Albion V Tundra von Spitfire Audio Testbericht


Mit der fünften Inkarnation ihrer Albion-Reihe orchestraler Kompositionswerkzeuge begaben sich die kreativen Köpfe von Spitfire Audio hoch in den Norden, in die Tundra Lettlands um sich die Inspiration für eine sehr ungewöhnliche Orchesterbibliothek zu holen.

Ausgangspunkt war das Stück „Fratres“ von Arvo Pärt, das Christian Henson, einer der Mitgründer von Spitfire Audio im Radio hörte und ihn unmittelbar ansprach, da es nicht der üblichen choralen, opernhaften Tradition verhaftet war, sondern viel Erdverbundener wirkte, als sei es durch das Moos einer nordischen Landschaft gesickert. Ihr Ziel war es unverstellte, nordische, eisige Klänge und Atmosphären einzufangen, die an der Grenze zur Stille angesiedelt sind. Die höchste aufgenommene Lautstärke war ein Mezzopiano und alles darunter bis nur noch das Blasgeräusch der Luft ohne Ton durch die Hörner oder das Streichen der Bögen ohne Harz auf den Haaren über die Saiten zu hören war.

Eine mutige, grundsätzliche Entscheidung war zunächst, die unteren Mitten aus dem Klangspektrum des Orchesters zu verbannen und die Violas komplett draussen zu lassen. Dafür kam eine sehr starke Sektion Violinen zum Einsatz und mehr Celli als üblich.
Das über hundertköpfige Orchester umfasst jedoch auch Blech- und Holzbläser, jeweils in hohen und tiefen Sektionen. Dazu kamen sehr viele sehr ungewöhnliche Artikulationen und Instruktionen für die Spieler um einen sehr eigenen Charakter dieser Bibliothek zu erreichen. Albion V Tundra ist also alles andere als die nächste bombastische Film-Musik Orchesterbibliothek, sondern nähert sich der tonalen Sprache Pärts, Sibelius und Goreckis und der junger aufstrebender nordischer Komponisten an.

Die Eckdaten sind 27.860 Samples und 56, 8 GB unkomprimierte WAVs, also wirklich eine Menge Holz, ich brauchte über meine mittelgute Internetverbindung etwas über neun Stunden bis die gepackt rund 45 GB große Installationsdatei heruntergeladen war.

Begleitet wird die zentrale Orchesterbibliothek, wie bei der Albion-Reihe üblich von einigen zusätzlichen kleineren Tools und Instrumenten, die „urbanere“ moderne Aspekte hinzufügen und das Klangspektrum ergänzen und erweitern.

Im einzelnen sind das das Vral-Grid, einer Variante des Evo-Grids, bei dem sich entwickelnde Klänge in einer Matrix konfiguriert werden. Stephenson’s Steam Band mit orchestralem Material, das jedoch mit Effekten versehen und in die eDNA Machine von Spitfire Audio eingebunden wurde, die schon in den Testberichten über Joey Santiago http://www.buenasideas.de/test/musikproduktion/plugins/virtuelle-instrumente/joey-santiago-von-spitfire-audio-testbericht/ und Glass and Steel http://www.buenasideas.de/test/musikproduktion/plugins/virtuelle-instrumente/glass-and-steel-von-spitfire-audio-testbericht/ auf BuenasIdeas beschrieben wurde. eDNA kommt auch bei den Brunel Loops zum Einsatz, das sind von dem berühmten Perkussionisten Paul Clarvis eingespielte Loops. Darwin Percussion ist ein einfach gehaltenes Kontakt-Instrument mit eher klassischen Film-Musik Multisamples von Drums.

 

Das Albion Tundra Orchestra

Die verschiedenen Instrumente kommen alle mit derselben Oberfläche, die einzelnen Sektionen, hohe und tiefe Streicher/Blechbläser/Holzbläser können separat geladen werden. In der Übersichts-Oberfläche finden sich die vereinfachten wichtigsten Bedienelemente. Mit dem Slider neben dem Orchester-Symbol werden nahe oder entferntere Mikrofon-Positionen ausgewählt, rechts daneben befinden sich horizontale Slider, die per Mod Wheel die dynamischen Layer durchfahren, die Hall-Intensität regeln oder mit Expression noch mal die Lautheit des globalen Volumens einstellen.

