BeepStreet DAGGER – Ein Dolchstoß mitten ins Schwarze! – Testbericht

Ich muss zugeben, dass ich bis vor einigen Wochen noch nie etwas von der in Polen beheimateten Software-Entwicklerfima namens BeepStreet vernommen hatte. Einer der Gründe hierfür mag darin liegen, dass BeepStreet in der Vergangenheit zunächst diverse Audio-Apps für iOS veröffentlicht hat, was mich als apfelloser Musikant nicht tangierte.

Die späteren Portierung einer dieser Apps, nämlich des VA-Synthesizers SUNRIZER, in das VST- und AU-Format war mir dereinst entgangen, zumal ich mich persönlich auch nicht ganz so sehr für Plugins zu erwärmen vernmag, die sich den ROLAND JP-8000 zum Vorbild genommen haben. Ich war halt nie ein besonderer Fan des im Mainstream-EDM allseits beliebten Supersaw-Sounds, und ich mag insbesondere diese aufdringlichen Kirmestechno-Hupen überhaupt nicht… 😉 Aber dafür kann der SUNRIZER, den ich im Übrigen gar nicht weiter kenne, ja schließlich nicht das Geringste! Ist bestimmt auch ein toller Synth.

Auch das jüngste Erzeugnis BeepStreets, dem hier vorliegenden, monophonen Analog-Derivat, das auf den Namen DAGGER (“Dolch”) hört, hätte ich um ein Haar nicht weiter beachtet, denn wie viele Bass- und Lead-Plugins mit vorgeblich analoger Attitüde besitzen wir alle nicht schon längst?

Allerdings stolperte ich dann in der Feature-Liste auf der Webseite des Herstellers über ein paar Anmerkungen, die mich sofort aufhorchen ließen. Eine davon lautete “audio-rate processing of all signals”, eine Andere beinhaltete in Zusammenhang mit dem Filter die drei Begriffe “Steiner-Parker”, “transistor-ladder” sowie “diode ladder”.

Während der Mittlere davon, “transistor-ladder” (auch als MOOG-Kaskadenfilter bekannt) ja bereits häufige Emulationsbemühungen erfahren hat und eher als Standard angesehen werden kann, bringt man ein “Steiner-Parker”-Filter eher mit den analogen Hardware-Synths aus dem Hause ARTURIA, namentlich die BRUTE-Serie, in Verbindung, während sich Filter-Schaltungen mit einer Dioden-Kaskade beispielsweise in Schätzchen wie dem GAKKEN SX-150 MKII oder auch in der guten alten ROLAND TB-303 wiederfinden.

Was das oben erwähnte “audio-rate processing of all signals” angeht, so ist dies ein Indiz dafür, dass wir es hier nicht mit einem weiteren 08/15-Plugin zu tun haben, denn dieses Verfahren kommt ja eigentlich sonst nur in anderen hochwertigen Analog-Emulationen zum Einsatz, sei es der MONARK von NATIVE INSTRUMENTS, der VIER von EISENBERG und natürlich die DIVA von U-HE, um hier nur drei prominente Beispiele zu nennen.

Um das Ganze hier nur mal kurz zu erläutern: In einem Analog-Synthesizer alter Schule, etwa dem MINIMOOG, flitzen ja nur elektrische Spannungen durch die diversen Schaltkreise mit ihren Widerständen, Kondensatoren, Transistoren, Dioden etc. und folgen dabei den physikalischen Gesetzmäßigkeiten.

Das eigentliche Audiosignal, das wir als Endergebnis hören können, besteht dabei genauso aus eben solchen elektrischen Spannungen (die schließlich über die durch die Lautsprechernmembranen in Schwingung versetzte Luft als Klang in unser Ohr gelangen…), wie die Steuersignale für Filter, Hüllkurven, LFO usw. Praktisch gesehen gibt es da keinerlei Unterschied, Strom ist halt Stom.

Bei Software-Plugins läuft der Hase aber völlig anders, hier werden die ganzen Klangerzeugungs- und die Formungsabläufe, mal etwas vereinfacht ausgedrückt, vom Prozessor nach den Vorgaben des Programmcodes ausgerechnet. Nullen und Einsen und so… Erst am D/A-Wandler des Audio-Interfaces werden daraus wieder analoge Spannungen, mit denen der Lautsprecher was anfangen kann.

