AudioThing Orbita: Euklidische Drum-Machine für kreative Beats
Mit Orbita veröffentlicht AudioThing eine ungewöhnliche Software-Drum-Machine, die klassische Sample-Wiedergabe mit einem achtspurigen euklidischen Sequencer verbindet. Statt sämtliche Schläge einzeln in ein starres Step-Raster einzuzeichnen, wird lediglich festgelegt, wie viele rhythmische Ereignisse möglichst gleichmäßig auf eine bestimmte Zahl von Schritten verteilt werden sollen.
Auf diese Weise entstehen schnell ineinandergreifende Grooves, Polyrhythmen und rhythmische Strukturen, die sich über mehrere Takte fortlaufend verändern. Orbita kann mit den mitgelieferten Drum-Sounds, eigenen Samples oder direkt über acht spielbare Pads verwendet werden. Das Plugin ist für Windows, macOS und Linux sowie als App und AUv3-Erweiterung für iPhone und iPad erhältlich.
Was ist ein euklidischer Sequencer?
Ein konventioneller Step-Sequencer besteht normalerweise aus einer festen Anzahl gleich großer Schritte. Soll etwa eine Bassdrum auf den Positionen eins, fünf, neun und dreizehn erklingen, werden diese vier Schritte manuell aktiviert.
Ein euklidischer Sequencer verfolgt einen anderen Ansatz. Hier werden zunächst die Länge des rhythmischen Zyklus und die gewünschte Anzahl der Schläge festgelegt. Ein Algorithmus verteilt diese Ereignisse anschließend so gleichmäßig wie möglich über den vorhandenen Zeitraum.
Werden vier Schläge auf sechzehn Schritte verteilt, entsteht ein gleichmäßiges Viertelpuls-Muster. Werden dagegen fünf Schläge auf acht oder sieben Schläge auf zwölf Schritte verteilt, ergeben sich weniger vertraute rhythmische Figuren. Diese können überraschend musikalisch wirken, obwohl sie nicht auf herkömmliche Weise programmiert wurden.
Das Grundprinzip ist mathematisch, das Ergebnis muss jedoch keineswegs steril klingen. Vergleichbare Verteilungen finden sich in zahlreichen traditionellen Rhythmen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Durch Akzente, Verschiebungen und Swing können die automatisch erzeugten Muster zusätzlich an den gewünschten Groove angepasst werden.
BuenasIdeas beschäftigte sich bereits im Kurztest des HoRNet HATEFISh Rhygenerator ausführlicher mit euklidischen Sequenzen. AudioThing überträgt das Konzept nun auf eine komplette Drum-Machine mit eigener Sample-Engine.
Acht Spuren mit unabhängigen Rhythmuszyklen
Das Zentrum von AudioThing Orbita bildet ein kreisförmiger Sequencer mit acht Sample-Spuren. Jede Spur kann einen eigenen rhythmischen Zyklus verwenden und unabhängig von den anderen eingestellt werden.
Fünf Parameter bestimmen das Verhalten eines Patterns:
- Steps legt die Anzahl der Schritte innerhalb des Zyklus fest.
- Hits bestimmt, wie viele Schläge auf diesen Zyklus verteilt werden.
- Accents hebt einzelne Ereignisse hervor.
- Offset dreht beziehungsweise verschiebt das Pattern.
- Swing verändert das Timing und lockert den Rhythmus auf.
Der entscheidende Unterschied zu einer klassischen Drum-Machine liegt in den voneinander unabhängigen Zykluslängen. Eine Bassdrum kann beispielsweise über 16 Schritte laufen, während eine Percussion-Spur einen Zyklus aus elf und eine weitere Spur einen Zyklus aus dreizehn Schritten verwendet.
Die Spuren treffen dadurch an ständig wechselnden Positionen aufeinander. Erst nach einer größeren Anzahl von Schritten beginnt die gesamte Kombination wieder von vorn. Aus wenigen einfachen Impulsen entstehen so komplexe und langsam wandernde Rhythmen.