Darunter befinden sich die Artikulationen dieser Sektion. Das sind bei dem Haupt-Instrument für die Streicher 18 und noch mal 12 bei dem zweiten Patch „Soft and Wild“ und dargestellt wird das mit Notensymbolen, anhand derer man schon mal erkennen kann, ob es sich um eine lange oder kurze Artikulation handelt. Meist steht eine Abkürzung darüber, die einen Hinweis gibt, manchmal ist da aber nur ein winziges Symbol, dem man nicht unbedingt direkt entnehmen kann, was das nun für eine Artikulation sein könnte. In dem seitlichen Streifen links steht jedoch immer der volle Name der ausgewählten Artikulation. Die Blech- und Holzbläser verfügen in ihren hohen und tiefen Sektionen jeweils über 18 Artikulationen.

In der Expertenansicht lassen sich genauere Einstellungen vornehmen, der Mix der verschiedenen Mikrofone zurechtschieben – wobei Mixereinstellungen auch gespeichert und in anderen Sektionen wieder geladen werden können – sehr praktisch. Die Mikrofonierung teilt sich in eine nahe Position direkt bei den Instrumenten, einen klassischen Decca-Tree über dem Pult des Dirigenten, Outriggers, das sind auf der Linie des Dirigenten, aber weiter rechts und links verteilte Mikrofone und Ambient, weiter entfernt aufgestellte Mikros auf der Galerie des Konzertsaals. Mit Rechtsklick auf die Buchstaben unter den Mikrofon-Fadern lässt sich ein anderer Output-Channel konfigurieren, die Slider selbst sind automatisierbar.

Hinter den kleinen Symbolen in der oberen rechten Ecke dieses Areals verbergen sich Velocity-Kurven um das Instrument an das Keyboard anzupassen, eine Pan-Einstellung, die die urspünglich aufgenommene Sitzposition der Mitglieder dieser Sektion verschiebt. Das kleine Notensymbol beschränkt die Veränderungen in den Mixereinstellungen auf die aktuelle Artikulation. So kann man auch z. B. die Lautstärke einzelner Artikulationen untereinander anpassen, und das ist meist notwendig.

Daneben werden unter Options/Presets Sets von Mixereinstellungen in Verbindung mit vorgeladenen oder nicht geladenen Artikulationen zur Auswahl angeboten. Es ist also in Grenzen eine Anpassung möglich, wie der Mikrofon-Mix klingt und wie hoch die Speicherauslastung ist. Anfangs dachte ich noch, hier könnte man selbst Sets von Artikulationen zusammenstellen, wie bei der Chris Hein Solo Violin beispielsweise, aber das ist nicht der Fall. Über ein Drop-Down Menü kommt man an die Einstellungen für Round Robins, für die es etliche Optionen gibt.

Mit einem Klick auf eine Artikulation und dem Tastaturkürzel Strg oder Command auf dem Mac bekommt man eine Menge Optionen, wie diese Artikulation denn nun getriggert wird. Neben normalen Keyswitches geht das noch per MIDI-Controller-Bereich, d. h. man kann alle Artikulationen auf einen Fader legen oder per Velocity-Wert, dann wechselt die Artikulation, wenn man die Taste stärker drückt. Oder by timing, dann wenn man schneller spielt oder per MIDI-Channel, hier kann man ein Keyboard-Split verwenden oder Noten mit verschiedenen Kanälen in die Pianorolle setzen. Das dürfte ziemlich ausreichend sein, um den Artikulationswechsel je nach Situation anzupassen und bestmöglich handhabbar zu machen.

