Joey Santiago von Spitfire Audio Testbericht

Gute E-Gitarristen haben ihren ganz eigenen Sound, der einerseits ihrer Spieltechnik, aber mindestens ebenso der Zusammenstellung und speziellen Einstellung der Geräte hinter der Gitarre zu verdanken ist. Das kann langwierig und aufwendig sein und Gerüchteweise ist schon so manche Rockband daran gescheitert, dass ihre Gitarristen für die selbst gestellten Aufgabe „den Sound“ zu erreichen einfach zu lange brauchten.

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Nicht so bei der Band Pixies, die eines der Urgesteine des Independent (Alternate) Rock darstellt, die sehr erfolgreich waren und nach ihrer Wiedervereinigung Anfang des Jahrtausends auch wieder. Joey Santiago ist ein Ausnahme-Gitarrist und größtenteils für den eigenen Klangcharakter der Band verantwortlich. Spitfire Audio konnte ihn zu Aufnahmen für ihre Signature series gewinnen und in einem Studio in L. A. spielte er dann seine Gitarren durch sein Pedal Board und seine Amps die Samples für die nach ihm benannte Gitarren- und Sound Design Bibliothek ein. Damit nicht genug wurden die gewonnenen Klänge in London re-amped und von den Sound Designern bei Spitfire Audio nach allen Regeln der Kunst durch die Mangel gedreht und zu cinematischen Pads und Klanggebilden gestaltet.

Die Bibliothek gliedert sich grob in vier Teile, Joeys Plucks, die sein normales Gitarrenspiel in Multisamples fassen, Gigantic Mutations basieren auf aus den Aufnahmen gewonnenen Loops, die weiter bearbeitet und dann in dem eDNA Script jeweils zu Paaren zusammengefasst und mit Effekten und der Bewegung durch den modulierten Mixer und Step Sequencer versehen wurden. Radiant Pads basiert auf denselben Loops, stellt diese aber in einen ruhigeren Zusammenhang, pur, meist ohne Effekte. Santiago Sounds konzentriert sich mit einfachen Samplesets auf die Klänge, die beim herum spielen mit dem Pedal Board heraus kamen.

Santiago_Plucks

 

Joeys Plucks

Hier kann man verschiedene Eingangsquellen, vier Amps und zwei Raumperspektiven mischen und zwischen 18 Presets wählen, die von einer cleanen Gitarre bis zu stärker mit Effekten versehenen Klängen reichen. Zwischen verschiedenen Artikulationen oder Effekt-Einstellungen kann nicht nur im GUI, sondern auch per Keyswitch hin und her schalten. Hat man kein volles 88-Tasten Keyboard zur Verfügung, ist es recht ungünstig, dass die Keyswitches ganz an das unterste Ende gemappt sind und die Tasten zum spielen ganz nach oben. Im Prinzip basieren diese Multisamples auch auf verschiedenen Artikulationen, man kann normale, welche mit stärkerem Anschlag, abgedämpfte oder ganz exotische direkt an der Brücke gezupfte unterscheiden. Aber so richtig klare und klassische Artikulationen, wie bei einer herkömmlichen Multisample-Gitarrenbibliothek sind das nicht, es geht hier mehr um die Klangfarbe und um eine Ergänzung zu den anderen Patches in dieser Bibliothek. Es wird auch in einem der Videos klar gesagt, dass es bei diesen Multisample-Instrumenten nicht darum geht einer normalen virtuellen Gitarre Konkurrenz zu machen. Schön wäre es dennoch, wenn man zu jeder Klangfarbe/Effektkombination auch eine Reihe herkömmlicher Artikulationen hätte. Aber das wäre natürlich sehr aufwendig, weshalb normale Gitarrenbibliotheken hinter das aufgenommene cleane Signal meist auch einen virtuellen Amp-Simulator oder Pedaleffekte setzen um die Anzahl der notwendigen Aufnahmen nicht explodieren zu lassen. Hier hat man dafür die originalen, von Santiago selbst gespielten und eingestellen Klangfarben und die hören sich schon sehr gut an.

Ein Ausschnitt aus einem Rock-Track unterlegt mit einem Pad aus Radiant Pads

Zu einigen der Presets gibt es ergänzend auch eine „Ostinato Machine“, leider nicht zu allen, warum auch immer. Die Ostinato Machine ist eine Kombination aus Arpeggiator und Step Sequencer, die aber anders aussieht, als in der elektronischen Musik-Produktion gewohnt.

Santiago_Plucks_Ostinato

Hier werden Noten auf Notenlinien gesetzt, also ganz klassisch und dann Werte wie erste, zweite, dritte im Akkord oder Velocity oder Versetzung zugewiesen. Im Prinzip hübsch, jedoch hier wird die allgemeine Tendenz in den GUIs dieser Kontakt-Instrumente von wirklich winzigen und filigranen Bedienelementen vollends auf die Spitze getrieben, es wird schon etwas fummelig und dass man um eine Notenlänge zu korrigieren alle anderen Noten von hinten her löschen muss ist auch nicht gerade Bedienerfreundlich.

