Testbericht: CHERRY AUDIO CR-78

Ein Testbericht von Perry Staltic,
veröffentlicht am 14.02.2024

Da hat CHERRY AUDIO wohl nicht nur mich überrascht! Die neueste Vintage-Emulation aus Kalifornien ist nämlich das erste reine Drum-Plugin dieser Firma. Und erfreulicherweise geht es hier nicht schon wieder um die unvermeidliche TR-X0X-Serie von ROLAND, die ja schon von der Konkurrenz hinreichend abgedeckt wird, vielmehr hat man sich deren Vorfahren, die CR-78 vorgenommen, und aus dem originalen CompuRhythm einen CherryRhythm gezaubert.


Holzknecht…

Die CR-78 trägt ihr Entstehungsjahr bereits im Namen, denn dieser Drum-Computer erblickte 1978 das Licht der Welt, und wenn es auch nicht (wie von einigen Quellen behauptet) das erste frei programmierbare Rhythmusgerät überhaupt darstellte, so doch zumindest das von ROLAND.

In nicht wenigen Produktion aus den späten 70ern und frühen 80gern, aber auch darüber hinaus, kann man die DR-78 im Einsatz hören. Ich beschränke mich hier einmal auf das wohl prominenteste Beispiel, nämlich „In The Air Tonight“ von Phil Collins, das neben dem sogenannten Gated Reverb eben auch die CR-78 bekannt gemacht hat (persönlich bin ich allerdings kein großer Fan dieses Stücks, sorry…).

Ganze vier Patterns mit der unglaublichen Länge von sage und schreibe einem ganzen Takt ließen sich vom Anwender selbst erstellen und im Gerät abspeichern. Dazu war allerdings eine optional erhältliche Programmiereinheit namens WS-1 erforderlich, die mittels Kabel an die CR-78 angeschlossen wurde und so erst das Erstellen eigener Rhythmen ermöglichte.

ROLAND CompuRhythm CR-78
ROLAND CompuRhythm CR-78

Ansonsten beinhaltete die CR-78 die typischen festen Preset-Rhythmen der frühen Klopfgeister, insgesamt 34 an der Zahl. Eine Besonderheit der CR-78 war, dass man zwei dieser Rhythmen gleichzeitig aktivieren konnte, nicht jeder der möglichen Kombinationen machte dabei Sinn, doch oftmals genug ergaben sich dadurch sehr interessante Muster.

Hinzu kamen noch diverse Variationen in Form von Breaks, Fill Ins und Trommelwirbeln, die sich manuell oder nach einer einstellbaren Taktzeit in den laufenden Rhythmus einwerfen ließen, um diesen etwas aufzulockern.

Ihre Klänge erzeugte die CR-78 wie zu dieser Zeit üblich auf analogem Wege. Selbst einzustellen gab es hier im Grunde nichts, wenn man mal von den Lautstärkereglern einiger weniger Instrumente absieht. Da die CR-78 ab Werk auch keine Einzelausgänge bot, waren auch die Möglichkeiten der externen Klangbearbeitung einzelner Instrumente sehr eingeschränkt.

Wie wir uns sicherlich schon denken können, hat CHERRY AUDIO sich einiger der genannten und noch weiterer Baustellen angenommen und diese in ihrem virtuellen Trommler beseitigt.


Wiederholungszwang…

Auch wenn dieses Drum-Plugin in gewisser Weise ein Novum für CHERRY AUDIO darstellt, so gibt es doch wieder allerlei allgemeine Merkmale, die es als ein typisches Produkt der kalifornischen Software-Schmiede auszeichnet. Wer zumindest eines davon kennt, der wird dem folgenden Abschnitt daher kaum etwas Neues entnehmen können.

CR-78 läuft als 64-Bit-Plugin wahlweise auf Rechnern mit mindestens WINDOWS 7 beziehungsweise macOS 10.13 als Betriebssystem, bei Letzteren kommen auch die SILICON-Prozessoren von APPLE infrage, diese werden nativ unterstützt.

Es gibt wieder eine Standalone-Version, hinzu kommen die Plugin-Formate VST2, VST3, AAX und AU. Auf meinen Testrechner ( CPU i7-4790K mit 4 x 4,0 GHz, 16 GB RAM und WINDOWS 10) habe ich lediglich die angebotenen VST-Versionen installiert.

Das Plugin kommt dieses Mal übrigens in gleich zwei Varianten, nämlich einer reinen Stereo-Version sowie einer Multiout-Version, die zusätzlich noch einen Einzelausgang pro Drum-Instrument mitbringt und so deren Nachbearbeitung in der DAW vereinfacht.

