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Testbericht: CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – The Italian Job

Ein Testbericht von Perry Staltic,
veröffentlicht am 19.08.2025

Lang scheinen die Sommerferien bei CHERRY AUDIO ja nicht gedauert zu haben, das letzte Plugin ODC 2800 ist erst seit kurzem auf dem Markt, da schieben die Kalifornier bereits das nächste hinterher. Diesmal gibt es die Emulation eines Klassikers, den vermutlich viele gar nicht auf dem Schirm haben, da er einerseits recht selten ist und andererseits nie den Bekanntheitsstatus eines MINIMOOG, eines ODYSSEY oder eines SEM erreicht hat: der CRUMAR SPIRIT aus dem Land, wo die Zitronen blühen und die Pizza erfunden wurde.


Bob, der Baumeister

Die Region um Castelfidardo an der Adria stellt so etwas wie der Hotspot der italienischen Tasteninstrumentenhersteller dar, tummeln sich (oder befanden sich einst) dort doch nahezu alle einschlägigen Firmen von Namen und Rang. Zunächst wurden dort Akkordeons gebaut und ab den Sechzigern schließlich auch elektronische Orgeln, Keyboards und sogar Synthesizer, wobei gerade Letzteren in der Regel nicht unbedingt der Erfolg zuteil wurde, den sie eigentlich verdient hätten.

Namen wie ELKA, FARFISA, S.I.E.L., BONTEMPI, GEM, ORLA, FATAR oder eben CRUMAR hat wohl jeder Tastenspieler schon einmal gehört. Mindestens einiger dieser Firmen sind miteinander verknüpft oder gehören gar derselben Familie. CRUMAR leitet sich einfach vom Namen seines Gründers Mario Crucianelli ab. Dessen Bruder war übrigens der Firmengründer von ELKA.

CRUMAR SPIRIT (Neuauflage)

Der SPIRIT war zwar nicht der erste Synthesizer von CRUMAR, vorher entwickelte man bereits den DS2, den COMPOSER sowie einige andere Geräte, doch haftet ihm für einen Italiener eine kleine Besonderheit an: An seiner Entstehung war nämlich auch ein gewisser Robert Arthur Moog beteiligt. Diesen Namen habe ich doch irgendwo schon mal gehört…

Ja, tatsächlich, der gute Bob Moog himself leistete seinen Beitrag an der Entwicklung des SPIRIT, zusammen mit dem ehemaligen MOOG-Ingenieur Jim Scott und dem Synthese-Experten Tom Rhea, die anscheinend den größten Teil des Designs übernahmen.

Wie auch immer, CRUMAR brachte den SPIRIT im Jahre 1983 heraus, und was erschien damals fast zeitgleich? Genau, der DX7, polyphon, digital, speicherbar und mit MIDI. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben…

Heutzutage sieht man so etwas natürlich anders, denn der CRUMAR SPIRIT war eigentlich ein toller Synthesizer mit allerlei ungewöhnlichen Möglichkeiten, was ihn für mich persönlich sogar interessanter erscheinen lässt als den fast gleich großen MINIMOOG.

So jedoch erging es CRUMAR wie einigen anderen der italienischen Synthesizerbauer, man brachte ein paar Jahre später noch die BIT-Reihe heraus und wenig später war leider Schluss mit dieser Firma, sie wurde an LEM verkauft (die anschließend seinerseits von GEM übernommen wurde…).

Im Jahre 2008 erschien CRUMAR erneut wie ein Phönix aus der Asche, dieses Mal unter der Leitung seines neuen Besitzers Andrea Agnoletto. Die Firma fokussierte sich nun vorrangig auf Keyboard-Instrumente wie digitale Pianos und Orgeln. Dennoch ließ CRUMAR es sich nicht nehmen, 2023 eine Neuauflage des SPIRIT herauszubringen, dieses Mal jedoch mit gegenüber dem eher mittelmäßig verarbeiteten Original verbesserten Komponenten. Der neue CRUMAR SPIRIT war aber leider nur auf einhundert Exemplare limitiert und kostete rund 4000,- Euro.