Das Verfahren eignet sich nicht nur für experimentelle elektronische Musik. Auch ein grundsätzlich konventioneller Beat kann durch eine ungerade Percussion-Spur oder dezente, zyklisch wandernde Akzente lebendiger werden.
Reset bringt die Umlaufbahnen wieder zusammen
Polyrhythmische Sequenzen können sehr lange laufen, bevor alle beteiligten Spuren wieder gleichzeitig an ihrem Ausgangspunkt ankommen. Das sorgt für Entwicklung, ist innerhalb eines arrangierten Musikstücks aber nicht immer erwünscht.
Orbita besitzt deshalb einen Reset-Parameter. Dieser legt fest, nach wie vielen Beats sämtliche Sequenzen gemeinsam neu gestartet werden. Die einzelnen Spuren dürfen somit unterschiedliche Längen verwenden, werden aber nach einer definierten Zeit wieder auf ihren gemeinsamen Ausgangspunkt zurückgesetzt.
Auf diese Weise lässt sich kontrollieren, wie lange ein Rhythmus frei durch seine verschiedenen Kombinationen wandern darf. Eine Sequenz kann beispielsweise nach vier, acht oder sechzehn Takten wieder exakt zum Anfang zurückkehren und sich damit besser in eine klassische Songstruktur einfügen.
Der Name Orbita ist daher ziemlich passend gewählt: Acht Rhythmen bewegen sich gewissermaßen auf eigenen Umlaufbahnen, bis sie durch den Reset wieder an einer gemeinsamen Position zusammentreffen.
Von dezentem Groove bis kontrolliertem Rhythmuschaos
Die automatisch verteilten Hits liefern zunächst nur das rhythmische Grundgerüst. Mit Offset kann das komplette Pattern einer Spur gedreht werden, ohne die Anzahl der Schritte oder Schläge zu verändern.
Das ist praktisch, wenn eine rhythmische Figur grundsätzlich funktioniert, ihre Akzente aber noch an den falschen Stellen sitzen. Schon eine kleine Verschiebung kann das Zusammenspiel mehrerer Spuren deutlich verändern.
Über Accents werden bestimmte Schläge lauter wiedergegeben. So erhält ein mathematisch gleichmäßig aufgebautes Muster eine deutlichere musikalische Gewichtung. Swing verschiebt schließlich das Timing und kann aus einer sehr geraden Abfolge einen lockereren Shuffle oder einen stärker schleppenden Groove formen.
Der Sequencer kann frei laufen oder dem Transport der DAW folgen. Zusätzlich lässt sich seine Wiedergabegeschwindigkeit einstellen. Damit ist Orbita sowohl als reguläres Instrument innerhalb eines Arrangements als auch als eigenständig laufender Ideengeber verwendbar.
36 Bänke mit klassischen und experimentellen Sounds
AudioThing Orbita wird mit 36 Werksbänken ausgeliefert. Die Auswahl umfasst akustische Drumkits, Percussion, Field Recordings, experimentelles Material und Klänge verschiedener klassischer Rhythmusmaschinen.
Genannt werden unter anderem Soundbänke, die sich an 808, CR-78, Casio VL-1, Boss DR-220A, Kawai R-50e beziehungsweise dessen DD-10-Variante und weiteren elektronischen Klangerzeugern orientieren. Hinzu kommen hybride Grooves, gemischte Percussion-Sets und ungewöhnlichere Klangquellen.
Orbita beschränkt sich aber nicht auf das mitgelieferte Material. Über den Bank Editor können eigene Samples geladen, per Drag-and-drop angeordnet und als benutzerdefinierte Bank gespeichert werden.
Damit lassen sich persönliche Drum-Sammlungen ebenso einbinden wie Field Recordings, Sprachfragmente, kurze Synthesizer-Sounds oder Alltagsgeräusche. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen möchte, findet im Professor-Pegel-Grundlagenartikel Sampling in der Musikproduktion weitere Informationen zur kreativen Verwendung eigener Aufnahmen.
