Ein Testbericht von Perry Staltic,
veröffentlicht am 28.09.2026
KI-FREIER INHALT!

Die Softwareschmiede MARTINIC aus den Niederlanden hat sich auf die Emulation von Vintage-Keyboards und -Effekten spezialisiert und kümmert sich dabei vorrangig um Geräte, die bisher noch kein anderer Hersteller im Fokus hatte. Das gilt auch für den neuen PRODIGY, der eine Nachahmung des gleichnamigen MOOG-Synthesizers darstellt. Wir waren sehr neugierig…


Kleiner Bruder…

Wenn man an klassische MOOG-Synthesizer aus vergangenen Tagen denkt, dann fällt einem in der Regel wohl als erstes der MINIMOOG ein, in jüngster Zeit kommt vielleicht auch noch der MEMORYMOOG hinzu. Von beiden Boliden gibt es inzwischen auch Emulationen in ausreichender Anzahl. Den MOOG PRODIGY hingegen schien jedoch bisher noch niemand von den kommerziellen Plugin-Anbietern ernsthaft auf dem Schirm zu haben, obwohl der sich ebenfalls einer treuen Fangemeinde erfreut.

MOOG PRODIGY
MOOG PRODIGY

Dieser Synthesizer erblickte im Jahre 1979 das Licht der Welt und wurde bis 1984 produziert. Etwa 11.000 Exemplare davon verließen die Fabrik, eine enorme Menge für ein solches Produktsegment zu jener Zeit. Der PRODIGY (zu Deutsch „Wunderkind“) war dabei als preisgünstige Alternative zum deutlich teureren MINIMOOG gedacht.

Um dies zu realisieren, wurde natürlich an mehreren Stellen der Rotstift angesetzt. So muss der PRODIGY etwa ohne dritten VCO und ohne Rauschgenerator auskommen, und auch die Modulationsmöglichkeiten fallen etwas einfacher aus. Mit Oszillator-Synchronisierung besitzt der PRODIGY allerdings auch eine sehr prägnant klingende Fähigkeit, mit der der MINIMOOG nicht aufzuwarten vermag.

Aufgrund seines einsteigerfreundlichen Verkaufspreises, seiner unkomplizierten Bedienung und seiner klanglichen Qualitäten fand der PRODIGY schnell regen Zuspruch. Die Liste der Musiker, die das Gerät einsetzten, ist entsprechend lang, und der britischen Band The Prodigy hat er sogar zu ihrem Namen verholfen. Auch Depeche Mode hat diesen Synthie wiederholt verwendet, im Video zu „Precious“ sieht man übrigens in einem kurzen Ausschnitt Martin Gore darauf spielen.


Vorspiel…

Die Installer für WINDOWS und macOS lassen sich direkt auf der Produktwebseite bei MARTINIC herunterladen. Ohne eine gültige Lizenz fungieren diese auch als Demoversion, die mit einem periodisch eingeblendeten Rauschsignal aufwartet.

PRODIGY läuft auf INTEL-PCs ab WINDOWS 7 und auf ARM-PCs ab WINDOWS 11, bei macOS ist mindestens Version 10.9 erforderlich, hier werden sowohl INTEL- als auch SILICON-Pozessoren unterstützt.

MARTINIC PRODIGY - Installationsoptionen
MARTINIC PRODIGY – Installationsoptionen

Bei der Installation kann man die gewünschten Plugin-Formate auswählen. Unter macOS sind das AAX, AU, CLAP, VST, VST3 (64 Bit), auf Intel-PCs sind es AAX, CLAP, VST2, VST3 (64 Bit, VST zusätzlich auch noch in 32 Bit) und auf ARM-PCs CLAP, VST2, VST3 (nur 64 Bit). Wie immer habe ich hier nur die VST-Varianten für WINDOWS getestet.

Mein alter Studiorechner (CPU: i7-4790K mit 4 x 4,0 GHz, RAM: 16 GB, OS: WINDOWS 10 PRO) verkraftete PRODIGY dabei ohne Probleme oder Auffälligkeiten.

Ich finde es übrigens sehr lobenswert, das mit MARTINIC ein weiterer Hersteller das offene CLAP-Format anbietet. Wem CLAP nicht viel sagt, den klärt Professor Pegel hier gerne auf.

