Testbericht: CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Achtsamkeits-SEMinar

Ein Testbericht von Perry Staltic,
veröffentlicht am 31.03.2021

Kaum habe ich das letzte Plugin von CHERRY AUDIO aus meinem Testlabor entlassen, da steht mit dem EIGHT VOICE auch schon der nächste Anwärter auf der Matte. Ich hoffe, das wird jetzt nicht zur Gewohnheit und ich muss jetzt nicht im Monatsrhythmus neue Synth-Plugins abarbeiten, da komme ich ja bald gar nicht mehr hinterher… 😉 Obwohl, eigentlich gibt’s hier nichts zu meckern, denn schließlich sind die bisherigen Erzeugnisse aus dem Hause CHERRY AUDIO durchweg gelungen und somit alle keine Spaßbremsen! Nach Emulationen diverser Klassiker der Firmen ROLAND, ARP und MOOG erwartet uns nun die virtuelle Umsetzung eines Veteranen von OBERHEIM, der den Namen EIGHT VOICE trägt.


Oberheimat…

Der originale EIGHT VOICE stammt aus dem Jahre 1977 und basiert ebenso wie seine älteren Geschwister TWO VOICE UND FOUR VOICE auf dem von Tom Oberheim erdachten SEM, was die Kurzform von SYNTHESIZER EXPANDER MODULE darstellt. Dieses SEM war ursprünglich als monophone, tastaturlose Erweiterung (Expander) für andere Analogsynthesizer gedacht, etwa dem MINIMOOG oder dem ODDYSSEY. Ein einzelnes SEM ist dabei relativ simpel aufgebaut und verfügt über zwei Oszillatoren, ein Multimode-Filter mit 12dB pro Okatve, einen LFO sowie zwei ADS-Hüllkurven. Wenig später kam Tom Oberheim auf die naheliegende Idee, einfach mehrere dieser Module zusammen mit einem Keyboard und einer Programmiereinheit zu den oben genannten polyphonen Synthesizern zu kombinieren.

OBERHEIM EIGHT VOICE
OBERHEIM EIGHT VOICE

Der EIGHT VOICE stellte dabei die größte Variante dar, sein Name verrät uns schon, dass er über acht SEM-Einheiten und damit über ebenso viele Stimmen verfügte. Da es in der Praxis nahezu unmöglich war, jede SEM-Einheit exakt gleich einzustellen (wir befinden uns hier schließlich in der analogen Welt), konnte der EIGHT VOICE mit einem sehr lebendigen Klangbild aufwarten, bei der sich jede Stimme minimal (und bei Bedarf natürlich auch komplett) von den anderen sieben unterschied.

Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass jede der acht Stimmen erst separat eingestellt werden möchte, das ist nichts für Schraubfaule. Der schlaue Tom Oberheim hatte aber bereits ein Jahr zuvor den sogenannten POLYPHONIC SYNTHESIZER PROGRAMMER (PSP) entwickelt, der es ermöglichte, zumindest eine Teilmenge der zur Verfügung stehenden Parameter in Form von Offset-Spannungen festzuhalten, das Ganze stellte somit einen rudimentären Klangspeicher dar. Dieser PSP fand sich daher auch im EIGHT VOICE und seinen kleineren Verwandten wieder.

Heutzutage ist der OBERHEIM EIGHT VOICE ein sehr rares Stück Technik, dass, sofern überhaupt verfügbar, nur zu entsprechenden Liebhaberpreisen seinen Besitzer wechselt.


Formalismus…

Kümmern wir uns zunächst einmal wieder um die basalen Merkmale des EIGHT VOICE. Wer bereits ein anderes Plugin von CHERRY AUDIO kennt oder besitzt beziehungsweise einen meiner früheren Testberichte dazu gelesen hat, den erwartet jetzt wirklich nicht so viel Neues und er kann meinetwegen auch gerne schon mal zum Ende dieses Kapitels scrollen…

Der EIGHT VOICE von CHERRY AUDIO ist eine 64-Bit-Softwware und kann als autarke Standalone-Version sowie als Plugin (VST2, VST3, AAX und AU) eingesetzt werden. Als Mindestvoraussetzungen auf Betriebssystemebene werden WINDOWS 7 und macOS 10.9 genannt. Der vorliegende Testbericht basiert ausschließlich auf meinen Erfahrungen mit den VST-Plugins unter WINDOWS 7 und WINDOWS 10. Mein nun schon einige Jahre alter Studiorechner (CPU i7-4790K mit 4 x 4,0 GHz, 16 MB RAM) reicht locker für den EIGHT VOICE aus, ebenso hatte auch mein weniger leistungsfähiger Laptop (CPU i5-4200m mit 2 x 2,50 GHz, 4 GB RAM) keine Probleme mit dem EIGHT VOICE, wenngleich er natürlich nicht so ebenso viele Instanzen gleichzeitig zu bewältigen vermag.

