichtige Produktionen weiter mit Audacity 3 bearbeiten möchte, sollte deshalb die Originaldateien nicht löschen.
Audioclips lassen sich endlich frei bewegen
Die wichtigste funktionale Neuerung betrifft die Arbeit mit Audioclips. In älteren Audacity-Versionen konnten sich Clips auf einer Spur gegenseitig blockieren. Sollte ein Clip über einen anderen hinweg verschoben oder in einen nicht ausreichend großen Bereich eingefügt werden, reagierte Audacity häufig mit einem schlichten Nein.
Audacity 4 verabschiedet sich weitgehend von diesen Einschränkungen. Audioclips können nun wesentlich freier auf der Zeitleiste positioniert werden. Wird ein Clip über einen bereits vorhandenen Bereich geschoben, ersetzt er den überlappenden Abschnitt, statt an dessen Grenze stehen zu bleiben.
Clips lassen sich außerdem direkt über ihren Kopfbereich auswählen. Mit gedrückter Umschalttaste können mehrere Clips gemeinsam markiert und anschließend gleichzeitig:
- verschoben,
- getrimmt,
- zeitlich gestreckt,
- kopiert,
- eingefügt,
- oder dupliziert werden.
Mehrere Clips lassen sich zusätzlich zu einer Gruppe zusammenfassen. Diese Gruppierung bleibt beim Verschieben, Kopieren und Einfügen erhalten.
Auch der Wechsel zwischen Mono- und Stereospuren wurde flexibler gestaltet. Passende Audioclips können zwischen entsprechenden Spuren verschoben werden, ohne vorher umständlich ausgeschnitten und an anderer Stelle neu eingefügt werden zu müssen.
Nicht-destruktives Trimmen statt endgültigem Abschneiden
Audacity 4 setzt stärker auf nicht-destruktive Bearbeitung. Wird der Rand eines Audioclips nach innen gezogen, verschwindet das abgeschnittene Audiomaterial nicht endgültig. Der Clip kann später wieder verlängert werden, um den zuvor ausgeblendeten Bereich zurückzuholen.
Das ist bei Sprachaufnahmen, Interviews, Podcasts und musikalischen Takes besonders praktisch. Ein Atemgeräusch oder ein Teil einer Pause kann zunächst ausgeblendet und bei Bedarf später wiederhergestellt werden.
Die Möglichkeit klingt für Nutzer moderner DAWs selbstverständlich, stellt für den bisherigen Audacity-Workflow aber einen erheblichen Fortschritt dar. Der Audioeditor wird dadurch weniger kompromisslos: Ein ungenauer Schnitt muss nicht mehr zwangsläufig mit Rückgängig-Befehlen oder einer früheren Projektversion repariert werden.
Eigenes Split-Werkzeug für präzise Schnitte
Das Aufteilen von Audioclips erhält in Audacity 4 ein eigenes Werkzeug. Durch Drücken beziehungsweise Halten der Taste S kann direkt in die Wellenform oder den Kopfbereich eines Clips geklickt werden, um diesen zu teilen.
Weitere Befehle ermöglichen unter anderem:
- einen normalen Schnitt,
- Teilen und Ausschneiden,
- Teilen und Löschen,
- das Trennen an stillen Stellen,
- sowie das Verschieben eines abgetrennten Bereichs auf eine neue Spur.
Auch das Einfügen von Audiomaterial wurde verbessert. Audacity kann bei Bedarf automatisch eine passende Spur erzeugen, kompatible Kanalkonfigurationen berücksichtigen und Audiodateien aus der Zwischenablage des Betriebssystems übernehmen.
Erweiterte Ausrichtungshilfen und eine Einrastfunktion an Sample-Grenzen sollen präzise Bearbeitungen zusätzlich erleichtern.
Weniger Werkzeugmodi und mehr direkte Bedienung
Audacity 4 entfernt die bisherigen separaten Modi für Auswahl, Hüllkurven, Sample-Zeichnung und das Multi-Werkzeug. Deren Funktionen stehen nun abhängig vom jeweiligen Bearbeitungskontext automatisch zur Verfügung.
Lautstärkehüllkurven erscheinen im Clip-Gain-Modus. Wird weit genug bis zur Darstellung einzelner Samples in eine Wellenform gezoomt, lässt sich das Sample-Zeichenwerkzeug direkt verwenden. Für das Aufteilen genügt das Halten der Taste S.
Auch der bisherige Sync-Lock-Modus wurde entfernt. Stattdessen bietet Audacity jetzt unterschiedliche Schnittbefehle, die entweder eine Lücke hinterlassen oder das nachfolgende Audiomaterial verschieben, damit dessen zeitliche Position im Projekt erhalten bleibt.
