Professor Pegel erklärt Mikrofonpositionierung

Mikrofonpositionierung einfach erklärt – so gelingen bessere Aufnahmen

Kaum ein Thema wird bei der Aufnahme von Sprache, Gesang oder Instrumenten so häufig unterschätzt wie die Position eines Mikrofons. Viele Produzenten investieren viel Geld in hochwertige Mikrofone, Mikrofonvorverstärker oder Audio-Interfaces, während die eigentliche Mikrofonposition eher dem Zufall überlassen wird. Dabei entscheidet oft nicht das Mikrofon selbst über die Qualität einer Aufnahme, sondern der Ort, an dem es aufgestellt wird.

Schon wenige Zentimeter können den Klang einer Stimme deutlich verändern. Ein Mikrofon, das etwas höher oder tiefer ausgerichtet wird, beeinflusst die Sprachverständlichkeit. Eine kleine Veränderung des Winkels kann Zischlaute reduzieren. Auch der Abstand zur Schallquelle entscheidet darüber, ob eine Aufnahme natürlich, warm, brillant oder sogar dumpf klingt.

Professor Pegel sagt deshalb gerne:

„Das beste Mikrofon nützt wenig, wenn es am falschen Platz steht.“

Genau deshalb gehört die Mikrofonpositionierung zu den wichtigsten Grundlagen jeder Aufnahme.

Professor Pegel - Mikrofonpositionierung
Professor Pegel – Mikrofonpositionierung

Warum die Position wichtiger ist als das Mikrofon

Viele Einsteiger stellen zunächst die Frage: „Welches Mikrofon klingt am besten?“ Professionelle Toningenieure stellen dagegen häufig eine andere Frage: „Wo klingt dieses Mikrofon am besten?“ Ein hochwertiges Studiomikrofon kann bei einer ungünstigen Position schlechter klingen als ein deutlich günstigeres Modell, das optimal platziert wurde. Der Grund dafür liegt in der Art und Weise, wie Schall entsteht.

Schall breitet sich kugelförmig im Raum aus. Bereits wenige Zentimeter verändern das Verhältnis zwischen Direktschall und reflektiertem Schall. Gleichzeitig verändern sich Lautstärke, Frequenzgang und räumlicher Eindruck. Das Mikrofon nimmt also nicht einfach den Klang auf. Es nimmt den Klang an genau diesem Punkt im Raum auf.

Drei Faktoren bestimmen jede Mikrofonposition

Professor Pegel unterteilt jede Mikrofonaufstellung in drei grundlegende Parameter.

Der Abstand

Der Abstand zwischen Schallquelle und Mikrofon beeinflusst unmittelbar:

  • Lautstärke
  • Raumanteil
  • Nahbesprechungseffekt
  • Bassanteil
  • Natürlichkeit

Ein geringerer Abstand liefert meist mehr Direktheit und Wärme. Ein größerer Abstand erzeugt dagegen mehr Räumlichkeit und Natürlichkeit.

Die Höhe

Ebenso wichtig ist die vertikale Position. Ein Mikrofon auf Mundhöhe klingt völlig anders als ein Mikrofon, das leicht oberhalb oder unterhalb des Mundes positioniert wird. Viele Sprecher richten das Mikrofon leicht oberhalb des Mundes aus. Dadurch treffen Luftstöße von Plosivlauten nicht direkt auf die Membran. Zusätzlich wirken Zischlaute häufig etwas angenehmer.

Der Winkel

Der dritte Parameter wird erstaunlich häufig vergessen. Schon eine leichte Drehung von zehn bis zwanzig Grad kann den Klang deutlich verändern. Ein Mikrofon, das nicht exakt auf den Mund zeigt, nimmt weniger Plosivlaute und Zischlaute auf. Deshalb arbeiten viele Rundfunkstudios bewusst mit einer leicht seitlichen Mikrofonposition. Professor Pegel schmunzelt.

