Lunacy Nova: Eigene Audio-Plug-ins ohne Programmierung entwickeln?

Lunacy Nova: Audio-Plug-ins ohne Programmierung

Eine Idee für ein eigenes Audio-Plug-in ist schnell gefunden. Vielleicht fehlt ein Synthesizer, der genau eine bestimmte Klangfarbe erzeugt. Vielleicht soll ein ungewöhnlicher Effekt entstehen oder eine bewährte Signalkette in ein eigenständiges Werkzeug verwandelt werden. Spätestens bei Begriffen wie C++, DSP, JUCE, Benutzeroberfläche, Kopierschutz und Plugin-Formaten wird aus der vermeintlich einfachen Idee jedoch ein umfangreiches Softwareprojekt.

Lunacy Audio möchte diese Hürde mit Nova deutlich verkleinern. Die neue Plattform verbindet einen browserbasierten Katalog virtueller Instrumente mit einem zentralen Host-Plug-in für die DAW. In einem späteren Entwicklungsschritt soll Nova außerdem ermöglichen, eigene Audio-Plugins ohne klassische Programmierung zu bauen, bestehende Werkzeuge zu verändern und die Ergebnisse mit anderen Musikern zu teilen oder zu verkaufen.

Ganz so weit ist Nova allerdings bislang nicht. Die Instrumentenplattform ist bereits gestartet, während sich der eigentliche Nova Builder derzeit noch im Early Access mit einer kleinen Gruppe von Entwicklern befindet. Ein Termin für die allgemeine Freigabe wurde bislang nicht genannt.

LUNACY NOVA
LUNACY NOVA

Lunacy Nova startet zunächst als Instrumentenplattform

In seiner aktuellen Form ist Nova vor allem eine gemeinsame Umgebung für virtuelle Instrumente. Diese lassen sich im Browser ausprobieren und über das kostenlose Nova-Host-Plug-in innerhalb einer DAW verwenden. Statt jedes Instrument einzeln zu installieren und zu verwalten, werden die verschiedenen Nova-Werkzeuge über diesen zentralen Host geladen.

Zum Start umfasst der Katalog zehn Instrumente.

Fünf davon stehen kostenlos zur Verfügung:

  • Woodland Piano basiert auf einem gesampelten Upright-Piano und kombiniert dieses mit einem granularen Delay.
  • Chiptuner ist ein einfacher Chiptune-Synthesizer für klassische Computerspielklänge.
  • Good Vibes liefert ein gesampeltes Vibrafon mit vier Velocity-Stufen und integrierten Effekten.
  • Zephyr Strings erzeugt rhythmische Streicherklänge auf Basis von Aufnahmen des Budapest Strings Chamber Orchestra.
  • Silhouettes konzentriert sich auf atmosphärische Pads und Drones, die über ein XY-Feld verändert werden können.

Damit besitzt Nova bereits vor der Veröffentlichung des Builders einen praktischen Nutzen. Die fünf kostenlosen Instrumente können direkt ausprobiert werden, ohne zunächst Geld investieren zu müssen. Auch die kostenpflichtigen Instrumente lassen sich vor dem Kauf im Browser anspielen.

Fünf kostenpflichtige Instrumente bilden das Launch Bundle

Zusätzlich zu den kostenlosen Angeboten enthält der Nova-Katalog fünf umfangreichere Premium-Instrumente. Dazu gehören Gleam, Growl, Anima, Swarm und Drift Cassette.

Gleam arbeitet mit Physical Modeling beziehungsweise modalen Resonatoren und erzeugt damit Klänge, die zwischen gezupften, angeschlagenen und metallischen Instrumenten liegen können. Growl ist als monofoner Bass-Synthesizer ausgelegt und kombiniert Frequenz- und Phasenmodulation mit einer Multiband-Verzerrung. Anima setzt auf achtstimmige Phase Distortion und aufzeichenbare LFO-Bewegungen. Swarm stapelt bis zu 16 gegeneinander verstimmte Stimmen pro Oszillator, während Drift Cassette zwei Sample-Decks und Lo-Fi-Effekte miteinander verbindet.

LUNACY NOVA Launch Bundle
LUNACY NOVA Launch Bundle

Die fünf Instrumente werden zum Start gemeinsam für 99 US-Dollar angeboten. Einzeln liegen die Einführungspreise je nach Produkt zwischen 19 und 35 US-Dollar. Das Bundle enthält laut Lunacy mehr als 200 Presets, 50 Multisample-Instrumente und zahlreiche eigenständig entwickelte Audioalgorithmen.