MARTINIC PRODIGY - Aktivierung per Lizenzdatei
MARTINIC PRODIGY – Aktivierung per Lizenzdatei

Ebenfalls sehr erfreulich finde ich das Aktivierungssystem von MARTINIC. Dieses kommt völlig ohne Internetverbindung, Dongles oder irgendwelchen zusätzlichen Manager-Apps auf dem Host-Rechner aus, sondern funktioniert ganz unkompliziert mit einer Lizenzdatei, die man beim Kauf erhält und die man während der Installation einfach lädt. Beide Daumen nach oben!

MARTINIC PRODIGY - Skalierungsauswahl
MARTINIC PRODIGY – Skalierungsauswahl

Etwas ungewohnt fand ich allerdings die Auswahl der gewünschten Skalierung der Bedienoberfläche noch vor der Installation. Neben fünf festen Stufen gibt es auch die Option AUTO, die sich nach der aktuellen Bildschirmauflösung richtet. Nach der Installation hingegen besteht keinerlei Möglichkeit mehr, die Skalierung manuell zu ändern. Dies erscheint mir nicht so ganz zeitgemäß.


Höchstleistung…

Bevor wir uns dem eigentlichen Synth zuwenden, werfen wir zunächst noch einen Blick auf die globale Toolleiste am oberen Rand, die man in vergleichbarer Form bei allen Plugins von MARTINIC wiederfindet.

Das linksseitige Logo dient als Bypass-Schalter für den PRODIGY. Mit den drei Schaltflächen weiter rechts (KEYS, SETTINGS und PRESETS) lassen sich verschiedene Bildschirmseiten des Plugins aufrufen, dazu gleich mehr.

MARTINIC PRODIGY - Toolbar
MARTINIC PRODIGY – Toolbar

Daneben befindet sich der Navigationsbereich für die zweiunddreißig sogenannten Default Presets. Natürlich hat PRODIGY noch sehr viel mehr Presets an Bord, aber eben zweiunddreißig von diesen lassen sich als Defaults definieren und anschließend auch über das Presetmenü der DAW (allerdings nicht bei VST3 und CLAP) sowie mittels MIDI Programm Change auswählen.

Ganz rechts schließlich finden wir noch Button für die MIDI-Lernfunktion, zur Auswahl des MIDI-Kanals und von MPE und für die Panic-Funktion, die etwa bei Notenhängern alle noch aktiven Notenbefehle und damit auch die Soundausgabe auf Mausklick sofort deaktiviert.

MARTINIC PRODIGY - MIDI Learn
MARTINIC PRODIGY – MIDI Learn

Besagte MIDI-Lernfunktion dient zur Zuweisung von MIDI-Controllern zu den virtuellen Bedienelementen des PRODIGY und lässt sich sowohl in der KEYS VIEW als auch in der SETTINGS VIEW verwenden. Alle Parameter, die sich via MIDI ansteuern lassen, werden lila eingefärbt. Man wählt dann einen Parameter aus (der wird dann rot), bewegt das entsprechende Bedienelement am Controller und die Zuweisung ist erfolgt (signalisiert durch Grünfärbung). Mittels Rechtsklick auf einen Parameter hebt man vorgenommene Zuweisungen wieder auf.

MARTINIC PRODIGY - Preset-Browser
MARTINIC PRODIGY – Preset-Browser

Aber noch einmal kurz zurück zu den Presets. Die gleichnamige Schaltfläche ruft einen Browser auf, der Zugriff auf alle Klänge bietet. Ab Werk werden bereits über dreihundert Presets mitgeliefert, inklusive Nachbildungen der alten Sound Charts von damals.

Die Presets, aufgeteilt in verschiedene Collections, lassen sich mit Hilfe diverser Tags filtern, und auch eine Favoritenfunktion für die persönlichen Lieblinge fehlt hier nicht. Also alles vorhanden was man so braucht.

Unter den Sounddesignern befinden sich übrigens auch ein paar Namen, die der eine oder andere kennen dürfte, etwa Jam El Mar (eine Hälfte des früheren Trance-Duos Jam & Spoon), Doctor Mix (ein Youtuber mit einer gewissen Tendenz zum Overacting) sowie die auch schon für allerlei andere Firmen tätigen Daniel Stawczyk und Summa.