Audiosignal und Modulationsstufen können dabei mit unterschiedlichen internen Abtastraten zu Werke gehen, und bei den Modulatoren werden in der Regel weit geringere Raten eingesetzt als bei denen des Audiossignals, was für eine herkömmliche LFO-Simulation u.ä. auch ausreichen mag, bei der Nachbildung von analogen Modulationsgeschichten im Audiofrequenzspektrum jedoch, beispielsweise Cross-Modulation, Frequenzmodulation und auch Pulsweitenmodulation, bewirken zu niedrig angesetzte Abtastraten unschöne Aliasing-Artefakte, die einen Software-Synthesizer dann auch recht schnell als einen Solchen identifizieren. Selbst eine billige Taschenhupe wie das KORG MONOTRON klingt in dieser Hinsicht um Längen besser!

Daher gehört es bei den besseren Vertretern der Zunft, wie etwa den oben bereits genannten Beispielen, mittlerweile auch zum guten Ton, sowohl für Audio- als auch Modulationssignale mittels dem sogenannten Oversampling deutlich höhere Abtastraten einzusetzen, was dann auch in einem authentischeren Klangbild resultiert, aber auch erklärt, warum diese Plugins in der Regel eine signifikant höheren Prozessorbelastung aufweisen. Jede Medaille hat eben ihre zwei Seiten…

Da die Entwicklung derartiger Software-Synthesizer natürlich auch mit erheblich mehr Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden ist (selbstverständlich nicht nur allein wegen der höheren Abtastraten… ), bewegen sich diese Plugins zumeist auch auf einem gehobeneren Preisniveau, üblicherweise werden sie jedoch nicht für die in Relation dazu recht schlappen 35,- Euronen angeboten, die BeepStreet für DAGGER verlangt (da merkt man noch die Ürsprunge des Entwicklers im iOS-Segment mit seinen teils lachhaft niedrigen Preisen…).

Alles in Allem also Grund genug für mich, meine anfänglichen Vorurteile über Bord zu werfen und DAGGER einmal genauer zu inspizieren. Um es vorwegzunehmen: Ich bin heilfroh, dass ich dieses Plugin nicht einfach links liegen gelassen habe, wie schon so manch andere Neuerscheinung!

Startrampe…

Beginnen wir wieder einmal mit den grundsätzlichen Daten. DAGGER ist sowohl für Mac OSX (10.7.x, 10.8.x, 10.9.x, 10.10.x, 10.11.x) als auch für Windows (Vista, 7, 8, 10) verfügbar und liegt in den Formaten AU (das natürlich nur für den Mac) und VST2 (32 bit und 64 bit) vor. Als Mindestvorrausetzungen nennt BeepStreet eine Multicore-CPU mit SSE2, 1 GB RAM sowie 30 MB freien Festplattenspeicher und natürlich auch einen AU/VST-kompatiblen Host, logisch.

Das Plugin lässt sich direkt von der Produktwebseite (siehe unten) herunterladen, wer möchte, kann es auch vorab als Demo-Version testen und bei Bedarf dann ohne Neuinstallation nachträglich mit einer erworbenen Lizenz freischalten.

Der Kopierschutz besteht aus einer Seriennummer, die in Verbindung mit der zum Kauf verwendeten E-Mail-Adresse zur Aktiverung eingegeben werden muss. Anschließend klickt man noch auf den ACTIVATE-Button (was bei mir allerdings erst dann gelang, nachdem ich meiner DAW temporär Zugang zum Internet gewährt hatte…), und ab geht die Post. BeepStreet hat mir auf meine Rückfrage hin bestätigt, dass eine Offline-Aktivierung leider nicht möglich ist, der Grund dafür ist in der allgegenwärtigen Software-Piraterie zu suchen, die auch BeepStreet zu schaffen macht. Auf diese Weise wird zumindest die Gefahr eines illegalen Key-Generators obsolet, der würde nämlich bei der Aktivierung auffliegen, wenn DAGGER die Daten mit dem BeepStreet-Server abgleicht…

Hinsichtlich der CPU-Anforderungen des DAGGER kann ich folgende Beobachtungen beitragen: Auf meinem i7 mit 4 Ghz-Quadcore zeigte das ASIO-Meter in Cubase 5.5 bei einer einzelnen Instanz eine Auslastung zwischen etwa 20 und 25 Prozent an, je nach Preset, und dies sowohl im Leerlauf als auch bei tönendem Synth. Ich habe danach mal eine weitere Instanz geladen und beide zusammen gespielt, doch an der Anzeige im ASIO-Meter änderte sich rein gar nichts. Anschließend habe ich dieses Spiel bis zur zwölften parallelen Instanz weitergetrieben (dann hatte ich keine Lust mehr…), die Auslastungsanzeige stieg aber insgesamt nie höher als bis auf 30 – 40 % an.