Die Instrumente verfolgen überwiegend spezialisierte Klangkonzepte und vermeiden überladene Bedienoberflächen. Nova soll damit offenbar nicht den nächsten universellen Synthesizer mit mehreren hundert Parametern liefern. Stattdessen stehen überschaubare Werkzeuge im Mittelpunkt, die eine bestimmte klangliche Aufgabe möglichst unmittelbar erfüllen.

Der Nova Builder soll Plugins aus Ideen entstehen lassen

Der langfristig interessanteste Teil der Plattform ist der angekündigte Nova Builder. Damit sollen virtuelle Instrumente und Effekte künftig ohne klassische Programmierung erstellt werden können. Nach Angaben von Lunacy werden vorgefertigte Audio- und Effektmodule mit KI-gestützten Anweisungen kombiniert.

Eine Beschreibung wie „Baue einen Step-Sequencer mit anschließendem Shimmer-Reverb“ könnte demnach als Ausgangspunkt dienen. Das erzeugte Werkzeug soll anschließend verändert und erweitert werden können. Der Schwerpunkt liegt also nicht ausschließlich auf einer einmaligen Generierung durch künstliche Intelligenz. Nova möchte vielmehr ein System schaffen, in dem Werkzeuge fortlaufend bearbeitet, untereinander kombiniert und als neue Varianten weitergegeben werden.

Lunacy beschreibt ein Szenario, bei dem ein Nutzer einen Step-Sequencer veröffentlicht. Ein anderer ergänzt einen eigenen Halleffekt, teilt die veränderte Version und ermöglicht damit weitere Abwandlungen. Audio-Plugins würden dadurch weniger als endgültig abgeschlossene Produkte verstanden, sondern eher als veränderbare Bausteine innerhalb einer kreativen Gemeinschaft.

Ob dieses Konzept in der Praxis ähnlich kontrolliert funktioniert, wie es die Beschreibung vermuten lässt, muss sich allerdings erst zeigen. Noch fehlen öffentlich zugängliche Informationen darüber, wie tief sich Signalfluss, Modulation, Bedienoberfläche und DSP-Verhalten tatsächlich bearbeiten lassen. Ebenso ist noch offen, welche Grenzen für rechenintensive Algorithmen oder ungewöhnliche Plugin-Ideen gelten werden.

Entwickeln, verändern, teilen und verkaufen

Lunacy plant nicht nur die Erstellung eigener Werkzeuge. Mit Nova entwickelte Instrumente und Effekte sollen auch geteilt, verändert und über einen Marktplatz verkauft werden können. Dadurch könnte sich Nova zu einer Plattform entwickeln, die Plugin-Entwicklung, Vertrieb und Community miteinander verbindet.

Das erinnert an den Ansatz von Audioloom, das ebenfalls die Entwicklung eigener Audio-Plug-ins ohne C++, JUCE oder ein eigenes Entwicklerteam ermöglichen möchte. Beide Systeme verfolgen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

Audioloom präsentiert sich als komplette Infrastruktur zur Entwicklung und Vermarktung eigenständiger Produkte. Dazu gehören ein visueller DSP-Editor, die Gestaltung der Benutzeroberfläche, automatisierte Builds für VST3, AU und AAX sowie Lizenzierung, Zahlungsabwicklung und Updates.

Nova beginnt dagegen als cloudbasierte Instrumentenbibliothek mit einem gemeinsamen Host-Plug-in. Der geplante Builder setzt stärker auf Prompts, das Verändern vorhandener Werkzeuge und den Austausch innerhalb einer Plattform. Nach dem bisher veröffentlichten Konzept werden Nova-Instrumente über den Nova-Host geladen. Ob später auch vollständig unabhängige Plugins exportiert werden können, ist bislang nicht eindeutig beschrieben.

LUNACY NOVA Instruments
LUNACY NOVA Instruments

Gerade dieser Unterschied dürfte entscheidend werden. Wer eine eigene Plugin-Marke mit vollständig eigenständigen Produkten aufbauen möchte, könnte bei Audioloom besser aufgehoben sein. Wer dagegen schnell experimentieren, vorhandene Instrumente umbauen und Varianten mit anderen Teilen möchte, findet in Nova möglicherweise den direkteren Einstieg.

Die Idee, ohne tiefere Programmierkenntnisse ein eigenes virtuelles Instrument zu bauen, ist übrigens nicht völlig neu. Bereits Werkzeuge wie Maize Sampler ermöglichten es, aus eigenen Samples spielbare Instrumenten-Plug-ins zu erzeugen. Nova erweitert diesen Gedanken jedoch um KI-Unterstützung, veränderbare DSP-Bausteine, Browserzugriff und einen gemeinschaftlichen Marktplatz.