„Manchmal reicht ein kleiner Dreh – und plötzlich klingt alles professioneller.“

Mikrofonpositionierung beim Gesang

Gesangsaufnahmen gehören zu den anspruchsvollsten Anwendungen. Hier müssen mehrere Ziele gleichzeitig erreicht werden. Die Stimme soll natürlich wirken. Der Raum soll möglichst wenig hörbar sein. Plosivlaute sollen vermieden werden. Gleichzeitig soll der Sänger genügend Bewegungsfreiheit besitzen.

In den meisten Studios wird das Mikrofon daher leicht oberhalb der Mundhöhe positioniert und etwa fünfzehn bis zwanzig Zentimeter entfernt aufgestellt. Ein Popfilter sorgt zusätzlich für einen konstanten Abstand. Viele Sänger bewegen sich während der Performance bewusst leicht zum Mikrofon hin oder von ihm weg. Diese Technik gehört seit Jahrzehnten zur professionellen Gesangsaufnahme.

Mikrofon Popfilter
Mikrofon Popfilter

Sprache und Podcasts

Bei Sprachaufnahmen gelten teilweise andere Regeln. Podcaster, Rundfunksprecher und Synchronsprecher wünschen meist einen besonders direkten Klang. Hier wird häufig mit geringeren Mikrofonabständen gearbeitet. Typisch sind fünf bis zehn Zentimeter. Der Nahbesprechungseffekt sorgt dabei für die bekannte warme Rundfunkstimme. Allerdings steigt gleichzeitig die Gefahr von Plosivlauten und Atemgeräuschen. Deshalb gehören Popfilter und eine leicht seitliche Mikrofonposition praktisch zur Standardausstattung jedes Podcast-Studios.

Akustische Instrumente

Jede Schallquelle strahlt ihren Klang unterschiedlich ab. Eine Akustikgitarre klingt etwa völlig anders, wenn das Mikrofon direkt auf das Schallloch gerichtet wird. Der Bass nimmt deutlich zu. Oft wirkt der Klang jedoch unausgewogen. Viele Toningenieure richten das Mikrofon deshalb eher auf den Bereich zwischen Schallloch und zwölftem Bund.

Dadurch entsteht ein wesentlich natürlicheres Klangbild. Professor Pegel vergleicht das gerne mit einem Fotografen.

„Nicht jeder Blickwinkel zeigt das schönste Bild – beim Mikrofon ist das genauso.“

Der Raum spielt immer mit

Ein häufiger Irrtum besteht darin, ausschließlich das Mikrofon zu betrachten. Tatsächlich nimmt jedes Mikrofon immer auch einen Teil des Raumes auf. Je größer der Abstand zur Schallquelle wird, desto stärker beeinflusst die Raumakustik den Klang. Deshalb klingen Aufnahmen in unbehandelten Räumen häufig hallig oder undefiniert. Ein kleiner Mikrofonabstand verbessert deshalb oft nicht nur die Sprachverständlichkeit, sondern reduziert gleichzeitig störende Raumreflexionen.

Mikrofontypen - Dynamisch
Mikrofontypen – Dynamisch

Der richtige Abstand entscheidet über den Klang

Professor Pegel stellt die Kaffeetasse auf den Studiotisch und nimmt ein weiteres Mikrofon aus dem Schrank. „Bis jetzt haben wir uns angesehen, warum Abstand, Höhe und Winkel so wichtig sind. Jetzt wird es praktisch. Denn jedes Instrument besitzt seinen eigenen Sweet Spot.“ Mit einem Lächeln richtet er das Mikrofon auf eine Akustikgitarre. „Und genau hier beginnt die eigentliche Kunst der Mikrofonpositionierung.

