Forager von Harvest Plugins Testbericht

Ein Testbericht von Stefan Federspiel,
veröffentlicht am 19.01.2021

Der Begriff Forager bedeutet ungefähr jemand, der wilde Pflanzen einsammelt und wilde Tiere jagt, ein Jäger und Sammler, hat also im weiteren Sinn etwas mit Harvest, der Ernte zu tun, die aber eher auf angebaute Pflanzen abzielt. Dieses Plugin sammelt Akkorde ein und bietet Werkzeuge sie in eine interessante Abfolge zu bringen, also eine Akkordprogression.

Forager GUI
Forager GUI

Harvest, das erste Programm dieses Entwicklers ist ein Zufallsbasierter Melodie-Linien-Generator mit vielen manuellen Eingriffsmöglichkeiten. Bei Forager ist das ähnlich, das Grid mit den 16 Akkord-Pads wird zwar zunächst zufällig mit den Akkorden aus der Liste rechts gefüllt, aber damit beginnt nur ein Prozess der manuellen Auswahl und Verfeinerung der möglichen Progressionen.

Akkordfestlegung

Die Noten, die die Akkorde in der Akkordliste rechts enthalten können werden in dem kleinen Keyboard ganz oben in der Mitte festgelegt. Direkt darunter ist eine Auswahlliste für Skalen für das Keyboard. Mit einem Rechtsklick auf eine Note legt man fest, dass diese Note in jedem Akkord enthalten sein muss – entsprechend verkürzt sich die Liste rechts. Anders herum kann man auch Noten ausserhalb der Skala dazu nehmen, dann verlängert sich die Liste um Akkorde, die zwar ausserhalb der Tonart liegen, aber bei nur einer Note, die beispielsweise in einer verwandten Tonart zu finden ist kann das interessant klingen und nicht nur schräg.

Tonleiter und Akkord-Eigenschaften
Tonleiter und Akkord-Eigenschaften

Die zweite Möglichkeit Töne ausserhalb der Skala dazuzunehmen, sich aber nicht auf eine bestimmte Note festzulegen ist der Loose Matches Regler rechts von dem kleinen symbolischen Keyboard. Damit wird zufällig eine bis zu vier Noten ausserhalb der Skala in die Akkorde mit eingebunden.
Die kleinen Inversions-Buttons legen fest, dass in der Liste auch (unsichtbar) Inversionen der Akkorde enthalten sind. Bei Akkorden mit vielen Noten könenn das bis zu fünf Inversionsmöglichkeiten sein. Wählt man z. B. nur die fünfte Inversion aus und alles andere ab, bleiben in der Akkordliste nur noch die wenigen Akkorde übrig, bei denen fünf Inversionen möglich sind.
Der Bereich mit dem Mini-Keyboard bestimmt also was in der Akkordliste rechts angezeigt wird.

Akkord-Liste
Akkord-Liste

Alles Zufall oder was?

Wird der Random-Button mit den sich überkreuzenden Pfeilen neben dem Pad-Grid gedrückt können also auch echte Überraschungsgäste in der Auswahl im Grid landen, auf die man nie gekommen wäre. – Und das ist für mich das Besondere an Forager, denn so einfach und direkt ist es sonst nirgends möglich seine Akkorde ausserhalb der Tonart zu erweitern.

Pad-Grid und Filter
Pad-Grid und Filter

Da hier ein ungeregelter Zufall die Auswahl aus der Liste im Grid bestimmt ist es dennoch dem User überlassen durch Ausprobieren sich Wege durch das Grid zu suchen, was da hintereinander zusammen passt und noch gleichzeitig interessant klingt. Der Vorteil ist, dass sich da auf diesen Pads Akkorde zusammengestellt sind, die man selbst vermutlich nicht so hinein ziehen würde. Akkorde, die schon mal gut miteinander funktionieren kann man mit Rechtsklick sperren und dagegen schützen, dass sie weiter zufällig überschrieben werden. Die Reihenfolge der Akkorde auf dem Grid kann durch Ziehen mit der Maus verändert werden, so kann man eine gefundene Abfolge schon mal hintereinander anordnen. Die Pads werden durch die Noten C2 bis D#3 auf einem angeschlossenen MIDI-Keyboard getriggert oder in dem Fall noch besser mit einem 4×4 Pad-Controller. Forager gibt dann die Akkorde als MIDI-Noten an einen virtuellen Klangerzeuger in der DAW aus, wie Arpeggiatoren es auch machen.

