Albion Neo von Spitfire Audio Testbericht

Ein Testbericht von Stefan Federspiel,
veröffentlicht am 20.06.2020

Mit dieser Veröffentlichung setzt Spitfire Audio seine sehr erfolgreiche Albion-Reihe fort. Neo steht für neu und in diesem Testbericht wollen wir also betrachten, was neu und was bewährt an dem Konzept dieser orchestralen Soundbibliotheken ist.

Albion Neo Orchestra Strings A
Albion Neo Orchestra Strings A

Die Grundparameter sind ähnlich wie bisher, das Paket teilt sich in einen herkömmlichen Multi-Sample Teil mit Orchesteraufnahen auf und diversen daraus oder mit zusätzlichen Instrumenten gewonnenen hybriden Sound-Engines, die bearbeitete und neu zusammengestellte Klänge enthalten.
Das Orchester ist diesmal ein kleines Kammerorchester, das einen sehr intimen und detailreichen Klang produziert. Insgesamt wird schon beim ersten Anspielen klar, dass das thematisch eine Fortsetzung der Albion Tundra Bibliothek ist, jedoch nicht so extrem frostig und zurückhaltend, sondern vielseitiger, flexibler und etwas wärmer im Grundklang.

Dennoch ist der Kontrast zum schon legendären Urahn Albion One, das mit mächtigen Blockbuster-Sounds aufwartet sehr groß. Albion Neo stellt ein fragiles, nahes und verhaltenes, ruhiges Klangbild in den Vordergrund, von Blockbuster keine Spur. Und diese Intimität soll das neue Werkzeug für nachwachsende Komponisten sein um eine gesteigerte Emotionalität auf ganz anderem Weg zu erreichen. Dabei geht es um Film-Musik im weiteren Sinn, um hybride Texturen, die die neueren Releases der Albion-Reihe auszeichnen.

Der Download von Albion Neo ist schon ein größeres Unterfangen, ca. die Hälfte der unkomprimiert 59 Gigabyte, die über 41.000 Samples enthalten. Da es sich hier um ein Kontakt-Player Instrument handelt muss das dann noch über NI Access registriert werden.

Das Neo Orchestra

Das Herz des Pakets ist das Albion Neo Orchester, aufgeteilt ist es in die üblichen Strings, Woodwinds und Brass. Percussion gibt es diesmal direkt keine, nur rhythmische Patches in den Hybriden Bibliotheken und Drums in den Stems der Brunel Loops.

Die Strings sind in Divisi aufgeteilt, es gibt eine Stimme A und eine Stimme B, die sich bei den Artikulationen größtenteils überschneidet. Nur bei einigen speziellen Artikulationen gibt es in den Stimmen verschiedene Ausprägungen. Es gibt bei den Strings und den anderen Sektionen jedoch keine hohen und tiefen Stimmen separat, sondern die gesamte Sektion ist über das komplette Keyboard gemappt. Man hat also alles im direkten Zugriff, allerdings mischen sich die benachbarten Instrumentengruppen grundsätzlich, man hat also auch z. B. am tiefen Ende bis auf die ganz tiefen Töne immer Celli bei den Bässen dabei oder in der Mitte hohe Celli und tiefe Violas gemischt. Wie alle Orchester der Albion-Reihe ist auch dieses ein Werkzeug für eher grobe Pinselstriche, die Stimmführung einzelner Instrumenten-Sektionen bleibt den großen Orchester-Editionen vorbehalten.
Hier geht es darum möglichst einfach und dennoch raffiniert Stimmungen zu erzeugen, was im Zusammenspiel mit den hybriden Textur-Engines besonders gut gelingen kann.