CHERRY AUDIO CR-78 - Freischaltung mit den Account-Daten
CHERRY AUDIO CR-78 – Freischaltung mit den Account-Daten

Bei der Installation bekam ich nach längerer Zeit bekam ich zum ersten Mal wieder das Login-Fenster zu sehen, in dem man sich mit den Daten seines Accounts bei CHERRY AUDIO anmelden muss. Bei den meisten früheren Plugins schien der Installer meinen Rechner schon von alleine zu erkennen und übersprang dann diesen Schritt. Das mag aber bei anderen Anwendern auch hier der Fall sein.

CHERRY AUDIO CR-78 - Installation benötigt Internetzugriff
CHERRY AUDIO CR-78 – Installation benötigt Internetzugriff

Ich werte es eigentlich jedes Mal als Minuspunkt, wenn ein Internet-Zwang besteht und keinerlei Möglichkeit einer Offline-Aktivierung angeboten wird. So auch hier. Bei CHERRY AUDIO ist eine aktive Internetverbindung zudem nicht nur für die Freischaltung erforderlich, sondern wird von dem Plugin bereits zu Beginn der Installation erwartet, um diese überhaupt korrekt abschließen zu können.

CHERRY AUDIO CR-78 - Main Panel
CHERRY AUDIO CR-78

Die Bedienoberfläche lässt sich frei mit der Maus oder via Zoom-Menü in vorgegebenen Stufen skalieren, damit sollte wohl für jede Bildschirmgröße und -auflösung das Passende zu finden sein.

Optik und das Layout erinnern sofort an das Vorbild, das Auge des Kenners wird aber schon jetzt erste leichte Abweichungen und Anpassungen erkennen. Dennoch wurde das Original gut getroffen.

CHERRY AUDIO CR-78 - Programmer
CHERRY AUDIO CR-78 – Programmer

Wie fast alle Plugins von CHERRY AUDIO verfügt auch die CR-78 über eine sogenannte FOCUS-Funktion. Mit dieser kann man, ohne die Fenstergröße zu verändern, in die Bedienoberfläche hineinzoomen, was das Handling insbesondere auf großen Bildschirmen mit hohen Auflösungen verbessern kann. Wer gerne Shortcuts verwendet: Bei gedrückter STRG-Taste (WINDOWS) bzw. CMD-Taste (macOS) ins GUI klicken. Auf die gleiche Weise kehrt man auch wieder zur normalen Ansicht zurück..

CHERRY AUDIO CR-78 - MIDI Learn
CHERRY AUDIO CR-78 – MIDI Learn

CHERRY AUDIO bietet hinsichtlich der Anbindung und Anpassung von MIDI-Controllern an seine Plugins mit die umfangreichsten Möglichkeiten am Plugin-Markt. Via MIDI LEARN sind die Regler der angedachten Hardware ganz fix den virtuellen Bedienelementen der CR-78 zugewiesen. Dort lassen sich diese Mappings auch nachträglich noch verändern, die jeweiligen Regelwege der Elemente nach Bedarf einschränken und ihre Regelkurve in Richtung exponentieller und logarithmischer Verläufe anpassen. Einzelne Zuweisungen können entweder global oder lediglich für das aktuelle Preset abgespeichert werden.

Die Kontrolle der CR-78 ist natürlich auch mithilfe der Parameter-Automation innerhalb der DAW möglich. Darüber hinaus lassen sich die virtuellen Regler mit dem Mausrad bewegen. UNDO- und REDO-Funktionen sind nützlich, um irrtümliche oder ungewollte Änderungen ungeschehen zu machen oder zwei verschiedene Einstellungen miteinander zu vergleichen.

CHERRY AUDIO CR-78 - QWERTY Keyboard
CHERRY AUDIO CR-78 – QWERTY Keyboard

Auch bei der CR-78 findet sich CHERRY AUDIO’s typisches QWERTY KEYBOARD, dass sich sowohl mit der Maus als auch mit der alphanumerischen Computertastatur bedient werden kann. Die CR-78 lässt sich zwar nicht melodisch spielen, ihre einzelnen Instrumente sind jedoch unterschiedlichen MIDI-Noten zugeordnet (dabei weitgehend dem bewährten GM-Standard folgend, aber auch individuell anpassbar) und können darüber getriggert werden.