Wer keinen Hardware-SPIRIT ergattern konnte, dem bietet sich jetzt aber zumindest die Gelegenheit, ein virtuelles Exemplar zu erwerben, und das zu einem ungleich günstigeren Preis. CHERRY AUDIO hat für seine Emulation nämlich mit CRUMAR zusammengearbeitet, und daher darf das Baby auch höchst offiziell den Namen seines Vorbilds tragen.


Wiederkäuer…

Wer auch nur irgendeinen Synthesizer von CHERRY AUDIO sein Eigen nennt, der kann den folgenden Abschnitt mal wieder getrost überspringen, er wird darin nichts Neues entdecken…

Allen anderen seien hier kurz die allgemeinen Funktionen vorgestellt, die dem Standard von CHERRY AUDIO entsprechen und damit bei allen Plugins dieses Herstellers vorkommen.

CRUMAR SPIRIT ist als 64-Bit-Plugin für WINDOWS ab Version 7 und für macOS ab Version 10.13 aufwärts verfügbar. Es gibt wieder eine Standalone-Version sowie die Plugin-Formate VST2, VST3, AAX und AU. Getestet habe ich nur die VST-Varianten unter WINDOWS 10. Mein Studiorechner verfügt über folgende, nicht mehr ganz zeitgemäße Hardware-Austattung: CPU i7-4790K mit 4 x 4,0 GHz und 16 GB Arbeitspeicher.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Installation benötigt Internetzugriff

Der CRUMAR SPIRIT lässt sich nur dann vollständig installieren, wenn der Host-Rechner über eine aktive Internetverbindung verfügt, da dabei noch einige Daten nachgeladen und Presets aktualisiert werden.

Auch für die Aktivierung des Plugins wird ein kurzzeitiger Zugriff zum Internet benötigt, da eine alternative Offline-Aktivierung nicht vorgesehen ist. Um den CRUMAR SPIRIT freizuschalten benötigt man lediglich die Zugangsdaten seines obligatorischen Accounts bei CHERRY AUDIO.

Nach der Installation und der Aktivierung kann der Host-Rechner aber wieder offline gehen, zumindest bis zu einem eventuellen Update.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT

Die optische Nähe zum Hardware-Vorbild ist unverkennbar, auch wenn sich CHERRY AUDIO wieder einmal erlaubt hat, hier und da kleine Änderungen am ursprünglichen Layout vorzunehmen und weitere Funktionen hinzuzufügen.

Den bei CHERRY AUDIO anscheinend unvermeidbaren Pseudo-3D-Look inklusive perspektivischer Verzerrung und virtuellen Schattenwürfen gibt es auch beim CRUMAR SPIRIT, hier fällt er löblicherweise aber hinreichend dezent aus, um die Bedienung nicht unnötig zu erschweren. Ich persönlich könnte gut und gerne auch ganz darauf verzichten.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Bedienoberfläche mit ausgeblendetem Keyboard

Die Mehrzahl der Plugins von CHERRY AUDIO ist mit einer virtuellen Klaviatur ausgestattet, so auch der CRUMAR SPIRIT. Dies lässt sich jedoch auch ausblenden, so dass das Plugin weniger Platz auf dem Bildschirm einnimmt. Auch die vollständige Ansicht der zusätzlichen Effektsektion, die an gleicher Stelle platziert ist, entzieht sich dann dem direkten Zugriff.