Es gibt sicher genügsamere Synth-Plugins (aber nicht unbedingt bei gleicher Klangqualität…), aber DAGGERs Hunger ist hier durchaus noch als moderat, aber zumindest als akzeptabel zu bezeichnen und lässt damit auch noch genügend Luft für andere Plugins, insbesondere wenn man bedenkt, dass er allgemein zweifaches und bei den Filterstufen sogar achtfaches Oversampling einsetzt! Das er dabei die CPU nicht abrauchen lässt, mag vielleicht auch in der monophonen Architektur begründet sein, es muss ja jeweils nur eine Stimme erzeugt werden.

Cockpit…

Die Bedienoberfläche hat eine angenehme Größe, weder braucht man zur Bedienung eine Brille, noch frisst sie gleich den ganzen Bildschirmplatz auf. Auch die grafische Gestaltung finde ich sehr gelungen, sie ähnelt in ihrer Nüchternheit ein wenig der des MONARK. Die Bedienelemente sind gut ablesbar und so angeordnet, dass einerseits der Signal- und Modulationsfluss sofort erkennbar ist und andererseits die einzelnen Sektionen der Klangerzeugung übersichtlich voneinander abgegrenzt sind. Gefällt mir gut!

BeepStreet DAGGER
BeepStreet DAGGER

Schade nur, dass ich keinen MIDI-Controller mit eben einer solchen Anordnung besitze (DAGGER besitzt eine leicht zugängliche MIDI-Learn-Funktion), das wär mal was! Auf einem BCR-2000, dessen Bedienelemente für DAGGER ja allemal ausreichen würden, leidet aufgrund des Designs (das des BCR-2000, nicht etwa das des DAGGER!) trotz der Haptik echter Drehregler der Workflow deutlich. Verkehrte Welt… 😉

BeepStreet DAGGER - MIDI-Learn
BeepStreet DAGGER – MIDI-Learn

Da lob ich mir meinen guten, alten GRIFFIN PowerMate, der bei mir ein Mausrad simuliert, denn BeepStreet hat DAGGER dankenswerterweise auch die Bedienung via Scroll-Wheel spendiert, was ich aus oben genanntem Grund nach wie vor sehr schätze.
Ansonsten gibt es in der Menüleiste noch eine Einstellmöglichkeit für das Modulationsrad (HPF, LPF oder Modulationstiefe), einen einfachen, aber ausreichenden Preset-Browser sowie noch ein weiteres Menü für diverse Optionen, darunter befindet sich auch ein Zufallsgenerator zur automatischen Preset-Generierung. Also alles schön übersichtlich!

BeepStreet DAGGER - Preset-Browser und Optionsmenü
BeepStreet DAGGER – Preset-Browser und Optionsmenü

Haupttriebwerke…

Hangeln wir uns jetzt einfach mal von links nach rechts durch die Klangarchitektur und beginnen deshalb mit der Oszillator-Sektion. Es gibt der Oszillatoren zwei, und beide können jeweils die Wellenformen abfallender Sägezahn, Dreieck, ansteigender Sägezahn sowie Rechteck mit variabler Pulsweite erzeugen. Da nicht nur einfach zwischen diesen Wellenformen umgeschaltet, sondern stufenlos geregelt wird, können auch Einstellungen zwischen den jeweils benachbarten Wellenformen vorgenommen werden, was dem DAGGER schon mal einen reichhaltigeren Klangvorrat beschert, als man zunächst vermuten könnte. Gut!

Das Lautstärkeverhältnis der beiden Oszillatoren zueinander kann ebenfalls stufenlos eingestellt werden, es ist auch möglich, die Schwingkreise komplett stumm zu schalten (durch Drehen der beiden Wellenformregler bis zum rechten Anschlag, dann werden jeweils Pulswellen mit einer Weite von Null erzeugt, was in stillen Oszillatoren resultiert…), etwa um nur allein mit der Selbstresonanz des Filters als Klangquelle arbeiten zu können.