CHERRY AUDIO CR-78 - Settings
CHERRY AUDIO CR-78 – Settings

Ebenfalls typisch für CHERRY AUDIO ist das dreigeteilte Menü für die Grundeinstellungen (Settings). Hier lassen sich beispielsweise diverse Optionen bezüglich Darstellung und Bedienung einstellen, der Umgang mit Updates festlegen oder die Verzeichnisse der Presets definieren.

CHERRY AUDIO CR-78 - Preset-Browser
CHERRY AUDIO CR-78 – Preset-Browser

Ein weiterer alter Bekannter ist der Preset-Browser. Neben den Klangeinstelllungen der einzelnen Instrumente verwaltet er dieses Mal auch die Rhythmus-Patterns gleich mit, was bei einem Drum-Plugin nicht weiter verwunderlich sein sollte.

Es gibt nach Stilrichtungen sortierte Kategorien, eine Suchfunktion und die Möglichkeit, eigene Favoriten mit einem gelben Sternchen zu markieren. Die sogenannte Pin-Funktion ermöglicht festzulegen, ob der Browser sich nach Anwahl eines Presets mit der Maus sofort wieder schließen oder aber so lange geöffnet bleiben soll, bis man ihn manuell wieder schließt. Eine schnelle Navigation durch den Preset-Browser kann zudem über die Cursortasten erfolgen.

CHERRY AUDIO CR-78 - Oversampling Quality
CHERRY AUDIO CR-78 – Oversampling Quality

Hinter dem Q-Symbol in der oberen Toolbar verbirgt sich ein Pulldown-Menü, in dem sich die gewünschte Oversampling-Qualität anpassen lässt. Diese bietet vier Stufen und reicht von der Voreinstellung 1x bis hin zu 4x. Letztere erzeugt zwar eine etwas höhere CPU-Belastung, es lässt sich aber tatsächlich ein Unterschied hören, der bei einigen der Drum-Instrumente eher subtil und bei anderen wiederum sehr viel deutlicher wahrnehmbar ausfällt. Um es hier schon mal vorwegzunehmen: Die CR-78 klingt in meinen Ohren auch bei der Einstellung 1x keinesfalls übel!


Kein Lambada…

Wenn man das Plugin frisch geladen hat, präsentiert es sich mit dem sogenannten MAIN PANEL, das im Wesentlichen der Bedienoberfläche der ROLAND CR-78 entspricht, aber auch einige Abweichungen davon aufweist, auf die ich nachfolgend noch eingehen werde.

Betrachten wir jedoch zunächst die Gemeinsamkeiten mit dem Original. Diese offenbaren sich vor allem, wenn der PLAY MODE der CR-78 auf PRESET steht, was direkt nach dem Start des Plugins der Fall ist.

Ins Auge fallen dabei insbesondere die siebzehn farbigen Schalter im unteren Bereich, landläufig auch als „Radio Buttons“ bekannt. Wie bei der Hardware ruft man mit jedem dieser Schalter einen vorprogrammierten, nicht veränderbaren Rhythmus ab. Mit dem rechtsseitigen RHYTHM-Kippschalter kann man sich hier zwischen zwei Alternativen (A und B) entscheiden, womit man auf insgesamt vierunddreißig verschiedene Muster kommt. Die roten CANCEL-Buttons stoppen den jeweiligen Rhythmus zum Taktende.

CHERRY AUDIO hat die einst von ROLAND angebotenen Rhythmen eins zu eins nachprogrammiert, sodass man direkten Zugriff auf die Klassiker Rock 1, Rock 2, Rock 3, Rock 4, Disco 1, Disco 2, Waltz, Shuffle, Slow Rock, Swing, Fox Trot (Variante B: Tango), Boogie, Enka, Bossa Nova, Samba, Mambo (Variante B: Cha Cha), Beguine (Variante B: Rhumba) erhält.

Der Lambada fehlt leider wieder, womit eine gewisse Dame aus Hessen dann höchstwahrscheinlich Abstand von einem Kauf der CR-78 nehmen dürfte… 😉

Das Ganze dient wohl eher der Befriedigung nostalgischer Gefühle und der Treue zum Original, denn heutzutage wird man wohl nur noch in Ausnahmefällen von diesen leicht angestaubt wirkenden Patterns Gebrauch machen. Aber wer weiß, vielleicht wird daraus ja auch wieder ein neuer hipper Retro-Trend…?