Wie schon bei den früheren Plugins setzt CHERRY AUDIO auch beim EIGHT VOICE auf eine an den Host-Rechner gebundene Aktivierung als Kopierschutz. Diese kann ausschließlich online durchgeführt werden, indem man sich direkt aus dem Plugin heraus mit seinen obligatorischen Account-Daten anmeldet. Dieser Vorgang ist lediglich ein einziges Mal notwendig. Nach wie vor fände ich es begrüßenswert, wenn es dazu noch eine Alternative gäbe, die nicht zwingend auf eine funktionierende Internetverbindung des Host-Computers angewiesen ist (es soll ja auch noch Studiorechner geben, die sich nicht in unmittelbarer Nähe zum Router befinden oder die über kein WLAN verfügen…).

Übrigens ist mir aufgefallen, dass der EIGHT VOICE bei mir auf die oben beschriebene manuelle Eingabe meiner Account-Daten verzichtet hat, offenbar erkennt die Installationsroutine den Host-Rechner wieder, sofern dort bereits andere Produkte von CHERRY AUDIO installiert worden sind.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE

Der Erstkontakt mit der Bedienoberfläche des EIGHT VOICE könnte beim unbedarften Anwender ähnlich wie beim Vorbild von OBERHEIM durchaus eine leichte Reizüberflutung auslösen, das Ganze erinnert ein wenig an die Steuerkonsole eines U-Boots oder eines Kernkraftwerks und die unzähligen virtuellen Regler und Schalter könnten einen glauben machen, dass sich die Bedienung ausgesprochen langwierig und umständlich gestaltet. Wir werden aber gleich noch sehen, dass dies in der Praxis keineswegs der Fall ist, nicht zuletzt auch Dank einiger schlauer Funktionen, die CHERRY AUDIO sich dazu einfallen lassen hat.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - GUI-Theme Black
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – GUI-Theme Black

Neben dem an das Original angelehnten hellen Farbschema gibt es übrigens noch eine schwarze Variante, die den EIGHT VOICE auch für Darth Vader kompatibel macht. Diese lässt sich in den Settings auswählen.

Ansonsten folgt die Bedienoberfläche den üblichen Standards bei CHERRY AUDIO, will sagen, sie lässt sich skalieren und damit perfekt an den jeweils verwendeten Bildschirm anpassen. Eine UNDO/REDO-Funktion ist ebenfalls vorhanden, auch dies kennen wir bereits von den anderen Plugins dieser Firma, genauso wie die umfangreiche MIDI-Learn-Sektion, die unter anderem auch eine Definition von Wertebereichen (inklusive Invertierung) und sogar eine Anpassung der Regelkurven für die einzelnen MIDI-CC erlaubt.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - MIDI-Learn
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – MIDI-Learn

Bei der schieren Masse an Bedienelementen, die der EIGHT VOICE vorzuweisen hat, sollte man sich aber tunlichst vorab Gedanken darüber machen, welche Parameter man tatsächlich via MIDI steuern möchte, dürfte ein handelsüblicher MIDI-Controller doch kaum über genügend Regler verfügen, um damit alle Parameter abzudecken, und das Umschalten zwischen verschiedenen Belegungen am Controller ist auch nur wenig förderlich für einen schnellen Workflow. Übrigens können nicht nur MIDI-CCs zur Steuerung herangezogen werden, die alphanumerischen Tasten des Computers lassen sich ebenfalls als Schalter verwenden.

