MidiBro 2: Intelligenter Browser für riesige MIDI-Sammlungen
MIDI-Dateien besitzen einen entscheidenden Vorteil: Sie beanspruchen kaum Speicherplatz. Genau daraus kann allerdings überraschend schnell ein Problem entstehen. Wer über Jahre MIDI-Packs, Akkordfolgen, Drum-Grooves, Basslinien und eigene musikalische Skizzen sammelt, landet irgendwann vor einem Verzeichnis mit mehreren Tausend Dateien, deren Namen ungefähr so aussagekräftig sind wie „Bassline_07_Final_Neu_2.mid“.
Mit MidiBro 2 möchte der Berliner Musikproduzent und Entwickler Ivo Schmidt Ordnung in solche MIDI-Sammlungen bringen. Die Software kombiniert einen spezialisierten MIDI-Browser mit Analyse-, Such- und Bearbeitungsfunktionen und lässt sich sowohl als eigenständige Anwendung als auch direkt innerhalb einer DAW verwenden.
Die zweite Generation wurde umfassend überarbeitet und erhält mit Hooks, Groove und Analysis drei neue Funktionsbereiche. Hinzu kommt eine optionale MCP-Schnittstelle, über die kompatible KI-Assistenten auf die MIDI-Bibliothek zugreifen können.
MIDI-Dateien durchsuchen, ohne jede Datei einzeln zu öffnen
Das grundlegende Konzept von MidiBro 2 ähnelt einem Sample-Browser – nur eben für MIDI-Dateien. Ordner und Sammlungen werden in einer zentralen Oberfläche katalogisiert und können anschließend durchsucht, gefiltert und vorgehört werden.
Das ist vor allem dann interessant, wenn eine umfangreiche MIDI-Bibliothek nicht nur aus gekauften Paketen, sondern auch aus eigenen Arrangements, Melodieideen und älteren Projekten besteht. Anstatt Dateien einzeln in die DAW zu ziehen und dort einem Instrument zuzuweisen, ermöglicht MidiBro eine direkte Vorschau.
Die Standalone-Version verwendet dazu einen integrierten General-MIDI-Klangerzeuger, der auch Drum-Spuren wiedergeben kann. Der Klang dient dabei nicht unbedingt als finale Instrumentierung, sondern ermöglicht eine schnelle Einschätzung der enthaltenen Noten, Akkorde und Rhythmen.
Wer noch einmal grundsätzlich nachlesen möchte, was MIDI eigentlich speichert und warum sich eine MIDI-Datei jederzeit mit einem anderen Instrument wiedergeben lässt, findet die technischen Grundlagen im Professor-Pegel-Artikel Was ist MIDI?.
Standalone-Anwendung und Plugin für die DAW
MidiBro 2 kann auf zwei unterschiedliche Arten eingesetzt werden. Die eigenständige Anwendung eignet sich vor allem zum Durchsuchen und Organisieren größerer Bibliotheken. Zusätzlich wird die Software als Plugin angeboten und kann dadurch direkt mit dem Transport der DAW synchronisiert werden.
Innerhalb einer Produktionsumgebung übernimmt MidiBro Master die zentrale Verwaltung. MIDI-Daten können anschließend entweder über den integrierten General-MIDI-Synthesizer wiedergegeben, direkt an eine Instrumentenspur weitergeleitet oder über zusätzliche Receiver-Plugins auf mehrere Spuren verteilt werden.
Letzteres ist bei mehrspurigen MIDI-Dateien interessant. Einzelne Parts lassen sich verschiedenen Instrumentenspuren zuweisen, während Mixer-Einstellungen und MPE-Daten erhalten bleiben sollen. Auf diese Weise kann aus einer mehrspurigen MIDI-Datei relativ schnell ein vollständiges Arrangement mit eigenen virtuellen Instrumenten entstehen.
Passend dazu erklärt der Grundlagenartikel Was ist MPE?, wie sich mehrdimensionale Ausdrucksdaten von herkömmlichen MIDI-Steuerinformationen unterscheiden.
Hooks sucht nach den interessantesten Takten
Eine der auffälligsten Neuerungen von MidiBro 2 ist der Bereich Hooks. Die Software analysiert MIDI-Dateien und versucht, darin musikalische Abschnitte mit besonderem Hook-Potenzial zu erkennen.
Das bedeutet nicht, dass MidiBro zuverlässig beurteilen könnte, welche Melodie später zum Welthit wird. Eine solche Funktion wäre vermutlich etwas teurer als 35 Euro. Stattdessen werden Notenmuster untersucht und einzelne Abschnitte anhand musikalischer Merkmale bewertet.