In dem Sidebar rechts ganz unten sind noch einige Symbole, die Feineinstellungen ermöglichen. Das Zahnrad hilft dabei eventuell heraus platzende Round Robins zu überspringen oder Tuning/Volumen, Release oder in einigen Patches sogar den Sample-Start anzupassen. Diese sehr verfeinerte Eingriffsmöglichkeit, die Programmiertechnisch eher zu den Kontakt-Script-Glanzleistungen gehören dürfte hat ihren Grund auch darin, dass die Musiker bei der Aufnahme ermutigt wurden, so emotional zu spielen, wie sie es bei der Einspielung einer Filmmusik tun würden. Das fängt zwar das Flair einer solchen Session ein und macht das ganze weniger steril – jedoch auf Kosten der Präzision. Wenn man das etwas ausbügeln will, weil es gerade stört hat man hier die Möglichkeit.
Mit den anderen Symbolen können die Keyswitches in ihrer Position verschoben werden, einem Controller zugewiesen werden oder man kann sie sperren.

Nach der Installation und der Registrierung im Service Center lud ich als erstes zwei Streicher Patches des Tundra Orchestra, High und Low in Kontakt. Das Mapping über das Keyboard entspricht dem natürlichen Tonumfang der Instrumente, das heisst der obere Teil der tiefen Streicher und der untere der hohen überlappen sich. Man braucht also verschiedene MIDI-Kanäle um die Instrumente parallel anzusprechen.

Beim ersten anspielen klang das erst mal sehr sehr leise. Was eigentlich dem entspricht, was im Handbuch steht, ein mittleres Piano war die höchste gespielte Lautstärke des Orchesters bei der Aufnahme. Mag ja sein, dass das anders klingt, aber so steht man vor der Frage, drehe ich jetzt meine Boxen auf oder verstärke ich erst mal über einen Limiter auf dem Instrumentenkanal um überhaupt halbwegs etwas wahrzunehmen. Da ahnt man schon, dass es noch etwas Kopfzerbrechen bereiten kann, wie man das mit anderen Instrumenten gemixt bekommt. Ich fuhr zunächst zweistufig, setzte das Mixervolumen des Multi in Kontakt herauf, weil die Einzelinstrumente springen bekanntlich immer wieder auf die Ursprungslautstärke zurück und drehte das Gain des Limiters hoch.

Nicht nur die einzelnen Artikulationen, auch die Sektionen High/Low sind unterschiedlich in der Grundlautstärke und müssen auf eigene Mixerkanäle in Kontakt geleitet werden, aber gut, das ist bei Orchesterbibliotheken normal.
Wie groß der Unterschied ist lässt sich an einem Lautstärkevergleich mit Session Strings ablesen, die eine ganz normale Brot- und Butter Bibliothek für den allgemeinen unspezifischen Alltagseinsatz darstellen. Generell kann man sagen, dass der Pegelunterschied je nach Artikulation zwischen 6 und 24 (!) dB liegt. Zum völlig verschiedenen Klang braucht man gar nicht viel zu sagen, Session Strings ist vergleichsweise grob geschnitzt.

So jetzt aber – da wehten nun tatsächlich feinste Streicherklänge aus den Boxen. Das Standard-Artikulations-Set für die Streicher startet mit Flautando con sordino, das nun ja, eben sordino und damit gedämpft und leise ist, die nächste Artikulation,
Frozen ist dann schon etwas lauter. Es gibt ja zwei „Lautstärkeregler“ auf der Oberfläche, Dynamics und Expression. Dynamics reagiert auf das Modwheel, Expression auf den CC Wert 11. Dynamics blendet die tatsächlich aufgenommenen Lautstärkestufen ineinander über und man hat einen natürlich klingenden Lautstärkeverlauf, während Expression das Gesamtvolumen des Kanals regelt innerhalb dessen Dynamics agiert.