Wie schon beim ODC 2800 und im Gegensatz zu vielen der früheren Plugins von CHERRY AUDIO existiert auch beim CRUMAR SPIRIT nur eine einzige Bildschirmseite, auf der alle Funktionen untergebracht sind.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Focus

Die FOCUS-Funktion stellt einen wählbaren Ausschnitt der Bedienoberfläche in vergrößerter und fensterfüllender Ansicht dar, praktisch etwa für Detailarbeiten ohne Sehhilfe bei Bildschirmen mit sehr hohen Auflösungen. Der dazu passende Shortcut: Ein Klick ins GUI bei gedrückter STRG-Taste (WINDOWS) bzw. CMD-Taste (macOS) aktiviert FOCUS und stellt bei Bedarf auch wieder die normale Ansicht her.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – MIDI Learn

Wer mit externen MIDI-Controllern arbeitet, der wird die umfangreichen und komfortablen Möglichkeiten zur Einbindung derselben begrüßen. Mittels integrierter MIDI-Lernfunktion lassen sich beliebige Parameter des Plugins den Bedienelementen des Controllers zuweisen.

Dies Mappings lassen sich bei Bedarf anschließend noch nachbearbeiten, so können zum Beispiel minimale und/oder maximale Werte eingestellt werden und die Regelkurven lassen sich mit der Maus zu einem exponentiellen oder einen logarithmischen Verlauf „verbiegen“. Für jede vorgenommene Parameterzuweisung kann man definieren, ob diese nur für das aktuelle Preset oder aber global gelten soll.

Natürlich reagiert der CRUMAR SPIRIT auch auf Parameterautomation innerhalb der DAW und seine virtuellen Regler lassen sich auch via Mausrad bedienen.

UNDO und REDO stellen nützliche Funktionen dar, um Parametereinstellungen ungeschehen zu machen oder zwei mögliche Alternativen miteinander zu vergleichen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – QWERTY Keyboard

Das sogenannte QWERTY KEYBOARD ist eine zusätzliche virtuelle Klaviatur (unabhängig von der in der Bedienoberfläche integrierten), die sich sowohl mit der Maus als auch mit der alphanumerischen Tastatur des Rechners spielen lässt, so dass man gegebenenfalls auch ohne ein externes MIDI-Keyboard auskommen kann, zumindest beim Editieren.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Settings

Das Settings-Menü ist dreigeteilt und für die Einstellung einiger grundsätzlicher Optionen zuständig. So lässt sich etwa das Verhalten der Bedienoberfläche feintunen, man kann die Account-Daten für die Aktivierung einsehen und editieren, den Speicherort für die Presets festlegen oder den Umgang mit eventuellen Updates einstellen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Preset-Browser

Auch der Preset-Browser folgt dem gewohnten Standard von CHERRY AUDIO und bietet verschiedene Kategorien, eine Suchfunktion sowie eine Favoritenliste, in der man alle seine vorher markierten Lieblings-Presets an einem Ort wiederfindet. Eine Pin-Funktion verhindert auf Wunsch, dass sich der Browser sofort nach dem Anklicken eines Presets wieder schließt, sondern stattdessen permanent geöffnet bleibt.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Oversampling Quality

Über die Schaltfläche mit dem Q erreicht man die Einstellmöglichkeiten für die Oversampling-Qualität. Vier Stufen stehen hier zur Auswahl, wobei 1x die Standardeinstellung ist und normaler Qualität entspricht, während 4x das Ende der Fahnenstange darstellt und dementsprechend auch die höchste Klangqualität bei gleichzeitig höchster CPU-Belastung darstellt. Je nach Klang ist der hörbare Unterschied zwischen diesen beiden Extremeinstellungen schon sehr deutlich hörbar.


Pizza capricciosa…

Wenn man nur einen sehr beiläufigen Blick über die Bedienoberfläche des CRUMAR SPIRIT schweifen lässt, egal, ob nun beim Plugin oder bei der originalen Hardware, könnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich hierbei nur um einen weiteren subtraktiven Synthesizer in typischer Standardausführung handele (gähn…). Erst bei genauerer Betrachtung fällt einem dann auf, dass dem mitnichten so ist.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Synthese-Parameter

Dabei ist der Signalpfad des CRUMAR SPIRIT jetzt gar nicht mal sonderlich exotisch und vieles davon wird einem auch durchaus vertraut erscheinen. Es sind hier vielmehr die ungewöhnlichen kleinen Extras, die den eigentlichen Unterschied ausmachen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Oszillatoren

Die Oszillatorsektion beherbergt zwei Schwingungserzeuger (A und B), die jeweils Dreieck, Sägezahn sowie vier verschieden weite Pulswellen (hier als Rechteck bezeichnet) erzeugen und auch miteinander synchronisiert werden können (B zu A). Die Pulswellen von Oszillator A weisen dabei andere Pulsweiten auf als die von Oszillator B.