Das soll die Bedienung nachvollziehbarer machen. Anwender müssen weniger häufig prüfen, welches Werkzeug oder welcher Sondermodus gerade aktiv ist.
Wiedergabe und Aufnahme wurden überarbeitet
Auch der Transportbereich wurde neu gestaltet. Der Abspielkopf bleibt während der Navigation sichtbar und kann direkt an eine andere Position gezogen werden. Während der Wiedergabe lässt sich zu einer anderen Stelle springen, ohne die Wiedergabe zunächst stoppen zu müssen.
Aufnahmen können an einer beliebigen Position der Zeitleiste beginnen. Audacity erzeugt dort automatisch einen neuen Audioclip.
Weitere überarbeitete Bereiche umfassen:
- Loop-Grenzen,
- Punch-and-Roll-Aufnahmen,
- Aufnahmen mit Vorlauf,
- Latenzkompensation,
- Software-Monitoring,
- sowie die Eingangsüberwachung einzelner Spuren.
Auch die Audioeinrichtung wurde neu aufgebaut. Systemweite Standardgeräte können übernommen, verfügbare Geräte neu eingelesen und Eingangskanäle individuell zugeordnet werden. Bei Änderungen der Audiogeräte durch das Betriebssystem kann Audacity automatisch reagieren.
Audacity 4 bringt offizielles ASIO unter Windows
Eine der interessantesten Neuerungen für Musiker und Produzenten betrifft die Windows-Version: Die offiziellen Builds von Audacity 4 unterstützen jetzt ASIO für Wiedergabe und Aufnahme.
Bisher mussten Nutzer Audacity unter Windows selbst aus dem Quellcode kompilieren, wenn sie eine Version mit ASIO-Unterstützung verwenden wollten. Grund dafür waren lizenzrechtliche Bedingungen des früheren ASIO-SDK. Nach der Umstellung auf eine Open-Source-Lizenz kann ASIO nun direkt in den offiziellen Audacity-Versionen enthalten sein.
Damit lassen sich viele professionelle Audiointerfaces mit ihren nativen ASIO-Treibern ansprechen. Das kann geringere Latenzen und einen zuverlässigeren Mehrkanalbetrieb ermöglichen.
Die technischen Hintergründe dieses Treibermodells erläutert der Beitrag Professor Pegel erklärt ASIO in der Musikproduktion.
Eigene Pegelanzeigen für jede Spur
Die Spurköpfe besitzen in Audacity 4 eigene Pegelanzeigen für Wiedergabe und Aufnahme. Dadurch lässt sich direkt erkennen, welche Spuren gerade Signale liefern und wie hoch deren Pegel ausfallen.
Echtzeiteffekte können sowohl auf einzelnen Spuren als auch auf dem Master eingesetzt werden. Die Effektketten lassen sich neu anordnen, sodass die Reihenfolge der Bearbeitung verändert werden kann.
Auch die Preset-Verwaltung wurde vereinheitlicht. Dies betrifft interne Effekte ebenso wie destruktiv berechnete und in Echtzeit arbeitende Effekte.
Das Spektrogramm erhielt ebenfalls eine Überarbeitung. Neue Hilfslinien und Skalen sollen die Orientierung erleichtern, während eine beschleunigte Darstellung flüssigeres Arbeiten ermöglicht.
Unterstützung für VST3, Nyquist, LV2 und Audio Units
Audacity 4 unterstützt weiterhin verschiedene Plugin-Formate. Auf allen Plattformen können VST3- und Nyquist-Plugins verwendet werden. Unter Linux kommt LV2 hinzu, während macOS zusätzlich Audio Units unterstützt.
Falls ein Plugin keine eigene Benutzeroberfläche bereitstellt oder diese nicht korrekt dargestellt werden kann, erzeugt Audacity eine alternative Oberfläche aus den verfügbaren Parametern.
Weitere Informationen zu den verwendeten Formaten bieten die BuenasIdeas-Grundlagenartikel:
- Professor Pegel erklärt VST3
- LV2 erklärt: Das offene Plugin-Format
- Professor Pegel erklärt Audio Units
Die Effektbibliothek kann außerdem über MuseHub erweitert werden. Entsprechende Effekte erscheinen gemeinsam mit den internen Prozessoren in den Effektketten. Die Verwendung solcher zusätzlichen Angebote ist optional.
Noch nicht alles aus Audacity 3 ist wieder vorhanden
So umfangreich der Umbau auch ausfällt, Audacity 4.0 übernimmt noch nicht sämtliche Funktionen des Vorgängers. Das Entwicklerteam weist ausdrücklich darauf hin, dass mehrere Bestandteile in späteren Versionen zurückkehren sollen.