Was auch bedeutet, dass man seine Reihenfolge der Trigger-Noten als Noten in der Pianoroll einspielen kann. Wenn andere Akkorde partout nicht dazu passen wollen kann man die einen sperren und die anderen wiederum per Zufall austauschen. Oder von Hand aus der Liste auf die Pads ziehen.

Da Forager ähnlich wie Harvest zu einem guten Teil auf Zufall basiert nutzt man diese Eigenschaft des Plugins so im Grunde am besten aus und arbeitet mit den zufälligen Akkorden im Grid. Man kann allerdings auch von Hand Akkorde, die man interessant findet, also meist solche mit vier oder mehr Noten aus der Liste ziehen und nach ihrer Abfolge in der gewählten Tonleiter anordnen und kann sie dann entsprechend ihrer Akkordfunktion und Stufe in der Skala spielen. Das vermindert etwas den Trial and Error. Eine solche Funktion stellt Scaler 2 als Konkurrenzprogramm (hier ein Testbericht) allerdings zumindest teilweise automatisch zur Verfügung, und zieht auch ansonsten das Stufenmodell zusätzlich zu den Akkordbezeichnungen überall durch. Bei anderen Tonleitern als C maj muss man dann eventuell schon genauer hinschauen, welche Root-Note welche Stufe ist, denn angezeigt wird das in Forager nicht.

Bei Akkorden die eine oder zwei Noten ausserhalb der Tonleiter enthalten wäre die Zuordnung zu einer Stufe ohnehin schwierig, weil sie haben ja eigentlich keine in dieser Tonleiter, höchstens ungefähr vom Grundton her. Wenn man Loose Matches verwendet hat man fast keine andere Möglichkeit mehr, als einfach nach Gehör Abfolgen auszuprobieren, jedoch können dabei jazzige Kombinationen heraus kommen, die man kaum bekommt, wenn man innerhalb einer Skala bleibt.

Feinarbeiten

Welche der Akkorde aus der Liste per Zufall im Grid landen kann man durch die Include und Exclude -Filter zwischen der Liste und dem Grid beeinflussen. Hier kann man nach Grundton oder Akkordart aussortieren und damit eine grobe Richtung vorgeben. Wenn also z. B. noch bei den Pads, die wieder zufällig neu belegt werden sollen die Root-Note Stufe 4 fehlt, die man als nächstes ausprobieren will, dann kann man so filtern, dass nur Akkorde mit diesem Grundton und mehr als vier Noten auf den freien Pads landen.

Filter Akkord-Eigenschaften
Filter Akkord-Eigenschaften

Wichtig sind die Inversions-Buttons auf den Pads, die bis zu fünf der möglichen Inversionen durchlaufen und die Oktav-Pfeile, die den Akkord hinauf- oder hinuntertransponieren, was bei Inversionen wichtig ist, damit sie nicht zu hoch werden. Es gibt auch noch ein Pärchen Oktav-Pfeile für das ganze Grid und eines für die Liste. Oben rechts direkt über dem Grid sind in der neuesten Version nun auch noch Auswahlbuttons für Inversionen, die Auswirkungen auf die Anzahl der Akkorde in der Liste haben und dann entsprechend invertierte Akkorde im Grid landen.
Hilfreich zur Orientierung wäre noch eine Anzeige dezent im Hintergrund auf den Pads, welche Note auf dem Keyboard sie triggert.

Inversionen und Oktavlage auf den Pads
Inversionen und Oktavlage auf den Pads

Äh… und speichern?