Auffällig fand ich, dass der Regelbereich von Dynamics geringer war, als ich es sonst von Streichinstrumenten kenne. Wenn Expression ganz aufgedreht war wurde es nicht so ganz leise, sondern eher so mittelleise, während das Modwheel am oberen Anschlag den Ton nicht so sehr viel lauter machte. Das kannte ich von dem den Solo-Instrumenten Emotional Cello oder Chris Hein Solo Violin schon anders, da wird es ganz flüsterleise oder sehr laut, wenn man das Modwheel an die Anschläge bringt. Das mag Teil des Konzepts sein, eine sehr zurückhaltene, fragile Orchesterbibliothek zu produzieren, aber ich finde, dass die Ausdrucksmöglichkeit darunter etwas leidet. Ich habe jetzt keinen Vergleich zu den anderen Albion-Bibliotheken, die durchaus viel epischer daher kommen, da mag es anders sein.
Ich versuchte mit beiden Reglern gleichzeitig zu arbeiten, aber so ganz befriedigend ist das nicht, denn wenn die zusätzliche Lautstärke am Ende durch das Aufdrehen des Volumens erzeugt wird ist das klanglich etwas anderes, als durchfahrene Velocity-Layer.

Interessant ist ein Vergleich von den Albion V Streichern mit Session Strings bei maximaler Lautstärke kurz vor der Übersteuerung. Die Nebengeräusche bei Albion V sind etwas höher, aber auch die Dynamik, was allerdings auch dem verzögerten Attack geschuldet sein kann.

Stellt man alle Mikrofone hoch oder verstärkt extern auch nur bei einem Mikrofonkanal auf ein nicht nur mittleres, sondern lautes Niveau, dann kommen mehr Nebengeräusche zum Vorschein, als in anderen Bibliotheken, die ich als Kleiderrascheln, Bogen- oder Klappengeräusche und unidentifizierbare akustische Reflexionen im Raum deute. Ich verstehe das so, dass das Aufnahmekonzept dieser Bibliothek einfach keinen Einsatz als laute Stimmen im Vordergrund vorsieht. Und wenn man eine einzelne Stimme wirklich mal in der Nähe des maximalen Pegels braucht, dann muss man das in Kauf nehmen.

 

Artikulationen

Erst mal staunt man ja über die exotischen Artikulationen, Gypsy harmonics oder Brushed Pizzicatos con sordino ist nicht die Sorte Samplefutter, die einem so täglich begegnet. Und tatsächlich entfaltet sich hier sofort eine völlig neue Welt lebendig flirrender Obertöne und ungeahnter Klangwelten. Wirkt das kalt, nordisch, Nebelverhangen und Erdverbunden? Irgendwie schon, aber es sind auch weitere Assoziationen möglich wie zart, mystisch, vibrierend. Wenn auch ganz eigen, dennoch ein klassisches Streichorchester.

Es existiert neben dem regulären Kontakt Instrumenten High- bzw. Low Strings auch noch je eine Variante, die mit dem Zusatz „Soft and Wild“ versehen ist. Dabei handelt es sich um die noch fehlenden und etwas exotischeren Artikulationen.

 

 

Brass und Woodwind sind teilweise ähnlich aufgebaut, es gibt wie bei den Streichern hohe und tiefe Sektionen und einige der Artikulationen heissen gleich und sind mit einer vergleichbaren Spieltechnik eingespielt. dazu zählen Air, Super Air, Mini Crescendo. Wobei Air wirklich ein Extrem darstellt mit nur ohne Tonerzeugung durchblasenen Hörnern oder Holzblasinstrumenten. Die kurzen Artikulationen sind ziemlich in der Unterzahl und generell gibt es eigentlich keine wirklich „normale“ Artikulation. Es werden alle möglichen Spezialtöne, wie Double Tongue mute crescendo, Doodle Tonguing oder Finger Trills angeboten, Effekte wie Multiphonics oder Aleatoric Overblown – doch straight einfach nur ein gerader Ton ohne Verzierung findet sich nicht. Was heisst, das diese Sektionen eher als eine Ergänzung zu den Streichern dienen können um Akzente zu setzen, eine Funktion, die sie jedoch aussergewöhnlich schön und mit einem ganz besonderem Timbre erfüllen.