Die in Joeys Plucks enthaltenen Multisamples gibt es auch noch ein mal extra, als einzelne Instrumente, wenn man nur dieses braucht und Speicherplatz sparen muss.

 

Gigantic Mutations

Zu dem eDNA GUI gibt es auf der Produktseite ein schönes Erklärvideo, so dass ich nur ergänzend dazu, was da nicht direkt vor kommt, wie z. B. den MotorFX Videoschnipsel gemacht habe. Ebenso als zweites Video auf der Produktseite kann man sich einen ausführlichen Walkthrough durch die verschiedenen Presets ansehen, so dass ich nur noch ein paar Praxisbeispiele mache. Zu den Joey Santiago Instrumenten gibt es kein PDF-Handbuch, sondern theoretisch ein „dynamic manual“ auf der Website. Damit sind sie aber noch nicht so weit und ich sah mich gezwungen Fragen an den Support zu stellen, die normalerweise einem guten Handbuch zu entnehmen wären, weil alles erschließt sich nicht gleich.

Ich setzte vielleicht auch etwas zu viel voraus, denn das letzte entfernt vergleichbare Instrument, das ich getestet habe war CinemorphX und das ist vor allem in Bezug auf die Effekte schon deutlich flexibler. Auch gibt es hier einen Gate-Sequencer für die zwei eingeladenen Klänge, in CinemorphX gibt es eine Unzahl für jede Menge Parameter.

Santiago_eDNA_Main

Prominent stechen im GUI von eDNA die Elemente hervor, die den Sound in Bewegung versetzen, der Mixer und der Gate-Sequencer. Der Mixer mischt die zwei Klangquellen wie ein DJ-Mischer und kann mit einem LFO moduliert werden. Der LFO ist dabei immer Temposynchron zum Host mit verschiedenen Multiplikatoren von 0,5 bis 32 und Standard-Wellenformen. Wie weit der Mittelpunkt dabei in die eine oder andere Ecke verschoben wird kann über hauchfeine Linien, die tatsächlich Regler sind an den Enden des Mixerdisplays festgelegt werden. Was mir bald auffiel, vor allem, wenn man selbst Klangquellen über das Programmier-Patch, das als einziges Zugriff auf die Loops selbst gestattet zusammenstellt ist ihre unterschiedliche Lautstärke. Über den Trim-Regler oben kann man das zum Glück korrigieren (wobei „Trim“ für die Lautstärke schon ein etwas exotischer Befgriff ist…). Insgesamt ist es schade, dass bei den normalen Presets der Zugriff auf die zugrunde liegenden Samples gesperrt und nur über das Programmier-Patch möglich ist, denn dort muss man alle Effektketten von Grund auf neu erstellen und es wäre schon interessant bei dem einen oder anderen Preset die Samples auszutauschen und zu hören, wie sie mit diesen Effekteinstellungen wirken.

Der Gate-Sequenzer ist raffinierter, als er auf den ersten Blick aussieht. Über das Gate Volume wird die Wirkung des Gates an sich weich ein- oder ausgeblendet, die Zwischenzustände führen zu einem Pulsieren des Klangs, Richtung Anschlag wird es dann abgehackt. Smooth In und Out funktionieren für jeden Schritt wie ein Attack und Release, was das Ganze noch etwas weicher und dennoch akzentuiert machen kann. Zudem kann jeder Step einzeln per CC-Wert ein- und ausgeschaltet werden, was insgesamt, z. b. per Modwheel moduliert den Rhythmus stark verändert.

Ansonsten verfügt jeder der beiden Sound-Stränge neben etlichen kleineren Feineinstellungen über ein Tief/Hochpass Filter, das in einigen Patches moduliert wird und über LFOs mit Sinuswellenformen für Tremolo- Vibrato- und Filterwobble-Effekte.

Ganz unten sind bis zu acht Drehregler zu finden, die Effekt-Parameter einstellen. Diese Schnell-Einstellungen können komfortabel mit einem Schalter unter jedem Parameter jedes Effekts erstellt werden und erscheinen dann unten auf dem Main GUI.

Santiago_eDNA_Quick_Effekt

Auf der Effekt-Seite wird zwischen verschiedenen Panels für Master-Effekte, welche je für Strang A und B, eine Send-Sektion und den MotorFX hin und her geschalten. Da es für Strang A und B teilweise unterschiedliche Effekte gibt, dachte ich Anfangs, man könnte sie austauschen. Kann man aber nicht, sie sind leider fixiert und jeder Strang hat also sozusagen seine eigene „Geschmacksrichtung“ und man muss sich überlegen, welchen Klang man am ehesten passend dazu in welchen Strang lädt. Aber das führt schon relativ weit, es sind eine Menge Effekte, teils sogar etwas ungewöhnliche und man kann mit einem Knopfdruck die Klänge in den zwei Slots vertauschen. Dennoch: das kürzlich getestete CinemorphX führt vor, dass man mit der aktuellen Kontakt-Version austauschbare und sehr flexible Effekte programmieren kann.