Browser und DAW sollen denselben Instrumentenbestand verwenden

Eine Besonderheit von Nova ist die Verbindung von Browser und DAW. Instrumente können online ausprobiert werden, bevor sie in einer Produktionsumgebung zum Einsatz kommen. Innerhalb der DAW übernimmt das kostenlose Nova-Plug-in die Rolle eines Hosts, über den der persönliche Instrumentenbestand geöffnet und gewechselt wird.

Unter macOS setzt Nova mindestens Version 11 voraus und steht in den Formaten AU, VST3 und AAX zur Verfügung. Unter Windows wird mindestens Windows 10 benötigt; dort werden VST3 und AAX unterstützt. Lunacy empfiehlt acht Gigabyte Arbeitsspeicher. Für Download und Aktivierung ist außerdem eine stabile Internetverbindung erforderlich.

Der zentrale Host vereinfacht die Verwaltung, schafft aber zugleich eine Abhängigkeit von der Nova-Plattform. Bei klassischen Plugins wird jedes Instrument separat installiert und kann unabhängig vom Shop des Herstellers verwendet werden. Bei Nova hängen Instrumentenbibliothek, Aktivierung und künftige Erweiterungen enger mit der Online-Infrastruktur zusammen. Wie gut langfristige Nutzung, Offline-Betrieb, Datensicherung und ein möglicher Umzug auf einen neuen Rechner gelöst sind, dürfte deshalb für viele Nutzer ebenso wichtig werden wie der Builder selbst.

LUNACY NOVA FREE
LUNACY NOVA FREE

KI als Werkzeug statt vollständiger Songgenerator

Nova unterscheidet sich deutlich von Diensten wie SUNO, die auf Grundlage eines Textes komplette Musikstücke erzeugen. Hier soll künstliche Intelligenz nicht den Song schreiben, sondern beim Bau des Werkzeugs helfen, mit dem anschließend eigene Musik produziert wird.

Dieser Ansatz könnte bei Musikern auf größere Akzeptanz stoßen. Die kreative Entscheidung bleibt grundsätzlich beim Anwender: Welche Art von Instrument wird benötigt? Wie soll es reagieren? Welche Effekte gehören in den Signalweg? Und welche Parameter sollen später spielbar oder automatisierbar sein?

Allerdings hängt viel davon ab, ob der Nova Builder tatsächlich genügend Kontrolle bietet. Ein mit wenigen Worten erzeugter Synthesizer mag schnell verfügbar sein. Für ein professionelles Audio-Plugin reichen ein hübsches Bedienfeld und einige vorgefertigte Module jedoch nicht aus. Klangqualität, Modulationsmöglichkeiten, CPU-Verbrauch, Latenz, Automation, Presetverwaltung und zuverlässige DAW-Kompatibilität bleiben auch im KI-Zeitalter entscheidend.

Video: LUNACY NOVA

Erste Einschätzung zu Lunacy Nova

Lunacy Nova startet mit einer ungewöhnlichen Doppelrolle. Schon jetzt ist die Plattform ein zentraler Host für zehn virtuelle Instrumente, darunter fünf kostenlose Angebote. Das allein dürfte ausreichen, um Nova ohne finanzielles Risiko auszuprobieren.

Das eigentlich neue Versprechen liegt jedoch im kommenden Builder. Sollte es Lunacy gelingen, aus Textanweisungen, vorbereiteten DSP-Bausteinen und frei veränderbaren Projekten tatsächlich brauchbare Instrumente und Effekte entstehen zu lassen, könnte Nova die Entwicklung kleiner, spezialisierter Audio-Plug-ins erheblich vereinfachen.

Noch ist allerdings Zurückhaltung angebracht. Der Builder steht der Allgemeinheit nicht zur Verfügung, wichtige technische Einzelheiten fehlen, und auch die Bindung an den Nova-Host muss sich im Produktionsalltag bewähren. Aktuell ist Nova daher vor allem eine interessante Instrumentenplattform mit fünf kostenlosen Klangwerkzeugen. Die versprochene Revolution der Plugin-Entwicklung befindet sich noch im Aufbau.

Weitere Informationen, die kostenlosen Instrumente und das Launch Bundle sind direkt auf der Nova-Produktseite von Lunacy Audio zu finden.

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Andreas

Musiker und Musikproduzent: Gitarre, Keyboards, Drums und Gesang, Tonstudio, Songwriter, Qualitätsmanager, Hobbyfotograf und Online-Redakteur.