 

 

 

 

 

Die dritte Seite im Interface ist das Ostinatum, das ein Zwischending zwischen einem Arpeggiator und einem einfachen Sequencer darstellt. An Arpeggiator-Modes kennt es die Reihenfolge in der die Tasten gedrückt wurden, aufsteigend und absteigend. Die Schritte selbst werden mit winzigen fummligen Notensymbolen eingezeichnet, das war schon in dem getesteten Glass and Steel Percussion Instrument ein Kritikpunkt. Besonders nervte wieder, dass man eingegebene Schritte nur von hinten löschen kann, will man also vorne etwas ändern kann man nur alles neu eingeben…. Man hat also Notenlänge, Position im aktuell gehaltenen Akkord und Velocity pro Schritt. Acht Pattern können eingerichtet werden, zwischen denen man per Keyswitch hin und her schalten kann. So einfach das ist, so effektiv kann das sein, vor allem, wenn man noch zusätzlich zwischen kurzen Artikulationen hin- und herschwitcht.

 

 

Routings und Modulation

Zugegebenermaßen ist FL Studio nicht unbedingt die DAW der Wahl, wenn es um Orchesterbibliotheken geht. Aber da ich gerade wegen einer Reihe technischer Schwierigkeiten nichts anderes zur Verfügung hatte und ich mich damit weitaus am besten auskenne muss es eben damit gehen. Nach einigen Anläufen landete ich doch bei einer Konfiguration, bei der ich die hohen und tiefen Stimmen auf zwei verschiedene Instanzen von Kontakt verteilte, statt sie in einen Multi zu packen. Was daran liegt, dass man zwar die Noten in einer Piano Roll verschiedenen MIDI-Kanälen zuweisen kann, aber nicht die Modulationen. Dazu kommt noch, dass FL Studio die Modulationsziele in Kontakt nicht direkt per MIDI-Learn steuern kann, sondern das über den Umweg eines MIDI Out Generators laufen muss.

Wie es die Programmierer geschafft haben, dass, wenn man eines ihrer Instrumente lädt dennoch das Modulationsrad direkt auf die Dynamics wirkt weiss ich nicht. Nur nützt das letztendlich auch nichts, wenn man mehrere Stimmen automatisieren muss, weil wenn man dann einer anderen Stimme zwischendurch CC 1 zuweist das nicht mehr funktioniert, sondern nur noch klassisch über MIDI Out. Also braucht jede Stimme ein eigenes MIDI Out für die Modulation von Dynamics.

Mich interessierte zunächst, wie das eingerichtet wird und klingt, wenn man alle sechs Sektionen des Orchesters gleichzeitig voll Stoff geben lässt, Dynamics moduliert und zwischen den Artikulationen hin und her schaltet. Wobei dann das nächste Problem auftauchte: bei den Streichern sind die Artikulationen sehr unterschiedlich laut. Ich hatte die Modulation erst mal mit einer leisen Artikulation aufgenommen, als ich nun zwischendurch eine lautere Spielweise aktivierte knallte das viel zu stark raus. Doch Albion V Orchestra bietet ja zum Glück die Einstellung der Lautstärke pro Artikulation, so lässt sich das dann komfortabel ausgleichen.
Die Blech- und Holzbläser weisen keine so starken Lautstärkeunterschiede zwischen den Artikulationen auf, so dass man hier kaum korrigieren muss.

 

Wenn nun alle sechs Stimmen gleichzeitig spielen kann sich das so anhören, wobei in allen Stimmen verschiedene Artikulationen zum Einsatz kommen. Wenn alles zusammen erklingt und Richtung 0 dB verstärkt ist summieren sich doch die Nebengeräusche etwas auf, vor allem die tiefen Holzbläser tragen am meisten dazu bei.

 

Sinnvoll ist es stärker zwischen den Stimmen zu wechseln, so dass das Timbre der einzelnen Instrumente und die Dynamik besser zur Geltung kommen.