Albion Neo Orchestra Strings B
Albion Neo Orchestra Strings B

Was auffällt sind auch hier wieder die großen Lautstärkeunterschiede zwischen den einzelnen Artikulationen. Bei Albion Tundra war die weit überwiegende Zahl der Artikulationen leise bis extrem leise, hier bei Albion Neo hält sich das ungefähr die Waage, die Sprünge in der Lautstärke zwischen den Artikulationen sind jedoch ebenfalls teilweise extrem.
Die Grundphilosophie scheint hier zu sein die tatsächliche Performance in ihrer mit den Mikrofonen aufgenommenen Lautstärke wiederzugeben, was auch vollkommen korrekt ist. Wobei die menschliche Wahrnehmung in einem Konzert vor Ort noch mal eine andere ist, als das was Mikrofone einfangen, die eine andere Dynamik haben, bei Menschen kommt ein feineres, anpassungsfähigeres Ohr und Psychoakustik hinzu, die zu Verstärkungseffekten führen. Die Erfahrung mache ich bei Field Recordings ständig, in der Situation eher mittellaut wahrgenommen, die tatsächliche Aufnahme versinkt aber im Grundrauschen des Mikrofons…

Dieses Video dokumentiert die generellen Lautstärke-Unterschiede in den Strings zwischen den Artikulationen.

Dazu kommt, dass es bei einigen Artikulationen, die in den Divisi A und B gleich sind auch zu Lautstärkeunterschiede kommt. In diesem Video werden die Artikulationen zwischen den Divisi miteinander verglichen, die teils subtil, teils deutlich voneinander unterschieden sind.

In der Praxis würden die ganz leisen Artikulationen mit einer Volumen-Aussteuerung über alle Artikulationen hinweg völlig untergehen, auf einer normal ausgesteuerten Anlage kann ich sie kaum wahrnehmen, auf 0 dB in Kontakt ausgesteuerten ist es auch kaum besser, dann sind aber Akkorde in den lauten Artikulationen schon wieder zu laut. Kombiniert mit anderen Klängen kann man eigentlich nichts mehr davon erkennen. Dazu kommt, dass zumindest bei den Strings die die Key Switches auch auf ein 88 Tasten Keyboard weder über noch unter den belegten passen, man muss tiefer schalten um ran zu kommen und auch dann sind nicht alle Key Switches erreichbar. Man kann den Key Switch-Block zwar verschieben, in der DAW passen sie jedoch nicht mal oben auf die virtuelle Tastatur.
Deshalb ist es von mir aus gesehen praktischer Einzelartikulationen in eigenen Kontakt-Instanzen zu verwenden und diese auf separate Mixer-Tracks zu routen wo man sie individuell aussteuern kann.

Albion Neo Orchestra Einzelartikulationen
Albion Neo Orchestra Einzelartikulationen

Die anderen Sektionen umfassen bei den Woodwinds sechs Spieler, Flöten, Klarinetten und ungewöhnlich für Spitfire Audio auch Saxophone. Brass setzt sich aus sieben Instrumentalisten zusammen, Horn, Flügelhorn, Eupohonium und Bassposaune.

Albion Neo Orchestra Brass
Albion Neo Orchestra Brass

Die Videos auf der Produktseite stellen die Artikulationen der verschiedenen Orchester- Instrumente viel besser vor, als ich das je könnte, es macht keinen Sinn das zu wiederholen. Interessant als Erfahrung ist, wie schnell man mit ein paar Spuren des Orchesters Stimmungen erzeugen kann.

Eine Ergänzung stellt das ebenfalls in der AIR-Halle aufgenommene Harmonium dar, das über zwei Stop- Kombinationen verfügt. Darüber hinaus gibt es in dem Warped Content Ordner die Multisamples in der Mercury Engine, in der man noch einige Effekte anwenden kann.

Segla Textures

Hier kommt wiederum, wie in vielen neueren Sammlungen von Spitfire die eDNA Engine zum Einsatz, die schon mehrfach in verschiedenen Testberichten von Spitfire- Instrumenten besprochen wurde. In die zwei Sample-Playback Engines werden einige der Sounds aus dem Neo-Orchestra geladen und mit den Methoden des Mixers, Sequencer Gates, Filtern und Post-Effekten bearbeitet, was hybride Klänge ergibt, die sich wiederum sehr gut mit den Spuren aus dem Original-Orchester mischen lassen.
Das ist schon eine sehr feine Mischung aus traditionellen Timbres und elektronischen Modulationen. Neu hinzugekommen ist ein Arpeggiator, der tatsächlich Sinn macht.

