XILS-lab MemoryTone: Neue Memorymoog-Emulation
Der Memorymoog gehört zu den großen polyfonen Analogsynthesizern der frühen Achtzigerjahre. Sein ebenso mächtiger wie eigenwilliger Klang basierte auf drei Oszillatoren pro Stimme, einem klassischen Ladder-Filter und einer Architektur, die sich deutlich am Minimoog orientierte – allerdings mit sechs Stimmen und speicherbaren Klangprogrammen. Mit MemoryTone bringt der französische Entwickler XILS-lab dieses Konzept nun als virtuelles Instrument für Windows und macOS zurück.
Dabei beschränkt sich XILS-lab nicht auf eine reine Nachbildung der historischen Hardware. MemoryTone orientiert sich zwar eng am Aufbau des 1982 erschienenen Vorbilds, ergänzt die klassische Klangerzeugung jedoch um zusätzliche Modulationsmöglichkeiten, eine umfangreiche Effektsektion, MPE-Unterstützung und einen modernen Preset-Browser.
Drei Oszillatoren für den großen Analogsound
Das Zentrum von MemoryTone bilden drei Oszillatoren, die unterschiedliche Wellenformen bereitstellen. Auch Pulsbreitenmodulation ist für alle drei Oszillatoren vorhanden. Bereits diese Architektur erklärt einen großen Teil des mächtigen Grundklangs, für den der Memorymoog bekannt wurde: Werden drei leicht gegeneinander verstimmte Oszillatoren miteinander kombiniert, entstehen breite Flächen, druckvolle Bässe und markante polyfone Leads.
Hinzu kommt ein zusätzlicher Suboszillator. Dieser lässt sich nicht nur zur Verstärkung des unteren Frequenzbereichs einsetzen, sondern kann offenbar auch als weiterer LFO verwendet werden. Damit geht MemoryTone über die Möglichkeiten des historischen Instruments hinaus, ohne dessen grundlegenden Charakter aufzugeben.
Die einzelnen Klangquellen laufen in einem Vierkanalmixer zusammen. Im vierten Kanal steht ein Rauschgenerator bereit, der sich unter anderem für perkussive Klänge, Windgeräusche, Effekte und komplexere Flächen nutzen lässt.
Wer sich genauer mit den Grundlagen virtueller Instrumente und ihrer Einbindung in eine DAW beschäftigen möchte, findet weitere Informationen im BuenasIdeas-Lexikon der Musikproduktion.
Klassisches Ladder-Filter mit Selbstoszillation
Für die Klangformung setzt XILS-lab auf ein virtuell nachgebildetes Ladder-Filter mit einer Flankensteilheit von 24 dB pro Oktave. Einstellbar sind unter anderem Grenzfrequenz, Resonanz, Hüllkurvenintensität und Keyboard-Tracking.
Bei hoher Resonanz kann das Filter in die Selbstoszillation gebracht werden und dadurch einen eigenen Sinuston erzeugen. Das eröffnet neben typischen Filterfahrten auch Möglichkeiten für pfeifende Leads, elektronische Percussion und experimentelle Effekte.
Gerade die Verbindung aus drei Oszillatoren und einem kräftig zupackenden Tiefpassfilter machte das historische Vorbild interessant. MemoryTone soll diesen grundsätzlichen Aufbau möglichst authentisch abbilden, lässt sich durch die zusätzlichen Modulationswege aber wesentlich flexibler programmieren.
Mehrere LFOs trotz klassischer Architektur
Auf den ersten Blick folgt die Modulationssektion weitgehend dem historischen Konzept. MemoryTone besitzt zwei ADSR-Hüllkurven und einen zentralen LFO mit mehreren Wellenformen. Dieser kann unter anderem auf die Frequenz und Pulsbreite der drei Oszillatoren sowie auf das Filter einwirken.
Zusätzlich lässt sich der dritte Oszillator als niederfrequente Modulationsquelle verwenden. Auch der Suboszillator kann im LFO-Betrieb arbeiten. Je nach Konfiguration stehen damit bis zu drei unabhängig nutzbare Quellen für zyklische Modulationen zur Verfügung.
Die Hüllkurven wurden ebenfalls um zusätzliche Funktionen erweitert. Dazu gehören ein Keyboard-Follower sowie umschaltbare Optionen für das Zurücksetzen der Hüllkurve, den Contour-Verlauf und die Release-Phase. Damit lassen sich sowohl typische Vintage-Klänge als auch deutlich komplexere, rhythmisch reagierende Sounds erstellen.
Modulationsmatrix und MPE-Unterstützung
Eine der wichtigsten Erweiterungen gegenüber dem ursprünglichen Instrument ist die Modulationsmatrix mit sechs Slots. Über sie lassen sich verschiedene Quellen mit den gewünschten Zielen verbinden, ohne dass die übersichtliche Struktur des Hauptfensters aufgegeben werden muss.
Als Modulationsquellen stehen neben Hüllkurven und LFOs auch Anschlagdynamik, Aftertouch und Pitchbend zur Verfügung. Zudem unterstützt MemoryTone MPE. In Verbindung mit einem entsprechenden Controller können Tonhöhe, Klangfarbe oder Lautstärke einzelner gespielter Noten unabhängig voneinander verändert werden.
Dadurch eignet sich der Synthesizer nicht nur für klassische Achtzigerjahre-Flächen, sondern auch für mächtige Unisono-Klänge. Mit einem MPE-Controller lassen sich auch ausgesprochen lebendige Leads, expressive Akkorde und sich organisch entwickelnde Klangflächen erzeugen.
