Scaler 2 Testbericht

Ein Testbericht von Stefan Federspiel,
veröffentlicht am 09.06.2020

Mit Scaler brachte Plugin Boutique ein eigenes Programm heraus, mit dem Akkordprogressionen erstellt werden können. Der Nachfolger der erfolgreichen ersten Version von Scaler erscheint mit deutlich erweiterten Features, wobei bewährte Abläufe und Werkzeuge beibehalten wurden. Akkordprogressionen bilden das harmonische Grundgerüst fast jeden musikalischen Werks vom Volkslied über den Elektro-Track zur orchestralen Sinfonie.

Scaler 2 Scales Tab
Scaler 2 Scales Tab

Eine in sich stimmige, gut und spannend klingende Folge von Akkorden zu finden ist eine anspruchsvolle Aufgabe und setzt mindestens ein Grundverständnis harmonischer Zusammenhänge und Regeln voraus. Dazu gehört das Wissen, was eine Tonart ist, wie sich Dur- und Molltonarten unterscheiden, wie Akkorde auf den Tonstufen aufgebaut sind. Damit kann man dann auch von Hand auf dem Klavier/Keyboard/Pianoroll oder einer Gitarre einfache Akkorde spielen und schon nach dem Gehör heraus finden, was hintereinander zusammenpasst. Doch schon hier gibt es viele Möglichkeiten das besser oder schlechter zu machen.

Will man dann aber komplexere Akkorde verwenden, die interessanter klingen wird es kompliziert. Ohne eine fundierte Ausbildung in Harmonielehre oder zumindest ein langes Selbststudium mit viel Auseinandersetzung und Übung schlingert man eher planlos über den Ozean der harmonischen Möglichkeiten und scheitert ständig wieder an den Untiefen und Riffen, die dort lauern.

Scaler 2 bietet einen Satz an Werkzeugen, die dabei unterstützen schlappe Akkordprogressionen und misslungene Auflösungen zu vermeiden, dabei kann man wählen, ob man selbst etwas von Grund auf erstellen will, eine MIDI- oder Audiodatei analysiert oder eine vorhandene Akkordprogression aus dem Fundus von Scaler verwendet und anpasst.

Aufbau

Scaler 2 ist grob in folgende Bereiche vertikal untergliedert:
Ganz oben die Sektion A Browser: In der obersten Zeile neben dem Logo die Input-Anzeige für hereinkommendes MIDI oder Audio, daneben Schnelleinstellungen für Expressions, Keys-Lock und Voicing Groups, die das Verhalten von Scaler bestimmen, wenn es als Instrument gespielt wird. Das Keyboard oder wahlweise ein Gitarren-Fretboard zeigt an, welche Töne zur gewählten Tonleiter gehören, und es sind Akkord-Pad-Trigger, Keyswitches und Chord Notes visualisiert, wenn diese aktiviert sind. Die Chord Sets nach Genres oder Artists sind fertige Progressionen. Links kann das Instrument ausgewählt werden, dass die Akkorde wiedergibt, Scaler 2 bietet nun 30 Instrumente zur Auswahl, die von Piano bis zu Sythesizer-Klängen reichen. Oder die Klangerzeugung wird stumm gestellt und der MIDI Output von Scaler auf ein virtuelles Instrument in einem anderen Track geroutet.
Sektion B Scale Explorer ist unterhalb der Mitte, unterhalb der meist eingeblendeten Tonarten-Liste. Hier werden zunächst die zur Tonleiter gehörenden Akkorde auf ihren Stufen angezeigt und können bearbeitet werden. Dazu gehen meist Edit-Bereiche auf, die den mittleren Teil überdecken und in dem Akkorde erweitert, umgekehrt, durch andere ersetzt und in andere Tonarten moduliert werden können. Die Werkzeuge hierzu sind sehr umfangreich und machen die eigentliche Stärke von Scaler aus.
Sektion C Progression Builder ganz unten nimmt entweder die analysierten Akkorde aus Sektion A auf oder die aus den Chord Sets oder aus Sektion B selbst bearbeitete Akkorde aus der Tonleiter. Sie können in der gewünschten Reihenfolge arrangiert, verschoben oder kopiert werden. Es sind 7 Pattern mit je bis zu acht Akkorden möglich um die Progressionen für einen kompletten Song zu organisieren. Diese können dann per Drag & Drop in die Pianoroll der DAW exportiert werden.
Ansonsten gibt es nur noch das Settings-Panel mit genaueren Einstellungen für das Playback, Preferences und Import/Export.