Start- und Endpunkte der Samples können bearbeitet werden. Zudem stehen Attack und Decay mit einstellbaren Kurven sowie eine Reverse-Funktion zur Verfügung. Orbita ist damit keine umfangreiche Sampling-Workstation, bietet aber die wichtigsten Werkzeuge, um eingefügtes Material direkt an den jeweiligen Rhythmus anzupassen.
Filter und LFO für jede Spur
Jede der acht Spuren verfügt über ein eigenes Filter. Verfügbar sind Tiefpass, Hochpass, Bandpass und Notch-Filter, jeweils mit einer Flankensteilheit von zwei oder vier Polen.
Cutoff und Resonanz lassen sich individuell einstellen. Auf diese Weise können einzelne Samples im Frequenzbereich eingegrenzt oder durch stärkere Resonanz deutlich verfremdet werden. Eine tiefe Bassdrum kann von störenden Höhen befreit werden, während bei einer Percussion-Spur gezielt nur ein schmaler Frequenzbereich übrig bleibt.
Zusätzlich besitzt jede Spur einen eigenen LFO. Dieser kann Tonhöhe, Panorama, Lautstärke, Filterfrequenz und Resonanz modulieren. Dezente Einstellungen sorgen für leichte Bewegung, während größere Modulationsstärken aus statischen Samples stark veränderte Klangfolgen machen.
Gerade in Verbindung mit unterschiedlich langen euklidischen Patterns dürfte diese Modulation für lebendige Ergebnisse sorgen. Nicht nur der Rhythmus verändert sich über die Zeit, sondern auch Position, Lautstärke und Klangfarbe der einzelnen Elemente.
Orbita funktioniert auch als klassische Drum-Machine
Trotz des ungewöhnlichen Sequencer-Konzepts muss Orbita nicht ausschließlich mathematisch programmiert werden. Mit einem Klick lässt sich die Benutzeroberfläche in eine klassische Drum-Machine mit acht Pads umschalten.
Jeder Sound kann dann direkt mit der Maus oder über einen MIDI-Controller gespielt werden. Die MIDI-Noten der Pads lassen sich frei zuweisen und damit an das vorhandene Controller-Layout anpassen.
Manuell gespielte Rhythmen und euklidische Patterns können kombiniert werden. Dadurch lässt sich ein automatisch erzeugtes Grundmuster mit live eingespielten Fills und zusätzlichen Schlägen ergänzen.
Im Unterschied zu umfangreichen Drum-Instrumenten wie Steinberg Groove Agent 6 konzentriert sich Orbita weniger auf möglichst realistische Schlagzeugproduktionen. Das Plugin versteht sich eher als kreativer Rhythmusgenerator für elektronische Musik, Sounddesign, Ambient, Filmmusik und experimentelle Produktionen.
Randomizer und Parameter Lock
Der integrierte Preset-Browser enthält auch einen Randomizer. Damit können neue Einstellungen zufällig erzeugt und anschließend als Ausgangspunkt für eigene Patterns verwendet werden.
Damit beim Zufallsverfahren nicht sämtliche sorgfältig vorgenommenen Einstellungen verloren gehen, lassen sich einzelne Parameter sperren. Der Parameter Lock verhindert, dass geschützte Werte beim Preset-Wechsel oder bei einer Randomisierung verändert werden.
So können die verwendeten Samples, das Tempo oder eine funktionierende Bassdrum-Spur erhalten bleiben, während nur die übrigen Rhythmusparameter neu gewürfelt werden. Das ist eine sinnvolle Ergänzung, da zufällige Ergebnisse meist erst dann produktiv werden, wenn ein Teil des musikalischen Rahmens bestehen bleibt.
Lange Entwicklungszeit hinter dem kreisförmigen Konzept
Nach Angaben von AudioThing reichen die Ursprünge von Orbita mehr als zehn Jahre zurück. Die erste Version entstand als kleiner experimenteller Sequencer und wurde im Laufe der Zeit mehrfach überarbeitet.
