Professor Pegel erklärt Resonanzen erkennen – störende Frequenzen im Mix finden
Jeder Musikproduzent kennt dieses Gefühl. Der Mix klingt zunächst ordentlich, doch plötzlich sticht ein bestimmter Ton unangenehm hervor. Eine Snare wirkt schrill, die Akustikgitarre klingt hohl oder der Gesang erinnert plötzlich an ein Telefon. Oft wird dann am Equalizer gedreht, Kompression hinzugefügt oder sogar das Instrument neu aufgenommen – obwohl die eigentliche Ursache häufig eine einzige störende Resonanz ist.
Professor Pegel steht heute mit einem Stethoskop vor einem riesigen Lautsprecher. Neben ihm steht ein Arztkoffer, auf dem in großen Buchstaben „EQ-Notfallkoffer“ geschrieben steht. „Heute suchen wir nach den Übeltätern im Frequenzbereich“, sagt er grinsend. „Denn manchmal reicht eine einzige Frequenz, um einen ganzen Mix aus dem Gleichgewicht zu bringen.“

Was ist überhaupt eine Resonanz?
Eine Resonanz entsteht immer dann, wenn eine bestimmte Frequenz deutlich stärker hervortritt als ihre Umgebung. Man kann sich das wie eine Menschenmenge vorstellen. Alle unterhalten sich in normaler Lautstärke, doch plötzlich beginnt eine Person laut zu rufen. Sofort richtet sich die Aufmerksamkeit auf genau diese Stimme.
Mit Frequenzen verhält es sich ganz ähnlich. Normalerweise verteilen sich die Energieanteile eines Signals relativ gleichmäßig über verschiedene Frequenzbereiche. Befindet sich jedoch irgendwo eine Resonanz, ragt genau dieser Bereich deutlich hervor. Das Ergebnis kann sehr unterschiedlich ausfallen.
- Ein Instrument klingt plötzlich nasal.
- Eine Stimme wirkt scharf oder unangenehm.
- Eine Bassdrum dröhnt.
- Ein Klavier entwickelt einzelne auffällige Töne.
- Oder der gesamte Mix verliert an Transparenz.
Wo entstehen Resonanzen?
Professor Pegel zeichnet einen Signalweg auf ein Whiteboard. Instrument > Mikrofon > Raum > Vorverstärker > Equalizer > Lautsprecher > Ohr „Und jetzt kommt die schlechte Nachricht“, sagt er schmunzelnd. „Resonanzen können praktisch überall entstehen.“ Bereits das Instrument selbst besitzt natürliche Resonanzfrequenzen.
- Eine Akustikgitarre verstärkt bestimmte Frequenzen ihres Holzkorpus.
- Eine Snare entwickelt charakteristische Kesselresonanzen.
- Auch Stimmen besitzen individuelle Resonanzen im Mund-, Nasen- und Brustraum.
Hinzu kommen Mikrofone, die einzelne Frequenzbereiche betonen können. Selbst der Aufnahmeraum spielt eine entscheidende Rolle. Reflektionen zwischen Wänden führen häufig zu stehenden Wellen, welche einzelne Frequenzen zusätzlich verstärken. Am Ende hört der Produzent den Mix schließlich über Lautsprecher oder Kopfhörer, die ebenfalls eigene Resonanzen besitzen können.
Nicht jede Resonanz ist schlecht
Hier unterbricht Professor Pegel die Erklärung und hebt warnend den Zeigefinger. „Nicht jede Resonanz gehört entfernt!“ Dieser Satz gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen beim Mixing. Denn Resonanzen verleihen Instrumenten überhaupt erst ihren Charakter. Die Holzkorpus-Resonanz macht eine Akustikgitarre lebendig. Die Resonanz eines Flügels sorgt für seinen warmen Klang. Auch eine menschliche Stimme wäre ohne ihre natürlichen Resonanzräume kaum wiederzuerkennen.
Problematisch werden Resonanzen erst dann, wenn sie so dominant auftreten, dass sie andere Frequenzen überdecken oder als störend empfunden werden. Deshalb besteht gutes Mixing nicht darin, sämtliche Resonanzen zu eliminieren. Es geht vielmehr darum, die störenden von den musikalisch gewünschten Resonanzen zu unterscheiden.
Typische Problemfrequenzen
Obwohl jedes Instrument unterschiedlich reagiert, gibt es einige Bereiche, die besonders häufig auffallen. Im Bereich zwischen 150 und 300 Hz entstehen häufig dröhnende Resonanzen, welche den Mix undefiniert wirken lassen. Zwischen 400 und 800 Hz entsteht oft der bekannte „Pappkarton-Klang“. Instrumente wirken hier schnell etwas topfig oder hohl. Im Bereich von 1 bis 2 kHz reagieren unsere Ohren besonders empfindlich. Bereits kleine Resonanzen können Stimmen oder Gitarren unangenehm wirken lassen.