Die interessantesten Takte lassen sich anschließend direkt in die DAW ziehen. Besonders bei langen MIDI-Dateien kann das den Arbeitsablauf erheblich beschleunigen. Statt ein vollständiges Arrangement mehrfach anzuhören, lassen sich vielversprechende Fragmente gezielt herausfiltern und als Ausgangspunkt für eine eigene Komposition verwenden.
Groove extrahieren oder MIDI-Performances lockern
Der neue Groove-Bereich beschäftigt sich mit dem rhythmischen Charakter einer MIDI-Performance. Grooves lassen sich aus vorhandenen MIDI-Dateien sowie aus Ableton-Groove-Dateien im AGR-Format extrahieren.
Dadurch kann das Timing einer eingespielten Schlagzeugfigur auf eine andere MIDI-Sequenz übertragen werden. Ebenso ist es möglich, allzu exakt quantisierte MIDI-Dateien rhythmisch aufzulockern.
Gerade bei Schlagzeug, Percussion, Bass und rhythmischen Begleitfiguren entsteht musikalische Wirkung schließlich nicht allein dadurch, welche Noten gespielt werden. Kleine Abweichungen im Timing und in der Anschlagstärke entscheiden häufig darüber, ob eine Sequenz lebendig oder eher wie die musikalische Begleitung eines Druckertests wirkt.
MidiStack
MidiStack ist ein Baustein-Raster mit 16 Feldern, ähnlich wie die Session-Ansicht in Ableton Live oder der Clip-Launcher in Bitwig, nur mit MIDI-Bausteinen. In jedes Feld legt man eine MIDI?Datei. Während die DAW läuft, schaltet man live zwischen den Feldern um. Der Wechsel wartet automatisch auf den nächsten Takt. Jedes Feld lässt sich einer eigenen Spur zuweisen. So kann zum Beispiel Feld 1 den Bass spielen und Feld 5 die Drums, beide schaltet man unabhängig voneinander durch.
Die Bausteine bleiben dabei bearbeitbar: Die Oktave jedes Feldes lässt sich direkt ändern, ein Klick zeigt ähnliche Dateien aus der eigenen Bibliothek zum Austauschen an, und mit den eingebauten Werkzeugen für Akkordanpassung oder neue Varianten lässt sich der Inhalt eines Feldes verändern, ohne die Datei vorher woanders zu bearbeiten.
Analysis untersucht Noten, Tonart und Velocity
Der dritte neue Funktionsbereich trägt den passenden Namen Analysis. Hier stellt MidiBro verschiedene Informationen über eine ausgewählte Datei dar. Dazu gehören die enthaltenen Noten, Velocity-Werte, die erkannte Tonart und vorhandene Metadaten.
Außerdem kann die Software nach ähnlichen MIDI-Dateien innerhalb der Bibliothek suchen. Wer eine passende Basslinie oder Akkordfolge gefunden hat, erhält damit die Möglichkeit, musikalisch verwandtes Material aufzuspüren, ohne ausschließlich auf Dateinamen oder Ordnerstrukturen angewiesen zu sein.
Die grafischen Notenvorschauen wurden für MidiBro 2 ebenfalls überarbeitet und um eine Pianotastatur ergänzt. Zudem unterstützt die neue Version Taktarten jenseits des üblichen 4/4-Taktes.
Bekannte Werkzeuge aus MidiBro 1 bleiben erhalten
Die neuen Funktionen ersetzen die Werkzeuge der ersten Version nicht. MidiBro 2 enthält weiterhin Variations, MidiStack, ChordFit, Split, DrumMap und KeyShift.
Damit können unter anderem Varianten einer MIDI-Sequenz erzeugt, mehrere MIDI-Dateien kombiniert, Akkordfolgen angepasst, mehrspurige Dateien aufgeteilt, Schlagzeugzuordnungen verändert und musikalische Inhalte in eine andere Tonart transponiert werden.
Die Oberfläche wurde für die zweite Generation neu gestaltet. Ordner und Sammlungen lassen sich nun in separaten Tabs öffnen. Hinzu kommen ein kompakteres Seitenpanel, ein ausklappbarer Inspector und direkt erreichbare Bearbeitungsbereiche, die frühere modale Fenster ersetzen.
Nach Angaben des Entwicklers wurden auch die zugrunde liegenden Algorithmen überarbeitet. MidiBro 2 soll selbst bei Bibliotheken mit mehreren Millionen Dateien schnell arbeiten.
KI-Assistenten dürfen auf Wunsch mithelfen
Technisch besonders interessant ist die neue MCP-Unterstützung. MCP steht für Model Context Protocol und ermöglicht es kompatiblen KI-Assistenten, mit externen Anwendungen und Datenquellen zu kommunizieren.