Scaler 2 Song Tab
Scaler 2 Song Tab

Analyse

Fängt man nicht ganz bei Null an, was auch möglich ist, indem man eine Tonart auswählt und die Grundakkorde, die automatisch erstellt werden spielt und aneinanderreiht, erweitert und modifiziert, sondern eine Melodie oder eine Handvoll Akkorde als Ausgangspunkt nimmt, kommt als erster Schritt das Analysetool zur Anwendung. Bisher, in der ersten Version von Scaler musste diese Melodie, zu der man passende Akkorde finden wollte als eine MIDI-Datei, bzw. als Noten in der Pianoroll vorliegen. Nach der Analyse bekam man dann eine Liste mit Vorschlägen passender Tonarten. Nun ist auch eine direkte Analyse von Audiodaten möglich, die auch das Erkennen von Akkorden umfasst, die dann in der obersten Reihe von Akkord-Pads angezeigt werden. Bei einstimmigen Melodien ist das aber meist nur ein Akkord, Akkorde aus einem Audiofile werden erkannt, wenn sie klar hörbar sind, bei einem vollen Mix klappt das nicht. Aber auch klare gleiche Akkorde werden oft je nach verwendetem Instrument anders interpretiert oder erst gar nicht analysiert, manche Sounds mag Scaler einfach nicht.

Scaler 2 Detection Recording
Scaler 2 Detection Recording

Beides, MIDI- und Audiodaten kann per Record-Button aufgenommen werden oder per Drag & Drop auf das Programmfenster gezogen werden. Wobei es von der DAW abhängig ist, ob man Audio auf einen Instrumenten-Track routen kann. Es gibt auch eine Audio-Version von Scaler, die speziell auf die Audio-Aufnahme optimiert ist und als Effekt- VST geladen werden kann.
Dabei ist es seltsamerweise unterschiedlich, was wie erkannt wird. Einstimmige MIDI-Melodien per Drag & Drop werden anders als im Record Mode oder gar nicht erkannt. Dieselben Noten in der Pianoroll von Scaler 2 werden zuverlässig erkannt und es wird die korrekte Tonart als erstes angezeigt. Bei MIDI Akkorden klappt das mit den Noten in der Pianoroll auch besser, als per Drag & Drop. Melodien als Audio per Drag & Drop werden manchmal mit einem Akkord analysiert, aber im Gegensatz zu MIDI nicht mit Einzelnoten, je nach Instrument dieselbe Melodie auch gar nicht. Eine Melodie auf ScalerAudio2 geroutet produziert nur an Tonübergängen Akkorde, die ziemlich beliebig ausfallen und damit auch die ermittelte Tonart, je nach Instrument wird auch gar nichts erkannt. Akkordfolgen als Audio per Drag & Drop bringen schlechte Ergebnisse, in ScalerAudio2 funktioniert das nur mit einfachen Dreiklängen, die möglichst auch noch auf der Root-Note starten sollten… Septakkorde werden mit Piano, dass die beste Erkennungsrate hat von den Tönen her meist richtig interpretiert, jedoch manchmal die falsche Tonart zugeordnet, vor allem bei Moll. Gitarre wird teils richtig interpretiert, Sinuswellen werden völlig falsch interpretiert.
Die Audioerkennung funktioniert bei Melodien nur sehr bedingt mit nicht ganz korrekten Ergebnissen (C Phrygisch Mode 4 statt E Moll, siehe Video), bei Akkorden gut mit Dreiklängen und ansonsten Septimakkorde bei Piano halbwegs, bei anderen Instrumenten ist die Erkennungsrate deutlich schlechter.

Generell müssen auch die erkannten Akkorde aus einem kompletten MIDI-Song nachbearbeitet und vieles, wie dazwischen liegende Einzelnoten und Intervalle gelöscht werden. Es empfiehlt sich hier die MIDI-Datei in die Pianoroll zu laden und nur Teile mit nicht überlappenden Akkorden heraus zu kopieren und diese Scaler 2 zum Fraß vorzuwerfen, es kommt natürlich auf den Track an, wie weit es möglich ist so die originale Akkordprogression nachzubilden.

Video: eine Melodie wird analysiert und eine Progression dazu erstellt.