Alle Parameter sollen sich über MIDI steuern lassen. MemoryTone kann damit sowohl in der DAW als auch in einem stärker auf Hardware-Controller ausgerichteten Setup bedient werden. Wie virtuelle Instrumente und andere Plug-ins grundsätzlich in Musiksoftware eingebunden werden, behandelt auch der BuenasIdeas-Artikel zum Thema CLAP-Plug-ins in Cubase und andere Plugin-Formate.
Flexible Effektsektion
XILS-lab stattet MemoryTone mit einer Effektsektion aus, die Chorus, Delay, Phaser, Hall, Equalizer und Resonator umfasst. Die Effekte dienen damit nicht nur der abschließenden Veredelung eines Presets. Durch ihre flexible Anordnung sollen sie auch als Teil des eigentlichen Sounddesigns eingesetzt werden können.
Ein Chorus kann die ohnehin breite Oszillatorsektion weiter auffächern, während Phaser und Resonator stärker experimentelle Klangfarben ermöglichen. Delay und Reverb eignen sich für räumliche Pads und Sequenzen, der Equalizer übernimmt die abschließende tonale Anpassung.
Damit kann ein Klang vollständig innerhalb des Instruments bearbeitet werden. Externe Effekte bleiben selbstverständlich möglich, sind für viele Presets aber nicht zwingend erforderlich.
Arpeggiator und umfangreiche Klangbibliothek
Neben der Klangerzeugung und Effektsektion enthält MemoryTone einen erweiterten Arpeggiator. Dieser dürfte besonders bei rhythmischen Synthesizerlinien, pulsierenden Flächen und klassischen Sequenzen hilfreich sein.
Zum Lieferumfang gehört außerdem eine umfangreiche Preset-Bibliothek, an der mehrere professionelle Sounddesigner beteiligt waren. Die Klänge lassen sich über den XILS-lab-Preset-Manager durchsuchen und organisieren. Eigene Programme können gespeichert und nach unterschiedlichen Eigenschaften kategorisiert werden.
Die Kombination aus Preset-Browser, Arpeggiator, MIDI-Steuerung und Modulationsmatrix macht deutlich, dass MemoryTone nicht ausschließlich als Museumsstück verstanden werden soll. Die Oberfläche bleibt sichtbar in der Welt klassischer Analogsynthesizer verankert, der Funktionsumfang ist jedoch auf den heutigen Produktionsalltag zugeschnitten.
Noch eine Memorymoog-Emulation?
MemoryTone erscheint in einem Jahr, in dem der Memorymoog bereits ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Unter anderem haben Arturia und Cherry Audio eigene Interpretationen des polyfonen Klassikers vorgestellt. Mit MemoryTone kommt eine weitere Alternative hinzu.
Ob der Markt tatsächlich mehrere neue Memorymoog-Emulationen benötigt, lässt sich nur individuell beantworten. Die Instrumente unterscheiden sich allerdings hinsichtlich Modellierung, Bedienkonzept und Erweiterungen. XILS-lab hat sich mit virtuellen Nachbildungen historischer Synthesizer einen guten Ruf erarbeitet und verfolgt bei MemoryTone offenbar einen vergleichsweise geradlinigen Ansatz: Das Grundinstrument bleibt klar erkennbar, während zusätzliche Funktionen an sinnvollen Stellen ergänzt werden.
MemoryTone könnte deshalb vor allem für Produzenten interessant sein, die eine detailreich modellierte Vintage-Architektur suchen, aber nicht auf MPE, eine Modulationsmatrix und integrierte Effekte verzichten möchten.
Verfügbarkeit und Preis
XILS-lab MemoryTone ist für Windows und macOS vorgesehen. Unterstützt werden nach den derzeit verfügbaren Angaben die Formate VST, VST3, Audio Units und AAX. Unter macOS soll das Instrument sowohl auf Intel-Systemen als auch nativ auf Apple-Silicon-Prozessoren laufen.
Für die Lizenzierung wird das iLok-System verwendet, wobei üblicherweise sowohl eine rechnergebundene Aktivierung als auch ein kompatibler iLok-USB-Dongle infrage kommen.
Der reguläre Verkaufspreis wird bei ersten Händlern mit 199 US-Dollar angegeben. Da die offizielle Produkteinführung offenbar gerade erst erfolgt, sollte vor dem Kauf geprüft werden, ob XILS-lab zusätzlich einen zeitlich begrenzten Einführungspreis anbietet.
Weitere Informationen und gegebenenfalls eine Demoversion gibt es direkt auf der offiziellen MemoryTone-Produktseite von XILS-lab.
Einschätzung
Mit MemoryTone setzt XILS-lab auf einen Synthesizer, dessen klassische Architektur noch immer hervorragend für breite Pads, druckvolle Bässe, schwebende Akkorde und massive Unisono-Klänge geeignet ist. Drei Oszillatoren pro Stimme, Ladder-Filter und zwei Hüllkurven bilden ein vertrautes analoges Fundament.
Den eigentlichen Mehrwert gegenüber einer streng historischen Emulation liefern die Modulationsmatrix, die zusätzlichen LFO-Möglichkeiten, MPE, der Arpeggiator und die flexibel einsetzbaren Effekte. MemoryTone bleibt damit dem Memorymoog-Konzept treu, ohne sich von dessen technischen Grenzen einengen zu lassen.
Ob sich das Instrument gegen die inzwischen beachtliche Konkurrenz durchsetzen kann, wird vor allem die klangliche Qualität der Modellierung entscheiden. Auf dem Papier gehört MemoryTone jedoch zu den umfangreicheren Interpretationen dieses legendären polyfonen Synthesizers.