Oberflächlich…

Beim Start von PRODIGY befinden wir uns in der sogenannten KEYS VIEW, einer fotorealistischen Darstellung des Synthesizers. Der Skeumorphismus geht hierbei so weit, dass sogar Teile des virtuellen Zimmers inklusive Wandsteckdosen und Stromkabel abgebildet werden.

Ich gestehe, dass ich persönlich darauf gerne zugunsten einer platzsparenderen Bedienoberfläche verzichten würde, aber einerseits scheint dies einer der Markenzeichen von MARTINIC zu sein, andererseits gibt es offenbar immer noch genügend Kunden, bei denen das Auge mithört und die Authentizität nicht nur rein nach dem Klang bewerten…

Dass es sich bei der Abbildung nicht um einen realen PRODIGY handelt, erkennt man natürlich am fehlenden MOOG-Schriftzug. Ansonsten entsprechen die Bedienelemente in Anzahl, Art, Layout und Optik ziemlich genau dem Original. Wer Letzteres kennt, findet sich hier also sofort zurecht.

MARTINIC PRODIGY - Keys View
MARTINIC PRODIGY – Keys View

Ganz links gibt es je einen Regler für die Gesamtstimmung (TUNE) und für die Portamento-Funktion (GLIDE). Gleich daneben befindet sich der LFO (MOD), der die beiden Schwingungsformen Dreieck und Rechteck (SHAPE) erzeugen kann und dessen Geschwindigkeit (RATE) sich zwischen 0.3 und 30 Hertz frei einstellen lässt. Damit lässt sich sowohl die Tonhöhe der beiden Oszillatoren gemeinsam als auch die Filterfrequenz modulieren, jeweils mittels separater Schalter (OSCILLATOR MOD und FILTER MOD) aktivierbar.

Der PRODIGY verfügt über zwei Oszillatoren (1 und 2). Der erste Oszillator arbeitet in den Fußlagen 32‘, 16‘ und 8‘ und kann wahlweise abfallenden Sägezahn, Dreieck oder eine fixe Pulswelle erzeugen. Der zweite Oszillator arbeitet in den Fußlagen 16‘, 8‘ und 4‘ und erzeugt abfallenden Sägezahn, Dreieck oder Rechteck. Zudem lässt er sich gegenüber dem ersten Oszillator verstimmen und auch zu diesem synchronisieren.

In der Mixersektion lässt sich sowohl die Lautstärke der beiden Oszillatoren getrennt voneinander als auch die Gesamtlautstärke (MASTER VOLUME) einstellen.

Das Filter emuliert eine Tiefpass-Kaskade moogscher Bauweise mit einer Flankensteilheit von 24 dB pro Oktave. Die Resonanz reicht bis in die Selbstoszillation und das Keyboard Tracking ist in drei Stufen schaltbar (OFF, HALF und FULL). Die Hüllkurvenintensität (CONTOUR AMOUNT) lässt sich stufenlos regeln.

Die beiden ADSR-Hüllkurven, eine für das Filter und eine für die Lautstärke, verfügen über keine unabhängige Regelung für Decay und Release, diese zwei Phasen werden jeweils über einen gemeinsamen Regler eingestellt und weisen daher stets dieselbe Länge auf, es sei denn, man deaktiviert Release via Schalter (nur für beide Hüllkurven gleichzeitig).

Bis hierhin bildet das Plugin sämtliche Parameter des Vorbilds nach, ohne jegliche Extras (sieht man einmal von der Speicherbarkeit ab…). Wer lediglich eine puristische Eins-zu-eins-Umsetzung des MOOG PRODIGY wünscht, ist hier also bereits an seinem Ziel angelangt.


Unterstellung…

Aber das war natürlich längst noch nicht alles. MARTINIC hat seinem PRODIGY noch einige sinnvolle Zusatzstoffe spendiert. Wir gelangen zu ihnen über die SETTINGS VIEW, einer alternativen Bedienoberfläche, auf der sich auch alle vorgenannten Parameter der KEYS VIEW wiederfinden, hier allerdings in etwas abgewandelter Anordnung und mit für MARTINIC typischer Optik. Wem der flache 2D-Look besser gefällt als die fotorealistische Ansicht, der kann hier verbleiben und PRODIGY vollständig bedienen.