Auch das bereits erwähnte Settings-Menü präsentiert sich in gewohnter Weise. Hier lassen sich diverse Grundeinstellungen vornehmen, etwa betreffend des Ordners, in welchem die Presets abgelegt werden sollen, der Bedienoberfläche und deren Steuerung oder möglichen Software-Updates usw.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Settings
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Settings

Das QWERTY-Keyboard ist ebenfalls schon ein alter Bekannter und dient dem Spiel des Synthesizers über die Buchstaben- und Zahlentasten des Rechners, was dann praktisch sein kann, wenn man sich in Situationen befindet, in denen man kein MIDI-Keyboard parat hat, beispielsweise mit dem Laptop unterwegs im Zug.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Preset-Browser
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Preset-Browser

Den Preset-Browser des EIGHT VOICE muss man dem Kundigen ja eigentlich auch nicht mehr vorstellen, er ist in der Tat identisch zu dem der anderen CHERRY AUDIO-Plugins und verfügt daher auch über die selben Merkmale. So lässt sich sein Fenster auf Wunsch mittels Pin-Funktion dauerhaft geöffnet halten, was das Durchchecken der Presets sehr erleichtert (dieses funktioniert übrigens auch mit den Pfeiltasten der Computer-Tastatur), zudem existiert eine Suchfunktion und eine Favoritenliste, in der man seine Lieblinge ablegen kann, um sie später schneller wiederzufinden. Laut CHERRY AUDIO werden zum EIGHT VOICE ab Werk 330 Presets mitgeliefert, ich habe mir jedoch die Mühe erspart, diese Zahl zu verifizieren…

Zum Schluss sei doch noch ein neues Feature erwähnt, das die Bedienung des EIGHT VOICE deutlich zu erleichtern vermag und das ein Editieren von Klängen auch auf kleineren Monitrorgroßen ohne den Einsatz einer Lupe ermöglicht.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Focus Buttons
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Focus Buttons

Die Rede ist von den sogenannten FOCUS BUTTONS, welche sich ganz rechts in oberen Leiste, auch Top Toolbar genannt, befinden. Hiermit lassen sich blitzschnell die jeweils relevanten Sektionen der Bedienoberfläche vergrößert in den Fokus rücken. So kann man die acht SEM-Einheiten jeweils paarweise in den Vordergrund bringen, genauso wie die Master Control-Sektion, den Step-Sequencer und die Effekte.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Focus 1 - 2
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Focus 1 – 2

Mittels des RESET BUTTON kann man sich übrigens ebenso schnell wieder das komplette Bedienpanel des EIGHT VOICE anzeigen lassen. Eine wirklich praktische Sache!


Akustikkoppler…

So kompliziert die Klangarchitektur des EIGHT VOICE beim ersten Anblick der Bedienoberfläche auch erscheinen mag, so einfach zu verstehen ist sie doch in der Praxis, denn letztendlich handelt es sich dabei ja um Nachahmungen der relativ simpel aufgebauten SEM-Einheiten, hier halt lediglich in achtfacher Ausfertigung und mit diversen Kombinationsmöglichkeiten. Die grundsätzliche Klangerzeugung lässt sich daher auch am besten anhand eines einzelnen SEM (= eine Stimme) nachvollziehen.

Zur Verfügung stehen zwei stimm- und transponierbare Oszillatoren, die entweder Sägezahn- oder Pulswellen generieren können. Bei Letzteren ist die Pulsweite sowohl manuell als auch via Hüllkurven oder LFOs variierbar. Alternativ dazu lässt sich auch die Oszilltorfrequenz über diese Modulatoren steuern (jedoch nicht beides gleichzeitig). Der erste Oszillator lässt sich außerdem zum zweiten synchronisieren.

Es gibt in der Oszillatorsektion keinen Auswahlschalter für die Wellenformen, diese lassen sich vielmehr mittels eines bipolaren Drehreglers in der Filterabteilung ein- und ausblenden, ebenso wie ein Suboszillator und ein Rauschgenerator. Das Filter selbst kann stufenlos von Tiefpass über Notch zu Hochpass geregelt werden, ein zusätzlicher Schalter ermöglicht darüber hinaus einen Bandpass-Modus. Wie beim Vorbild beträgt die Flankensteilheit 12dB pro Oktave und die Resonanz reicht nicht bis in die Selbstozillation. Auch das filter lässt sich via Hüllkurve oder einem von zwei LFOs modulieren, mit sowohl positiven als auch negativen Werten.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Aufbau einer einzelnen Stimme
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Aufbau einer einzelnen Stimme

Es gibt zwei einfache ADS-Hüllkurven, das bedeutet, dass die Release-Phase nicht unabhängig regelbar, sondern an den Decay-Parameter gekoppelt ist. Die erste Hüllkurve (ENV 1) ist dabei für den Lautstärke (VCA) zuständig, während die zweite (ENV 2) mit dem Filter verbunden ist. ENV 1 kann zudem als Modulator für den ersten Oszillator dienen, ENV 2 übernimmt diese Funktion für den zweiten Oszillator.

