JAS-I Khorlo: Kostenloser Physical-Modelling-Synthesizer dreht völlig frei

Mit Khorlo stellt der neue Entwickler JAS-I einen ungewöhnlichen Software-Synthesizer vor, der Physical Modelling, Modal-Synthese, polyrhythmische Klangerzeugung und eine ausgesprochen aufwendige dreidimensionale Benutzeroberfläche miteinander verbindet. Das Instrument befindet sich derzeit in einer offenen Betaphase und kann kostenlos für Windows, macOS und Linux heruntergeladen werden.

„Kostenlos“ bedeutet in diesem Fall nicht „Demo“, „abgespeckte Version“ oder „zeitlich begrenzte Lizenz“. Nach Angaben des Entwicklers soll Khorlo nicht ablaufen. Für den Download werden weder ein Benutzerkonto noch eine Aktivierung benötigt. Auch eine Kommunikation mit externen Servern findet laut JAS-I nicht statt.

Das allein wäre bereits erfreulich. Der eigentliche Nachrichtenwert liegt jedoch im außergewöhnlichen Konzept des Synthesizers.

Ein gläserner Zylinder als Klangerzeuger

Im Zentrum von Khorlo steht ein virtueller gläserner Zylinder. Rund um diesen Zylinder können bis zu acht Resonatoren angeordnet werden. Der Entwickler bezeichnet sie innerhalb der Oberfläche vereinfachend als Strings, obwohl neben Saiten auch andere Modelle wie Glocken, Membranen, Platten, Schalen und Balken zur Verfügung stehen.

JAS-I Khorlo Physical-Modelling-Synthesizer mit rotierenden Impulsringen und Resonatoren
JAS I – Khorlo erzeugt Klänge mit rotierenden Impulsringen, die bis zu acht physikalisch modellierte Resonatoren anregen.

Um den Zylinder bewegen sich bis zu acht Impulsringe. Diese übernehmen die Rolle der Anreger beziehungsweise Exciter. Immer wenn ein solcher Ring einen Resonator passiert, wird dieser angeschlagen und beginnt zu schwingen.

Das Grundprinzip entspricht damit der Physical-Modelling- und Modal-Synthese: Ein Anreger versetzt ein mathematisch beschriebenes Objekt in Schwingung. Statt aufgenommene Samples abzuspielen, berechnet das Instrument das Verhalten des Resonators in Echtzeit.

Wer genauer wissen möchte, wie Anreger, Resonatoren und mathematische Klangmodelle zusammenarbeiten, findet die technischen Grundlagen im Artikel Professor Pegel erklärt Physical Modelling Synthesis.

Khorlo beschränkt sich allerdings nicht auf die möglichst realistische Nachbildung vorhandener Instrumente. Der Synthesizer nutzt die Technik vielmehr, um virtuelle Klangkörper zu konstruieren, die in der realen Welt kaum gebaut werden könnten. Ein gläserner Zylinder mit kreisenden Anschlägern und frei angeordneten Saiten, Glocken oder Membranen dürfte schließlich in den meisten Instrumentengeschäften nur schwer zu finden sein.

Klänge entstehen durch Bewegung

Die rotierenden Impulsringe sind das zentrale Merkmal von Khorlo. Jeder Ring besitzt eine eigene Geschwindigkeit und kann frei um den Zylinder kreisen. Dabei kann festgelegt werden, welche Resonatoren er auslösen und welche er bei seiner Runde überspringen soll.

Mehrere Ringe können unabhängig voneinander laufen, miteinander gekoppelt oder zum Tempo der DAW synchronisiert werden. Werden unterschiedliche Umlaufgeschwindigkeiten verwendet, entstehen komplexe rhythmische Überlagerungen.

So kann ein Ring vier Impulse innerhalb eines Taktes erzeugen, während ein anderer Ring einen davon abweichenden Zyklus durchläuft. Die Muster treffen immer wieder an anderen Stellen aufeinander und erzeugen daraus lebendige, polyrhythmische Strukturen.

Der Synthesizer ist deshalb nicht nur für einzelne spielbare Klänge interessant. Er kann sich ebenso wie ein generatives Rhythmusinstrument, ein perkussiver Sequenzer oder eine sich langsam verändernde Klanginstallation verhalten.

Die Höhe verändert den Anschlag

Die Impulsringe bewegen sich nicht nur kreisförmig, sondern können auch entlang des Zylinders nach oben und unten verschoben werden. Diese Position bestimmt, an welcher Stelle ein Resonator angeregt wird.