Nach der Aktivierung kann ein Assistent angewiesen werden, innerhalb der eigenen Bibliothek nach einer düsteren Basslinie in A-Moll mit einem Tempo zwischen 120 und 128 BPM zu suchen. Anschließend können passende Dateien geladen, wiedergegeben, transponiert oder als Grundlage für Variationen verwendet werden.
Wichtig ist dabei: Die MCP-Anbindung ist standardmäßig deaktiviert und muss ausdrücklich in den Einstellungen eingeschaltet werden. MidiBro 2 bleibt somit auch vollständig ohne KI-Unterstützung verwendbar.
Der Ansatz unterscheidet sich außerdem von einem klassischen generativen Musikdienst. Die KI arbeitet hier zunächst mit der lokalen MIDI-Sammlung des Anwenders. Sie dient als sprachgesteuerte Bedien- und Suchoberfläche für bereits vorhandenes Material und kann zusätzlich die Variationsfunktionen von MidiBro aufrufen.
Damit zeigt MidiBro 2 eine interessante Richtung für KI-gestützte Musiksoftware: Der Assistent erzeugt nicht zwangsläufig den vollständigen Song, sondern hilft dabei, vorhandene Werkzeuge und das eigene musikalische Archiv schneller zu nutzen.
Umstieg von MidiBro 1
MidiBro 2 wird parallel zur ersten Version installiert und verwendet eine eigene Datenbank. Beim ersten Start kann die Bibliothek aus MidiBro 1 importiert werden. Die vorhandenen Dateien sollen dabei nicht verändert werden.
Auch die Plugins wurden teilweise umbenannt. MidiBro Master und MidiBro Receiver übernehmen in der zweiten Generation die Aufgaben der früheren Plugin-Lösung. MidiBro 1 bleibt weiterhin als Download erhältlich, wird laut Entwickler jedoch nicht mehr gepflegt oder unterstützt.
Für Besitzer der ersten Version handelt es sich bei MidiBro 2 um einen separaten Kauf. Der bisherige Lizenzschlüssel schaltet die neue Version nicht frei. Bestandskunden können den Entwickler allerdings wegen eines Upgrade-Rabatts kontaktieren.
Preis, Demo und Systemvoraussetzungen
MidiBro 2 ist für macOS und Windows erhältlich. Unterstützt werden Windows 10 und Windows 11 in der 64-Bit-Version sowie macOS ab Version 14 auf Intel- und Apple-Silicon-Systemen. Die Plugin-Ausführungen umfassen je nach Plattform VST3, AU und AAX.
Die Benutzeroberfläche steht in neun Sprachen zur Verfügung, darunter Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch und Japanisch. Auch die Skalierung der Oberfläche lässt sich an unterschiedliche Bildschirmgrößen anpassen.
Eine kostenlose Testversion kann ohne zeitliche Begrenzung verwendet werden. Sie ist auf fünf Hauptordner und 200 Suchergebnisse beschränkt. Nach dem Kauf wird die vorhandene Installation über einen Lizenzschlüssel freigeschaltet; eine erneute Installation ist nicht erforderlich.
Bis zum 13. September 2026 gilt ein reduzierter Einführungspreis von 35 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer. Für Deutschland nennt der Entwickler einen Endpreis von 41,65 Euro. Der tatsächlich berechnete Betrag richtet sich nach dem jeweiligen Land. Es handelt sich um einen einmaligen Kauf ohne Abonnement; zukünftige Updates sollen eingeschlossen sein. Weitere Informationen und die kostenlose Testversion gibt es direkt bei MidiBro.
Fazit
MidiBro 2 richtet sich an Produzenten, deren MIDI-Sammlung längst größer geworden ist als ihre Bereitschaft, sich noch an deren Ordnerstruktur zu erinnern. Die Software beschränkt sich nicht auf das Anzeigen und Abspielen von Dateien, sondern verbindet Bibliotheksverwaltung, musikalische Analyse und kreative Bearbeitung.
Besonders interessant erscheinen die Suche nach ähnlichen Dateien, die Extraktion von Grooves und die Möglichkeit, mehrspuriges MIDI-Material synchron innerhalb einer DAW wiederzugeben. Die neue Hook-Analyse könnte zudem dabei helfen, musikalisch interessante Fragmente in längeren Dateien schneller aufzuspüren.
Die optionale MCP-Anbindung erweitert das Konzept um eine sprachgesteuerte Suche und Bearbeitung. Ob man seinen Computer tatsächlich bitten möchte, eine düstere Basslinie mit exakt 124 BPM auszugraben, bleibt selbstverständlich jedem selbst überlassen. Bei mehreren Tausend kryptisch benannten MIDI-Dateien dürfte die Alternative allerdings häufig darin bestehen, sie nie wiederzufinden.







