Musiktheorie-to-go Webseite

Für viele Anfänger in der Musikproduktion stellt Musiktheorie eine sehr hohe Hürde dar. Und viele erfahrene Musikproduzenten machen zwar tolle Musik, haben aber wenig Ahnung von den Grundgesetzen hinter Akkorden und Harmonien. Braucht man das also? Gibt es einen zwingenden Grund, sich mit diesen eher trockenen und undurchsichtigen Inhalten herumzuschlagen? Da gehen die Meinunge, als auch die Herangehensweisen an das Komponieren von Musik auseinander. Denn jeder, der nicht nur ein paar fertige Loops arrangiert, ist genötigt, in irgendeiner Weise zu komponieren, wie auch immer das vom konkreten Prozess her dann aussieht und wie einfach das Strickmuster auch sein mag, je nach Genre.

Man kann sich in der Auseinandersetzung mit Musikstücken, durch intuitives Ausprobieren, durch Üben, alleine oder in einem Band-Kontext, und durch praktische Erfahrung Strategien aneignen, die zum Erfolg führen. Dennoch, alles in allem habe ich den Eindruck, dass Menschen, die Musiktheorie, Harmonielehre wirklich gut verstehen und anwenden können, direkter zum Ziel kommen und mehr Freiheit darin haben, musikalische Ideen zu entwickeln. Also eigentlich ein lohnendes Ziel, auch und gerade für Anfänger, weil sie zwar einen steilen Berg erklimmen müssen, das aber eine Abkürzung zu Musik auf höherem Niveau darstellt, das man ansonsten nur nach längerer Zeit oder nie erreicht.

Musiktheorie-to-go ist eine frei zugängliche Seite im Netz, die den Zugang zu Musiktheorie erleichtern will. Der Autor hat zu diesem Zweck ein Farb-System entwickelt, das jeder Note eine Farbe zuweist und damit auch erkennbare Strukturen zeigt, wenn man keine Noten lesen kann. Zentrales Element ist die Klangsäule, die wie ein durchsichtiges Plexiglas-Rohr die farbigen Tonscheiben umhüllt. Grafisch ist das alles sehr schön und aufwendig gemacht – sage ich mal als Grafik-Designer. Das Konzept der Webseite mit Übersichten, große Abbildungen und vielen Tonbeispielen ist für den großen Bildschirm entworfen, geht im Smartphone aber leider größtenteils verloren. Hier muss man lange scrollen und verliert dann leicht den Überblick. Das stört allerdings nicht, wenn man nur kurz etwas nachsehen will.

Homepage Musiktheorie-to-go
Homepage Musiktheorie-to-go

Die Klangsäule

In der Klangsäule werden die Noten einer Oktave vertikal organisiert als farbige Scheiben dargestellt, nicht wie üblich mit einer horizontalen Klaviertastatur. Hilfreich ist dabei, dass die Farbgebung der Töne den Regenbogenfarben entspricht. Sie kommt in den Schaubildern fast immer ohne Notenbezeichnungen aus. Es werden höchstens die Grundnoten angegeben oder Intervall-Noten, die z. B. den Quintenzirkel konstruieren. Man kann sich als Betrachter also nur an den Farbtönen orientieren, in die das Notensystem sozusagen umkodiert wurde. Das hat Vor- und Nachteile.

Die Klangsäule
Die Klangsäule

Wenn man die Webseite am PC oder zumindest auf einem Tablet geöffnet hat, was in diesem Fall sehr empfehlenswert ist, dann werden im Menü oben rechts Symbole für eine Note, eine Tastatur und Gitarre angezeigt. Sie blenden zwischendurch die Klangsäule, eine Tastatur, bzw. Tabulatur ein, die die Farben mit Notennamen zeigt, sozusagen als Gedächtnisstütze. Ich fand persönlich das Farbsystem zunächst verwirrend und mühsam, ich war ständig dabei die Farben in Noten zurück zu übersetzen, um zu verstehen, was da dargestellt wird. Nachdem ich mich eine Zeit lang mit den Schaubildern auseinandergesetzt hatte, ging das flüssiger, ich hatte die Farben-Notenzuordnung auswendig gelernt. Dennoch bleibt es immer noch ein Zusatzschritt, der mal mehr, mal weniger eine Rolle spielt.
Wenn es um übergreifende Strukturen geht, Beziehungen zwischen Tonleitern beispielsweise, können diese vertikalen Farbkombinationen durchaus optisch etwas deutlicher machen, als man es konventionell mit Tastatursymbolen oder gar Akkorden in Notenschrift hinbekommt. Ein schönes Beispiel sind die Modi von C Dur, wo optisch klar wird, dass hier über einer gleichen Intervall-Struktur nur der Ausschnitt verschoben wird.