CHERRY AUDIO CR-78 - Main Panel
CHERRY AUDIO CR-78 – Main-Panel

Wie beim Vorbild kann man übrigens auch bei der virtuellen CR-78 zwei Rhythmen kombinieren und zusammen abspielen. Dazu hält man einfach vor dem Anklicken des zweiten Rhythmus-Schalters die SHIFT-Taste gedrückt (das hatte ich sogar schon durch Ausprobieren herausgefunden, noch bevor ich es im Manual gelesen hatte..).

Die vier runden weißen, mit CANCEL VOICE betitelten Schalter dienen dazu, die Rhythmen klanglich etwas auszudünnen, indem man einzelne Instrumente daraus entfernt. So lassen sich damit etwa Cymbal und High Hat (gemeinsam), Bass Drum, Snare Drum sowie Cowbell und Claves (ebenfalls gemeinsam) bei Bedarf stummschalten, was die Gesamtzahl der möglichen Variationen noch einmal deutlich erhöht.

Wo wir gerade schon von Variationen sprechen, der links oben positionierte Drehwahlschalter namens VARIATION ermöglicht wie bei der Hardware das Einfügen von Breaks, diversen Fill Ins und Rolls, auch ein temporärer Wechsel zwischen den beiden Rhythmusvarianten A und B ist hier möglich. Die Variation kann entweder manuell durch Betätigen des darunterliegenden weißen Schalters oder automatisch nach einer voreingestellten Taktzahl (2, 4, 8, 12 oder 16) erfolgen. Die Muster der Variationen sind übrigens immer gleich, egal welcher Rhythmus gerade spielt.

Auf der rechten Seite befindet sich noch ein weißer START/STOP-Schalter, mit dem sich – man mag es kaum glauben – die Rhythmusmaschine in Gang setzen und auch wieder anhalten lässt, Wunderwerk der Technik! Direkt darüber sind zwei Kippschalter, ebenfalls von der Hardware-Vorlage übernommen, diese erlauben es, den Rhythmus bei Bedarf mit zweistufig einstellbarer Dauer ein- bzw. auszublenden, wenn der START/STOP-Schalter betätigt wird. In der DAW erledigt man dies wohl eher mittels Volume-Automation.

Während man beim Original von ROLAND nur einen Drehregler für den ACCENT und einen für das TEMPO findet, bietet CHERRY AUDIO’s Pendant noch je einen Schalter für HOST SYNC und VELOCITY (die Instrumente reagieren dann bei externer Ansteuerung auch auf die Anschlagsdynamik).

Auch den SWING-Schalter gibt es bei der Hardware nicht. Mit diesem kann man den Swing-Faktor in sechs Stufen (A bis F) einstellen. CHERRY AUDIO folgt dabei einem mit der LINN LM-1 eingeführten Quasi-Standard. A entspricht dabei einem Faktor von 50 Prozent (also kein Swing), bis D geht es dann in Schritten von jeweils vier Prozent aufwärts und F entspricht mit 71 Prozent dem maximalen Swing-Faktor.

Von den fünf kleinen Fadern der originalen CR-78 ist bei der Emulation nur doch der für die Gesamtlautstärke übriggeblieben, die Funktionen der restlichen wurden an anderer Stelle integriert, dazu kommen wir gleich noch.


Lichterkette…

Noch sind wir nicht auf die PROGRAMMER-Sektion eingegangen, doch das holen wir jetzt nach. Wenn der PLAY MODE von PRESET auf USER umgestellt wird, ändert sich auch der untere Bereich des MAIN PANEL. Anstelle der Rhythmus-Auswahl tritt dann ein waschechter Lauflicht-Sequenzer im TR-X0X-Stil.

CHERRY AUDIO CR-78 - Lauflicht-Sequencer
CHERRY AUDIO CR-78 – Lauflicht-Sequencer

Die über den großen Drehschalter in der PROGRAMMER-Sektion wird zunächst das gewünschte Drum-Instrument bzw. Accent ausgewählt. Dieses dann mit vollem Namen im virtuellen LED-Display angezeigt).

Danach werden die einzelnen Schritte, auf denen das Instrument ertönen bzw. eine Betonung stattfinden soll, entweder über die zugehörigen Step-Tasten gesetzt (mit gedrückt gehaltener Maustaste auch gleich mehrere hintereinander) oder aber in Echtzeit mittels des runden Trigger-Buttons eingeklöppelt.

Da Letztgenannter sich ebenfalls einem MIDI-Controller zuweisen lässt, kann man ihn auch via Keyboard oder Pad bedienen und nicht etwa nur mit der Maus. Betonungen, also Accents, sind übrigens immer global, betreffen somit stets alle Instrumente auf dem jeweiligen Schritt gemeinsam.