Beim originalen SEM existiert nur ein einziger LFO, der mit LFO 1 bezeichnete Regler entspricht diesem beim EIGHT VOICE, ist hier allerdings bei Bedarf auch zum Host-Tempo synchronisierbar. Er kann nur eine Sinuswelle erzeugen. Ein zweiter, globaler LFO (er wirkt also auf alle acht Stimmen gemeinsam), befindet sich in der Control-Sektion ganz unten beim EIGHT VOICE. Er lässt sich ebenfalls zum Host-Tempo synchronisieren, darüber hinaus bietet er aber gleich sechs Wellenformen.

Da der EIGHT VOICE ja nicht nur eine einzige dieser gerade beschriebenen SEM-Einheiten besitzt, sondern derer gleich acht, hat CHERRY AUDIO sich auch etwa einfallen lassen, um diese flexibel miteinander zu verknüpfen. Denn die acht Stimmen lassen sich in verschiedenen Modi spielen. Sie können dabei einzeln und monophon, aber auch in beliebigen polyphonen Kombinationen wiedergegeben werden. Für letzteren Einsatzzweck stehen zwei Poly-Gruppen (POLY A und POLY B) zur Verfügung, über die sich auch Split- und Layer-Sounds sowie Round Robins realisieren lassen. Jeder Stimme kann dabei ein eigener Notenbereich zugewiesen werden, das funktioniert übrigens ganz bequem mit Hilfe der Learn-Funktion über ein angeschlossenes MIDI-Keyboard. Eine Unisono-Wiedergabe der Stimmen ist ebenfalls möglich.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Control-Sektion
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Control-Sektion

In der erwähnten Control-Sektion befindet sich auch der Zugriff auf sie Portamento-Funktion. Diese verfügt über getrennte Regler für die monophonen Stimmen und für die beiden Poly-Gruppen und bietet damit weitaus mehr als die sonst so übliche Kost in diesem Bereich.

Ein mit FILTER OFFSET bezeichneter virtueller Drehregler ermöglicht es, die Grenzfrequenz aller acht Stimmen gemeinsam zu verändern, dabei werden allerdings nicht die tatsächlichen Stellungen der einzelnen Cutoff-Regler verändert, sondern lediglich Prozentwerte zu diesen addiert oder davon subtrahiert. Die Relationen der acht Cuttoff-Regler zueinander bleibt somit also immer erhalten.

Da die Klangeditierung mit den acht separaten SEM-Einheiten beim Hardware-Vorbild einen zeitaufwendigen und fummeligen Prozess darstellte, hat CHERRY AUDIO sich hier ein paar nette Abkürzungen ausgedacht, wozu hat man schließlich den Computer? Es existieren zwei sogenannte LINK GOUPS, über die man die Bedienelemente ausgewählter SEM-Einheiten koppeln kann, so dass bei Betätigung eines Reglers bei einem der Gruppenmitglieder alle anderen ebenfalls brav bei Fuß gehen.

Beispielsweise könnte ich also die Stimmen eins bis vier der LINK GROUP 1 zuweise und die Stimmen fünf bis acht der LINK GROUP 2. Wenn ich nun bei Stimme eins etwa am Resonanz-Regler drehe, dann bewegen sich die Resonanz-Regler der Stimmen zwei, drei und vier in gleichem Maße mit, bewege ich hingegen diesen Regler bei Stimme sieben, so folgen ihm auch nur die entsprechenden Regler der Stimmen fünf, sechs und acht.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Voice Duplication
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Voice Duplication