Teile der ursprünglichen Idee blieben erhalten, während andere Bereiche vollständig neu entwickelt wurden. Das erklärt möglicherweise, warum Orbita trotz seiner überschaubaren Oberfläche nicht wie ein schnell ergänztes Standardinstrument wirkt. Der kreisförmige Sequencer ist nicht nur eine optische Spielerei, sondern bildet konsequent das eigentliche Funktionsprinzip ab.
Plugin-Formate und Systemvoraussetzungen
AudioThing Orbita ist als 64-Bit-Plugin für Windows, macOS und Linux verfügbar.
Unter Windows werden folgende Formate unterstützt:
Die macOS-Version steht als VST2, VST3, AU, AAX und CLAP zur Verfügung. AudioThing liefert sie als Universal-2-Binary für Intel-Prozessoren und Apple Silicon aus.
Unter Linux werden VST2, VST3 und CLAP unterstützt. Als Mindestanforderung nennt AudioThing Ubuntu 20.04 LTS. Gerade die Kombination aus Linux-Version und Unterstützung des offenen CLAP-Plugin-Formats dürfte das Instrument auch für Nutzer abseits der üblichen Windows- und macOS-Umgebungen interessant machen.
Die Mindestanforderungen liegen bei einem Prozessor mit 2 GHz und 4 GB Arbeitsspeicher. Unter Windows wird Version 7 oder neuer unterstützt, auf dem Mac beginnt die Kompatibilität bei macOS 10.13.
Zusätzlich ist Orbita für iPhone und iPad erhältlich. Dort kann das Instrument eigenständig oder als AUv3-Erweiterung in einer kompatiblen Host-App betrieben werden.
Preis, Demo und Aktivierung
AudioThing Orbita kostet regulär 69 US-Dollar. Zum Veröffentlichungszeitpunkt wird das Plugin für 39 US-Dollar angeboten. Regionale Steuern können den endgültigen Preis verändern.
Eine Demoversion steht für Windows, macOS und Linux bereit. Sie enthält nur eine begrenzte Auswahl der Soundbänke, deaktiviert die Speicherfunktion und fügt alle zwei Minuten eine dreisekündige Stille ein.
Für die Vollversion kann wahlweise eine Online- oder Offline-Aktivierung verwendet werden. Ein iLok-Dongle wird nicht benötigt. Eine Lizenz darf auf bis zu drei Computern aktiviert werden.
Fazit: Mathematische Beats müssen nicht nach Mathematik klingen
AudioThing Orbita kombiniert ein gut verständliches Bedienkonzept mit einer Methode, die bei herkömmlichen Drum-Machines nur selten im Mittelpunkt steht. Statt Beats vollständig Schritt für Schritt zu programmieren, werden rhythmische Ereignisse nach einfachen Vorgaben gleichmäßig verteilt und anschließend durch Akzente, Versatz und Swing musikalisch geformt.
Der eigentliche Reiz entsteht durch die acht unabhängigen Zykluslängen. Selbst einfache Einzelspuren können gemeinsam einen komplexen Rhythmus bilden, der sich fortlaufend verändert und erst nach vielen Takten exakt wiederholt. Der Reset-Parameter verhindert dabei, dass die verschiedenen Umlaufbahnen völlig außer Kontrolle geraten.
Eigene Samples, individuelle Filter und LFOs pro Spur, eine klassische Pad-Ansicht sowie der Randomizer erweitern das Konzept sinnvoll. Orbita will keine möglichst realistische Schlagzeug-Workstation ersetzen. Das Plugin ist vielmehr eine kreative Rhythmusmaschine für Produktionen, in denen ein gerades Vierviertelraster gelegentlich etwas Gesellschaft aus der Mathematik vertragen kann.
Weitere Informationen, die Demoversion und den Download gibt es auf der offiziellen Produktseite von AudioThing.