CHERRY AUDIO CR-78 - Sequencer mit Subdivision 6
CHERRY AUDIO CR-78 – Sequencer mit Subdivision 6

Die standardmäßige Unterteilung in sechzehn Schritte pro Takt kann mittels des SUBDIVISION-Schalters auch auf vierundzwanzig Schritte pro Takt erhöht werden (Schalterstellung 6), um auf diese Weise triolische Rhythmen zu erstellen.

COPY und PASTE erlauben ein einfaches Replizieren der Patterns einzelner Instrumente oder auch kompletter Rhythmen mit allen verwendeten Instrumenten, mit ERASE lassen sich einzelne Instrumente, ganze Rhythmen und sogar alle Patterns eines Presets löschen, Letzteres zur Sicherheit erst nach abgenickter Rückfrage.

Wenn man weniger als die maximal verfügbaren sechzehn bzw. vierundzwanzig Schritte benötigt, stellt man dies bei NUM(ber) OF STEPS in der PROGRAMMER-Sektion ein (im Pattern-Modus). Es lassen sich übrigens bis zu 99 User-Pattterns pro Preset erstellen, mit anderen Worten, jedes einzelne Preset kann bis zu 99 eigene User-Patterns umfassen.

CHERRY AUDIO CR-78 - Programmer
CHERRY AUDIO CR-78 – Programmer

Im Song-Modus lassen sich diese Patterns dann zu einem langen Track verketten, der seinerseits aus bis zu 99 Schritten (womit in diesem Fall Pattern-Wechsel gemeint sind) bestehen. Ein Song wird einfach über die vier kleinen Pfeiltaster zusammengestellt: Step anwählen, gewünschtes Pattern einstellen, nächsten Step anwählen, Pattern einstellen usw.

Zusätzlich zu den besagten 99 Patterns gibt es im Song-Modus noch zwei besondere Events, die sich auf einen Step legen lassen, sinnvoller-, aber nicht notwendigerweise auf den letzten Step eines Songs: END STEP (im Display als „–“ angezeigt) und LOOP STEP (LP). Ein END STEP hält die Wiedergabe des Songs ganz einfach an, während ein LOOP STEP diese ohne Unterbrechung wieder auf den ersten Step zurücksetzt und dort erneut beginnen lässt.

Zugegeben, dieses Pattern-Chaining erscheint schon einigermaßen old school und erinnert an die 80er, lässt sich so etwas in einer zeitgemäßen DAW doch ungleich schneller und flexibler erledigen. Das weiß man natürlich auch bei CHERRY AUDIO und so hat man der CR-78 eine Schaltfläche namens DRAG-EXPORT spendiert, mit der man Original-Rhythmen, User-Patterns, aber auch ganze Songs in die DAW transferieren kann, indem man sie einfach mit gedrückter Maustaste auf eine MIDI-Spur zieht. Alternativ kann man sie so auch als Standard-MIDI-File auf dem Desktop oder anderswo ablegen. Keine neue Erfindung von CHERRY AUDIO, aber zweifellos eine sehr praktische Sache!

Es steht wohl außer Frage, dass die CR-78 von CHERRY AUDIO der von ROLAND hinsichtlich der Programmierung eigener Rhythmen haushoch überlegen ist. Dennoch gibt es fast immer Möglichkeiten zur weiteren Verbesserung, und so hätte ich auch hier gerne noch ein bis zwei Dinge verwirklicht gesehen, die ich schon von anderen Drum-Sequencern kenne.

Das erste davon wäre eine Pattern-Shift-Funktion gewesen, mit der man eine Sequenz im Raster schrittweise nach vorne oder hinten verschieben kann, ohne dabei ihre innere rhythmische Struktur zu verändern. Zwei weitere kleine Taster bei der Lauflichtreihe würden dafür ausreichen.

Der zweite Wunsch betrifft eine zusätzliche „Grid View“, die man auf einer Extra-Seite unterbringen könnte und die Patterns aller Instrumente plus Accent untereinander auf einer Seite präsentiert, sodass man immer den gesamten Rhythmus im Überblick hat und ihn ohne vorangehenden Wechsel des Instruments editieren kann. Die neueren Drummies von D16 GROUP oder StIX von XILS-LAB bieten beispielsweise so etwas.