Es wäre möglicherweise eine gute Idee für ein Update, wenn man mit einem Häkchen festlegen könnte, welche Ansicht beim initialen Start des Plugins automatisch voreingestellt ist. Anderseits wird die jeweils eingestellte auch zusammen mit dem DAW-Projekt gespeichert.

MARTINIC PRODIGY - Settings View
MARTINIC PRODIGY – Settings View

Scheuen wir uns die ganzen Extras der SETTINGS VIEW einmal genauer an. Die Oszillatoren haben jeweils eine zusätzliche Wellenform erhalten, bei Oszillator 1 ist es SAW-TRI, eine Kombination aus Sägezahn und Dreieck, bei Oszillator 2 ist es aufsteigender Sägezahn, auch als Ramp bekannt, hier jedoch als REVERSE bezeichnet. Übrigens, wenn man diese alternativen Wellenformen auswählt und dann in die KEYS VIEW wechselt, werden sie dort ebenfalls korrekt angezeigt.

MARTINIC PRODIGY - Oszillatoren
MARTINIC PRODIGY – Oszillatoren

Des Weiteren kann bei beiden Oszillatoren die Pulsweite von Pulswelle bzw. Rechteck manuell eingestellt sowie als Modulationsziel von LFO und Sequencer ausgewählt werden. Auch die Tonhöhenmodulation kann nun stufenlos eingestellt werden, und zwar für jeden Oszillator getrennt.

MARTINIC PRODIGY - LFO
MARTINIC PRODIGY – LFO

Der LFO, hier MODULATION genannt, kann hier jedem Notenbefehl neugestartet und auch zum Host-Tempo synchronisiert werden, Letzteres mit einstellbaren Notenlängen. Als zusätzliche Schwingungsformen stehen abfallender und aufsteigender Sägezahn sowie Sample & Hold bereit.

Weitere Modulationsziele neben Oszillator- und Filterfrequenz werden per Selektor alternativ ausgewählt. Zur Verfügung stehen die Pulsweite von Oszillator 1 oder 2, die Lautstärke von Oszillator 1 oder 2, die Gesamtlautstärke, das Panorama und die Lautstärke von Sub-Oszillator oder Rauschgenerator. Die Gesamtintensität der LFO-Modulation wird mit dem Modulationsrad gesteuert.

MARTINIC PRODIGY - Mixer
MARTINIC PRODIGY – Mixer

Die beiden Letztgenannten sind über den Mixer erreichbar und stellen eine sehr sinnvolle Erweiterung der originalen Klangerzeugung dar. Der Sub-Oszillator erzeugt eine Rechteckwelle mit der halben Frequenz von Oszillator 1, und alle Modulationen von Oszillator 1 beeinflussen ebenfalls den Sub-Oszillator.

Beim Rauschgenerator lässt sich zwischen Pink Noise und White Noise wählen. Der DRIVE-Regler emuliert eine Übersteuerung des Filters, wie sie schaltungstechnisch auch beim MINIMOOG, nicht jedoch beim MOOG PRODIGY existiert.

MARTINIC PRODIGY - Filter
MARTINIC PRODIGY – Filter

Charaktereistisch für das moogsche Kaskadenfilter (Ladder Filter) ist eine Reduktion der Lautstärke (und auch der tiefen Frequenzen) bei hohen Resonanzeinstellungen. Zumindest der Lautstärkeabfall lässt sich beim Plugin durch Aktivieren der zusätzlichen BOOST-Funktion kompensieren.

MARTINIC PRODIGY - Hüllkurven
MARTINIC PRODIGY – Hüllkurven

Während man in der KEYS VIEW (und bei der Hardware) keine unabhängige Kontrolle über DECAY und RELEASE bei den Hüllkurven hat, stehen in der SETTINGS VIEW für beide auch separate Regler zur Verfügung. Der MODE-Schalter bestimmt dabei, ob RELEASE getrennt eingestellt werden kann oder nicht.