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Eine Zusammenstellung der verschiedenen FX Sektionen

Die MotorFX sind drei Effekte, Phaser, Lo-Fi und Tape Saturation, deren Parameter jeweils mit einem von zwei LFOs moduliert werden können. Diese LFOs, die immerhin auch über eine Noise-Wellenform verfügen können wiederum mit einem Sub-Oszillator moduliert werden, was die resultierenden Modulationen etwas komplexer macht. Feine Sache, gerade auch im Zusammenhang mit dem Gate-Sequencer, wenn man verschiedene Multiplikatoren einstellt. Bei den Multiplikatoren muss man anmerken, dass diese nur bis 1 gehen, etwas schneller wäre schon gut gewesen und insgesamt ist es schade, dass diese MotorFX LFOs nur auf diese drei Effekte wirken können und nicht auf alle. Klar, man kann auch über den Host automatisieren, aber das ist immer umständlicher und wenn man diese LFOs schon an Bord hat…

Die Gigantic Mutations sind insgesamt eher Sound Design Klänge, die in Zusammenhang mit Filmmusik, EDM oder Ambient passen und wenden sich damit auch an das Stammpublikum von Spitfire Audio. Die Herkunft der Loops aus einem E-Gitarren Setting ist an der Wärme und den typischen Verzerrungen zu spüren und macht sie ungewöhnlich in dem Umfeld. Wie weit man sie jetzt mit eher Athmosphärischem Rock verwenden kann ist mir nicht wirklich klar, weil ich mit der Produktion solcher Musik nichts zu tun habe.

 

Radiant Pads

Die Sammlung der Radiant Pads Patches ist da schon noch etwas allgemeiner. Es sind einfachere aber interessante Pad-Klänge, auch, da aus demselben Material warm und schon deutlich anders, als wenn sie aus gewöhnlichen Synthesizern stammen würden. Meist sind das die Sounds, wie sie die durch die Bearbeitung aus dem eingespielten Rohmaterial entstanden, ohne Effekte, ohne Sequencer, aber sie können im Hand umdrehen mit dem eDNA Script angepasst und ausgebaut werden. Beim Durchhören fällt allerdings auf, dass doch das Timbre vieler Loops recht ähnlich ist.

 

Santiago Sounds

Der letzte Block Presets sind die Santiago Sounds und sie sind die ungewöhnlichsten Klänge dieser Bibliothek. Hier hört man noch am ehesten den Meister kreativ an seinem Instrument herum schrauben und so etwas findet man in einer gewöhnlichen Gitarren-Bibliothek nicht.

Santiago_mercury_engine

Es sind 35 Presets enthalten und man wünscht sich sofort deutlich mehr, da sie so eigen sind und man mit einer größeren Auswahl noch eher eine wirklich passende und gleichzeitig spleenige und exotische Ergänzung zu dem anderen Klangmaterial, dass man gerade zusammenarrangiert hat finden würde. Das Mercury Script bietet auch die Mischung der verschiedenen Amps und zwei Raum-Perspektiven an, wie die Santiago-Plucks, zusätzlich aber noch Effekte, wie Delay, Reverb, Low Pass, Chorus – aber nur als Schalter, man kann sie aktivieren und deaktivieren, eine Möglichkeit sie auf dem GUI einzustellen fand ich nicht.

 

Fazit

Ein Gitarrist, wie Joey Santiago ist sicher nicht in einem virtuellen Instrument abbildbar. Diese Sammlung ist eine Annäherung und dies führt zu einem anderen Konzept, als normalerweise und zu sehr unterschiedlichen Teilen, die nur ein übergreifendes Timbre verbindet, das immer wieder durchscheint. Sicher kann man mit diesen Instrumenten und Klängen nicht den Gitarren-Track eines Pixie-Songs nachbauen, aber das ist eindeutig auch von vorneherein nicht die Intention. Statt dessen begegnen einem Sounds, die gleichzeitig vertraut und fremd erscheinen und durch ihren ganz eigenen Charakter einem Arrangement eine besondere Note verleihen können. Die dazu passende klangliche Umgebung entsteht wahrscheinlich in vielen Fällen erst aus dem Prozess der Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und der exzentrischen Welt dieser Bibliothek.

+ Eigenständiger Klangcharakter

+ Eine Vielfalt von rohen und bearbeiteten Sounds

+ Vier Amps und zwei Raumperspektiven können bei Joeys Plucks und Santiago Sounds gemischt werden

+ Die eDNA engine setzt den Klang gekonnt in Bewegung

– Die Effekte in der eDNA engine könnten austauschbar und die MotorFX LFOs auf alle Effekte
anwendbar sein

Produktseite: http://www.spitfireaudio.com/shop/producers/joey-santiago/

Ein Testbericht von Stefan Federspiel

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