Während sich der Oktavbereich bei Oszillator A von 32‘ bis 4‘ einstellen lässt, kann er bei Oszillator B relativ dazu um eine Oktave nach unten und bis zu zwei Oktaven nach oben verstellt werden.

Zudem weist Oszillator B hier noch zwei besondere Modi auf, nämlich BASS und WIDE. Hierbei wird er von der globalen Tonhöhenkontrolle durch Keyboard, Pitch Bender und Master Tune entkoppelt. Bei der Einstellung BASS lässt er sich im Bereich von 30 Hz bis 300 Hz stimmen und somit als zusätzlicher LFO einsetzen. Bei WIDE beträgt der Frequenzumfang 2 Hz bis 10 kHz, was ihn für Modulationen im Audiobereich prädestiniert. Beide Modi eignen sich auch zur Erzeugung von Drones.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Audio Mixer

Der CRUMAR SPIRIT verfügt noch über eine weitere Klangquelle in Form eines Rauschgenerators. Dieser lässt sich im AUDIO MIXER hinzublenden und beherrscht neben den herkömmlichen Rauschfarben Weiß und Rosa auch das vom Vorbild stammende etwas exotischere rote Rauschen. Der Rauschgenerator kann nicht nur als Klangquelle, sondern auch zu Modulationszwecken verwendet werden.

Eine Besonderheit ist hier das Vorhandensein von zwei separaten Signalpfaden. Der eine (FILTER/ADSR PATH) folgt dem üblichen Verlauf durch Filter und VCA inklusive Hüllkurven, wie man ihn von anderen subtraktiven Synthesizern her auch kennt. Der andere (SHAPER Y PATH) hingegen durchläuft das sogenannte BRIGHTNESS FILTER (Tiefpass mit 6 dB pro Oktave) sowie einen durch diverse Modulatoren angesteuerten VCA.

Im Mixer findet man zudem einen Regler zum Einblenden des Ringmodulators, von mir ebenfalls immer wieder gerne gesehen (und gehört). Dieser ist nur im SHAPER Y PATH verfügbar.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Filter und Hüllkurven

Die Filtersektion des CRUMAR SPIRIT weicht gleichfalls etwas vom Gewohnten ab. Sie besteht aus gleich zwei Filtern, nämlich FILTER U und FILTER L, wobei das U für UPPER und das L für LOWER steht. Damit ist jedoch lediglich die Platzierung auf der Bedienoberfläche gemeint und nicht etwa eine Filtercharakteristik.

FILTER U ist ein Tiefpassfilter mit einer umschaltbaren Flankensteilheit (12 dB oder 24 dB pro Oktave). Die Resonanz kann wahlweise frei geregelt oder auf einen festen Wert (LOW) eingestellt werden. Das Keyboard-Tracking ist ebenfalls stufenlos regelbar. Die Filterhüllkurve ist der Frequenz von FILTER U zugewiesen und besitzt eine klassische ADSR-Parametrisierung mit einstellbarer positiver oder negativer Intensität.

FILTER L besitzt vier Modi, von denen OUT das Filter einfach deaktiviert. OVERDRIVE bringt einen Bandpass mit mittenbetonter Verzerrung ins Spiel, während BANDPASS und HIGHPASS wie erwartet reagieren. Die Filterfrequenz ist nicht absolut, sondern mittels LOWER ONLY nur in Relation zu der von FILTER U einstellbar. Etwa bei Reglerposition 8 weisen beide Filter dieselbe Frequenz auf.

