Orra Deverb entfernt Raumhall aus Aufnahmen – kostenlos
Störender Raumhall gehört zu den Problemen, die sich nach einer Aufnahme nur schwer korrigieren lassen. Orra Audio stellt mit Orra Deverb nun ein neues De-Reverberation-Plugin vor, das den Raumanteil in Sprach-, Gesangs- und Instrumentalaufnahmen reduzieren soll. Die Software analysiert dafür eine einzelne Mono- oder Stereospur und benötigt weder eine separate Raumaufnahme noch ein zusätzliches Referenzsignal. Besonders interessant: Orra Deverb wird kostenlos angeboten, der Hersteller setzt jedoch auf ein freiwilliges „Pay what you can“-Modell.
Orra Deverb soll den Raum leiser machen
Während ein klassisches Reverb-Plugin künstlichen Nachhall erzeugt, verfolgt Orra Deverb den umgekehrten Ansatz. Das Plugin versucht, den bereits in einer Aufnahme enthaltenen Raumklang zu erkennen und abzusenken. Dabei geht es vor allem um die Hallfahne nach gesprochenen Worten, Gesangsphrasen oder gespielten Noten sowie um die diffuse Räumlichkeit unterhalb des Direktsignals.
Orra Audio beschreibt das Verfahren als Kombination aus Raummodell und spektraler Trennung. Das Raummodell berücksichtigt zum einen die Nachhallzeit des aufgenommenen Raumes und zum anderen die Lautstärke des Nachhalls im Verhältnis zum direkten Klang. Anschließend analysiert Orra Deverb das Audiosignal mehrfach pro Sekunde und getrennt nach Frequenzbereichen. Auf diese Weise soll das Plugin entscheiden, welche Bestandteile zum eigentlichen Signal und welche zum Raum gehören.
Die Phase des Direktsignals wird laut Hersteller nicht verändert. Bei Stereomaterial wendet Orra Deverb dieselbe frequenzabhängige Pegeländerung auf beide Kanäle an, um das ursprüngliche Stereobild möglichst zu erhalten. Wie künstlicher Nachhall grundsätzlich funktioniert, erklärt unser Grundlagenartikel Professor Pegel: Wie funktioniert künstlicher Nachhall (Reverb)?.
Scout analysiert den aufgenommenen Raum
Eine zentrale Funktion von Orra Deverb heißt Scout. Nach dem Start der Analyse wird eine geeignete Passage abgespielt, die Pausen oder klar ausklingende Noten enthält. Scout untersucht die hörbaren Hallfahnen und stellt auf dieser Grundlage mehrere Parameter automatisch ein. Die Analyse dauert nach Herstellerangaben zwischen acht und 30 Sekunden hörbaren Audiomaterials.
Scout ermittelt unter anderem die Raumabklingzeit „Room Decay“. Bei Stereospuren soll außerdem der Hallpegel anhand der Unterschiede beziehungsweise der Kohärenz zwischen linkem und rechtem Kanal bestimmt werden. Hinzu kommen Ausgangswerte für Max Reduction, Preserve, Focus und Reduction. Weniger als vier geeignete Hallfahnen reichen dem System nicht: In diesem Fall meldet Scout, dass keine zuverlässige Messung möglich war, und verändert die Einstellungen nicht.
Das ist eine vernünftige Einschränkung, denn ein durchgehend dichtes Arrangement oder ein lang gehaltener Flächensound bietet einer automatischen Raumanalyse kaum eindeutige Ausklänge. Am besten dürfte Scout deshalb mit Sprache, Gesang, Schlagzeug, gezupften Instrumenten und anderen Aufnahmen funktionieren, in denen sich Direktsignal und Hallfahne zeitlich zumindest teilweise voneinander unterscheiden lassen.
Die wichtigsten Bedienelemente
Trotz der komplexen Analyse bleibt die Oberfläche vergleichsweise übersichtlich. Der Regler Reduction bestimmt, wie stark der erkannte Raumanteil abgesenkt wird. Room Decay bildet eine Nachhallzeit zwischen 0,15 und 3,00 Sekunden ab, während Reverb Level den Pegel des Raumanteils im Verhältnis zum Direktsignal beschreibt.
Mit Preserve lassen sich Transienten und tonale Details stärker schützen. Das dürfte insbesondere bei Gesang, Streichern, Gitarren oder anderen länger gehaltenen Klängen wichtig sein, deren natürlicher Ausklang sonst mit der Hallfahne verwechselt werden könnte. Focus verschiebt den Schwerpunkt der Bearbeitung zu tiefen oder hohen Frequenzen. Damit kann ein dumpfer, dröhnender Raum gezielter behandelt werden, ohne die Höhen unnötig stark zu bearbeiten.
Smoothing beeinflusst, wie schnell sich die Absenkung von Analysefenster zu Analysefenster verändern darf. Max Reduction begrenzt den maximalen Eingriff auf einen Bereich zwischen 3 und 30 dB. Ein Output-Regler gleicht abschließend den Ausgangspegel an.
Hilfreich ist die Schaltfläche Removed. Sie gibt ausschließlich den Signalanteil wieder, den Orra Deverb entfernt. Sind darin nicht nur diffuse Hallfahnen, sondern deutlich erkennbare Wörter, Noten oder Transienten zu hören, wurde die Bearbeitung vermutlich zu stark eingestellt. Diese Kontrollmöglichkeit ist gerade bei Restaurationswerkzeugen wertvoll, weil ein trockeneres Ergebnis nicht automatisch auch natürlicher klingt.