 

Vral Evo Grid

So wie ich es verstanden habe gab es eine Aufnahmesession mit Shruti-Boxen (das ist ein Einsaitiges indisches Drone-Instrument) und Harmonium, deren Ergebnisse eigentlich in die Orchesteraufnahmen einfließen sollten, dort aber nicht so recht passten. Die Teile, bei denen die Spieler angehalten wurden an der Grenze zwischen den Blasebalg-Geräuschen und dem Ansprechen der Zungen des Harmoniums zu halten wurden her genommen, mit Effekten nachbearbeitet und in das EVO Grid geladen. Dieses Grid ist der Matrix des berühmten EMS VCS3 Synths nachempfunden, dem Urgestein der britischen Synth-Szene und weist in der Vertikalen 12 verschiedene Tonlagen auf, die immer im Abstand einer großen Quart aufgenommen, bzw. getuned wurden und 32 verschiedenen Performances in den horizontalen „Steckplätzen“. Das ergibt eine fast unendlich große Zahl an Kombinationsmöglichkeiten von zwar ähnlichen, aber nie ganz gleichen Zusammenklängen. Die Sounds aus dem Vral Evo Grid sind schon sehr eigen, mit einem hohen Anteil an Obertönen, manchmal schon fast schrill und es wundert nicht, dass das mit dem Orchester nicht zusammenpasste. Dennoch für sich genommen sehr interessant für Hintergrundteppiche mit einem ganz eigenen Charakter.

 

 

Darwin Percussion

Dabei handelt es sich um ein sehr einfaches Instrument mit 16 Drum Sounds, die größtenteils sehr tief gestimmt sind und ein episches rhythmisches Muster unter das Tundra Orchester legen können, wenn das gebraucht wird.

 

 

Brunel Loops

Diese Percussion Loops wurden von Paul Clarvis, dem Frontmann des Olympic Drum Corps London, das für aussergewöhnliche Drum-Passagen in der Filmmusik-Industrie berühmt ist eingespielt. Grundlage dieses eDNA-Instruments sind 22 Loops mit vor allem metallischer Percussion, basierend auf eher seltenen ethnischen Instrumenten, wie Bohdran, Burma Bells aber auch etlichen „normalen“ Cymbals. Auch hier wurde ein eher frostiges Timbre angestrebt. Die eDNA Machine sorgt mit ihren vielen Modulationsmöglichkeiten und dem separaten Gate für beide Sampleplayer für eine Menge Abwechslung und rhythmische Effekte. Hier gibt es dankenswerterweise auch wieder Developer-Patches, mit denen man auch selbst Patches zusammenstellen und feintunen kann.
Die genaueren Details und Arbeitsweise dieses Skripts für Kontakt wurden schon in dem Testbericht Joey Santiago] dargestellt und auf der Spitfire Audio Website gibt es auch ein Walkthrough sowohl durch Brunel Loops, als auch zum eDNA Interface an sich.

 

 

Stephenson Steam Band

Ein Teil des Materials für dieses Instrument stammt aus der Sitzung mit den Shruti-Boxen und Harmonium, das auch in das Vral-Evo Grid einfloss. Hier entschloss sich das Sound Designer Team ein mal nicht die üblichen Hausinternen Effektketten herzunehmen um diese Sounds durchzunudeln, sondern für externes Outboard-Gear, das aus Roland Space Echo units neben klassischem Eventide outboard und AXE FX Pro Hardware bestand und dem ganzen eine sehr analoge Note gibt.
Die Jarv Pads und Sammal Presets wiederum basieren auf dem aufgenommenen Orchestermaterial und changieren zwischen klassischem Breitwand-Epos und verfremdeten Synthesizer-ähnlichen Klängen.

 

 

Für sich gesehen sind die Klänge und Presets der Stephenson Steam Band hochwertige, ganz eigene, meist deutlich orchestrale Pads, die ich eher in einem Zusammenhang mit mit Synthesizern und ganz gegensätzlichen Klängen verwenden würde. Im Mix mit den Stimmen aus dem Orchester fand ich viele schwierig, weil der Grundklang und die Frequenzbandbreite so ähnlich ist. Man müsste, (wenn man die Zeit hat…) dann die Tracks dynamisch mit Equalizern gegeneinander abgrenzen, also auch hier wird der Aufwand schnell ziemlich hoch.