Bei FILTER L kann zudem zwischen den beiden Charakteristika DYNAMIC und FORMANT umgeschaltet werden. Während es sich bei DYNAMIC frei modulieren lässt, arbeitet es bei FORMANT statisch mit einer festen Resonanzeinstellung, was es somit etwa für vokalartige Klänge geeignet erscheinen lässt.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Modulatoren

In Sachen Modulation geht der CRUMAR SPIRIT ebenfalls seine eigenen Wege. Hier gibt es gibt drei Sektionen. Von der Hardware übernommen wurden MOD X und SHAPER Y, während MATRIX Z eine Hinzufügung seitens CHERRY AUDIO darstellt.

MOD X bietet verschiedene Modulationsquellen, als da wären ein LFO mit Dreieck- und Rechteckwelle, Sample & Hold, rotes Rauschen und Oszillator B. Die beiden Letztgenannten eignen sich auch für Frequenzmodulation im Audiobereich. Die Geschwindigkeit von LFO und Sample & Hold lässt sich frei in Hertz einstellen oder mit verschiedenen Notenwerten zum Host-Tempo synchronisieren. Die Amplitude von MOD X lässt sich bei Bedarf auch selbst vom danebenliegenden SHAPER Y modulieren.

Dieser wiederum kann nach Art einer einfachen AD-Hüllkurve oder als LFO arbeiten, wahlweise permanent oder nur bei Auslösen einer Note. SHAPER Y kann sowohl Audiosignale als auch andere Modulationsignale (MOD X) beeinflussen. Mit dem SHAPE-Regler wird die Symmetrie von Attack und Decay eingestellt. Auch hier ist das Tempo bei Bedarf wieder synchronisierbar.

MOD X verfügt ebenso wie SHAPER Y über ein eigenes virtuelles Modulationsrad. Für beide lassen sich jeweils Ziele festlegen, die dann bei Betätigung des jeweiligen Rads angesteuert werden.

MATRIX Z schließlich existiert bei der Hardware gar nicht und stellt vier Slots bereit, in denen sich ebenso viele Modulationsquellen den gewünschten Modulationszielen zuweisen lassen. Die Auswahl geschieht dabei jeweils aus einem Menü.

Das PDF-Manual zum CRUMAR SPIRIT beschreibt übrigens allerlei sinnvolle Anwendungsmöglichkeiten für die Modulationssektion.


Nebenprodukte…

Während der originale CRUMAR SPIRIT ein rein monophones Gerät ist, ist sein virtuelles Pendant auch der Polyphonie mächtig. Wahlweise kann man ihn, ein-, vier-, acht- oder sechzehnstimmig spielen. Zudem lassen sich seine Stimmen auch zu einem Unisono übereinanderschichten und dabei dann stufenlos gegeneinander verstimmen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Master-Sektion

Ein weiterer Modus ist bereits vom YELLOWJACKET bekannt und nennt sich MULTI VOICE und arbeitet mit einer Round-Robin-Zuweisung. Der Clou: Man kann für jeweils bis zu drei Stimmen verschiedene Parameter-Offsets einstellen, die dann der Reihum abgerufen werden. Somit lassen sich bis zu vier leicht unterschiedlich klingende Stimmen erzeugen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Multi Voice

Die drei zusätzlichen Offsets werden mit dedizierten Reglern am unteren Rand des Bedienpanels eingestellt. Verfügbare Parameter sind hier Tonhöhe, Panorama, Filterfrequenz, VCA Attack und VCA Release. Die Abweichungen gegenüber der ersten Stimme (die ja den jeweiligen Einstellungen in der Synthesesektion folgt) können sowohl positiv als auch negativ sein.

Die Abspielmöglichkeiten hat CHERRY AUDIO gegenüber der Umsetzung im YELLOWJACKET sogar noch erweitert. LOOP entspricht dabei dem ursprünglichen Konzept und spielt die vier unterschiedlichen Stimmen einfach der Reihe nach ab.