MARTINIC PRODIGY - Master-Sektion
MARTINIC PRODIGY – Master-Sektion

In der Master-Sektion können nicht nur Gesamtstimmung und -lautstärke, sondern auch Stereopanorama und -weite geregelt werden. Letzteres sorgt dafür, dass das Keyboard zunehmend im Panorama gedehnt wird, also tiefe Noten von links und hohe Noten von rechts aus dem Lautsprecher kommen.

Zwar verfügt der PRODIGY über keine vollständige Effektsektion (die ich hier eigentlich auch gar nicht vermisst habe), immerhin jedoch über ein Reverb, das einen Federhall emuliert. Einstellbar ist hier lediglich das Mischungsverhältnis. Der Klang geht in Ordnung und harmoniert recht gut mit dem Charakter des Synthesizers. Sicherlich ersetzt dieses Reverb nicht alle separaten Effekte, aber um ein ansonsten trockenes Ausgangssignal etwas gefälliger zu machen, reicht es allemal.

MARTINIC PRODIGY - Keyboard-Settings
MARTINIC PRODIGY – Keyboard-Settings

Im Bereich KEYBOARD lassen sich beim GLIDE die beiden Modi GATED und LEGATO aktivieren. Ersterer entspricht dem Verhalten der Hardware und beendet das Tonhöhengleiten nach dem Loslassen der letzten Taste (ohne GATED läuft dieses nach dem Note-Off in der Release-Phase weiter). LEGATO bewirkt, dass das Gleiten ausschließlich bei gebunden gespielten Noten erfolgt.

Der originale PRODIGY verfügt über keinerlei Anschlagsdynamik, beim Plugin lässt sich diese stufenlos einstellen. Sie wirkt dabei nur auf die Lautstärke, nicht jedoch auf das Filter.

Während die Hardware lediglich monophon spielbar ist, lässt sich der virtuelle PRODIGY wahlweise auch achtstimmig polyphon betreiben. Zudem existiert ein Unisono-Modus, bei dem sechs Stimmen übereinandergeschichtet werden. Diese lassen sich zusätzlich noch stufenlos gegeneinander verstimmen.

Bei den nicht-polyphonen Spielweisen kann die Notenpriorität bei mehreren gleichzeitig gedrückten Keyboardtasten wahlweise auf die tiefste, die höchste oder die letzte Note eingestellt werden. Außerdem lässt sich festlegen, ob dann eine oder beide Hüllkurven bei jeder dieser Noten erneut gestartet werden sollen (TRIGGER).

Noch während des Test erschien ein Update des PRODIGY mit der Versionsnummer 1.0.1. Hierbei lässt sich nun auch einstellen, ob der Pitch-Bender sich nach Art der Hardware (etwa +/- zehn Halbtöne) oder etwas moderner (+/- zwei Halbtöne) arbeiten soll. Der Pitch-Bender des originalen PRODIGY besitzt keine Mittenzentrierung via Feder, wie sie sonst eigentlich üblich ist. Wenn man den virtuellen Pitch-Bender des Plugins mit der Maus (oder auf einem Touchscreen) spielt, kann man dies simulieren. Via MIDI hingegen funktioniert er wie gewohnt mit automatischer Rücksetzung auf die am Plugin eingestellte Position.


Sequentielles Getriebe…

Worauf man bei der Hardware ebenfalls verzichten muss, ist ein eingebauter Sequencer. MARTINIC hat sein Plugin um einen ergänzt, der sich vom Modul 182 im SYSTEM 100M von ROLAND inspiriert zeigt. Aufgrund seiner hier aber horizontalen Anordnung und diverser anderer Gemeinsamkeiten erinnert er mich aber auch ein klein wenig an den KORG SQ-1.

MARTINIC PRODIGY - Sequencer
MARTINIC PRODIGY – Sequencer

Denn wie dieser verfügt der Step-Sequencer im PRODIGY nämlich über zwei Kanäle (A und B), die wahlweise parallel (zwei Sequenzen mit bis zu acht Schritten) oder seriell (eine Sequenz mit bis zu sechzehn Schritten) arbeiten können. Bei paralleler Nutzung verwenden beide Kanäle stets gleich viele Schritte, ein polymetrischer Betrieb von A und B ist also leider nicht möglich.