Dieses System vereinfacht doch die Editierung ungemein (natürlich nur, solange man nicht für jede der acht Stimmen völlig unterschiedliche Einstellungen vornehmen möchte…), insbesondere bei der Erstellung polyphoner Klänge. Ein sehr gute Ergänzung hierzu stellt die VOICE DUPLICATION-Funktion dar. Diese erreicht man entweder über die winzigen dreieckigen Menü-Schalter, die sich rechts oben bei jeder SEM-Einheit befinden, oder aber durch einen Rechtsklick irgendwo im Bereich des jeweiligen SEM. Damit lasen sich dann die kompletten Einstellungen der aktuell ausgewählten Stimme in einem Rutsch auf beliebige andere Einzelstimmen, aber auch auf Vierergruppen sowie auf allen übrigen sieben Stimmen übertragen, auch dies ist vor Allem bei polyphonen Kombinationen sinnvoll. Anschließend kann man bei Bedarf immer noch gewisse Abweichungen bei den einzelnen Stimmen vornehmen, um auf diese Weise ein lebendigeres Klangbild zu erzeugen.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - SOLO-Mode für einzelne Stimmen
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – SOLO-Mode für einzelne Stimmen

Übrigens, einzelne Stimmen des EIGHT VOICE können sowohl alleine als auch in beliebigen Kombinationen SOLO wiedergegeben werden. In diesem Fall werden die nicht verwendeten SEM-Einheiten dann für eine verbesserte Übersichtlichkeit in der Bedienoberfläche leicht abgedunkelt

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Mini-Sequencer
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Mini-Sequencer

CHERRY AUDIO hat dem EIGHT VOICE auch einen kleinen Step-Sequencer mit auf den Weg gegeben. Dieser verfügt über maximal acht Schritte, was zwar nicht gerade übermäßig viel erscheint, aber durchaus für die eine oder andere nette Sequenz, einen kurzen Rhythmus oder ein simuliertes Arpeggio ausreicht. Einzelne Schritte können auch als Pause fungieren, indem man den dazugehörigen Tonhöhenregler auf Linksanschlag dreht. Die Tonhöhen können übrigens entweder frei eingestellt oder aber auf Halbtonschritte quantisiert werden. Der Tonhöhenbereich kann dabei eine, zwei oder auch ganze fünf Oktaven umfassen. Die Gate-Länge der Noten lässt sich nur für alle acht Schritte gemeinsam regeln. Natürlich lässt sich dieser Mini-Sequencer auch zum Host-Tempo synchronisieren.

Die eben erwähnte flexible Stimmenzuordnung dess EIGHT VOICE erlaubt es, für jede SEM-Einheit gesondert einzustellen, ob diese die an sie gerichteten Notenbefehle nur vom internen Mini-Sequencer, nur über MIDI (etwa Keyboard oder DAW), oder von beiden Quellen gleichzeitig (dann transponieren die externen MIDI-Noten das Pattern des Mini-Sequenzers) entgegennimmt. So ist es beispielsweise problemlos möglich, sich Patches zu erstellen, bei denen in der untersten Oktave eine monophone Bass-Sequenz abgefeuert wird, während auf dem restlichen Bereich der Tastatur ein polyphoner Flächenklang liegt.

In diesem Zusammenhang hätte ich noch eine kleine Idee: Wie wäre es, wenn der EIGHT VOICE über Einzelausgänge für jede der Stimmen verfügte? Das würde die Möglichkeiten der achtfachen Klangerzeugung noch einmal deutlich erweitern. Man könnte dann einen kleinen Schalter in der Output-Sektion jeder virtuellen SEM-Einheit einbauen, mit dem sich festlegen lässt, ob die jeweilige Stimme über die gemeinsame Summe oder über den Einzelausgang ausgegeben werden soll. Als Ergänzung dazu wären natürlich auch zwei separate Stereosummen für POLY A und POLY B vorstellbar. Na, CHERRY AUDIO, wäre das vielleicht nicht etwas für ein künftiges Update?


Raumausstattung…

Eine einfache Effekt-Sektion gehört bei CHERRY AUDIO ja ebenfalls immer dazu, so auch beim EIGHT VOICE. Hier sind es ein DELAY und REVERB, die beide trotz angepasster Optik an ihre jeweiligen Entsprechungen in den früheren Synthesizer-Plugins erinnern.

Eine Ausnahme macht hier allerdings das Delay, denn im Unterschied zu seinen Geschwistern verfügt es einerseits über eine zusätzliche Modulationsmöglichkeit in Form eines Sinuswellen-LFO und anderserseits über einen Schalter zur Phaseninvertierung des Feedbacksignals. Beide dienen der Erzeugung von Chorus- und Flangereffekten, die somit auch beim EIGHT VOICE möglich sind (im Gegensatz zum DCO-106 oder zum POLYMODE allerdings nur alternativ zum Delay).