BeepStreet DAGGER - Oszillator-Sektion
BeepStreet DAGGER – Oszillator-Sektion

Der zweite Oszillator kann zum ersten synchronisiert werden, und der dicke Regler in der Mitte bewirkt links der 12-Uhr-Stellung eine Phasenverschiebung, während er rechts davon der Verstimmung der beiden Oszillatoren dient. Abgerundet wird diese Sektion dann noch von Einstellmöglichkeiten für Glide- und Oktave sowie von Modulationsintensität und -ziel zur Beeinflussung der Oszillatoren. Letztere Funktion bietet die Auswahl zwischen der Modulation der Wellenform von Osc1, der Modulation von Phase oder Verstimmung sowie der Modulation der Tonhöhe beider Oszillatoren zugleich.

Klanglich vermag DAGGER schon an dieser Stelle zu punkten, der flache und plastikartige Oszillatorsound manch anderer VA-Synthesizer ist ihm löblicherweise fremd.

Tragflächen…

Direkt nebenan geht’s zu den beiden Filter-Sektionen. Zunächst kommt das manuell regelbare Hochpassfilter dran. Im Gegensatz zu beispielsweise dem HPF vieler ROLAND-Synths gibt es hier sogar einen eigenen Resonanz-Regler, und auch ein Keyboard-Tracking lässt sich aktivieren.

Darüber hinaus sorgt ein Schalter namens SPICE auf Wunsch für zusätzliche Obertöne, BeepStreet weist jedoch darauf hin, dass hierbei unter Umständen auch Aliasing-Artefakte auftreten können, was mir im Test allerdings keinesfalls negativ aufgefallen ist. Das Audiosignal enthält dann einfach ein wenig mehr “Edeldreck”, und der ist bei mir ja eigentlich immer gerne gesehen, bzw. gehört.

Auch sonst klingt das Hochpassfilter, dafür dass es ja eigentlich digitaler Natur ist, ausgesprochen analogartig. Auch die Resonanz macht hiervon keine Ausnahme, was wiederum keinesfalls selbstverständlich ist, denn hierbei trennt sich oft die Spreu vom Weizen, und so manches als authentische Analog-Emulation angeprisene Plugin mußte in der Vergangenheit an dieser Stelle schon kleinlaut das Handtuch werfen. DAGGER nicht.

BeepStreet DAGGER - Filter-Sektionen
BeepStreet DAGGER – Filter-Sektionen

Anschließend folgt das Tiefpassfilter, das noch deutlich umfangreicher ausgestattet ist. Klar, dass auch hier wieder Grenzfrequenz und Resonanz eingestellt werden können. Dazu kommt dann noch ein Drive-Regler, mit dem das Filter zünftig angeschmort werden kann. Keyboard-Tracking lässt sich ebenfalls wieder einschalten, und zudem kann die Grenzfrequenz auch via LFO und Hüllkurve moduliert werden, das Übliche halt…

Nicht ganz so üblich ist allerdings der Drehregler mit der Beschriftung Osc2. Sowas trifft man in in den typischen 08/15-Basshupen wohl eher nicht an. Mit diesem Regler kann der zweite Oszillator nämlich dazu genutzt werden, um die Grenzfrequenz des Filters damit zu modulieren (daher nennt man das auch Frequenzmodulation…). Im Gegensatz zu einem LFO, bei dem man die Modulation etwa in Form von langsamen Sweeps oder schnellem Geblubber wahrnimmt, verläuft das Ganze hier im Audiobereich der Oszillatorfrequenz, was sich, maßvoll eingesetzt, in interessanten Obertönen ausdrückt, bei heftigerem Einsatz wird es dann zunehmend derber. Auch einige klassische Kraftwerk-Klänge lassen sich auf diese Weise erzeugen (“Radioaktivität”…).

Einigen analogen Hardware-Synthies, beispielsweise dem KORG MONOTRON, dem DOEPFER MS-404, aber auch diesem nachträglich entsprechend aufgepimpten MOOG PRODIGY, den ich vor einem guten Vierteljahrhundert mal leihweise zum Absamplen im Studio hatte, gelingen solche Sounds ja mit Leichtigkeit. Bei Virtuell-Analogen kenne ich nur einige wenige Kanditaten, die so etwas überzeugend hinbekommen, zum Beispiel die bereits genannte MS-404-Emulation VIER von EISENBERG. Tja, und DAGGER kriegt dies ebenfalls ziemlich gut auf die Reihe, bravo! Gut, bei dem gerade erwähnten PRODIGY klang das Ganze dann noch ein wenig brachialer, aber DAGGER ist den analogen Vorbildern schon sehr dicht auf den Fersen!