Ich habe CHERRY AUDIO beide Ideen bereits vorgeschlagen, das war allerdings nur wenige Tage vor dem Veröffentlichungstermin und in einer derart kurzen Zeitphase lassen sich solche umfassenden Änderungen wohl nur schwerlich realisieren. Also mal abwarten, ob sie später noch etwas dieser Richtung hinzufügen.


Eingeschlossene Gesellschaft…

Hatten wir uns bisher ausschließlich auf dem MAIN PANEL bewegt, so wechseln wir jetzt einmal die Seite, und zwar mithilfe der runden Schalter rechts oben. VOICE EDIT befördert uns auf eine Bildschirmseite, auf der wir Editiermöglichkeiten für jedes der vierzehn Instrumente vorfinden. Das ist ein weiterer Punkt, in dem die virtuelle CR-78 ihrem Vorbild deutlich voraus ist, denn bei Letzterer existierte so etwas schlichtweg gar nicht, die Sound waren intern ab Werk fest eingestellt und vom Anwender nicht veränderbar.

CHERRY AUDIO CR-78 - Voice Edit Panel
CHERRY AUDIO CR-78 – Voice Edit Panel

CHERRY AUDIO hingegen hat jedem Drum-Instrument zumindest rudimentäre Einstellmöglichkeiten spendiert. Bass Drum, Snare Drum, High Hat und Cymbal besitzen dabei jeweils vier Regler, der Rest muss, ausgenommen die Maracas, bei denen sich nur das Decay verändern lässt, mit je zwei Parametern auskommen.

Das mag nicht viel sein, aber ermöglicht in der Praxis mehr klangliche Veränderungen, als es zunächst den Anschein haben mag. Und wie schon gesagt, das Original besitzt ja überhaupt nichts dergleichen.

Der Vollständigkeit halber sei hier noch mal erwähnt, dass alle diese Instrumente bei CHERRY AUDIO vollständig synthetisiert werden und somit ganz ohne Samples auskommen.

Interessant fand ich, dass sich manche Instrumente auf diese Weise auch einem ganz anderen Verwendungszweck zuführen lassen, als ihre Bezeichnung suggeriert. So ließ sich etwa aus der High Hat ein veritables Tambourine erzeugen, das sehr viel realistischer klang, als das eigentliche Instrument dieses Namens in der CR-78, das wiederum auch die Funktion einer High Hat übernehmen kann.

Beim sogenannten Metallic Beat befinden sich noch zwei LINK-Buttons, mit denen festgelegt werden kann, ob dieses Instrument automatisch zusammen mit der High Hat, der Cymbal oder allen beiden erklingen soll. Bei ROLAND’s CR-78 lief der Metallic Beat dagegen immer zusammen mit den Vorgenannten, man hatte hier lediglich die Wahl, den Pegel zu verändern, allein konnte man ihn jedoch nur hören, wenn man die anderen beiden Instrumente via CANCEL VOICE stummgeschaltet hatte.

CHERRY AUDIO CR-78 - Notenzuweisung
CHERRY AUDIO CR-78 – Notenzuweisung

Wie ich weiter oben bereits erwähnte, folgt die Notenzuweisung der CR-78 im Auslieferungszustand überwiegend der durch General MIDI definierten Standardbelegung (also Bass Drum auf C1, Snare auf D1 usw.), allerdings hat man auch jederzeit die Möglichkeit, alternative Zuweisungen vorzunehmen.

Dies kann auf zweierlei Weise geschehen: Entweder wählt man die gewünschte Note aus einer per Aufklappmenü präsentierten Liste aus oder man aktiviert MIDI Learn und drückt anschließend die entsprechende Taste oder das Drumpad auf einem angeschlossenen MIDI-Controller bzw. dem QWERTY Keyboard.

Sowohl vorgenommene Notenzuweisungen als auch Klangeditierungen der Instrumente können via separater Menüpunkte auf ihre ursprünglichen Voreinstellungen zurückgesetzt werden.


Kosmetikkoffer…

Ein weiterer virtueller Schalter bringt das EFFECTS/MIXER PANEL in den Vordergrund. Dieses präsentiert, wer hätte es gedacht, die integrierten Effekte und das Mischpult der CR-78.

Die Effekte bedienen sich aus dem durch andere Plugins bereits bekannten Fundus von CHERRY AUDIO und umfassen OVERDRIVE (wahlweise TAPE oder FUZZ), FLANGER (auf Wunsch zum Host-Tempo synchronisierbar), DELAY (in den Geschmacksrichtungen DIGITAL, TAPE und PING-PONG, ebenfalls synchronisierbar) sowie REVERB (mit den vier Algorithmen SPRING, ROOM, PLATE und GALACTIC). Jedes Effektmodul lässt sich einzeln ein- und ausschalten, und zwar sowohl global als auch pro Instrument.