Drei Anzeigen und sechs Ausgangspunkte
Für die optische Kontrolle stehen drei Darstellungen bereit. Die Spektrumanzeige vergleicht das Eingangssignal mit dem bearbeiteten Ergebnis. Eine zweite Ansicht zeigt die aktuelle Reduktion über den Frequenzbereich. Die Tail-Anzeige stellt den zeitlichen Pegelverlauf vor und nach der Bearbeitung dar, sodass sich eine verkürzte Hallfahne unmittelbar erkennen lässt.
Sechs Presets dienen als Ausgangspunkt: Natural, Vocal, Dialogue, Instrument, Drums und Mix. Zusätzlich bietet das Plugin eine A/B-Vergleichsfunktion und skalierbare Bedienoberflächen zwischen 75 und 150 Prozent. Die Tooltips stehen in sieben Sprachen zur Verfügung, darunter Deutsch.
Orra Deverb kennt seine Grenzen
Der Hersteller weist ausdrücklich darauf hin, dass Orra Deverb keine vollständige akustische Reparatur verspricht. Die ersten rund 40 Millisekunden eines Signals werden nicht vom De-Reverberation-Verfahren erfasst. Dadurch sollen Transienten und Direktsignal intakt bleiben, frühe Reflexionen und die Klangfärbung sehr kleiner Räume können jedoch weiterhin hörbar sein.
Auch dichter Nachhall unter lang gehaltenem Material lässt sich aus einer einzelnen fertigen Audiospur nicht vollständig herausrechnen. Bei aggressiven Einstellungen kann zudem der natürliche Ausklang eines Instruments verkürzt werden. Echos und deutlich hörbare Delay-Wiederholungen sind ebenfalls kein ideales Einsatzgebiet. Ein Rauschunterdrücker ist Orra Deverb nicht: Konstantes Hintergrundrauschen wird weder gezielt erkannt noch entfernt.
Diese Grenzen sind in der Praxis wichtig. De-Reverberation kann eine ungünstige Aufnahme verbessern, ersetzt jedoch keine passende Mikrofonposition, akustische Maßnahmen oder eine kontrollierte Aufnahmesituation. Orra Deverb dürfte sich vor allem für Sprachaufnahmen, Podcasts, Interviews, Gesangsdemos, mobile Recordings und einzelne Instrumentenspuren eignen, bei denen sich zu viel Raumklang erst nach der Aufnahme bemerkbar macht.
Formate, Systeme und Latenz
Orra Deverb läuft unter macOS ab Version 10.13 auf Apple-Silicon- und Intel-Rechnern. Unterstützt werden dort VST3, Audio Unit und AAX. Unter Windows 10 oder neuer steht das Plugin in den Formaten VST3 und AAX als 64-Bit-Version zur Verfügung. Eine Erklärung der aktuellen Plugin-Schnittstellen liefert unter anderem der Artikel Professor Pegel erklärt: VST 3 – Was das Plugin-Format heute wirklich kann.
Das Plugin verarbeitet Mono- und Stereospuren bei Abtastraten zwischen 44,1 und 192 kHz. Die Latenz beträgt 2.048 Samples und wird an die jeweilige DAW gemeldet. Abhängig von der Abtastrate ergeben sich laut Dokumentation rund 42,7 bis 46,4 Millisekunden. Damit ist Orra Deverb eher für die nachträgliche Bearbeitung und weniger für latenzkritisches Echtzeit-Monitoring während der Aufnahme gedacht.
Orra Deverb ist kostenlos erhältlich
Orra Audio bietet Orra Deverb unter dem Motto „Free – pay what you can“ an. Das Plugin kann somit kostenlos bezogen werden; wer die Entwicklung unterstützen möchte, kann freiwillig einen Betrag zahlen. Trotz des kostenlosen Angebots wird eine Lizenz über den Checkout ausgegeben. Die Aktivierung benötigt einmalig eine Internetverbindung, anschließend wird die Lizenz lokal geprüft.
Alternativ steht eine vollständige 14-Tage-Demoversion zur Verfügung, die pro Rechner einmal gestartet werden kann. Orra Deverb ist direkt über die Produktseite des Herstellers erhältlich.
Einschätzung
Orra Deverb macht einen durchdachten Eindruck, weil das Plugin nicht nur eine automatische Ein-Knopf-Lösung verspricht. Scout schafft einen gemessenen Ausgangspunkt, während Preserve, Focus, Max Reduction und die Removed-Abhörfunktion eine kontrollierte Nachbearbeitung ermöglichen. Ebenso positiv fällt auf, dass Orra Audio die Grenzen des Verfahrens klar benennt.
Ob die Trennung unter realen Bedingungen sauber gelingt, hängt zwangsläufig stark vom Ausgangsmaterial ab. Ein einzelner Dialog in einem halligen Raum stellt eine andere Aufgabe dar als ein dichter Stereo-Mix mit langen Flächen. Angesichts des kostenlosen Bezahlmodells lässt sich jedoch ohne finanzielles Risiko prüfen, wie gut Orra Deverb mit dem eigenen Material zurechtkommt.