Wenn die Polyphonie also auf vier Stimmen eingestellt ist, wird die erste davon mit den originalen Klangeinstellungen abgespielt und die anderen drei folgen ihren jeweiligen Offsets. Bei acht oder sechzehn Stimmen wiederholt sich diese Viererreihe dann einfach (die Stimmen 5, 9 und 13 folgen den Einstellungen der ersten Stimme, die Stimmen 6, 10 und 14 den Offsets der zweiten Stimme etc.)

PING-PONG spielt die vier Stimmen alternierend ab, also zunächst von der ersten Stimme aufwärts bis zur vierten Stimme und anschließend wieder abwärts zurück bis zur ersten Stimme usw.,

RANDOM schließlich spielt die vier Stimmen in komplett zufälliger Reihenfolge ab.


Circo Massimo…

Die Hardware besaß auch einen Arpeggiator, der dort in der MOD X Sektion untergebracht war. CHERRY AUDIO hat diesen nachgebildet, um einige Funktonen erweitert und ihm ein eigenes Plätzchen unterhalb des Audio Mixers spendiert.

Zwar ähnelt dieser Arpeggiator funktionell in vielen Punkten seinen Kollegen im YELLOWJACKET und im ODC 2800, aber bei den Abspielmodi muss man sich dennoch ein klein wenig umgewöhnen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Arpeggiator

CHERRY AUDIO hat sich nämlich weitgehend an der Implementation des Originals orientiert und auch deren Terminologie übernommen. Wenn man also mit den älteren Arpeggiatoren von CHERRY AUDIO vertraut ist, könnte sich hier eventuell anfänglich eine ganz leichte Verwirrung einstellen (zumindest war dies bei mir der Fall…).

RIPPLE ist hier das, was bei den anderen beiden Synthesizern ARP genannt wird und einem herkömmlichen Arpeggio entspricht. ARP wiederholt im Gegensatz zum gleichnamigen Modus bei den früheren Plugins alle gehaltenen Noten in mehreren Oktaven (der Bereich ist aber nicht eingrenzbar) und LEAP verteilt die einzelnen Noten des Arpeggios separat auf verschiedene Oktaven.

Die beiden Optionen 4 OCT (erweitert den durchlaufenen Oktavbereich in Abhängigkeit vom ausgewählten Abspielmodus) und DOWN (ändert die Abspielrichtung von aufwärts zu abwärts) hat CHERRY AUDIO hinzugefügt, um das ursprüngliche Konzept des Arpeggiators sinnvoll zu erweitern.

Weitere Funktionen, etwa SWING, CHANCE und FEEL, hat CHERRY AUDIO von den hauseigenen Arpeggiatoren übernommen. CHANCE legt die Wahrscheinlichkeit für das Abspielen einer Note oder einer Pause fest und FEEL erzeugt zufällige positive und negative Abweichungen vom Zeitraster.


Warmduscher…

Bei der Platzierung der Effektsektion orientiert sich der CRUMAR SPIRIT am Konzept des ODC 2800, bei dem diese nicht mehr wie bei früheren Plugins auf einer separaten Seite untergebracht wurde, sondern permanent auf der einzigen Bildschirmseite verfügbar ist.

Dabei wird zwischen zwei Ansichten unterschieden: In der Minimalansicht befindet sich die Effektsektion immer am unteren Rand der Bedienoberfläche, unabhängig davon, ob das virtuelle Keyboard ein- oder ausgeblendet wurde oder nicht. Einzelne Effekte wie auch die komplette Sektion lassen sich deaktivieren. Eine Lock-Funktion existiert leider nach wie vor nicht. Ansonsten gibt es jeweils nur Zugriff auf die Modulationsintensität und das Mischungsverhältnis der jeweiligen Effekte.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Effekte

Weiter oben hatte ich ja schon erwähnt, dass der CRUMAR SPIRIT über zwei separate Signalwege verfügt. Diese verfügen auch jeweils über ihre eigene Effektsektion. Umgeschaltet zwischen diesen wird per Klick auf den kleinen roten (FILTER/ADSR PATH) bzw. auf den grünen (SHAPER Y PATH) Tab.