Bis jetzt haben wir uns noch gar nicht die verschiedenen Filtermodelle näher angesehen, die DAGGER mit sich führt. Es sind derer insgesamt vier, und sie tragen die eigenwilligen Namen Brute, Primal, Rogue und Ronin.

Brute lässt schon erahnen, dass es sich dabei um das in der Einleitung erwähnte Steiner-Parker-Filter handeln könnte, existiert dieses doch auch in den Analog-Boliden von ARTURIA (MICROBRUTE, MINIBRUTE und MATRIXBRUTE). In der Tat handelt es sich um eine solche Emulation mit 12dB pro Oktave Flankensteilheit. Ich habe einen MICROBRUTE hier stehen und kann daher durchaus eine vorhandene Ähnlichkeit im Klangcharakter attestieren, wenngleich beide Synthesizer allein schon aufgrund ihrer restlichen Ausstattung natürlich nicht identisch klingen. Das ist hier aber ausdrücklich keine Frage von “besser oder schlechter”, sondern eher eine der Diversität!

Primal und Rogue hingegen stellen beide Nachbildungen typischer Transistor-Ladder-Filter mit einer Flankensteilheit von 24dB pro Oktave dar, wie man sie auch von den MOOG-Synths her kennt. Auch hier ist die anvisierte Klangcharakteristik deutlich zu erkennen. Beim Primal herrscht deutlich mehr eingeplanzte Non-Linearität vor als im Rogue, auch in Bezug auf das Resonanzverhalten.

Ronin schließlich bildet ein Diode-Ladder-Filter nach, ich hatte ja schon erwähnt, dass dieses u.a. ebenfalls in der TB-303 und im SX-150 verbaut wurde. Wie bei diesen Beiden, bietet auch Ronin ein 4-Pol-Filter mit 24dB pro Oktave, das sich nominell jedoch wie ein 3-Pol-filter mit 18dB pro Oktave verhält (was dann auch für das sich nach wie vor hartnäckig haltende Gerücht gesorgt hat, in der TB-303 werke ein 18dB-Filter vor sich hin,,,), deshalb steht auch diese “18” auf der Bedienoberfläche.

Man sollte vom DAGGER trotzdem keine ultrarealistischen TB-303-Sounds erwarten, die vom Original kaum zu unterscheiden sind, das war bei den grundsätzlichen Unterschieden in der Architektur der Beiden aber eigentlich auch zu erwarten. Kleiner Tipp: Wer auf 303-Sounds steht, dem empfehle ich eine TB-303 (überteuert…), eine ihrer authentischen Nachbauten (etwas günstiger zu haben…) oder das ABL-Plugin von AUDIOREALISM (meine Wahl…). Dennoch gibt es bisweilen einige klangliche Gemeinsamkeiten mit der TB-303, mehr sogar noch mit dem SX-150, und auch mit DAGGER kann man veritablen Acid kochen!

Die Filtermodelle klingen hinreichend unterschiedlich und ziemlich gut. Mir persönlich jedenfalls sagen alle Vier gleichermaßen zu. Je nach Art des angestrebten Klangs ist mal das Eine und mal das Andere die erste Wahl.

Ich erwähne hier nur noch der Vollständigkeit halber (und nicht etwa, weil ich den geneigten Leser für sekundärbegabt halte…), dass HPF und LPF in Kombination ein Bandpassfilter ergibt, was an sich keine Ungewöhnlichkeit darstellt, beim DAGGER kann man allerdings beide Grenzfrequenzen separat einstellen und auch unabhängig voneinander zum Resonieren bringen.

Steuerdüsen…

Die nachfolgende Modulations-Sektion bietet eine klassische ADSR-Hüllkurve, wie sie auch heute immer noch beliebt ist. Ihr Verhalten kann mittels eines dreistufigen Schalters verändert werden. Während bei Gate+trig die Hüllkurve bei jedem Tastenanschlag erneut ausgelöst und komplett durchfahren wird, läuft in der Mittelstellung die Hüllkurve auch bei einer neu gedrückten Note weiter, solange man die zuerst gedrückte Taste nicht loslässt. Halterstellung LFO schließlich bewirkt, dass die Hüllkurvenfahrt als Loop im Tempo des LFO wiederholt wird. Damit ist die ADSR-Hüllkurve schon mal flexibler, als es auf den ersten Anblick erscheinen mag.