Video: die Audio-Audioanalyse von Akkorden.

Performance

Hat man nun eine Tonart ausgewählt ist zunächst die Vorgehensweise gleich, wie bei der bisherigen Version. Die Grundakkorde der Stufen der Tonart können im Scale Explorer modifiziert werden, erweitert, vermindert, invertiert usw. und dann ganz unten im Progression Builder hintereinanderhängen. Bisher war dann in den Keyboard-Einstellungen ganz oben möglich statt einem Akkordanschlag alternativ ein Arpeggio oder einen Strum auszuwählen. Nun geht das viel weiter mit den neuen Melodic Expressions, die Performances, Phrases und Rhythms umfassen. Das geht jetzt in die Richtung von Akkordgesteuerten Phrasen-Sequencern, wie Kameleono oder Nora, jedoch einfacher zu handhaben und eben mit dem mächtigen Akkord-Progressionswerkzeugen vorne dran.

An dieser Stelle kommt auch ein neuer und in der ersten Version sehr von mir vermisster Key-Locks-Mode ins Spiel, Chord Notes, der die gespielten Noten auf den aktuellen Akkord einschränkt und nicht nur auf die Skala, also im Grunde richtiger ein Chord-Lock. Damit kann man seine eigenen Phrasen jeweils an den Akkord angepasst einspielen, ähnlich wie in InstaScale. Der Mode Chord Extensions nimmt die Noten eines erweiterten Akkords dazu.

Die Performances sind von Pianisten auf der Grundlage von Akkorden eingespielte Melodie-Teile, die mit einem Finger getriggert werden und sich der jeweiligen Progression anpassen. Sie sind nach vier Kategorien geordnet, die von langsam und ruhig bis hin zu schnell und expressiv reichen. In jeder Kategorie gibt es dann eine Anzahl von klassisch italienisch benannten Styles aus denen man wählen kann. Sie klingen zum großen Teil auch klassisch, manche moderner, der Charakter ändert sich aber auch je nach gewählter Tonart oder der Grundstimmung der Akkorde. Manches passt dann zum jeweiligen Projekt, vieles nicht, man muss ausprobieren, erforschen, experimentieren. Diese Phrasen können aber auch spannende Ausgangspunkte für einen Track bieten.

Die Performance lässt sich mit den neuen Humanizing Funktionen Velocity und/oder Timing lebendiger gestalten. Voicing Grouping kehrt Akkorde automatisch um, so dass sie je nach Akkordstufe nicht zu weit auseinanderdriften oder hält sie in einem definierten Oktavbereich.
Im Edit View des Progression Builders kann jedem Akkord nun eine eigene Spielweise zugewiesen werden. Normal, mit Dauer und Wiederholung, Arpeggio, Strum oder eben eine der Expressions. Und das ganze Arrangement kann dann per Drag & Drop in die Pianoroll exportiert werden oder nonlinear live umarrangiert und mit der MIDI Capture Funktion intern gespeichert und dann exportiert werden.

In der Pad View ist es möglich ein ganzes Arrangement zu gestalten und dazu sieben Reihen mit je bis zu acht Akkorden zu verwenden. Jede Reihe wird an ein Keyswitch gebunden, die Akkorde dann mit den normalen grauen Bind-MIDI Tasten getriggert.

Scaler 2 Pattern
Scaler 2 Pattern

Selbst wenn man eigene Pattern dazwischen schieben will ist das möglich indem man einen der Keys Lock Modi verwendet, z. B. Chord Extensions, das auch noch die Noten von erweiterten Akkorden mit dazu nimmt und die Pads, die man selbst spielen will auf Normal ohne Expressions stellt. Mit der dazugehörigen grauen Taste wird nun der Akkord getriggert und dazu kann man oben die Noten des Akkords einzeln dazu spielen. Die nächste graue Taste triggert dann ein anderes Chord-Pad, auf dem dann z. B. wieder eine Performance, eine Phrase oder ein Arpeggio liegt usw.
Will man das Ganze ganz exakt haben, legt man die Triggernoten für die Bind MIDI Tasten jeweils einen Takt oder wie lang man sie haben will an und nimmt an den Stellen, an denen keine Performances, sondern nur Akkorde liegen die eigenen Pattern dazu auf.

