Unter einigen Musik-Youtubern, denen ich folge, macht dieser seit zwei Wochen neu herausgekommene Synthesizer ziemlich Furore und die Lobeshymnen reißen gar nicht ab.
Wobei das bei einem vom Aufbau und dem Konzept her ziemlich klassischen Synth eher ungewöhnlich ist. Das ist kein direkter Nachbau eines klassischen Synths in Software, orientiert sich aber vom Grundklang her am Moog Voyager, den Mike Martin ausgiebig samplete, um dann festzustellen, dass ihm ein Sample-Instrument nicht das Spielgefühl brachte, wie das echte Ding.

Da er einen jahrzehntelangen Hintergrund als Entwickler in der Musikindustrie, vor allem bei Korg, hatte, waren die notwendigen Fähigkeiten vorhanden, einen Soft-Synth neu zu entwerfen. Wobei er sich nach dem Interview bei PluginGuru auf die Charakteristik der internen Sound-Summierung des Voyager konzentrierte, die seinem Eindruck nach den “magischen” Anteil des analogen Sounds hauptsächlich beisteuerte, aber auch die anderen wichtigen Komponenten wie Oszillatoren und vor allem das Filter wurden möglichst nahe am Original modelliert.
Das geht so weit, dass auch der Unterschied zwischen Sounds mit leisem oder lautem Pegel intern im Anteil der Sättigung wahrnehmbar wird und das auch bei deaktiviertem Filter-Drive, das völlig separat ist. Hört man diesen Aufwand? Ich würde sagen ja – im Gegensatz zu manch anderem Marketing-Geklingel in diesem Feld “klingt wie analog” ist das der Fall.
Doch Traveler ist deutlich mehr und viel moderner, als es eine Emulation des Voyager wäre. Der Aufbau ist ein anderer, vor allem der dritte Oszillator, der auch Wavetables spielen kann, sticht hier hervor. Traveler ist bis 16 Stimmen polyfon.
Oszillatoren
Die ersten beiden Oszillatoren verfügen über die klassischen Wellenformen, die aber ineinander überblendet werden können, nach dem Rechteck morpht das dann in ein Phasenverschobenes Rechteck. Oszillator 1 kann FM-moduliert werden und verfügt über eine sync-Option, Oszillator 2 über Unison und Oszillator 3 lädt aus einem reichen Vorrat von 80 Wavetables, aber es können auch eigene importiert werden. So kann man auch mit Wavetables OSC 1 Frequenzmodulieren. Schon auf der Oszillator-Ebene gibt es also sehr viele Möglichkeiten und Spielraum. Die Parameter dieser Sektion sind modulierbar, was in Verbindung mit der deutlich besser ausgebauten Modulationsabteilung, als es auf den ersten Blick aussieht, interessant ist.
Filter
Das Filter ist ein klassisches Low-Pass Ladder-Filter mit verschiedenen Steilheiten, aus den verschiedenen Vorführungen wird deutlich, dass dieses Filter wirklich sehr gut klingt, sehr musikalisch. Hier kann man auch eine unbekanntere Filter-Variaton auswählen, ein NJM2069, das im Korg DSS-1 verbaut war. Parallel kann auch ein High-Pass mit Drive verwendet werden.
Damit kann man sicher schon einiges machen, an der Stelle wäre aber eine Erweiterung des klassischen Konzepts durch moderne Filter-Typen interessant gewesen, z. B. ein Kamm-Filter.
Modulatoren
Es gibt drei Envelopes, für Amp, Filter und Modulation, man kann sie auf einen Zustand mit mehr Stages umschalten ADBSSR – was immer das sein mag – und sie sind loopbar.
Die 3 LFOs auf der linken Seite der Oberfläche können mit bis zu 9 Modulations-Slots auf verschiedene Ziele geroutet werden und können sich gegenseitig modulieren.
Arpeggiator und FX
Den unteren Mittelteil nehmen zwei Control-Tracks ein, deren Schritte ebenfalls Modulationsquellen sind oder an der gleichen Stelle erscheint auch der doppelte Arpeggiator mit 16 Steps.
Unten erscheint auch das FX-Panel, das ein Delay und ein Reverb enthält, wahlweise auch noch einen EQ und einen Chorus.
Damit ist die Signalkette komplett. An allen Stellen gibt es noch kleine, aber durchdachte Extras und das Layout der Oberfläche ist auf eine gute Übersichtlichkeit mit möglichst wenigen verborgenen Elementen ausgelegt. In den verschiedenen Besprechungen wird auch die leichte Bedienbarkeit und der direkte Zugang zum Sound Design hervorgehoben.
Fazit
Die Videos und Demos dazu geben die Fähigkeiten dieses Synths wieder, viele Presets klingen sehr cinematisch, ein sehr dichter, dramatischer Sound lässt sich damit offenbar leicht erzeugen. Was angesichts der relativ einfachen, überschaubaren Architektur erstaunlich ist und wohl tatsächlich der Qualität der Komponenten und ihrer durchdachten Kombination geschuldet ist.
Aber es scheint eine weite Palette von klassischen über eher intime Sounds bis zu wuchtigen Klangwänden möglich zu sein.
So aus der Ferne betrachtet hört sich das sehr eindrucksvoll an und auf den Studio-Monitoren wäre der Klang sicher noch besser. Ich habe den Eindruck, dass Traveler in der allerersten Liga ganz vorne mitspielt, vielleicht sogar noch einen Tick besser als Diva (für mich der Gold-Standard) oder die neueren Synths von Arturia. Es könnte sein, dass das die Synthesizer-Neuerscheinung des Jahres ist.