Manche hätten sich vielleicht gerne noch separate Hüllkurven für Filter und Amp gewünscht (im Programmcode unter der Haube des DAGGER ist dies tatsächlich ja auch der Fall, aber es gibt eben nur den gemeinsamen Satz an Bedienelementen für beide…), ich persönlich vermisse das eher wenig, musste ich ja etwa schon beim JUNO-106 mit nur einer Hüllkurve auskommen und muss ich dies aktuell beim MICROBRUTE ebenfalls, und beim MONOTRON gibt es ja noch nicht mal die…

BeepStreet DAGGER - Modulatoren-Sektion
BeepStreet DAGGER – Modulatoren-Sektion

Die Wirkung der Anschlagsdynamik kann hier gleichfalls eingestellt werden. Diese kann alternativ auf das Filter, auf den Verstärker oder auch auf beide zugleich einwirken.

Der LFO ist manuell oder via Tempo-Sync in der Geschwindigkeit regelbar, zudem kann er entweder frei durchlaufen oder bei jedem Tastenanschlag neu starten. Das Alles ist nicht ungewöhnlich, ebenso wenig wie die typischen LFO-Wellenformen inklusive Sinus, Rechteck sowie Sample & Hold.

Ungewöhnlicher ist da schon eher die Reglerstellung ENV, welche eine einfache Decay-Hüllkurve bietet, und VCO stellt gleich einen flotten Sinus-Oszillator zur Verfügung, der sich als eine weitere, sehr willkommene Möglichkeit zur analogen FM entpuppt. Der Frequenzbereiche von Sinus-LFO und des Sinus-VCO überlappen sich dabei übrigens. Und noch auch weißes Rauschen steht als Modulationsquelle zur Verfügung, stellt man beide Oszillatoren mittels Anwahl der Null-Pulswelle stumm und führt das Rauschen dem Filter per MOD-Regler zu, dann kann man es auch als alleinige Klangquelle verwenden (Filter-Resonanz ganz aufdrehen!).

Wie man sieht, zeigt sich somit auch der LFO weitaus ergiebiger, als man nach einem nur oberflächlichen Blick vermutet hätte.

Nachbrenner…

Am Ende des Signalwegs schließlich wartet die Verstärker-Sektion. Diese ist einfach, aber effektiv ausgestattet: Der große Drehregler in der Mitte ist für den Ausgangspegel zuständig, zudem kann das Signal jedoch noch mit einer als Drive bezeichneten Dioden-Clipper-Emulation an dieser Stelle ein weiteres Mal zünftig bis in die Verzerrung getrieben werden.

BeepStreet DAGGER - Verstärker-Sektion
BeepStreet DAGGER – Verstärker-Sektion

Neben der Modulation durch den LFO kann natürlich auch die Hüllkurve auf die Lautstärke einwirken, dabei hat man die Auswahl zwischen einer simplen Release-Regelung (Attack steht dann auf Null und Sustain auf vollem Anschlag), den vollständigen ADSR-Parametern oder auch einer rudimentären AR-Hüllkurve.

Parabelflug…

Zum Klang des DAGGER habe ich ja nun schon das eine oder andere Wort verloren. Hier sei noch einmal zusammenfassend bestätigt, dass DAGGER meinen persönlichen Geschmack voll trifft. Was die Authenzität des angestrebten Analogklangs angeht, so steht dieses Plugin im Vergleich mit einigen der richtigen Analogsynthies, die kannte, die ich besaß oder die ich noch besitze, kaum schlechter da, da muss man schon wirklich mit der akustischen Lupe suchen!

Nun mag ja jeder mit “Analogklang” etwas anderes assoziieren, denn dieser spannt sich ja doch schon über ein sehr weites Spektrum. Darum sei hier auch angemerkt, dass DAGGER hier eher der Mann für’s Handfeste ist, und das meine ich in einem positiven Sinne. Zartes Ambientgehauche oder seidige Pads sind nicht so wirklich seine Fakultät (zumal er ja nur monophon ist), wen es jedoch eher zur derben Seite des Analogsounds hinzieht, der ist bei DAGGER genau an der richtigen Stelle und braucht nicht mehr weiter zu suchen! DAGGER ist nämlich kein zierlicher Dolch für Prinzen in Strumpfhosen, sondern vielmehr ein Combat-Messer mit Zackenschliff für den Nahkampf an der Front!