Klickt man nun auf den Button EFFECTS oder auf eine der vier Effektbezeichnungen, öffnet sich die vollständige Effektsektion an der Stelle, an der sich normalerweise das virtuelle Keyboard befindet.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – vollständige Effektsektion

Dem FILTER/ADSR PATH stehen die vier Einzeleffekte DISTORTION, FLANGER & CHORUS (parallel nutzbar), ECHO und REVERB zur Verfügung. Die serielle Reihenfolge (von links nach rechts) ist dabei unveränderbar. Verzerrer, Delay und Reverb verfügen jeweils über mehrere Algorithmen.

CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Effekte des SHAPER Y Path

Der SHAPER Y PATH kann auf die Effekte ENVELOPE FILTER, DUAL PHASER, FLANGER & CHORUS sowie ECHO. Die Letztgenannten entsprechen den gleichnamigen Effekten im FILTER/ADSR PATH.

Beim ENVELOPE FILTER handelt es sich offensichtlich um einen Neuzugang im Effekt-Portfolio von CHERRY AUDIO. Es handelt sich dabei um ein resonanzfähiges Filter mit einer Flankensteilheit von wahlweise 12 dB oder 24 dB, dass durch eine per Keyboard auslösbare Hüllkurve mit verschiedenen festen Verlaufsformen und einstellbarer Länge moduliert wird. Das Filter kann sowohl paraphon (ein Filter/eine Hüllkurve für alle Stimmen gemeinsam) als auch polyphon (ein Filter/eine Hüllkurve pro Stimme) arbeiten.

Die einzelnen Effekte bewegen sich qualitativ auf dem gewohnten Niveau früherer Plugins von CHERRY AUDIO (dahinter dürften ja schließlich auch dieselben Algorithmen stecken), es lässt sich in der Regel also gut damit arbeiten.

Ganz links befindet sich noch der sogenannte EFFECT MODULATOR (ein eigener für jeden der beiden Signalpfade), das ist ein zusätzlicher LFO nur für die Effekte. Er bietet sechs Schwingungsformen, eine einstellbare Verzögerung sowie eine Synchronisationsmöglichkeit zum Host-Tempo. Mit dem EFFECT MODULATOR lassen sich ausgewählte Parameter in den einzelnen Effekten modulieren kann, so etwa die Mischungsverhältnisse oder die Delay- und die Reverbzeiten.


Suono elettronica…

Wie so oft bei Vintage-Emulationen bin ich auch mit dem originalen CRUMAR SPIRIT niemals persönlich in Kontakt gekommen. Der einzige Synthesizer von CRUMAR, an den ich früher tatsächlich mal Hand anlegen konnte, war der etwas fummelig zu bedienende BIT eines Bekannten (ich weiß heute nicht mehr, ob das damals ein BIT ONE oder sein Nachfolger BIT 99 war…). Aus diesem Grund halte ich mich hier auch mit Aussagen bezüglich der klanglichen Authentizität des Plugins zurück, ich kann sie schlichtweg nicht beurteilen.

Was ich aber zu beurteilen vermag, ist, ob mir sein Klang subjektiv gefällt oder nicht. Kurze Antwort: Ja, tut er!

Was mir am CRUMAR SPIRIT besonders gefällt, ist der für einen analogen (egal, ob echt oder nur emuliert) Synthesizer vergleichsweise definierte und knackige Klang, der eine gewisse Härte und bei Bedarf gute Portion Aggressivität beinhaltet. Mit dem bisweilen etwas mumpfigen oder weichgespülten Sound, der einigen Vintage-Synthesizern anhaftet, hat der CRUMAR SPIRIT nur wenig an der Brause.