Ein hoher Anschlag erzeugt laut Entwickler einen helleren und dünneren Klang. Weiter unten wird das Ergebnis dunkler und runder. Das Prinzip erinnert an eine reale Saite: Auch dort macht es einen erheblichen Unterschied, ob sie nahe am Steg oder weiter in Richtung ihrer Mitte angeschlagen wird.

Zusätzlich stehen verschiedene Exciter-Modelle zur Verfügung. Dazu gehören unter anderem Impulse, Rauschen und sägezahnähnliche Anregungen. Parameter für Geschwindigkeit, Tonhöhe, Stärke und Attack bestimmen, wie hart und auf welche Weise ein Resonator aktiviert wird.

Jeder Impulsring kann dadurch einen eigenen Charakter erhalten. Einer erzeugt vielleicht kurze, harte Anschläge, während ein anderer dieselben Resonatoren mit einem weicheren oder rauschhafteren Impuls anregt.

JAS I - KHORLO Routing
JAS I – KHORLO Routing

Acht Resonatoren mit eigenen Klangmodellen

Auf der anderen Seite der Klangerzeugung stehen bis zu acht unabhängige Resonatoren. Für jeden Resonator lassen sich Modell, Tonhöhe, Verstimmung, Panorama, Ausklingzeit und weitere Klangeigenschaften separat einstellen.

Zur Auswahl stehen unterschiedliche simulierte Objekte wie:

  • Saite
  • Glocke
  • Membran
  • Platte
  • Schale
  • Balken

Erweiterte Parameter verändern unter anderem Steifigkeit, Helligkeit, Sättigung und Resonanzverhalten. Dadurch können die einzelnen Elemente sehr unterschiedlich reagieren, obwohl sie von demselben Impulsring angeregt werden.

Mit kurzen Ausklingzeiten entstehen perkussive Klicks, Plucks, metallische Schläge und gestimmte Percussion. Längere Resonanzen ermöglichen flächige Texturen, schwebende Drones, glockenartige Klanggebilde und ungewöhnliche Pads.

Die Kombination verschiedener Resonatortypen erweitert das Spektrum zusätzlich. Ein einzelnes Preset kann gleichzeitig aus einer tief gestimmten Membran, mehreren metallischen Platten und einer langen, stark verstimmten Saite bestehen.

Polyrhythmik gehört zur Klangerzeugung

Bei vielen Synthesizern entsteht ein Grundklang zunächst statisch und wird anschließend durch LFOs, Hüllkurven oder einen Arpeggiator in Bewegung versetzt. Khorlo geht einen anderen Weg: Die Bewegung ist bereits ein Bestandteil der eigentlichen Tonerzeugung.

Erst durch das Kreisen der Impulsringe werden die Resonatoren ausgelöst. Rhythmus und Klangfarbe lassen sich deshalb kaum voneinander trennen. Wird die Geschwindigkeit eines Rings verändert, ändert sich nicht nur der Rhythmus, sondern auch die Art, wie sich die Resonanzen überlagern.

Besonders interessant wird dies bei gehaltenen Akkorden. Mehrere gespielte Noten, unterschiedliche Resonatoren und voneinander abweichende Umlaufgeschwindigkeiten können gemeinsam komplexe Strukturen erzeugen, ohne dass dafür ein klassischer Stepsequenzer programmiert werden muss.

Die Ergebnisse reichen von kontrollierten rhythmischen Mustern bis zu scheinbar chaotischen, aber dennoch musikalisch zusammenhängenden Klangbewegungen.

Umfangreiches Modulationssystem

Zusätzlich zur kreisenden Klangerzeugung besitzt Khorlo ein tiefgehendes Modulationssystem. Sechs Modulationsformer können als Hüllkurven, LFOs oder frei gezeichnete Verläufe verwendet werden.

Weitere Modulationsquellen beziehen Makroregler und Spieldaten ein.

Dazu gehören:

  • Anschlagstärke
  • Modulationsrad
  • Aftertouch
  • vier frei benennbare Makroregler

Fast jeder Regler des Instruments kann als Modulationsziel verwendet werden. Die Zuweisung erfolgt per Drag-and-drop. Jeder Modulator kann mehrere Parameter gleichzeitig steuern, während eine eigene Routing-Seite die vorhandenen Verbindungen übersichtlich darstellt.