Ein zusätzlicher Phaser hätte sich eventuell auch noch gut auf dem einen oder anderen Instrument gemacht, aber das lässt sich ja zumindest in der Multiout-Version des Plugins problemlos mit einem externen Effekt nachrüsten.

CHERRY AUDIO CR-78 - Effects + Mixer Panel
CHERRY AUDIO CR-78 – Effects + Mixer Panel

Der darunter platzierte Mixer bietet für jedes Instrument einen eigenen Kanal mit Lautstärke-Fader, Pan Pot und den besagten Ein-/Ausschaltern für die vier Effektmodule. Zudem gibt es noch einen Master-Fader mit Übersteuerungsanzeige.

Auf der rechten Seite finden wir noch die beiden Summen-Effekte COMPRESSOR und SIX-BAND EQ, die eine zusätzliche Verdichtung bzw. Klangregelung des Gesamtsignals ermöglichen.

Alle Effekte und auch die Lautstärke- und Panorama-Einstellungen des Mixers wirken übrigens ausschließlich auf die Stereosumme der CR-78. Auf die zusätzlichen Einzelausgänge der Multiout-Version hingegen haben sie keinerlei Einfluss, dort liegen immer nur die unbearbeiteten Signale der jeweiligen Instrumente an.

Die Qualität der Effekte ist ja durch andere CHERY AUDIO-Produkte hinlänglich dokumentiert. Bei der CR-78 können sie gemeinsam mit den Editiermöglichkeiten der einzelnen Drum-Instrumente bisweilen Erstaunliches bewirken, indem sie den Klang so weit zu verändern vermögen, dass man das ursprüngliche Vorbild kaum noch wiedererkennt, sondern einen völlig anderen Klopfgeist zu hören vermeint. Die klangliche Bandbreite des Plugins wird dadurch ungemein vergrößert.

In dieser Hinsicht ähnelt die CR-78 sehr den TR-x0x-Emulationen aus dem Hause D16 GROUP. Viele der mitgelieferten Presets liefern ein eindrucksvolles Zeugnis davon.


Trommelfeuer…

Wie vermutliche viele von euch auch, kenne ich die ROLAND CR-78 nicht aus eigener Erfahrung, sondern lediglich durch zahlreiche Produktionen, in denen sie zum Einsatz kam (und dort sicherlich auch entsprechend nachbearbeitet wurde), sowie durch diverse Sample-Sets, die ihre Instrumente enthalten.

Ausgehend von dieser Prämisse finde ich den Klang von CHERRY AUDIO’s Emulation in meinem subjektiven Empfinden als sehr gelungen, soweit ich dies beurteilen kann.

Möglicherweise vermögen ja Kenner der CR-78 doch noch kleinere Unterschiede herauszuhören, ich selbst bin ohne einen Direktvergleich mit dem Original nicht dazu in der Lage, mal ganz abgesehen davon, dass es selbst zwischen zwei einzelnen Exemplaren des Geräts aufgrund von Bauteilschwankungen und unterschiedlicher Alterung zu klanglichen Differenzen kommen kann.

Das erste Klangbeispiel beinhaltet alle 34 originalen Rhythmen, die CHERRY AUDIO von der Hardware übernommen hat. Ich habe diese manuell der Reihe nach angewählt, ausgehend von ROCK-1 und endend mit RHUMBA. Bei jedem Rhythmus habe ich immer zuerst Variation A und dann Variation B wiedergegeben (alle internen Effekte blieben dabei deaktiviert):

Klangbeispiel CHERRY AUDIO CR-78 – Original-Rhythmen

Als Nächstes habe ich mir aus den zahlreichen von CHERRY AUDIO mitgelieferten Presets, die sich über den Preset-Browser anwählen lassen, einige besonders prägnante Exemplare herausgesucht und diese in einem Rutsch nacheinander abgespielt. Hierbei ist dann auch das durch die Effekte und die Editiermöglichkeiten erweiterte Klangspektrum hörbar, das häufig weit über eine herkömmliche CR-78 hinausgeht (den Anfang macht übrigens ein Preset namens „In the Air“…):

Klangbeispiel CHERRY AUDIO CR-78 – diverse Presets

Bei diesen beiden Klangbeispielen hatte ich übrigens die Oversampling-Qualität lediglich auf 1x stehen. Das war ein Versehen, dennoch finde ich hier am Klang eigentlich nichts auszusetzen. Mit dem Factor 4x wäre noch ein kleiner, aber hörbarer Ticken an Brillianz hinzugekommen. Nun ja, ich hatte die Aufnahmen bereits längst im Kasten und encodiert, als mir dies auffiel.

