Palindrome von Glitchmachines Testbericht

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Glitchmachines steht für extremes Sound Design, ihre Effekte und Sampler sind darauf ausgerichtet vorhandene Klänge zu zerstören, zu zerhacken und bis zur völligen Unkenntlichkeit umzukrempeln. Sound Design als Kettensägen-Massaker zelebriert scheint das zentrale Anliegen von Ivo Ivanov zu sein, wenn er Plugins programmiert.

Was dazu führt, dass sehr ungewöhnliche und experimentelle Ergebnisse auf Knopfdruck, ziemlich unkontrolliert und automatisch entstehen, wenn man sich getraut diese bösartigen Maschinen zu verwenden. 

In ebenfalls extremem musikalischen Kontext sind diese bluttriefenden Sounds dann noch am ehesten verwendbar, Hardcore und experimentelle Stücke zum Beispiel. Ich persönlich finde sie an sich interessant, wenn auch anstrengend. Quadrant zum Beispiel, als semimodularer Effekt ist technisch faszinierend, oder die zerhackstückten Glitch-Kaskaden, die aus Cataract herausquellen sind radikaler, als alles andere, worauf man normalerweise trifft.

Polygon ist ein relativ schwer zu kontrollierender Sampler, der eigentlich mehr ein Multi-Effekt ist, bei dem man die Quell-Sounds überblenden kann. Aber das experimentelle und unkontrollierbare ist Teil des kreativen Konzepts bei Gltchmachines. 

Wie verhält es sich nun mit Palindrome? Das konnte ich nun endlich herausfinden, nachdem dieser Granular Morph Plotting Sampler (um so etwas scheint es sich also zu handeln…) im Angebot für ein Achtel des regulären Preises zu bekommen war. Glitchmachines macht ja regelmäßig Angebotswochen, meist über Plugin Boutique, Palindrome ist da aber selten zu wirklich reduzierten Preisen dabei. 

Glitchmachines Palindrome
Glitchmachines Palindrome

Granularsynthese

Zunächst ist Palindrome ein Granularsynthesizer, wenn auch mit Besonderheiten. Wer mit dem Konzept nicht vertraut ist: Es gibt Granularsynthesizer und Granulare-Effekte, die Effekte unterscheiden sich nur dadurch, dass Echtzeit-Audio fortlaufend in einen internen Buffer gespeichert wird und nicht komplette Samples in Sample-Player geladen werden. Die meisten Plugins dieser Sorte sind Sampler/Synthesizer, da die Anwendungsmöglichkeiten breiter sind. 

Das Grundprinzip sind sogenannte Grains, das sind winzige Abschnitte eines Samples oder Loops, die ausgelesen werden, zwischen ein paar Millisekunden und bis zu mehreren hundert Millisekunden lang. Meist sind es sehr kurze Ausschnitte, die die Eigenschaft haben, dass sie extrem manipuliert und neu organisiert werden können, ohne dass es so offensichtlich zu Nebeneffekten kommt, wie bei längeren Abschnitten. Sie werden wegen ihrer Kürze vom Ohr anders wahrgenommen, ähnlich wie Filmbilder im Unterschied zu Fotos vom Auge.

Deshalb kann man Grains in der Tonhöhe verändern und kunterbunt durchmischen und der Zuhörer nimmt das dennoch als einen zusammenhängenden, neuen Klang wahr. Diese Klänge werden im Verhältnis zum Ausgangsmaterial sehr schnell abstrakt und haben einen anderen Charakter, üblicherweise eher Flächensounds. Deshalb heisst auch der mittlerweile bekannteste Vertreter dieser Synthesemethode Padshop Pro von Steinberg. Aber es gibt Granularsampler/Oszillatoren auch in einigen Synths, die eine Vielzahl von Synthesemethoden anbieten wie Avenger, Falcon oder Omnisphere. 

Palindrome verfolgt – wie könnte es anders sein – einen etwas anderen Ansatz, der dazu führt, dass der Output deutlich anders klingt, als der weiche Pad-Sound, den man bei dieser Methode erwartet. Ich war doch etwas überrascht, dass mir beim Anspielen vom Charakter her ähnliche Glitch-Orgien ins Gesicht sprangen, wie bei den anderen Plugins von Glitchmachines. Wie kann das sein? 

Letztendlich ist das garnicht so einfach zu sagen, denn die Prinzipien sind durchaus die selben. Aus dem in die Sample Player geladenen Audio werden Abschnitte ausgelesen, die Startzeitpunkte können moduliert werden und verschieben sich beständig, die Tonhöhe der einzelnen Grains kann verändert werden. Ein Überblenden zwischen den verschiedenen Playern ist ebenfalls ein übliches Verfahren, wenn es hier auch besonders raffiniert stattfindet. 