Video: Expressions und dazwischen eigene Phrasen

Wie der ganze Prozeß abläuft, von der Melodie als Audio über die Analyse, eine einfache Progression, die Substitution dieser Akkorde durch erweiterte Varianten und die Zuweisung von Expressions als Begleitmelodie in diesem Video noch mal ausführlicher. Nur war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, dass die korrekte Analyse in diesem Fall nur mit einer Extraktion der MIDI-Noten aus dem Audio funktioniert. Dieser Schritt fehlt also, wenn man keine Notenerkennung in der DAW hat, (in FL Studio ist das Newtone), dann kann ich dafür als günstige Lösung AnthemScore empfehlen.

Video: Von der Melodie über erweiterte Akkorde zu Expressions

Modulation

Die Modulation von einer Tonart in die andere ist ein besonders schwieriges Unterfangen und Scaler 2 unterstützt diesen Prozess mit einem neuen Werkzeug, dass sich hinter dem Button Modulation verbirgt. Hier kann man in einem Quintenzirkel die Ziel-Tonart auswählen und Scaler erstellt automatisch die Zwischenschritte – wenn die Tonart nicht zu weit entfernt ist. Diese Übergänge basieren auf den von Hand erstellten Akkorden von Komponisten oder zu einem kleineren Teil auf Algorithmen.

Scaler 2 Modulation
Scaler 2 Modulation

Im Modus Modal Interchange bekommt man ein Feld mit 7×8 Akkorden mit anderen Ziel-Modi durch das man sich einen Weg zusammenstellen kann.

Scaler 2 Modal Interchange
Scaler 2 Modal Interchange

Chord Sets

Die Akkordprogressionen auf der Basis von Musikstilen und von Künstlern wurden ausgebaut und enthalten jeweils 200 Progressionen, die man als Ausgangspunkt nehmen kann und sie abwandeln und anpassen kann. Verbunden mit den nun 30 internen Instrumenten, die eine Vorschau im passenden Klangbild zum Projekt oder Sujet geben können ist es um so schneller möglich sich Inspiration zu holen oder passgenau Akkorde zurechtzuschneidern.

Video: Die verschiedenen Keys Lok Modi und die internen Sounds und Akkordprogressionen von Scaler 2.

Fazit

Die zweite Version von Scaler stellt einen Meilenstein dar, wesentliche Features wurden hinzugefügt und erweitern die Einsatzmöglichkeiten erheblich. Allem voran für mich die Erweiterung der Spielweisen um Chord Notes und Chord Expressions, die es erst möglich machen zu per Keyswitch getriggerten Akkorden zu spielen, ohne dass man ständig neben den Akkordnoten liegt. Es wurde sogar an die Option gedacht die Akkorde stumm zu schalten, wenn man nur die Melodie einspielen will.

Die neue Audio Detection hat noch ihre Schwächen und wird vielleicht grundsätzlich nicht auf das Niveau der MIDI-Erkennung von Einzelnoten und Akkorden zu heben sein. Wenn man sich anschaut, wie lange es bei der Erkennung von Noten in Audio gebraucht hat, bis ein Produkt wie Melodyne auf den Markt kam und wie viel Entwicklungsarbeit und Geld dabei im Hintergrund investiert wurde, dann kann man keine perfekte Lösung erwarten.

Die Überleitung zwischen Tonarten in der Modulation-Abteilung ist sehr gut gelöst und unterstützt hervorragend bei dem Tonartenwechsel, was eine zusätzliche, fortgeschrittene Möglichkeit ist einen Track harmonisch interessant und spannend zu machen.

Die neu hinzugekommenen Akkordprogressionen bei Songs und Artists sind sehr willkommen, hier findet man Beispielhaft Lösungen, auf die man als Anfänger nicht kommen würde.

Wenn es darum geht sich bei dem Weg durch den Harmonie-Dschungel einen kompetenten Führer zu suchen, der einem aber die Entscheidungsfreiheit lässt, wo das Ziel liegt und auf welchem Pfad man es erreicht ist man bei Scaler 2 richtig.

Produktseite von Scaler 2 bei Plugin Boutique:

https://www.pluginboutique.com/product/3-Studio-Tools/93-Music-Theory-Tools/6439-Scaler-2

Scaler 2 ist wegen seiner Flexibilität und den fortgeschrittenen Werkzeugen um Akkordprogressionen zu erstellen und zu spielen ein BuenasIdeas-Tipp!

BuenasIdeas-Tipp
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