Das Reverb besitzt die drei Algorithmen SPRING (Federhall), ROOM und HALL, die klanglich allesamt hinreichend genug voneinander differieren, um damit unterschiedliche Sounds zu realisieren. Der Klang selbst gefällt mir persönlich recht gut und passt zudem auch zum Vintage-Charakter des EIGHT VOICE.

Natürlich wird man mit dem einen oder anderen darauf spezialisierten separaten Effekt-Plugin eine noch höhere Qualität zu erzielen vermögen, doch ist dies nicht in allen Fällen notwendig. Für Onboard-FX, die ja eigentlich eher als Beigaben zu betrachten sind, schlägt sich die Effekt-Sektion des EIGHT VOICE durchaus ganz gut.

CHERRY AUDIO EIGHT VOICE - Effekt- und Master-Sektion
CHERRY AUDIO EIGHT VOICE – Effekt- und Master-Sektion

Rechts neben den beiden Effekten befindet sich noch eine kleine Ausgangs-Sektion, die neben einem Lautstärkeregler und virtuellen LED-Ketten auch noch über einen einfachen zuschaltbaren Limiter verfügt. Dieser ist immer dann von Nutzen, wenn die Lautstärken übermäßig kulminieren, etwa wenn sich die Signale mehrerer an sich schon lauten Stimmen in der Summe überlagern. An dieser Stelle möchte ich CHERRY AUDIO gerne auch noch einmal bezüglich eventueller Einzelausgänge mit dem Zaunpfahl zuwinken… 😉


Klangwerk…

Und wieder einmal stehe ich vor der Situation, eine Emulation bewerten zu müssen, deren Hardware-Vorbild mir noch nie unter die Finger gekommen ist. Ich habe mir zwar einige Videos vom OBERHEIM EIGHT VOICE und auch von seinen kleinenen Geschwistern reingegezogen, allerdings ist das immer so eine Sache, da man erstens nie genau weiß, was der jeweilige Ersteller da eventuell doch noch an klanglichen Korrekturen vorgenommen oder an Effekten drangehängt hat, und man zweitens davon ausgehen kann, dass die Kompressionsalgorithmen der einschlägigen Videoportale nicht unbedingt dazu beitragen, den Originalklang unverfälscht zu präsentieren.

Nun ja, was soll’s? Zum einen gehe ich mal davon aus, dass man in einem direkten Vergleich zwischen Original und Emulation doch noch gewisse Klangunterschiede vernehmen wird (ob diese dann im Rahmen einer kompletten Abmischung noch relevant sind, ist allerdings eine ganz andere Frage..), zum anderen vermute ich mal, dass sich für die meisten Interessenten gar nicht erst die Frage stellt, ob sie nun besser zur Hardware oder zur Software greifen sollten, weil Erstere schlichtweg nicht verfügbar ist oder sich in völlig irrelevanten Preisregionen bewegt.

Dies gesagt, vermag ich durchaus eine enge klangliche Verwandschaft zwischen dem Vorbild von OBERHEIM und seiner Nachahmung von CHERRY AUDIO festzustellen. Der virtuelle EIGHT VOICE ertönt in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich wie sein Hardware-Pendant, zumindest anhand der dürftigen Vergleichsmöglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen. Typische oberheimsche Standards, beispielsweise synthetische Bläserklänge, bekommt er spielend hin, aber auch satte Bässe, Leads, Flächen, modulierte Sequencer-Sounds uvm. zaubert er locker aus dem Hut.

Ein paar Dum- und Percussionsounds hat er ebenfalls auf Lager, allerdings zählt so etwas nicht wirklich zu seiner Domäne, wie dies aber auch schon beim Original der Fall ist. Das zweipolige Filter mit seiner Resonanz, die nicht zur Selbstoszillation fähig ist, tragen sicherlich nicht gerade dazu bei, den EIGHT VOICE zur ersten Wahl für elektronische Schlagzeugklänge zu machen, seine Kicks und Snares haben mich jetzt nicht sonderlich beeindruckt (das ist bei anderen SEM-basierten Emulationen aber auch nicht anders…). Die Stärken des EIGHT VOICE liegen nun mal einfach woanders. Macht aber nix, ist ja schließlich auch kein Drumsynth!

