Kostenlos über Kopfhörer mischen: LEWITT Space Replicator Free
Ein akustisch optimierter Regieraum mit hochwertigen Studiomonitoren gehört nicht gerade zur Grundausstattung eines durchschnittlichen Heimstudios. LEWITT möchte dieses Problem nun zumindest virtuell lösen und bietet mit Space Replicator Free eine kostenlose Version seines Kopfhörer-Abhörsystems an.
Die Software simuliert verschiedene Abhörsituationen und kombiniert diese mit einer Kopfhörerkorrektur für mehr als 800 Modelle. Neben dem Einsatz als Plugin in einer DAW steht Space Replicator Free auch als eigenständige Anwendung für Windows und macOS zur Verfügung. Dadurch lassen sich nicht nur eigene Mischungen, sondern beispielsweise auch Referenztitel, Videos und Streaming-Inhalte über die virtuellen Wiedergabesysteme abhören.

Ein virtueller Regieraum im Kopfhörer
Beim Mischen über Kopfhörer entsteht ein grundsätzlich anderes räumliches Empfinden als beim Arbeiten mit Studiomonitoren. Während Lautsprecher in einem Raum vor dem Hörer stehen und beide Ohren erreichen, werden die Kanäle eines Kopfhörers weitgehend getrennt direkt an das linke und rechte Ohr übertragen.
Dadurch wirkt das Stereobild häufig ungewöhnlich breit und befindet sich stärker „im Kopf“. Pegelverhältnisse, Panorama, Räumlichkeit und Bassbereich können deshalb anders beurteilt werden als über Lautsprecher.
LEWITT Space Replicator soll diesen Unterschied durch eine virtuelle Abhörumgebung verringern. Die Musik wird so bearbeitet, dass über Kopfhörer der Eindruck entsteht, vor einem Lautsprechersystem in einem realen Raum zu sitzen.
Die kostenlose Version enthält eine Simulation des LEWITT Studio A. Dabei handelt es sich laut Hersteller um ein hochwertiges Aufnahmestudio mit einem speziell zusammengestellten Lautsprechersystem.
Space Replicator Free ist dabei kein Halleffekt zur kreativen Klanggestaltung. Die simulierte Raumakustik dient ausschließlich der Abhörkontrolle und gehört normalerweise auf den Monitorweg beziehungsweise als letztes Plugin auf die Stereosumme. Das bearbeitete Signal sollte nicht Bestandteil des fertigen Exports werden.
Eine automatische Bypass-Funktion beim Rendern soll laut LEWITT verhindern, dass die Raum- und Lautsprechersimulation versehentlich in der fertigen Audiodatei landet.
Mehr als 800 Kopfhörerprofile
Eine virtuelle Studio-Umgebung kann nur dann sinnvoll arbeiten, wenn auch der verwendete Kopfhörer berücksichtigt wird. Unterschiedliche Modelle besitzen teilweise deutlich voneinander abweichende Frequenzgänge. Manche betonen den Bass, andere klingen besonders hell oder stellen die Mitten zurückhaltender dar.
Space Replicator Free enthält deshalb Korrekturprofile für mehr als 800 Kopfhörermodelle. Nach Auswahl des eigenen Modells versucht die Software, dessen Frequenzgang auszugleichen. Das Ziel ist eine neutralere Ausgangsbasis für die anschließende Raum- und Lautsprechersimulation.
Damit verfolgt LEWITT einen ähnlichen Ansatz wie andere Lösungen zur Kopfhörerkalibrierung, erweitert diesen aber um die Nachbildung vollständiger Abhörumgebungen.
Eine solche Korrektur kann konstruktionsbedingte Klangabweichungen eines Kopfhörers reduzieren. Sie macht aus einem einfachen Kopfhörer allerdings nicht automatisch ein perfektes Studiowerkzeug. Faktoren wie Passform, Position auf dem Kopf, Serienstreuung und das individuelle Hörvermögen lassen sich mit einem allgemeinen Modellprofil nur begrenzt berücksichtigen.
Trotzdem können die Profile dabei helfen, auffällige tonale Eigenheiten eines bekannten Kopfhörermodells abzumildern.