Dem Handbuch konnte ich entnehmen, dass es an der Methode der Grain-Erzeugung liegt, hier wird der Abschnitt eher einfach geloopt und keine “Grain Cloud” erzeugt, die gleichzeitig winzige Stückchen an verschiedenen Stellen innerhalb eines größeren Bereichs ausliest, einzeln manipuliert und zusammensetzt. Das Verfahren ist also etwas grobschlächtiger und näher an Stutter-Effekten oder dem, was Cataract macht. 

Granular Sample Player

Palindrome verfügt über vier Sample-Player, die über die Tabs am oberen Rand der Oberfläche ausgewählt werden können. Befüllt werden sie über einen Dateidialog oder per Drag and Drop über den Explorer/Finder. Dabei kann jedes Material zum Einsatz kommen. Glitchmachines spendiert hier in der Factory-Sample Bibliothek seine typischen rohen Samples aller nur möglichen Quellen oder bearbeitete Effektklänge. Was mit den Factory-Presets auch zu dem typischen Sound beiträgt. 

Granular Sample Player
Granular Sample Player

Wichtig ist, dass sich sie prozentuale Mindest- oder Höchst- Länge der Ausschnitte nach der Länge des geladenen Samples richten, also nicht unabhängig davon in Millisekunden angegeben werden kann. Ebenfalls die Startzeitpunkte. 

Es gibt drei verschiedene Windowing Optionen für die Grains, Rectangular, Triangle und Hann, die letzten beiden bilden eher weichere Hüllkurven um die einzelnen Grains, Rectangular harte Übergänge zwischen den Grains, die auch knacksen und rauschen können. Was passt muss man je nach Quelle und beabsichtigter Charakteristik ausprobieren. Der Size-Parameter ist der wichtigste, sein Einstellung variiert zwar je nach Länge des geladenen Samples, aber auffällig ist, dass kürzere Ausschnitte metallische Artefakte und Änderungen des Timbre produzieren. 

Mit dem Reverse-Symbol kann die Leserichtung des Abspielkopfs im Sample umgekehrt werden. Pitch und Fine (Pitch) verändern die Tonhöhe und Pan die Position im Stereofeld, wie üblich. 

Auf der rechten Seite können in jeden Sample-Player bis zu zwei einfache Insert-Effekte geladen werden, Filter, Distortion, Ring-Modulation und Delay stehen zur Auswahl. 

Die Parameter mit einem Punkt und Regler darunter können moduliert werden, die Zuweisung der Envelopes, die als Modulationsquellen dienen erfolgt per Drag & Drop. 

Plotting Grid

Prominent in der Mitte prangt das Plotting Grid. Das ist ein in vier Bereiche unterteiltes XY-Pad. In jeder Ecke sitzt wie ein Lautsprecher, der ausstrahlt einer der Sample-Player. In das Grid kann ein Vektorpfad mit bis zu 16 Knoten-Punkten eingezeichnet (geplottet) werden, Entlang dieses Vektorpfades läuft der von jeder gespielten MIDI-Note getriggerte Abspielkopf und durchquert dabei die Abstrahl-Bereiche der aktiven Sample-Player. Dadurch ändert sich der Anteil, den jeder Player am abgespielten Klang hat. Palindrome ist vierfach polyphon, mehr als vier Noten gleichzeitig können also nicht gespielt werden. Bei etwas Zeitversetzt angespielten Tasten ist durch die stattfindenden Modulationen aber schon ganz viel los für vier Noten. 

Unter dem Grid befindet sich ein Regler für die Rate, die bestimmt, wie schnell sich die Abspielköpfe entlang des Pfades bewegen, Diese Geschwindigkeit kann auch zu Notenwerten relativ zu den BMP der DAW synchronisiert werden. Zwischen fünf Modes für den Pfad kann gewählt werden, One Shot spielt nur in eine Richtung ab und hört am Ende auf, die anderen Modi erzeugen einen Loop, der vorwärts, rückwärts oder pendelnd vor- und zurück durchlaufen wird. Random ignoriert den Pfad und der Abspielkopf springt zufällig zwischen den Punkten hin und her. 

Die acht kleinen Pfad-Icons sind Speicherplätze für Pfade. Eigene Kreationen können hier mit einem Klick gespeichert werden. Acht sind natürlich etwas wenig, aber dafür gibt es leider keine Preset-Bänke. Da diese Pfade in den Preferences gespeichert werden kann man sich umständlich manuell mit umbenannten Kopien dieser Preference-Datei behelfen. 