Damit lassen sich nicht nur Tonhöhe, Filter oder Lautstärke bewegen. Auch Umlaufgeschwindigkeit, Anschlagposition, Resonatoreigenschaften und Effektparameter können in die Modulation einbezogen werden.

Grundsätzlich handelt es sich dabei um dieselbe Idee, die auch hinter klassischen LFO- und Hüllkurvenmodulationen steckt. Eine Einführung zu diesem Thema bietet der Grundlagenartikel Professor Pegel erklärt Modulationseffekte.

Khorlo setzt dieses Prinzip allerdings nicht nur für typische Chorus- oder Filterbewegungen ein, sondern macht nahezu die gesamte physikalische Konstruktion beweglich.

Dual-Filter und zehn integrierte Effekte

Hinter der Resonator-Engine folgen zwei Multimode-Filter, die wahlweise seriell oder parallel betrieben werden können. Sechs verschiedene Filtercharakteristiken stehen zur Auswahl. Dazu gehören neben sauber arbeitenden Modellen auch Hybrid-, Kammfilter- und Vokalvarianten.

Die üblichen Parameter wie Cutoff, Resonanz und Drive sind vorhanden. Durch die getrennten Filterwege lassen sich verschiedene Klangbestandteile unterschiedlich bearbeiten oder komplexe Filterkombinationen aufbauen.

Eine eigene Effektseite enthält zehn frei anordbare Prozessoren:

  • Chorus
  • Kompressor
  • Delay
  • Sättigung
  • Equalizer
  • Filter
  • Flanger
  • Phaser
  • Reverb
  • Limiter

Die Reihenfolge der Effekte kann verändert werden. Viele ihrer Parameter lassen sich ebenfalls über das Modulationssystem steuern. Damit können Delay-Zeiten, Hallanteil, Sättigung oder Filterfrequenzen Teil der rhythmischen Bewegung werden.

JAS I - KHORLO Effects
JAS I – KHORLO Effects

Für kreative Klanggestaltung steht somit eine weitgehend vollständige Signalkette innerhalb des Instruments bereit. Wie Oszillatoren, Filter, Modulation und Effekte grundsätzlich zu einem eigenen Klang kombiniert werden, erklärt auch der ausführliche BuenasIdeas-Beitrag Sounddesign – Wie aus Klang eine eigene musikalische Identität entsteht.

Mehr als 130 Presets und ein durchdachter Browser

Obwohl Khorlo erst als Beta-Version 0.9.0 vorliegt, liefert der Entwickler bereits mehr als 130 Presets mit. Diese decken unter anderem Bässe, perkussive Klänge, Pads, rhythmische Texturen und experimentelle Sounds ab.

Ein integrierter Browser sortiert die Programme nach Instrumentenkategorie. Zusätzlich lassen sie sich nach Klangfarbe, Charakter, Artikulation und Sounddesigner filtern. Favoriten können markiert und eigene Klänge gespeichert werden.

Gerade bei einem Synthesizer mit einem derart ungewöhnlichen Aufbau ist eine gute Preset-Auswahl mehr als nur eine nette Zugabe. Die Programme dienen gleichzeitig als praktische Beispiele dafür, wie Impulsringe, Resonatoren und Modulatoren miteinander kombiniert werden können.

JAS I - KHORLO Presets Browser
JAS I – KHORLO Presets Browser

Die Oberfläche gehört zum Instrument

Entwickler Aaron Jasinski verfügt nach eigenen Angaben über rund 30 Jahre Erfahrung in Malerei, Illustration, UI/UX-Design und Musik. Dieser Hintergrund ist Khorlo deutlich anzusehen.

Die Benutzeroberfläche beschränkt sich nicht auf eine dekorative Darstellung des Klanggeschehens. Der gläserne Zylinder zeigt unmittelbar, wie sich die Impulsringe bewegen und welche Resonatoren ausgelöst werden. Die Visualisierung macht ein abstraktes Syntheseverfahren dadurch leichter verständlich.

Farben, Hintergrund, Nebel, Glasdarstellung und Transparenz können angepasst werden. Einzelne Bestandteile der Szene besitzen eigene Farbeinstellungen. Die Optik eines Presets lässt sich damit ebenso gestalten wie sein Klang.

Die dreidimensionale Darstellung verwendet Hardwarebeschleunigung. Für ältere oder leistungsschwächere Rechner steht ein Performance-Modus zur Verfügung. Der Synthesizer klingt also auch dann weiter, wenn der Computer beim virtuellen Nebel langsam um Gnade bittet.