Mischungen auf Smartphone und Laptop überprüfen
Neben dem virtuellen LEWITT Studio A enthält die kostenlose Version ein Wohnzimmer als zusätzliche Testumgebung. Dort stehen mehrere typische Wiedergabesysteme zur Auswahl:
- drei Smartphone-Simulationen
- zwei Laptop-Simulationen
- eine Simulation populärer kabelloser In-Ear-Kopfhörer
Damit lässt sich überprüfen, wie eine Mischung außerhalb des Studios wirken könnte. Besonders die Beurteilung von Gesang, Bass, Kickdrum und zentralen Melodieelementen auf kleinen Lautsprechern kann aufschlussreich sein.
Ein Smartphone besitzt kaum Möglichkeiten, sehr tiefe Frequenzen wiederzugeben. Ist ein Bass ausschließlich im Subbassbereich präsent, kann er auf einem solchen Gerät fast vollständig verschwinden. Harmonische Anteile in den Mitten sorgen dagegen dafür, dass das Instrument auch auf kleinen Lautsprechern noch wahrnehmbar bleibt.
Die Wiedergabesimulationen ersetzen keinen abschließenden Test auf realen Geräten. Sie ermöglichen jedoch einen schnellen Wechsel zwischen mehreren typischen Hörsituationen, ohne die Mischung ständig exportieren und auf andere Geräte übertragen zu müssen.
H-Pods Pro für den Konsumenten-Check
Als weitere Abhörmöglichkeit enthält Space Replicator Free die Simulation H-Pods Pro. Hinter dieser neutralisierten Bezeichnung verbirgt sich die klangliche Nachbildung eines weitverbreiteten kabellosen In-Ear-Systems aus dem Konsumentenbereich.
Damit kann kontrolliert werden, wie eine Produktion über eine typische mobile Hörlösung wirkt. LEWITT verwendet keine geschützten Produktnamen. Die grafische und klangliche Einordnung dürfte den meisten Anwendern dennoch nicht besonders schwerfallen.
Auch hier geht es nicht darum, einen bestimmten Kopfhörer möglichst hochwertig klingen zu lassen. Die Simulation soll vielmehr zeigen, welche Veränderungen ein verbreitetes Wiedergabesystem an der Mischung verursacht.
Raum und räumliches Hören werden getrennt erfasst
Technisch geht Space Replicator über einen einfachen Raumimpuls hinaus. Nach Angaben von LEWITT wurde ein eigenes Verfahren entwickelt, mit dem reale Räume und Lautsprechersysteme hochauflösend erfasst werden.
Dabei berücksichtigt das System etwa 1.500 einzelne Filterpositionen. Diese sollen beschreiben, wie Schall aus unterschiedlichen Richtungen am Hörplatz eintrifft.
Für die räumliche Wahrnehmung spielen unter anderem Laufzeit- und Pegelunterschiede zwischen beiden Ohren eine Rolle. Hinzu kommt die sogenannte Head-Related Transfer Function, kurz HRTF. Sie beschreibt, wie Kopf, Außenohr und Oberkörper eintreffenden Schall abhängig von seiner Richtung verändern.
LEWITT trennt bei seinem Verfahren die Eigenschaften des aufgenommenen Raums von der individuellen räumlichen Wahrnehmung. Anschließend werden die Raumdaten, ein binaurales Profil und die Korrektur des verwendeten Kopfhörers miteinander kombiniert.
In der kostenlosen Version stehen allerdings keine individuell erstellten binauralen Profile zur Verfügung. Diese Funktion bleibt den kostenpflichtigen Varianten vorbehalten.
Plugin und eigenständige Anwendung
Space Replicator Free kann in einer DAW als Plugin eingesetzt werden. Unterstützt werden die Formate:
- VST3
- Audio Units
- AAX
Zusätzlich stellt LEWITT eine Standalone-Anwendung für Windows und macOS bereit. Damit lässt sich die virtuelle Abhöre auch außerhalb einer DAW verwenden.