Im Parallelmodus steuern die virtuellen Drehregler von Kanal A die Oszillator-Tonhöhe (wahlweise frei gestimmt oder mit unterschiedlicher Quantisierung) und die von Kanal B die Filterfrequenz, die darunterliegenden Schalter triggern bei Kanal A die Lautstärkehüllkurve und bei Kanal B die Filterhüllkurve. Im seriellen Modus werden jeweils beide Ziele gleichzeitig angesteuert. Filter und Oszillatoren können aber auch separat voneinander vom Sequencer entkoppelt werden, ebenso wie die Ansteuerung der Hüllkurven.

Darüber hinaus lässt sich bei Bedarf noch ein weiterer Parameter durch den Sequencer ansteuern, hierbei stehen dieselben Ziele zur Verfügung wie beim LFO. Die einstellbare GLIDE-Funktion wirkt gleichermaßen auf alle angesteuerten Ziele.

Der Sequencer kann frei durchlaufen oder mit jedem Tastenanschlag neu starten (RETRIG). Der ausgewählte RUN-Modus bestimmt, ob die Sequenz durchgehend (LOOP), nur einmal (ONE SHOT) oder schrittweise bei jedem neuen Notenbefehl wiedergegeben wird.

Eine Synchronisation zum Host-Tempo ist ebenfalls möglich, hierbei kann das Tempo von sechzehn Takten bis zu einer 64tel Note eingestellt werden.


Tonspur…

Während ich bei der Mehrzahl der hier von mir getesteten Vintage-Emulationen das Original niemals persönlich kennenlernen durfte, ist dies beim MOOG PRODIGY nicht der Fall. Zwar besaß oder besitze ich kein eigenes Exemplar, hatte jedoch vor vielen, vielen Monden einmal die Gelegenheit, mir eine Zeit lang das Gerät eines damaligen Bekannten auszuleihen und damit ausgiebig allerlei Klänge zu basteln, um diese dann jeweils abzusamplen. So erhielt ich eine kleine Sammlung von Bässen, Leads und Effektsounds, die ich nach und nach in eigenen Tracks einsetzen konnte.

Dieser PRODIGY seinerzeit war bereits von einem Fachmann modifiziert worden und verfügte unter anderem über einen zusätzlichen Sub-Oszillator (wie das Plugin ja auch) sowie über die Möglichkeit, einen der Oszillatoren auf die Filterfrequenz routen zu können (Filter-FM). Insbesondere Letzteres war ein Quell interessanter Sounds (schade, dass die Emulation dies nicht ebenfalls vermag…).

Das alles liegt nun natürlich schon sehr lange zurück, dennoch traue ich mir anhand dessen ein Urteil über das Plugin zu, wenngleich ich an dieser Stelle leider nicht mit einem Direktvergleich dienen kann.

Für mein Empfinden hat MARTINIC den Klangcharakter der Hardware ziemlich gut getroffen, der PRODIGY zählt für mich eindeutig mit zu den am „analogsten“ klingenden Plugins auf dem Markt. Die Bässe sind satt und das Filter klingt schön saftig. Einzig den Attack der Hüllkurven habe ich von der Hardware noch einen Ticken schnappiger in Erinnerung.

Irgendwo im Netz konnte ich die Kritik lesen, dass die Oszillator-Synchronisation bei der Emulation gegenüber dem Vorbild sehr viel stufiger klinge. Nun, wenn man solche Sync-Sounds beim Plugin über den Pitch-Bender eines MIDI-Keyboards moduliert, dann kann es je nach Controller aufgrund einer zu geringen Auflösung tatsächlich zu gewissen klanglichen Sprüngen kommen (beim Original war der Pitch-Bender ja noch analog). Das ist jedoch nicht die Schuld der Emulation, und wenn man statt eines externen Controllers den internen LFO oder die Parameterautomation der DAW verwendet, gelingt die Modulation von Sync-Sounds auch fließend.