Herzhafte Bässe mit ordentlich Speck auf den Rippen und Klöten in der Buchse, mal saftig und mal knackig, typische Sounds für Step-Sequencer, kernige Leads mit hochgradig aggressiven Tendenzen, aber auch diverse analoge Drumsounds sowie allerlei zünftige Effektklänge von eindeutig elektrischer Natur schüttelt DAGGER einfach so aus dem Ärmel. Das lob ich mir!

Dabei bleibt DAGGER klanglich stets durchsetzungsfähig und kann sich daher auch in einem kompletten Mix gut behaupten. Ich persönlich bin auch froh, dass BeepStreet dem DAGGER keine integrierte FX-Sektion als Klangweichspüler verpasst hat, sondern selbstbewußt nur den rohen Sound ausliefert! Bei Bedarf kann ich die Effekte meiner Wahl schließlich selbst draufklatschen…

Die mitgelieferten Presets zeigen zum Teil leider nur andeutungsweise auf, was DAGGER wirklich auf dem Kasten hat. Ähnlich erging es mir auch mit den Klangbeispielen auf der Webseite, allerdings vermochte ich diese auch nur über die lausigen Lautsprecher meines Netbooks vernehmen, und darüber klingt ja eigentlich alles ziemlich mau. Andere der Presets wiederum, etwa einige Bassklänge oder Sequencer-Sounds, fallen dafür ziemlich gelungen aus. Alles also bloß eine Frage des Geschmacks!

Da DAGGER aufgrund seiner einfachen Struktur und Übersichtlichkeit aber geradezu dazu einlädt, selbst Hand an ihn zu legen, sind eigene Presets sowieso im Nu damit erstellt.

Und wer mal eine faule Phase hat oder sich einfach überraschen und inspirieren lassen will, der klickt einfach beherzt auf den Menüpunkt “Randomize” und lässt sich von DAGGER Presets nach dem Zufallsprinzip backen.

Okay, während des Tests generierte dies Funktion überwiegend schräge und noisy Effektklänge, die nicht immer auf Anhieb zu gebrauchen waren (es werden dabei halt alle Parameter des DAGGER gleichermaßen miteinbezogen und wild durcheinander gewürftelt…), aber dann klickt man eben so lange weiter auf den Randomizer, bis man endlich doch einen Treffer landet und beispielsweise einen ungewöhnlichen Lead-Sound oder einen coolen Effekt erhält, oder zumindest brauchbares Ausgangsmaterial zur anschließenden Weiterverarbeitung.

So, genug gelabert, hier kommt das Klangbeispiel zum Testbericht. Ich habe mit DAGGER mal passend zur aktuellen Karwoche ein kleines Osterlämmchen aus Rührteig gebacken, doch Obacht, ich habe dafür kein feines Dinkelmehl, sondern hauptsächlich Roggenvollkornschrot mit ordentlich Ballaststoffen, zwölf Eier und viel gute Butter genommen, also nix für Veganer… 😉

Insgesamt waran daran 12 Instanzen von DAGGER beteiligt, auch die Drumsounds habe ich damit gebastelt. Als Puderucker habe ich lediglich einen leichten Halleffekt via Send-Bus auf etwa der Hälfte der Spuren verwendet, dazu kommt noch ein Delay zur Rhythmisierung der Sequenz, mit welcher der Track beginnt (das Echo auf diesem sporadischen Effektklang, mit dem das Stück am Ende auch ausklingt, ist nicht etwa ein Delay, sondern stammt vom LFO des DAGGER…) sowie einen dezenten Kompressor auf der Summe, der das Ganze lediglich um ein paar Dezibel zusammenstaucht.

Fazit:

buenasideas-TippUnser guter alter BuenasIdeas-Tipp… Er ist dazu gedacht, um nach unserer Ansicht besonders gelungene Produkte hervorzuheben. Und genau das mache ich an dieser Stelle wieder einmal! Nicht allein, weil DAGGER toll klingt. Auch nicht bloß, weil er so einfach zu bedienen ist. Und schon gar nicht nur deswegen, weil er ziemlich günstig zu haben ist. Aber allein schon die Summe dieser drei genannten Attribute plus einige zusätzliche Goodies ergibt ein rundum gelungenes Synthesizer-Plugin.