Die Mikrofonposition bei der E-Gitarre

Ein Gitarrenlautsprecher strahlt seinen Klang nicht überall gleichmäßig ab. Viele Einsteiger platzieren das Mikrofon direkt vor der Mitte des Lautsprechers. Das Ergebnis überrascht häufig. Der Klang wirkt sehr brillant, teilweise sogar scharf. Der Grund liegt im sogenannten Dust Cap, also der Staubschutzkalotte in der Mitte des Lautsprechers. Dort werden besonders viele Höhen abgestrahlt.

Schon wenige Zentimeter weiter außen verändert sich der Klang deutlich. Die Höhen werden weicher, während die Mitten stärker in den Vordergrund treten. Auch der Abstand spielt eine wichtige Rolle. Ein Mikrofon direkt vor dem Lautsprecher liefert einen sehr direkten und druckvollen Klang. Mit zunehmendem Abstand mischt sich dagegen immer mehr Raumanteil hinzu. Professor Pegel grinst.

„Der Gitarrenverstärker klingt nicht nur vorn gut – manchmal liegt der schönste Klang genau daneben.“

Die richtige Position bei der Akustikgitarre

Bei einer Akustikgitarre richtet sich der Blick vieler Musiker sofort auf das Schallloch. Genau dort sollte das Mikrofon jedoch meist nicht direkt hinzeigen. Warum? Aus dem Schallloch treten besonders viele tiefe Frequenzen aus. Wird das Mikrofon direkt darauf ausgerichtet, entsteht häufig ein basslastiger und unausgewogener Klang.

Professionelle Toningenieure platzieren das Mikrofon deshalb oft zwischen dem Schallloch und dem zwölften Bund. Dort entsteht ein ausgewogenes Verhältnis aus Saitengeräuschen, Resonanz und Brillanz. Je nach Musikstil kann dieser Punkt natürlich leicht variieren.

Mikrofontypen - Großmembran
Mikrofontypen – Großmembran

Schlagzeug – jedes Mikrofon hat eine Aufgabe

Beim Schlagzeug zeigt sich besonders deutlich, wie wichtig die Mikrofonpositionierung ist. Die Bassdrum benötigt meist einen völlig anderen Mikrofonabstand als die Snare. Die Overheads wiederum bilden das gesamte Schlagzeug ab. Schon kleine Veränderungen der Mikrofonhöhe beeinflussen das Stereobild erheblich. Zusätzlich müssen Laufzeitunterschiede zwischen den Mikrofonen berücksichtigt werden.

Deshalb messen viele Toningenieure die Abstände der Overheads sogar mit einem Maßband aus. Professor Pegel hebt schmunzelnd den Zollstock. „Heute ist das wichtigste Studio-Plugin ausnahmsweise aus Metall.

Klavier und Flügel

Auch beim Klavier existiert keine einzige perfekte Mikrofonposition. Ein Konzertflügel besitzt einen enorm großen Klangkörper. Je nachdem, ob das Mikrofon näher an den Saiten, über dem Resonanzboden oder weiter entfernt im Raum platziert wird, verändert sich der Charakter erheblich. Für Popproduktionen werden Mikrofone häufig relativ nah an den Saiten positioniert. Klassische Aufnahmen nutzen dagegen meist größere Abstände, damit sich der gesamte Klang des Instruments natürlich entfalten kann.

Typische Anfängerfehler

Professor Pegel öffnet einige ältere Aufnahmeprojekte seiner Studenten.

Fast alle zeigen ähnliche Probleme.

Der häufigste Fehler besteht darin, das Mikrofon ausschließlich nach dem Aussehen aufzustellen.

Viele richten es genau mittig vor dem Sänger aus.

Andere platzieren es viel zu weit entfernt, weil sie glauben, dadurch natürlicher zu klingen.

Ebenso problematisch sind ständig wechselnde Mikrofonabstände während der Aufnahme.

Jede Bewegung verändert Lautstärke, Bassanteil und Raumklang.

Dadurch entstehen hörbare Schwankungen, die später nur schwer auszugleichen sind.

Ein weiterer Klassiker besteht darin, das Mikrofon direkt auf stark reflektierende Flächen auszurichten.