Beim dritten und letzten Klangbeispiel hatte ich aber tatsächlich daran gedacht, das Oversampling vorher auf 4x zu stellen. Zuhören bekommt Ihr eine kleine Auswahl an Presets, die aus dem optionalen Set namens COMPU-RHYTHMS FOR CR-78 stammen, das CHERRY AUDIO separat für 9,99 USD anbietet und das weitere 100 Presets aus der Feder diverser Designer enthält:

Klangbeispiel CHERRY AUDIO CR-78 – Compu-Rhythms for CR-78

Hier findet man unter anderem auch das eine oder andere Beispiel, welches beweist, dass das Plugin durchaus auch für härtere musikalische Gangarten wie etwa Industrial geeignet ist, was man der CR-78 zunächst gar nicht zutrauen würde.

Die Mehrzahl dieser Presets macht übrigens Gebrauch vom Song-Modus der CR-78 und bietet sich sukzessive über mehrere Takte aufbauende Rhythmen, sodass man fast schon von Construction-Kits sprechen könnte. In meinem obigen Beispiel habe ich nicht immer jedes Preset in seiner vollen Länge abgespielt, bevor ich zum nächsten gewechselt bin, denn sonst wäre die Aufnahme wohl mindestens doppelt so lang geworden.


Fazit:

CHERRY AUDIO’s Erstlingswerk in Sachen virtueller Drum Machine weiß zu überzeugen und zu begeistern. Der Klang der CR-78 ist für mein Empfinden sehr gelungen und geht weit über das hinaus, was das Original in dieser Hinsicht zu bieten hatte, denn das Plugin kann nicht nur nostalgisch klingen, sondern bei Bedarf auch sehr modern.

Die Bedienung ist logisch und gibt keine Rätsel auf, könnte zwar in wenigen Punkten noch weiter verfeinert werden (etwa durch eine Pattern-Shift-Funktion und einer zusätzlichen Grid View), aber auch in ihrem jetzigen Auslieferungszustand ist die CR-78 ihrem Vorbild deutlich überlegen.

Eine wirkliche Konkurrenz zu CHERRY AUDIO’s CR-78 ist mir derzeit nicht bekannt. Es gibt allenfalls noch uralte SynthEdit-Freeware in 32-Bit sowie samplebasierte KONTAKT-Instrumente, die aber in puncto Ausstattung und Flexibilität bei weitem nicht mit der CR-78 mithalten können.

Das Original wird wohl für die meisten nicht infrage kommen, neben den dafür ausgerufenen Preisen im vierstelligen Bereich dürfte auch die altersbedingte Anfälligkeit und umständliche Einbindung ins moderne Setup nicht attraktiv erscheinen. Für den CYCLONE ANALOGIC TT-78 BEAT BOT werden auch noch deutlich mehr als 300,- Euro fällig, und während man in Villabajo noch auf BEHRINGERS’s angekündigten Klon im TD-3/RD-6-Gehäuse wartet, musiziert man in Villariba mit der CHERRY AUDIO CR-78 schon munter drauflos…

Von meiner Seite gibt’s daher auch mal einen BuenasIdeas-Tipp als Belohnung!

BuenasIdeas-Tipp

CHERRY AUDIO bietet die virtuelle CR-78 ab sofort zum Einführungspreis von 49,- US-Dollar an (Listenpreis: 69,- USD), die dazu passende zusätzliche Preset-Erweiterung COMPU-RHYTHMS FOR CR-78 ist für 9,99 US-Dollar erhältlich. Die Demoversion des Plugins ist volle 30 Tage lang lauffähig und ist lediglich dadurch eingeschränkt, dass in periodischen Abständen ein Störsignal eingeblendet wird.


Positives:
+ sehr guter Grundklang
+ flexible Klangformung
+ einfache Bedienung
+ brauchbare Effekt-Sektion
+ Lauflicht-Sequencer
+ umfangreiche MIDI-Learn-Sektion
+ Drag-Export von Patterns
+ vergleichsweise geringe CPU-Anforderungen
+ fairer Preis

Negatives:
– keine Offline-Aktivierung bzw. -Installation möglich


Produktwebseite: https://cherryaudio.com/products/cr-78

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