Zwischen 2 und 5 kHz entstehen häufig scharfe Mitten oder aggressive Snare-Schläge. Oberhalb von 6 kHz machen sich störende Zischlaute oder harte Becken bemerkbar. Diese Bereiche sind jedoch keine festen Regeln. Sie dienen lediglich als Orientierung.
Resonanzen mit den Ohren erkennen
Professor Pegel klappt nun seinen Laptop auf. Auf dem Bildschirm erscheint ein Equalizer. „Das wichtigste Werkzeug sitzt trotzdem nicht hier.“ Er tippt auf den Monitor. Dann zeigt er auf sein Ohr. „Sondern hier.“ Viele Einsteiger verlassen sich ausschließlich auf Spektrumanalysatoren. Dabei bleibt das Gehör das wichtigste Messinstrument überhaupt. Eine störende Resonanz fällt meist dadurch auf, dass sie sich ständig in den Vordergrund drängt.
Ein einzelner Ton springt förmlich aus dem Mix heraus. Manchmal wirkt ein Instrument plötzlich deutlich lauter, obwohl sich sein Pegel überhaupt nicht verändert hat. Unser Gehirn reagiert äußerst empfindlich auf solche Frequenzüberhöhungen. Deshalb lohnt es sich, beim Abhören bewusst auf Stellen zu achten, an denen sich der Klang unangenehm verändert oder einzelne Töne hervorstechen.
Die Sweep-Methode
Eine der bekanntesten Methoden zum Aufspüren von Resonanzen nennt sich Sweep-Methode. Dabei wird im Equalizer zunächst ein Bell-Filter mit einer sehr hohen Güte (Q) eingestellt und der Pegel deutlich angehoben – beispielsweise um 8 bis 12 dB. Anschließend bewegt man diesen schmalen Filter langsam durch das gesamte Frequenzspektrum.
Taucht plötzlich eine besonders unangenehme Stelle auf, befindet sich dort häufig eine störende Resonanz. Professor Pegel grinst. „Stell dir vor, du suchst mit einer Taschenlampe einen Einbrecher im dunklen Keller.“ Er bewegt den Regler langsam durch das Frequenzband. „Sobald der Übeltäter im Licht steht, weißt du, wo du ansetzen musst.“
Wichtig ist jedoch, nach dem Auffinden die starke Anhebung wieder zurückzunehmen und stattdessen nur eine kleine, gezielte Absenkung vorzunehmen. Häufig reichen bereits zwei bis vier Dezibel aus, um eine störende Resonanz zu entschärfen, ohne den natürlichen Klang des Instruments zu verändern.
Spektrumanalysatoren als hilfreiche Unterstützung
Nachdem Professor Pegel die Sweep-Methode demonstriert hat, öffnet er einen Spektrumanalysator. „Jetzt kommt unser Detektiv ins Spiel.“ Auf dem Bildschirm erscheint eine Frequenzkurve mit mehreren auffälligen Spitzen. „Viele glauben, diese Spitzen wären automatisch schlecht.“ Professor Pegel schüttelt den Kopf. „Ganz so einfach ist es leider nicht.“
Ein Spektrumanalysator zeigt lediglich die Verteilung der Energie über das Frequenzspektrum. Hohe Ausschläge können durchaus normal sein. Eine Bassdrum besitzt naturgemäß eine starke Energie im Bassbereich, während Becken viele Höhen erzeugen. Interessant wird der Analyzer erst dann, wenn einzelne schmale Peaks genau mit dem übereinstimmen, was das Gehör bereits als störend wahrgenommen hat.
Deshalb gilt eine wichtige Regel:
Zuerst hören – anschließend messen.
Nicht umgekehrt. Ein Spektrumanalysator bestätigt häufig den Verdacht, ersetzt aber niemals das eigene Gehör.
Statischer Equalizer oder Dynamic EQ?
Nicht jede Resonanz verhält sich gleich. Manche treten dauerhaft auf. Andere erscheinen nur bei einzelnen Tönen oder bloß dann, wenn ein Sänger besonders laut singt. Professor Pegel nimmt zwei Equalizer in die Hand. „Der eine arbeitet immer.“ Er hebt den klassischen Equalizer hoch. „Der andere greift nur ein, wenn es wirklich nötig ist.“
Jetzt zeigt er auf einen Dynamic EQ. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied. Ein normaler Equalizer reduziert die ausgewählte Frequenz ständig. Ein Dynamic EQ beobachtet diesen Bereich dagegen permanent und greift nur dann ein, wenn die Resonanz tatsächlich auftritt. Das ist besonders bei Gesang äußerst hilfreich.
Zischlaute, Nasalität oder harte Vokale treten häufig nur in bestimmten Momenten auf. Würde man diese Frequenzen dauerhaft absenken, ginge schnell ein Teil der Natürlichkeit verloren. Ein Dynamic EQ erhält dagegen den Klangcharakter und reduziert ausschließlich die störenden Spitzen.