Fenster.

Kahle Wände.

Schreibtische.

Alle diese Flächen werfen Schall zurück zum Mikrofon und verschlechtern die Aufnahmequalität.

Mikrofonpositionierung - Funktionsweise
Mikrofonpositionierung – Funktionsweise

Stereo beginnt bereits bei der Mikrofonposition

Sobald zwei Mikrofone verwendet werden, wird ihre Positionierung noch wichtiger. Je nach Verfahren entstehen völlig unterschiedliche räumliche Eindrücke. Beim XY-Verfahren kreuzen sich zwei Mikrofone nahezu am selben Punkt. Dadurch entsteht eine sehr stabile Stereoabbildung mit hervorragender Monokompatibilität.

Beim ORTF-Verfahren werden die Mikrofone etwas weiter auseinander und in einem bestimmten Winkel aufgestellt. Das Klangbild wirkt natürlicher und räumlicher.

Das AB-Verfahren arbeitet mit größerem Mikrofonabstand. Dadurch entsteht eine besonders breite Stereoaufnahme, allerdings steigt gleichzeitig die Gefahr von Phasenauslöschungen.

Professor Pegel nickt zufrieden. „Nicht nur das Mikrofon entscheidet über den Klang – auch sein Nachbar.

Kleine Veränderungen – große Wirkung

Einer der wichtigsten Grundsätze professioneller Aufnahmetechnik lautet: Nicht sofort den Equalizer öffnen. Oft genügt bereits eine minimale Veränderung der Mikrofonposition. Ein Zentimeter mehr Abstand. Fünf Grad anderer Winkel. Zwei Zentimeter höher. Solche kleinen Veränderungen wirken häufig natürlicher als umfangreiche Nachbearbeitungen mit Equalizer oder Plug-ins. Genau deshalb verbringen professionelle Toningenieure oft mehr Zeit mit der Mikrofonaufstellung als mit der späteren Klangbearbeitung.

Professor Pegels Praxistipp

Bevor eine Aufnahme beginnt, lohnt sich ein kleiner Test. Das Mikrofon wird zunächst in der vermuteten Idealposition aufgestellt. Anschließend wird es jeweils nur wenige Zentimeter in verschiedene Richtungen bewegt, während eine kurze Testaufnahme erfolgt. Bereits nach wenigen Minuten lässt sich anschließend objektiv vergleichen, welche Position den besten Klang liefert. Diese Methode spart später oft deutlich mehr Zeit als stundenlanges Nachbearbeiten im Mix.

Professor Pegels Merksatz

„Ein gutes Mikrofon nimmt Schall auf – ein gut platziertes Mikrofon nimmt Musik auf.“

Fazit

Professor Pegel legt das Mikrofon zurück in den Schrank und blickt zufrieden durch das Tonstudio. „Viele Produzenten suchen nach immer besseren Mikrofonen“, sagt er. „Dabei besitzen sie die wichtigste Klangverbesserung bereits – sie müssen das Mikrofon nur richtig aufstellen.“ Die Mikrofonpositionierung gehört zu den grundlegendsten Fähigkeiten in der Audiotechnik. Schon wenige Zentimeter entscheiden darüber, ob eine Stimme präsent oder dünn klingt, ob eine Gitarre ausgewogen oder basslastig wirkt und ob ein Instrument seinen natürlichen Charakter behält.

Wer den Einfluss von Abstand, Winkel und Höhe versteht, erzielt bereits vor der eigentlichen Aufnahme eine deutlich höhere Klangqualität. Dadurch reduziert sich der Bedarf an Equalizern, Kompressoren und anderen Korrekturwerkzeugen erheblich. Die wichtigste Erkenntnis lautet deshalb: Der beste Klang entsteht nicht erst beim Mixing – sondern bereits dort, wo das Mikrofon seinen Platz findet.

Schreibe einen Kommentar