Somit eignet er sich auch ziemlich gut für Musikstile der härteren Gangart, wie etwa EBM, Techno oder Industrial, doch bleibt er längst darauf nicht beschränkt. Aber einschlägige Bässe und Kicks mit Schmackes schafft der CRUMAR SPIRIT jedenfalls mit Leichtigkeit. Für sanften Ambient-Sound würde ich in den meisten Fällen wohl eher auf andere
Synthies zurückgreifen…

Ansonsten deckt die Bandbreite der Klangerzeugung wie zu erwarten so ziemlich alle quasi-analogen Standards ab, aufgrund der flexiblen Modulationssektion sind aber auch allerlei Klänge möglich, die ansonsten eher semimodularen Synthesizern vorbehalten sind.

Nachfolgend habe ich mir mal ein Dutzend der zahlreichen mitgelieferten Factory Presets herausgesucht und ein wenig damit herumgespielt:

https://www.buenasideas.de/wp-content/uploads/2025/08/Klangbeispiel-CHERRY-AUDIO-CRUMAR-SPIRIT-Factory-Presets.mp3
Klangbeispiel CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – Factory Presets

CHERRY AUDIO hatte mir zudem noch das optionale SPECTRES Preset Pack des Sounddesigners James Dyson zur Verfügung gestellt, auch hiervon gibt es ein Dutzend zu hören:

https://www.buenasideas.de/wp-content/uploads/2025/08/Klangbeispiel-CHERRY-AUDIO-CRUMAR-SPIRIT-SPECTRES-Preset-Pack.mp3
Klangbeispiel CHERRY AUDIO CRUMAR SPIRIT – SPECTRES Preset Pack

Auf einen vollständigen Track nur mit dem CRUMAR SPIRIT als Klangerzeuger musste diesmal aus Zeitgründen leider verzichten (abgesehen davon machte die jüngste Hitzewelle den Aufenthalt in meinem Studio zu einer sehr schweißtreibenden Angelegenheit…).


Fazit:

Der CRUMAR SPIRIT von CHERRY AUDIO gefällt mir sehr gut. Seine Klangarchitektur ist einfach zu durchschauen, aber doch komplex genug, um nicht nur langweiligen analogen Einheitsbrei zu erzeugen.

Auch sein Grundklang holt mich ab, weist er doch einen eigenen Charakter auf und unterscheidet sich auch hinreichend von dem so manch anderer virtueller Analogsynthies (unter anderem auch denen von CHERRY AUDIO selbst!).

Mit der Polyphonie, der Offset-Funktion des Multi Voice Modus, dem Arpeggiator und diversen weiteren Beigaben hat CHERRY AUDIO das ursprüngliche Konzept des Vorbilds sinnvoll erweitert.

Den CRUMAR SPIRIT gibt’s bei CHERRY AUDIO zum regulären Preis von 59,- US-Dollar, das oben erwähnte SPECTRES Preset Pack von James Dyson, das zusätzliche einhundert Presets umfasst, kann man für 9,99 USD erwerben. Eine kostenlose Demoversion steht ebenfalls bereit. Dies ist 30 Tage lang voll funktionsfähig und blendet in dieser Zeitphase lediglich ein periodisches Rauschen ein.

Und da ich mich insbesondere mit dem tollen Klang des CRUMAR SPIRIT angefreundet habe, gibt’s von mir auch mal wieder einen BuenasIdeas-Tipp!


Positives:
+ sehr guter Grundklang
+ einfache Bedienung
+ Multi Voice Offset-Funktion
+ Arpeggiator
+ brauchbare Effekt-Sektion
+ umfangreiche MIDI-Learn-Sektion+ moderate CPU-Anforderungen
+ fairer Preis

Negatives:
– keine Offline-Aktivierung bzw. -Installation möglich


Produktwebseiten:

https://cherryaudio.com/products/spirit-synthesizer

https://store.cherryaudio.com/presets/spectre-preset-pack-for-spirit

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