In Audacity 4.0 fehlen derzeit unter anderem:
- Time Tracks,
- Noten- beziehungsweise MIDI-Spuren,
- der Mixer,
- der Macro Manager,
- die Scripting Pipe,
- VAMP- und LADSPA-Plugin-Hosting,
- Play-at-Speed,
- sowie einige Export-, Render-, Analyse- und Effektfunktionen.
Auch Funktionen wie Export Multiple, Mix and Render sowie die kombinierte Veränderung von Geschwindigkeit und Tonhöhe sind in der ersten Version offenbar noch nicht vollständig umgesetzt.
Das ist für bestehende Nutzer ein wichtiger Punkt. Wer bestimmte Funktionen regelmäßig benötigt oder Audacity in einem eingespielten Produktionsablauf einsetzt, sollte Version 4 zunächst parallel testen und Audacity 3 nicht vorschnell entfernen.
Der große Versionssprung ist damit weniger als vollständig abgeschlossener Austausch des Vorgängers zu verstehen. Audacity 4 bildet vielmehr das neue technische Fundament, auf dem die kommenden Versionen weiter aufbauen sollen.
Muss Audacity 4 über MuseHub installiert werden?
Auf der von MuseHub angebotenen Produktseite wird Audacity 4 über den MuseHub-Client installiert und aktualisiert. Dort wird entsprechend angegeben, dass der Client für diesen Installationsweg erforderlich ist.
Audacity 4 kann jedoch auch direkt über die offizielle Downloadseite des Audacity-Teams heruntergeladen werden. Dort stehen eigenständige Installationspakete für Windows, macOS und Linux bereit. Die Installation von MuseHub ist für diesen direkten Download nicht erforderlich.
Zur Auswahl stehen:
- Windows für x86-64 und ARM64,
- macOS als Universal-Version für Intel- und Apple-Silicon-Systeme,
- Linux als AppImage für x86-64 und ARM64.
Audacity 4 bleibt kostenlos, quelloffen und wird weiterhin unter der GNU General Public License Version 3 veröffentlicht.
Audacity 4: Kostenlos für Windows, macOS und Linux
Audacity 4.0 erschien am 3. September 2026 und steht kostenlos für Windows, macOS und Linux zur Verfügung.
Alte .aup3-Projekte können geöffnet und in das neue .aup4-Format konvertiert werden. Da Audacity 4 noch nicht alle Funktionen aus Version 3 enthält, bietet das Audacity-Team weiterhin Downloads älterer Programmversionen an.
Der Download ist wahlweise über MuseHub oder direkt über die Audacity-Webseite möglich. Die vollständigen Änderungen und Kompatibilitätshinweise sind in den offiziellen Versionshinweisen auf GitHub aufgeführt.
Fazit
Audacity 4 ist der größte Umbau in der mittlerweile 26-jährigen Geschichte des kostenlosen Audioeditors. Die neue Qt-Oberfläche, frei konfigurierbare Arbeitsbereiche, deutlich flexiblere Clip-Bearbeitung, nicht-destruktives Trimmen, Spur-Pegelanzeigen und offizieller ASIO-Support unter Windows modernisieren das Programm grundlegend.
Audacity wird dadurch noch nicht automatisch zu einer vollwertigen Konkurrenz für Cubase, Wavelab, Logic Pro, Studio One, Mixcraft, LUNA, Reaper oder Ableton Live. MIDI-Produktion, virtuelle Instrumente, komplexes Routing und zahlreiche professionelle DAW-Funktionen gehören weiterhin nicht zum Kern des Programms.
Für Audioaufnahmen, Podcast-Schnitt, Restaurierung, schnelle Bearbeitungen, Konvertierungen und kleinere Mehrspurprojekte ist Audacity 4 dennoch ein großer Schritt nach vorn.
Etwas Vorsicht ist bei bestehenden Arbeitsabläufen angebracht. Einige Funktionen aus Audacity 3 fehlen in Version 4.0 noch. Wer mitten in einem umfangreichen Projekt steckt, sollte deshalb nicht unbedingt am Freitagnachmittag das komplette System umstellen und anschließend überrascht feststellen, dass der benötigte Spezialbefehl erst für Version 4.1 vorgesehen ist.
Das Fundament für die nächsten Jahre ist jedoch gelegt. Audacity sieht nun nicht mehr nur aus wie ein Programm, das seit dem Jahr 2000 zuverlässig Audio bearbeitet – sondern erstmals auch wie eines, das im Jahr 2026 angekommen ist.