Das ist praktisch, um Referenzmusik über einen Streamingdienst abzuspielen oder den Ton von Videos und anderen Anwendungen über dieselbe virtuelle Umgebung zu beurteilen. Nach Angaben des Herstellers kann die Standalone-Version unter anderem für Spotify, YouTube und weitere Audioquellen verwendet werden.
Für das reine Mischen ist der Einsatz direkt in der DAW wahrscheinlich komfortabler. Die eigenständige Anwendung erweitert das System jedoch zu einer allgemeinen virtuellen Abhörlösung.
Was fehlt gegenüber den kostenpflichtigen Versionen?
Space Replicator Free ist funktional eingeschränkt, aber keineswegs nur eine kurzzeitig nutzbare Demo.
Die kostenlose Ausgabe enthält:
- einen Mixing- und Mastering-Raum
- eine Umgebung für Übersetzungstests
- eine Kopfhöreremulation
- mehr als 800 Kopfhörer-Korrekturprofile
- Safe-Headroom-Funktion
- automatischen Bypass beim Rendern
- Standalone-Betrieb
Die kostenpflichtigen Versionen Space Replicator Essential und Space Replicator Standard erweitern die Auswahl an Studios, Alltagsräumen, Veranstaltungsorten und Kopfhöreremulationen.
Die vollständige Standardversion bietet unter anderem sieben Mixing- und Mastering-Studios, fünf Umgebungen für Übersetzungstests, zwei Live-Veranstaltungsorte und acht Kopfhöreremulationen. Hinzu kommen Funktionen wie individuelle binaurale Profile, regelbare Raumakustik, Ausgangs-EQ, Mischregelung für die Kopfhörerkorrektur, Links-Rechts-Balance und eigene Presets.
Zu den zusätzlichen virtuellen Umgebungen gehören verschiedene Studios, ein Auto, mehrere Clubs, eine Küche, ein Fernsehzimmer und sogar ein Kernkraftwerk. Letzteres dürfte im normalen Mixing-Alltag eher selten als Referenzraum benötigt werden, hebt sich aber zumindest angenehm von der üblichen Auswahl aus Studio, Auto und Wohnzimmer ab.
Kostenlos, aber Registrierung erforderlich
LEWITT Space Replicator Free kann kostenlos über die Produktseite des Herstellers bezogen werden.
Für den Download ist eine Anmeldung mit einer E-Mail-Adresse erforderlich. Anschließend verschickt LEWITT die weiteren Download- und Installationshinweise. Ein zeitliches Ablaufdatum für die kostenlose Version nennt der Hersteller nicht.
Vor der Installation empfiehlt sich ein Blick auf die aktuellen Systemvoraussetzungen und die Liste der unterstützten Kopfhörer. Da mehr als 800 Profile enthalten sind, stehen die Chancen allerdings recht gut, dass zumindest viele verbreitete Studio- und Consumer-Modelle berücksichtigt werden.
Einschätzung
LEWITT Space Replicator Free ist eine bemerkenswert umfangreiche kostenlose Lösung für das Mischen über Kopfhörer. Vor allem die Kombination aus virtuellem Studio, verschiedenen Consumer-Abhören, mehr als 800 Kopfhörerprofilen und Standalone-Betrieb macht das Angebot interessant.
Natürlich ersetzt eine Simulation weder einen akustisch optimierten Raum noch die Erfahrung mit einer vertrauten Abhöranlage. Auch sollte das Plugin nicht dazu verleiten, jede Entscheidung ausschließlich anhand ständig wechselnder virtueller Wiedergabesysteme zu treffen.
Als zusätzliche Kontrollinstanz kann Space Replicator Free jedoch ausgesprochen nützlich sein. Die Software ermöglicht schnelle Gegenproben und kann Schwächen sichtbar beziehungsweise hörbar machen, die auf dem eigenen Kopfhörer zunächst unauffällig bleiben.
Besonders für Produzenten, die aus Platz-, Kosten- oder Lautstärkegründen hauptsächlich über Kopfhörer arbeiten, ist die kostenlose Version daher einen Versuch wert. Ein Weltklasse-Studio wird dadurch zwar nicht tatsächlich ins Schlafzimmer gebaut – aber zumindest darf der Kopfhörer für eine Weile so tun, als wäre es passiert.