VST3, Audio Units und CLAP

JAS-I Khorlo wird als 64-Bit-Plugin in den Formaten VST3, Audio Units und CLAP angeboten. Damit lässt sich das Instrument in zahlreichen aktuellen DAWs einsetzen.

Das noch vergleichsweise junge CLAP-Format ist besonders für moderne Modulations- und Automationskonzepte interessant. Weitere Hintergründe dazu bietet der Artikel Professor Pegel erklärt CLAP als Alternative zu VST3.

Die Systemvoraussetzungen lauten:

  • macOS 11 oder neuer, Intel und Apple Silicon
  • Windows 10 oder neuer, ausschließlich 64 Bit
  • Linux auf x86-64-Systemen
  • WebView2 unter Windows
  • WebKitGTK 4.1 unter Linux
  • 64-Bit-Host
  • Grafikhardware mit Beschleunigung für die 3D-Ansicht

Unter Windows verwendet Khorlo WebView2. Diese Komponente ist auf Systemen mit einer aktuellen Edge-Installation normalerweise bereits vorhanden. Die Linux-Version benötigt WebKitGTK 4.1, das laut Entwickler in den meisten aktuellen Desktop-Distributionen enthalten ist.

Kostenlos und ohne Aktivierungszwang

Die Beta-Version von Khorlo kann direkt auf der Webseite von JAS-I heruntergeladen werden. Eine Registrierung ist nicht erforderlich. Ebenso gibt es keine Seriennummer, keinen Lizenzmanager und keine Online-Aktivierung.

Der Entwickler erklärt ausdrücklich, dass die kostenlose Version nicht abläuft und nicht im Hintergrund mit einem Server kommuniziert. Ein Newsletter ist vorhanden, die Anmeldung bleibt jedoch freiwillig.

Da es sich um eine Betaversion handelt, können Fehler, Abstürze oder Änderungen an Presets und Funktionen nicht ausgeschlossen werden. Der Einsatz in wichtigen Projekten sollte deshalb mit der üblichen Vorsicht erfolgen. Rückmeldungen, Fehlerberichte und Funktionswünsche sind ausdrücklich erwünscht.

Ob Khorlo auch nach Abschluss der Betaphase dauerhaft kostenlos bleiben wird oder später zusätzliche kommerzielle Varianten erscheinen, geht aus den derzeitigen Angaben nicht eindeutig hervor. Fest steht lediglich, dass die aktuelle Beta kostenlos ist und kein Ablaufdatum besitzt.

Video: JAS I KHORÖO Synthesizer

Einschätzung

Khorlo ist weit mehr als ein weiteres kostenloses Synthesizer-Plugin mit den üblichen Oszillatoren, Filtern und einer hübschen Benutzeroberfläche. Die Verbindung aus rotierenden Anregern, unterschiedlich geformten Resonatoren und unabhängigen Bewegungszyklen ergibt ein eigenständiges Instrumentenkonzept.

Besonders überzeugend erscheint die enge Verbindung zwischen Rhythmus und Klang. Die polyrhythmischen Strukturen werden nicht nachträglich über einen Sequencer auf einen fertigen Ton gelegt, sondern entstehen unmittelbar innerhalb des physikalischen Modells.

Gleichzeitig wirkt Khorlo trotz seiner experimentellen Ausrichtung erstaunlich vollständig. Umfangreiche Modulation, zwei Filter, zehn Effekte, Makroregler, ein Preset-Browser und mehr als 130 Klänge wären selbst bei einem kostenpflichtigen Synthesizer keine Selbstverständlichkeit.

Ob die Beta bereits in jeder DAW vollkommen stabil arbeitet, muss sich noch zeigen. Das Konzept, der Funktionsumfang und der Verzicht auf Registrierung oder Aktivierung machen Khorlo aber schon jetzt zu einem der interessantesten kostenlosen Synthesizer des Jahres 2026.

Manchmal dreht sich bei einem Synthesizer nur ein LFO. Bei Khorlo dreht offenbar gleich die gesamte Klangerzeugung durch – und das ist ausdrücklich positiv gemeint.

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Andreas

Musiker und Musikproduzent: Gitarre, Keyboards, Drums und Gesang, Tonstudio, Songwriter, Qualitätsmanager, Hobbyfotograf und Online-Redakteur.