Nachfolgend mein übliches Klangbeispiel nach dem „1 Synth = 1 Musikstück“-Prinzip, bei dem ich mal wieder alle Klänge nur mit dem Testkandidaten erzeugt habe, in diesem Fall also nur mit dem EIGHT VOICE. Auch nur in diesem Zusammenhang ist mir seine gerade erwähnte mangelnde Eignung für Drumsounds aufgefallen, ansonsten hätte ich mich gar nicht weiter darum gekümmert, da ich für so etwas normalerweise ja ganz andere Klangerzeuger bemühe.

Wie schon bei vielen meiner Klangbeispiele zu früheren Testkandidaten, habe ich auch bei dem zum EIGHT VOICE dem eigentlichen Track wieder einmal eine kurze dystopische Soundscape vorangestellt, um die klangliche Bandbreite des Plugins zu verdeutlichen, denn es taugt nicht nur für Allerwelts-Schönklang, sondern ebenfalls sehr gut für phobisch anmutende Filmvertonungen und dergleichen.

Klangbeispiel CHERRY AUDIO EIGHT VOICE

Genau 18 Instanzen habe ich für diesen Track verwendet, die Systemauslastung auf meinem Studiorechner lag hierbei insgesamt so bei etwa 50%. Weitere Plugins oder DAW-eigene Effekte wurden nicht verwendet, lediglich ein wenig Automation.


Konkurrenzdruck…

Wenn man sich die Alternativen anschaut, dann wird das Feld doch sehr übersichtlich. Momentan existiert zum EIGHT VOICE tatsächlich nur ein einziger direkter Mitbewerber, und dies auch nur dann, wenn man bei seinem Rechner auf die Marke mit dem angebissenen Apfel setzt. Die Rede ist vom OB-E, den die Firma GFORCE SOFTWARE nur wenige Wochen vor dem EIGHT VOICE auf den Markt gebracht hat. Dieser ist jedoch lediglich für macOS verfügbar, ob und wann auch eine Version für WINDOWS herauskommen wird, steht derzeit noch in den Sternen. Die Demos des OB-E klangen in meinen Ohren ähnlich gut wie der EIGHT VOICE, preislich kann GFORCE SOFTWARE hier aber nicht mit CHERRY AUDIO konkurrieren, denn der OB-E ist mit 169,- Euro mehr las fünfmal so teuer wie der der EIGHT VOICE.

Ansonsten kämen allenfalls noch ein paar Plugins infrage, die die kleinste Grundeinheit des EIGHT VOICE emulieren, sprich das OBERHEIM SEM. Hier wären neben dem BRAINWORX BX_OBERHAUSEN noch der ARTURIA SEM V2 sowie der WOK SAM bzw. dessen enge Geschwister SAM SE und UNCLE SAM zu nennen. Während ich das Plugin von BRAINWORX nie auf dem Rechner hatte und daher nicht viel dazu zu sagen vermag, habe ich die beiden Letztgenannten, die ich ebenfalls besitze, einmal kurz mit dem EIGHT VOICE verglichen. Der Fairness halber habe ich beim EIGHT VOICE lediglich eine Stimme benutzt. Auch die beiden anderen Plugins beherrschen die polyphone Wiedergabe, Beim SEM V2 lassen sich sogar eine Handvoll Parameter mit Offsetwerten für jede Stimme versehen, aber ganz so flexibel wie beim EIGHT VOICE ist dies natürlich nicht. Die internen Effekte habe ich wohl beim EIGHT VOICE als auch beim SEM V2 deaktiviert, der SAM besitzt gar keine.