Ansonsten gibt es links oben über den Pads noch große Undo/Redo Pfeile, mit denen man seine Entscheidungen korrigieren und in der Bearbeitungsgeschichte zurück gehen kann. Das ist zwar nett, aber kein Ersatz für die fehlende Möglichkeit den Zustand des Grids und des Plugins als Preset zu speichern. Ja – richtig gehört, es gibt keine Speichermöglichkeit…
Dabei ist das bei einem Plugin, in dem man Akkordprogressionen bearbeitet ziemlich essentiell, natürlich will man Variationen anlegen, zu denen man später zurückkehrt um sie anzupassen und zu verbessern. Für einen anderen Teil des Tracks braucht man wieder eine etwas andere Version der Progression. Der Entwickler könnte seinem Programm eine Bibliothek von Progressionen mit geben – das muss ja nicht die Ausmaße von Scaler 2 annehmen – und User könnten gelungene Progressionen untereinander austauschen… Ich halte es für einen schweren Fehler, dieses eigentlich selbstverständliche Feature nicht zu implementieren.

In FL Studio gibt es dafür einen Workaround, da hier im Plugin-Wrapper der Zustand des Plugins als Preset gespeichert werden kann, wenn das Plugin seinen Zustand beim erneuten Laden des Projekts wieder herstellt. Aber in etlichen anderen DAWs gibt es diese Möglichkeit nicht.

Akkordprogressionen sind die Grundlage von fast allen Musikstücken in den meisten Genres, ausser extrem experimentellen, Geräuschhaften oder Drone-Ambient, bei dem nur Sounds geschichtet werden. Hat man erst mal eine Progression, auch wenn sie sehr einfach ist, kann man die Begleitung und die Melodiestimmen darauf aufbauen. Dafür gibt es verschiedene Methoden, die wiederum etwas Genre-abhängig sind. In der elektronischen Musik kann man Arpeggiatoren damit füttern, oder Phrasen-Sequenzer, die auf MIDI-Akkorde reagieren. Oder man passt eingespielte Noten an die Akkorde an, oder arbeitet nur mit der Maus in der Pianorolle mit den Akkorden als Referenz. Im besten Fall ist man ein Instrumentalist und in der Lage zu einer Akkordbegleitung zu improvisieren – aber wer ist das schon.

Auf der Produktseite gibt es ein Video-Walktrough, in dem alle Funktionen des Programms erklärt werden. Ich machte ein Video, in dem ich praktisch durchspiele, wie man Progressionen erstellt und diese dann über einen Phrasen-Sequenzer anwendet.

Fazit

Die Vorteile von Forager liegen in seiner Übersichtlichkeit und leichten Bedienbarkeit, es gibt das, was man auch der Oberfläche sieht – mehr nicht. Scaler 2 ist zwar wesentlich mächtiger, erfordert aber viel mehr Zeit sich einzuarbeiten.
Die Zufallsfunktion führt tatsächlich zu anderen Akkordkombinationen, als man sie in seiner Routine nur am Keyboard oder in der Pianoroll erreichen würde, die man hier eher durch ausprobieren und hören erarbeitet, als durch theoretische Überlegungen. Generell schaden bei der Arbeit mit Forager Grundkenntnisse der Harmonielehre nicht, jedoch erhalten auch Anfänger eine Umgebung, in der sie intuitiv zu Ergebnissen kommen können.

Die zwei Optionen aus der vorgegeben Skala kontrolliert auszubrechen machen es auf eine ungewöhnliche und neue Art und Weise leicht zu interessanten modalen Progressionen zu kommen. Das ist in Scaler 2 zwar auch über das Skalen-Transformationsmodul möglich, aber viel umständlicher und man wechselt damit die Tonart. In Forager bewegt man sich auf eine fließendere Weise zwischen den Tonarten, man umkreist sie eher, als sie zu wechseln.

Positives:
+ einfaches Interface
+ die Zufallsfunktion sorgt für Abwechslung
+ genug Funktionen um auch komplexe Progressionen zu erstellen

Negatives:
– Keine Möglichkeit Presets zu speichern
– Keine Integration des Stufen-Modells

Produktseite bei Harvest Plugins: https://harvestplugin.com/forager/

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