Zur Demonstration hört ihr nachfolgend einen solchen Sync-Sound, moduliert durch Parameterautomation und anschließend noch einmal von Hand via MIDI-Controller:

Klangbeispiel MARTINIC PRODIGY – Sync-Sound

Während die automatisierte Variante ohne ungewollte Stufen auskommt, ist dies bei der manuell modulierten nicht der Fall, und in der DAW sieht man dann auch keine gerade Linie, sondern zahlreiche Knotenpunkte und damit einhergehenden sprunghaften Werteveränderungen.

Und hier noch eine Auswahl von einigen der vielen Presets des PRODIGY, jeweils kurz angespielt:

Klangbeispiel MARTINIC PRODIGY – diverse Presets

Ein kurze Recherche ergab, dass das Plugin von MARTINIC die derzeit einzige ernstzunehmende Emulation eines MOOG PRODIGY darstellt. In diversen Freeware-Archiven findet man zwar noch zwei uralte, mit SynthEdit kreierte VST-Plugins (nur in 32 Bit für Windows), doch diese können dem MARTINIC PRODIGY nicht auch nur annähernd das Wasser reichen. Es handelt sich hierbei offenkundig lediglich um Strukturkopien statt um authentische Emulationen.

Der PRO-DG von EFM schaffte auf meinem System noch nicht einmal mehr eine störungsfreie Audioausgabe, sondern „erfreute“ mit aller Artefakten und Komplettausfällen, und das wenige, was ich davon an Klang mitbekommen habe, war den Aufwand des Downloads und der Installation nicht wert.

MODEL PRO von ELEKTROSTUDIO (erinnert optisch ein wenig an die KEYS VIEW des PRODIGY), lief zwar runder, aber der Klang war doch noch sehr weit von dem des PRODIGY entfernt. Insofern gibt keine wirklichen Alternativen, schon gar nicht jenseits von WINDOWS, 32-Bit und dem Plugin-Format VST.


Fazit:

Mit dem PRODIGY hat MARTINIC eine Analog-Emulation erschaffen, die meiner Meinung nach klanglich ganz vorne mitspielt. Das Vorbild ist dabei gut erkennbar. Die zahlreichen zusätzlichen Optionen hier und da erweitern die Möglichkeiten sinnvoll, ohne dabei das Grundkonzept zu verwässern, und für eingefleischte Puristen bleibt immer noch die KEYS VIEW, die nur einen PRODIGY und nichts sonst nachahmt.

MARTINIC bietet seinen PRODIGY mit zwei verschiedenen Preismodellen an. Nachdem die verbilligte Einführungsphase, die man eigentlich schon als No-Brainer ansehen konnte (33,- Euro für eine Vollversion), bei Veröffentlichung dieses Testberichts leider bereits beendet ist, werden für eine permanente Vollversion nun 67,- Euro fällig.

Das halte ich angesichts der Klangqualität immer noch für angemessen, allerdings dürfte PRODIGY in dieser Preiskategorie gegen einige Konkurrenten anzukämpfen haben, die teilweise mit deutlich umfangreicherer Ausstattung daherkommen, wie etwa die Plugins von CHERRY AUDIO. Wenn man aber unbedingt einen virtuellen PRODIGY möchte und nichts anderes, dann kommt man um den von MARTINIC nicht herum.

Bei dem zweiten Preismodell handelt es sich um eine lediglich ein Jahr gültige und nicht verlängerbare Lizenz für 23,- Euro. Ich kann mir ehrlich gesagt jetzt nicht so richtig vorstellen, für wenn diese wohl interessant sein könnte, ich persönlich würde da auf jeden Fall zur zeitlich unbegrenzten Vollversion greifen.

Ohne Lizenz läuft PRODIGY im Demo-Modus und kann somit vor einem Kauf ausgiebig getestet werden, wie bei einigen anderen Anbietern verhindert dann nur ein periodisch auftretendes Störsignal eine vollständige Nutzung.


Positives:
+ sehr guter Grundklang
+ einfache Bedienung
+ sinnvolle Parameter-Ergänzungen
+ Step-Sequencer
+ MIDI-Learn
+ Offline-Aktivierung
+ fairer Preis

Negatives:
– keine manuelle GUI-Skalierung


Produktwebseite: https://www.martinic.com/de/products/prodigy-plus

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