Modulations-Envelopes

Die Multi Breakpoint Modulation Envelopes sind ein Highlight von Palindrome. Acht Stück davon gibt es und sie können sehr ähnlich, wie der Pfad im Plotting Grid erstellt werden. Auch bis zu 16 Punkte und die Zeit, in der die Envelope geloopt wird kann eingestellt werden, im Prinzip bekommt man damit also auch LFOs hin. Jedoch rast der Abspielkopf zu schnell durch das Sample kommt es zu Artefakten und Knacksern. Was hier noch eher stört, als im Grid ist, dass nur gerade Strecken zwischen den Punkten erstellt werden können. Kurven würden die Möglichkeiten noch etwas erweitern. 

Die Modulation Envelopes werden per Drag & Drop auf die zu modulierenden Regler gezogen und erscheinen dort dann als nummerierter grüner Punkt darunter. Sehr übersichtlich und simpel. 

Presets

Die Preset-Verwaltung ist einfach, aber effektiv. Es kann auch eine Preset-Variante mit relativen Pfaden gespeichert werden, um sie mit anderen Nutzern auszutauschen. Vektor-Pfade im Grid und in den Envelopes werden mitgespeichert. 

Eine Besonderheit ist die Program-Change Funktion, in einem eigenen Unterordner der Presets kann man angeben, zwischen welchen Presets in welcher Reihenfolge per Program-Change Befehl umgeschaltet werden soll.

Random-Funktionen

Auch Palindrome beherrscht die für Glitchmachines typischen Zufallsfunktionen. Alle Regler können Sektionsweise randomisiert werden. Da sind dann zwar bei auftretenden Extremwerten öfters noch Korrekturen erforderlich, aber es kommen Klänge heraus, die man von Hand kaum einstellen würde. 

In den Settings kann man den Synth initialisieren, den Pfad auf die Sample-Bibliothek ändern, die überall liegen kann und die Factory-Pfade wiederherstellen.

Presets angespielt

Als erstes spielte ich einige Presets an. Für einen Granular-Synthesizer sehr untypisch, kann man da nur sagen.

Piano Sounds granular

Die Frage ist, kann Palindrome anders, als aggressiv und glitchy? Um das zu untersuchen nahm ich vier einfache, harmlose Piano-Klänge auf und lud sie in die Sample-Player in ein initialisiertes Preset. 

Auch mit solchem Audiomaterial kann man Palindrome zwar dazu bringen ruhiger zu klingen und das Ganze nimmt fast schon den Charakter eines unregelmäßigen, durch die gespielten Noten gepitchten Delays an. Aber von den völlig aufgelösten Klangwolken eines herkömmlichen Granular-Synthesizers ist das immer noch ein ziemliches Stück entfernt. 

Fazit

Palindrome ist zwar ein Granular-Synthesizer, aber der anderen Art und ein ganz eigenes Ausnahmetalent. Ich glaube nicht, dass es noch ein weiteres Instrument gibt, dass nach diesen hybriden Prinzip zwischen einem Granularsynth, einem Delay und einem Stutter-Effekt arbeitet. (Technisch trifft das zwar nicht zu, aber es klingt so) Will man verwaschene, interessant modulierte Pads, dann ist man hier weitgehend falsch.

Palindrome ist zunächst von seiner Architektur her und vor allem seinem Granular-Modus auf glitchige, experimentelle Effekt-Klänge ausgerichtet. Die Morph- und Modulationsmöglichkeiten sind wirklich fantastisch, die vier Sample-Player tragen auch dazu bei, dass die Sounds kräftig durchmischt werden. So bleibt, wie bei den anderen Samplern und Effekten von Glitchmachines ein schwer kontrollierbarer Aspekt, der hier aber nicht ganz so stark ausfällt. Mit etwas Planung kann man sicher auch Sounds erreichen, die in diesem interessanten Grenzbereich zwischen Chaos und allzu schöner Klangwolke liegen. 

Produktseite von Palindrome bei Glitchmachines:

https://glitchmachines.com/products/palindrome/

Noch bis zum 01. Januar 2020 gibt es bei Plugin Boutique Palindrome für ca. 10 € statt 79, auch die dazu passenden Sample-Packs sind sehr günstig für um die 5 € zu bekommen, ebenso die anderen Sampler und Effekte von Glitchmachines, einzeln oder als Bundles. 

https://www.pluginboutique.com/products/4345

https://www.pluginboutique.com/manufacturers/101-Glitchmachines

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