Das ist schon ein Instant-Atmosphärengenerator, mit der eDNA Engine werden die Orchester-Samples sehr sinnvoll recycled. Schade nur, dass nur eine Auswahl der Orchester-Samples zur Verfügung steht und nicht alle Artikulationen. Vieles lässt sich von der Anmutung und dem Grund-Timbre her sehr gut mit den Orchester- oder Organic-Patches von Segla Textures mischen und ist darauf abgestimmt.

Stephenson’s Steam Band

Diese Patches sind vom Charakter her noch deutlich stärker mit Effekten bearbeitet und basieren zum Teil auf Synth-Klängen aus dem Vintage- und Modular- Arsenal von Christian Henson. Der maschinelle “steamy” -Anteil, wie aus Dampfbetriebenen uralten Synthesizern ist hoch und schafft schnell cinematische Klanglandschaften. Die organische Abteilung enthält als Grundmaterial einerseits schon massiv durch Pedal Boards und modulare Ensembles geleitete Orchester-Sounds, andererseits noch erkennbare normale Klänge, die man miteinander mischen kann. Von düster, fragil bis episch ist hier alles enthalten.

Brunel Loops

Diese Sammlung besteht aus 18 Loops, gewonnen aus einem Ensemble ungewöhnlicher Synths und Instrumente, sowie Field Recordings, Solina, Rhodes, MS20, Drums, Gitarren und Effektgeräten. Diese Loops sind nicht nur Loops, sondern setzen sich aus über 100 Stems zusammen, die man einzeln triggern kann. Die “Stimmen” Percussion, Gitarre, Synth Hi und Low, und Organic sind in jeder Oktave von C aus gemappt und die Stems klingen je nach Oktavlage wieder etwas anders. Jeder Stem kann auch rückwärts abgespielt werden. Darüber hinaus ist jeder Stem auch chromatisch über die ganze Tastatur gemappt verfügbar und kann so tonal gespielt werden.
Für Loops sehr brauchbar mit einem wirklich besonderen Klang. Beschäftigt man sich etwas damit wird erst klar, wie viele subtile oder drastische Neukombinationen mit den Stems unterschiedlicher Loops möglich sind. Dadurch dass alles auch Temposynchron abgespielt werden kann ist auch alles untereinander kombinierbar. Man kann also den Percussion-Stem von Loop A mit dem Gitarren-Stem von Loop B und den Synths von Loop C mischen. Da passen zwar generell die ruhigen oder die lebhafteren Loops jeweils eher zueinander, dadurch dass es von jedem Stem eines Loops sechs Variationen gibt, die sich mal mehr, mal weniger voneinander unterscheiden gibt es aber auch hier noch jede Menge Spielraum.

Fazit

Mit Albion Neo führt Spitfire Audio seine Reihe in bewährter Weise fort. Auf der einen Seite diesmal ein kleines Kammerorchester, dass ein etwas anderes, intimeres Timbre bietet, dazu einige exotische Artikulationen, die es bisher in keiner Albion-Bibliothek gab. Der größte Mehrwert dieses Pakets liegt aber in den eDNA-Instrumenten, die aus den Samples des Orchesters kombiniert mit den sehr passend ausgewählten ergänzenden Synthesizer- und Effektpatches sofort einsetzbare moderne Pads, rhythmische Passagen oder düstere Soundlandschaften erzeugen. Die Brunel Loops sind eine überraschend flexible Beigabe.

Sowohl das Orchester, als auch die eDNA Engines sind leicht bedienbar, das einzige, was ich als schwierig im Vergleich mit anderen Orchester-Bibliotheken wahrnehme sind die extremen Lautstärkeunterschiede der Artikulationen, die eine Extraportion Aufmerksamkeit und Nachregelung benötigen.

Die Gesamtausrichtung ist zurückhaltend, fragil, sehr atmospärisch, es können in gewissen Grenzen jedoch auch kräftigere und akzentuiertere Passagen damit geschrieben werden. Mit Albion Neo hat man ein Bündel von ausgereiften Werkzeugen zur Verfügung, dass die Kreativität beflügeln kann und sehr viele Möglichkeiten bietet damit einen ganz eigenen Sound zu schaffen.

Produktseite von Albion Neo:

https://www.spitfireaudio.com/shop/a-z/albion-neo/

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