DAGGER ist sicherlich nicht „the only synthesizer you need“, sondern ein kompetenter Fachmann in seinem Bereich. BeepStreet hat DAGGER nach eigenen Angaben als einen auf sein spezifisches Einsatzgebiet fokussierten und zudem erschwinglichen Synthesizer entworfen. Und genau das ist er auch geworden! Erfrischend finde ich auch, dass DAGGER keinen bestimmten Hardware-Synthesizer zu kopieren versucht, sondern selbstbewußt als eigenständiger Klangerzeuger antritt. Denn gute virtuelle Moogs, Junos, SH-101er, TB-303s oder Oberheimer haben wir doch schon längst zur Genüge!

Der Klang ist wie gesagt klasse, die Bedienung könnte kaum einfacher sein, der zwar beschränkte, dafür aber raffiniert gewählte Parametersatz stellt sich in der Praxis nicht als Begrenzung, sondern eher als Einladung dar, sich auf DAGGER zu konzentrieren und damit im Handumdrehen eigene Klänge mit Charakter zu basteln, anstatt dann doch wieder nur durch die Presets zu steppen, weil einen die Flut der Möglichkeiten den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen lässt oder die Bedienung nicht wirklich Spaß macht.

Die 35,- Euro, die BeepStreet für DAGGER haben möchte, empfinde ich in Anbetracht der gebotenen Features als ausgesprochen bescheiden. Klanglich spielt er jedenfalls in der selben Liga mit, wie etwa die ähnlich authentischen Konkurrenzprodukte von U-HE, EISENBERG, NATIVE INSTRUMENTS und vielleicht noch ein paar Anderen, die aber allesamt weitaus höhere Preisschilder tragen. Die Analog-Emulationen in seiner eigenen Preisklasse und auch noch ein gutes Stück darüber hinaus steckt DAGGER sowieso locker in die Tasche.

DAGGER kommt auf jeden Fall in meine persönliche Top-10 der Synth-Plugins. Da werden wohl demnächst mal wieder ein paar Kanditaten aus meinem VST-Ordner fliegen… 😉

Ach ja, wer sich übrigens ebenfalls für den in der Einleitung erwähnten SUNRIZER (45,- Euro) interessieren sollte, der kann diesen zusammen mit DAGGER im Bundle für 60,- Euro erwerben und spart dabei dann noch mal 20,- Steine.

Acid, Techno, Old-School-EBM, Industrial,Tatooine-Tusken-Tribal, aber auch klassische elektronische Musik können gewiß alle von DAGGER profitieren, aber vergesst diese stereotypen Schubladen am besten einfach, zieht euch die Demo-Version herunter, testet sie selbst und macht eure eigene Musik!

 

Positives:

+ hervorragender und authentischer Analogklang

+ flexible Klangformung

+ gelungene Filtermodelle

+ überzeugend klingende Modulationen im Hörfrequenzbereich

+ funktionelle und einladende Bedienoberfläche

+ Zufallsgeneration von Presets

+ moderate Rechnerbelastung

+ MIDI-Learn-Funktion

+ Parameteränderungen per Scroll-Wheel möglich

+ sehr günstiger Preis

 

Negatives:

– Keine Offline-Aktivierung möglich

 

Produktwebseite: http://www.beepstreet.com/plugins/dagger

 

Zukunftsmusik…

Als kleinen Nachtrag möchte ich euch an dieser Stelle noch verraten, dass BeepStreet mir kundgetan hat, derzeit bereits eine Art großen Bruder des DAGGER zu entwickeln, der bisher noch namenlos ist. Die ersten Eckdaten klingen dabei sehr vielversprechend, etwa sogenannte „Through-Zero FM-Oszillatoren“ (benutzt dazu mal einfach die Suchmaschine eurer Wahl…), die im Synthesesizer-Bereich bisher noch eher selten anzutreffen sind. Dazu sollen neben Polyphonie und anderen Erweiterungen auch eine ausgefuchste Modulationsmatrix sowie diverse virtuelle Analog-Effekte kommen. Wer möchte, der kann hier schon mal einen ersten klanglichen Einduck von BeepStreets TZFM-Oszillatormodell gewinnen: https://soundcloud.com/jarek-j/meowmeow

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