Struktur von modalen Tonleitern
Struktur von modalen Tonleitern

Theorie bleibt Theorie

Musiktheorie ist die umfassende Lehre von Musik, was Musik ist, Noten, Notensysteme, Akkorde, aber auch Orchesterinstrumente, Frequenzen einzelner Töne oder der Stimmumfang von Instrumenten. Eine Untermenge davon ist die Harmonielehre, um die es hier im Wesentlichen geht, nachdem die Grundlagen abgehandelt sind. Wobei man hier gleich sieht, dass es sich um „Musiktheorie-to-go“ handelt, schon die einleitenden Erklärungen zu Tonsystemen, Stammtönen usw. sind ultra-knapp gehalten. Grundbegriffe wie Intervalle, Oktave, Tonleiter werden in ein bis drei Sätzen beschrieben und in vielen Fällen eher abstrakt definiert als erklärt. Ja, die Essenz der Bedeutung, der Zusammenhänge ist kunstvoll und so knapp wie möglich destilliert. Doch ich musste selbst Dinge, die ich wusste manchmal zwei Mal lesen um sie zu begreifen. So gilt nicht nur für die Schaubilder, sondern auch für die Begleittexte, dass sie ästhetische Konzentrate, jedoch mitunter nicht unmittelbar verständlich sind. Es ist auch hier eine Frage der Auseinandersetzung und man muss sich mit Harmonielehre auseinandersetzen, um sie zu erlernen. Hier bekommt man die Unterstützung durch klare, übersichtliche Bilder, nicht durch umfangreiche Erklärungen.

Grundakkorde
Grundakkorde

Aufbaukurs

Die Website baut von den Grundlagen her auf, den Stammtönen, Intervalle werden erklärt und teilen Tonleitern auf, alle herkömmlichen Arten von Tonleitern und der Aufbau des Quintenzirkels wird gezeigt. Er stellt auch Modale Tonleitern vor und im Abschnitt Akkorde dann nach Drei- und Vierklängen die Stufenakkorde, die wiederum mit den Modalen Tonleitern zusammenhängen und das Herzstück der Grundlagen der Harmonielehre bilden. Mit Stufenakkorden stellt man Akkordprogressionen zusammen, mit denen der harmonische Ablauf eines jeden herkömmlichen Musikstücks aufgebaut wird.

Intervalle der Stufenakkorde
Intervalle der Stufenakkorde

Im Abschnitt Harmonien/Grundlage Harmonien fließt dann alles Vorangegangene zusammen, die klassischen Funktionsbezeichnungen der Stufen werden vorgestellt und ihre Beziehungen untereinander. In den Schaubildern wird deutlich, wie das alles ineinander greift, das erfordert jedoch schon eine konzentrierte Betrachtung. Ich vermute auch, dass der praktische Bezug dieser Zusammenhänge sich erst erschließt, wenn man die Funktionstheorie, von der an dieser Stelle nur die Grundbegriffe erwähnt werden, tatsächlich studiert, begriffen und angewendet hat.

Die Stufen im Quintenzirkel
Die Stufen im Quintenzirkel

In den weiteren Unterabschnitten von Harmonien geht es in der Folge um klassische und moderne Kadenzen, das sind Akkordfolgen, die ein Stück abschließen und um verbreitete Akkordmuster in der Rock/Popmusik. Unter „2go“ findet man dann noch jede Menge nützliche und weiterführende Links zu Musiktheorie, Webseiten und sogar Programmen und Plugins, die da weiterhelfen.

Insgesamt stellt das alles einen folgerichtiger Aufbau des Themas dar und sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene können hier einiges erfahren und begreifen. In manchen Abschnitten wirken die seitenfüllenden Auflistungen von Tonleitern und Akkorden in jeder Tonart etwas erschlagend. Jedoch, wenn man erfasst hat, dass das nur Variationen der gleichen Grundstruktur sind, ist es ein Vorteil, dass man sich zu jedem Detail Bilder betrachten und Klangbeispiele anhören und miteinander vergleichen kann. Gerade z. B. sich die Intervallstrukturen von Stufenakkorden in allen Tongeschlechtern selbst klar zu machen, wäre sehr mühsam, hier kann man es nachschlagen. Das macht auch deutlich, dass eine der Funktionen dieser Webseite auch eine lexikalische ist, man findet die wesentlichen Zusammenhänge in einer kompakten Übersicht aufgelistet. Den Aufwand dahinter finde ich wirklich beeindruckend.

Zugang zur Theorie

Ich finde es schwer einzuschätzen, welche Gruppe von Musikproduzenten den meisten Erkenntnisgewinn aus dieser Webseite ziehen kann. Eine Umfrage auf Facebook, in der ich die Seite vorstellte, brachte sehr gemischte Rückmeldungen. Die Einschätzungen, wie diese Inhalte in dieser Form mit dem farbcodierten System auf Anfänger wirken, gingen eher in die Richtung, dass diese überfordert sind und dass es keine Erleichterung darstellt. Fortgeschrittene lobten die schönen Grafiken und meinten, dass das zum Nachschlagen ganz gut wäre.
Der Autor sieht das ja auch eher als alternative Ergänzung und nicht als einen alleine für sich stehenden Musiktheorie-Kurs.
Ich persönlich vermute, dass es in beiden Gruppen vor allem eine Frage ist, wie man sich darauf einlässt, der Zugang zu den Zusammenhängen in der Harmonielehre bleibt wohl grundsätzlich zunächst ein schwieriger und es ist individuell ganz verschieden, welches Mittel einen dabei am ehesten weiter hilft. Von daher ist es gut, dass es ein weiteres Angebot gibt, das sehr eigene Akzente setzt und damit den einen oder anderen anspricht und ihr/ihm weiter hilft.

Webseite Musiktheorie-to-go:
https://www.musiktheorie-to-go.de/

Eine Rezension von Stefan Federspiel

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