Die Stephenson Steam Band mit hohen Streichern kombiniert und in der zweiten Wiederholung mit geänderter Besetzung, mit einem anderen Preset und tiefen Streichern und hohen Blechbläsern.

 

Die hohen Streicher als Hintergrundsound zu einer E-Gitarre aus Joey Santiago von Spitfire Audio und aus Glass and Steel etwas exotische Percussion.

 

Fazit

Albion V Tundra ist keine gewöhnliche Orchesterbibliothek, das war von vorneherein klar. Für Filmmusik-Komponisten mit einer bestehenden Auswahl herkömmlicher Orchesterinstrumente stellt Albion V eine sehr willkommene und klanglich inspirierende Ergänzung dar. Einen Teil der Artikulationen des Orchesters kann man nur als exotisch bezeichnen und die generelle Aufmerksamkeit bei der Aufnahme, die Detailverliebtheit, die Klangqualität an sich reichen weit über das hinaus, was man normalerweise geboten bekommt.

Persönlich fand ich gerade den ersten Vergleich mit Session Strings, die bisher benutzt habe, wenn ich mal ein bisschen Orchesterklang im Hintergrund einstreuen wollte schockierend. Da sind Welten dazwischen. Trotz allen Schönklangs oder wahlweise auch etwas schrillen Gypsy harmonics ist Albion V Orchestra weit entfernt von butterweichen Hollywood-Strings. Nein, hier wurde etwas ganz neues und eigenständiges versucht und tatsächlich verwirklicht, das nordische, die Verwandtschaft zu den Klangwelten von Arvo Pärt ist unüberhörbar mit eingewoben.

Wenn man nun kein Filmmusik-Produzent ist und ohnehin gewohnt ist mit gigantischen Templates mit Dutzenden Instrumenten zu arbeiten ist eine professionelle Orchesterbibliothek eine Herausforderung. Sicher es gibt wesentlich umfangreichere, bei denen alles in Einzelgattungen und Sub-Divisi unterteilbar ist, aber mir hat das auch so schon gereicht. Hinzu kam die spezielle Eigenschaft von Albion V Orchestra, dass die Instrumente sehr leise aufgenommen wurden um dieses zurückhaltende, fragile Timbre zu erreichen.

Die dennoch letztendlich notwendige Aussteuerung auf 0 dB wirft im Mix jedoch Probleme mit der Dynamik der Einzelstimmen auf, mit denen ich mich sicher allein Wochenlang beschäftigen müsste um das in den Griff zu bekommen. Die Anpassung der einzelnen Artikulationen untereinander, die Modulation, die Aussteuerung bewegt sich insgesamt deutlich über dem Niveau mit dem ich es bisher bei relativ simplen elektronischen Tracks mit ein paar akustischen Elementen zu tun hatte. Dennoch: wenn man den Aufwand betreibt wird man seine Tracks mit sehr feinen, ungewöhnlichen Klängen bereichern können.

Die Stephenson Steam Band und das klanglich ähnliche EVO Grid sind herausragende Pad-Maschinen und in vielen anderen Zusammenhängen als (neo) klassischer Musik einsetzbar. Mit den Brunel Loops konnte ich noch am wenigsten anfangen, so schön die Einzelklänge auch sind, meine Versuche sie mit dem Orchester zu kombinieren endeten regelmäßig damit, dass ich sie wieder raus schmiss. Die Glass and Steel Bibliothek von Spitfire Audio, die sehr ähnlich ist bietet mit ihren Multisamples schon wesentlich mehr Flexibilität, die auch der Gate-Sequencer der eDNA Machine nicht wett macht. Anderen wird das sicher anders gehen, es gibt eben Loop-Typen und Einzelsample-Typen.

Insgesamt ist Albion V Tundra ein rundes Gesamtpaket, das sehr weitreichende Möglichkeiten der Klanggestaltung bietet und gerade auch für Produzenten elektronischer Ambient-Musik neue aufregende Elemente bietet.

Seite von Albion V bei Spitfire Audio: http://www.spitfireaudio.com/shop/instruments/orchestra/albion-v-tundra/

Ein Testbericht von Stefan Federspiel