Beim direkten Vergleich einer einzelnen Stimme stellt sich das erste Problem: Gleiche Reglerstellungen führen bei den drei Plugins oftmals zu sehr unterschiedlichen klanglichen Ergebnissen, hier hilft dann nur ein Einstellen rein nach Gehör. Und auch dies offfenbart schließlich nur, dass alle drei Plugins sich doch alle recht deutlich im Grundklang unterscheiden. Im Gegensatz zum EIGHT VOICE klingt es bei den anderen beiden auch bei neutral eingestellter Oszillator-Stimmung für mich immer ein wenig so, als ob dort Schwebungen stattfinden, die dort eigentlich nicht hingehören (wie ein leichter Chorus-Effekt), insbesondere beim WOK SAM. Rein subjektiv trifft der EIGHT VOIVE hier meinen persönlichen Geschmack am besten, gefolgt vom SAM und vom SEM V2. Letzteren fand ich bei einigen Sounds etwas zu quäkig, wenngleich er für sich allein genommen durchaus gut zu klingen vermag. Aber wie gesagt, der EIGHT VOICE hat hier für mein Empfinden die Nase eindeutig vorn, und wir reden bis jetzt ja lediglich von einer Stimme, wenn alle acht ins Spiel kommen, zieht er mit Vollgas davon und lässt die beiden Anderen ziemlich alt aussehen.

Was den Preis angeht, so gewinnt hier diesmal nicht CHERRY AUDIO das Rennen. Nachdem WOK vor einigen Jahren die Plugin-entwicklung an den Nagel gehängt hat, ist der SAM inzwischen nur noch als Donationware erhältlich und damit potentiell am billigsten. Er läuft aber nur als 32-Bit-Plugin unter WINDOWS und wird auch keine Updates mehr erfahren. Der EIGHT VOICE ist seinerseits ebenfalls als sehr günstig zu bezeichnen, der reguläre Einzelpreis des SEM V2 kann da mit 149,- Euro keinesfalls mithalten und ist auch nicht mehr ganz zeitgemäß. Und über die von BRAINWORX als regulären Preis für den BX_OBERHAUSEN ausgerufenen 249,- USD decken wir mal lieber gleich den Mantel des Schweigens…


Fazit:

Mit dem EIGHT VOICE hat CHERRY AUDIO einmal mehr eine gelungene Synthesizer-Emulation mit Vintage-Flair an den Start gebracht. Wer mit der elektronischen Musik der siebziger Jahre oder auch mit an die frühen Achtziger angelehntem Synthwave liebäugelt, der ist hier goldrichtig. Aber auch in anderen Musikrichtungen macht sich der EIGHT VOICE gut, und dadurch, dass jede seiner Stimmen bei Bedarf anders eingestellt werden kann, sind ausgesprochen lebendige Klänge möglich, die nicht so statisch daherkommen wie bei manch anderen polyphonen Synthesizern. Damit die Bedienung dabei nicht ins Uferlose ausartet, sondern beherrschbar bleibt, hat sich CHERRY AUDIO mit den Voice-Link- und Focus-Funktionen ein recht cleveres und praktisches System ausgedacht.

Auch preislich kann CHERRY AUDIO hier wieder einmal mit einem No-Brainer punkten, denn gemessen an seinem Klang und seinen Möglichkeiten ist der EIGHT VOICE wirklich günstig, ohne dabei billig zu sein.

Wer noch zweifelt, der kann sich ganz einfach selbst ein Bild vom EIGHT VOICE machen, indem er sich die Demoversion zur Brust nimmt. Hier stört lediglich ein periodisch auftretendes weißes Rauschen, ansonsten ist sie 30 Tage lang voll funktionsfähig.

Den EIGHT VOICE erhält entweder direkt bei CHERRY AUDIO oder über einen der bekannten Onlineshops. Als Einführungspreis sind 29,- US-Dollar (derzeit keine 25,- Euro) ausgerufen, der spätere reguläre Verkaufspreis soll 49,- US-Dollar (aktuell unter 42,- Euro) betragen. Meines Wissen wurde aber bisher noch keines der zuvor veröffentlichten Synth-Plugins von CHERRY AUDIO tatsächlich auch zu seinem „regulären Preis“ angeboten, die Einführungsphasen scheinen hier sehr ausgedehnt zu sein… 😉


Positives:
+ guter Grundklang
+ sehr flexible und lebendige Klänge möglich
+ leicht erlernbare Bedienung
+ clevere Voice-Link- und Focus-Funktionen
+ gut klingende Effekt-Sektion
+ umfangreiche MIDI-Learn-Sektion
+ CPU-freundlich
+ günstiger Verkaufspreis

Negatives:
– keine Offline-Aktivierung bzw. Installation möglich
– keine Einzelausgänge


Produktwebseite: https://cherryaudio.com/instruments/eight-voice

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