Typische Resonanzen verschiedener Instrumente
Im Studio begegnen Produzenten immer wieder ähnlichen Problemstellen. Bei Gesang fallen häufig nasale Resonanzen zwischen 700 Hz und 1,2 kHz auf. Harte Konsonanten und unangenehme Präsenz liegen oft im Bereich zwischen 2 und 5 kHz, während Zischlaute meist oberhalb von 6 kHz auftreten.
Akustikgitarren entwickeln oft kräftige Korpusresonanzen zwischen 100 und 250 Hz. Zusätzlich können die Mitten zwischen 300 und 600 Hz etwas topfig wirken. Bei einer E-Gitarre sorgen Resonanzen häufig zwischen 2 und 4 kHz für unangenehme Schärfe. Gleichzeitig entsteht der typische „Telefonklang“ oft im Bereich um 1 kHz.
Snare-Drums besitzen häufig ausgeprägte Kesselresonanzen zwischen 400 und 900 Hz. Becken entwickeln dagegen schnell harte Resonanzen zwischen 6 und 10 kHz. Auch Bassgitarren zeigen typische Problemzonen. Während sehr tiefe Frequenzen unter 50 Hz meist unnötige Energie erzeugen, können einzelne Noten im Bereich zwischen 80 und 150 Hz deutlich lauter erscheinen als andere.
Diese Werte sind jedoch keine festen Regeln. Jedes Instrument, jede Aufnahme und jeder Raum verhalten sich etwas anders.
Weniger ist meistens mehr
Nun greift Professor Pegel zu einem Equalizer und beginnt, nahezu jede auffällige Frequenz abzusenken. Nach wenigen Sekunden klingt das Instrument völlig leblos. Er lächelt. „Genau das passiert leider häufiger, als man denkt.“ Viele Einsteiger entfernen jede sichtbare Resonanz. Das Ergebnis wirkt zunächst sauber.
Kurz darauf fehlen jedoch Wärme, Charakter und Lebendigkeit. Ein Instrument darf Ecken und Kanten besitzen. Es muss nicht perfekt glatt aussehen. Gerade kleine Unregelmäßigkeiten sorgen dafür, dass wir Klänge als natürlich empfinden. Professionelle Mixing-Ingenieure reduzieren deshalb nur diejenigen Resonanzen, die den Mix tatsächlich stören. Alles andere bleibt erhalten.
Resonanzen immer im Gesamtkontext beurteilen
Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, Instrumente ausschließlich im Solo-Modus zu bearbeiten. Professor Pegel drückt die Solo-Taste einer Gitarre. „Jetzt klingt sie vielleicht etwas unangenehm.“ Anschließend schaltet er den gesamten Mix hinzu. Plötzlich fügt sich dieselbe Gitarre perfekt in das Arrangement ein.
Resonanzen entstehen häufig erst durch das Zusammenspiel mehrerer Instrumente. Manchmal besitzen Bass und Gitarre dieselbe dominante Frequenz. Oder Gesang und Synthesizer konkurrieren im Präsenzbereich. Deshalb sollte jede Equalizer-Entscheidung immer im vollständigen Mix überprüft werden. Was solo störend wirkt, kann im Arrangement genau richtig sein.
Moderne Werkzeuge erleichtern die Arbeit
Viele aktuelle Equalizer unterstützen Produzenten heute aktiv beim Aufspüren problematischer Frequenzen. Einige Plug-ins markieren automatisch Resonanzspitzen oder schlagen geeignete Bearbeitungen vor. Andere kombinieren Spektrumanalyse, Dynamic EQ und intelligente Filteralgorithmen in einer einzigen Benutzeroberfläche.
Auch KI-gestützte Werkzeuge können mittlerweile hilfreiche Ausgangspunkte liefern. Professor Pegel hebt jedoch erneut den Zeigefinger. „Eine künstliche Intelligenz kann Vorschläge machen.“ Er tippt sich an die Stirn. „Die endgültige Entscheidung trifft aber immer noch das menschliche Ohr.“
Fazit
Das Erkennen von Resonanzen gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten im Mixing. Wer lernt, störende Frequenzen sicher zu identifizieren, kann selbst mit kleinen Equalizer-Eingriffen erstaunlich große Verbesserungen erzielen.
Dabei gilt stets: Nicht jede Resonanz ist ein Fehler. Viele gehören zum natürlichen Klang eines Instruments und verleihen ihm seinen unverwechselbaren Charakter. Ziel ist deshalb nicht, jede Auffälligkeit zu beseitigen, sondern nur jene Frequenzen zu entschärfen, die den Mix tatsächlich beeinträchtigen.
Professor Pegel schließt seinen EQ-Notfallkoffer und lächelt zufrieden. „Ein guter Mix entsteht nicht dadurch, dass man alles entfernt.“ Er dreht einen einzigen EQ-Regler um zwei Dezibel. „Sondern dadurch, dass man genau weiß, welche eine Frequenz wirklich stört.“
Mehr zum Thema Resonanz findet ihr hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Resonanz




