Bechstein Digital Grand Piano Testbericht


Dieser virtuelle Flügel wurde bemerkenswerterweise vom Hersteller der echten Pianos selbst gesamplet und programmiert, bzw. von einem direkt beauftragten Team einer Tochterfirma. Hinter diesem virtuellen Instrument steht also in vollem Umfang die lange Tradition der Firma Bechstein und das sollte schon etwas heissen.

Der Download findet in einer gewaltigen, 25 GB großen Datei statt, was bei mir nach vier Stunden geschafft war. Hätte es ein Problem gegeben, hätte ich noch ein mal von vorne anfangen können. Eine Integritätsprüfung mit einer Hash-Summe ist nicht möglich. Einen bessere Lösung wäre sicher das auf mehrere verkettete RAR-Archive zu verteilen und eine noch bessere der Downloade-Service von Continuata, der die Datei dann auch noch prüft.

Das ISO-Image kann dann in den Zielordner entpackt werden. Es wird wegen der Performance ein SSD-Laufwerk empfohlen, aber in meinem Fall und sicher auch in den meisten anderen muss es eine schnelle interne Festplatte tun.
Es handelt sich um eine Kontakt-Player Bibliothek, man ist also nicht auf die Kontakt- Vollversion angewiesen und die Bibliothek erscheint in voller Pracht im Libraries-Tab.

Drei Instrumente werden angeboten, ein mal aus der Player-Perspektive aufgenommen und zwar in Mid-Side Technik, was volle Kontrolle über das Stereobild verspricht, ein mal klassisch in Stereo von der seitlichen Zuhörer-Position und ein mal von oben direkt dicht über den Saiten. Die einzelnen Mikrofon-Positionen werden also nicht wie meist in einem Kontakt-Instrument zusammengefasst, wo sie dann im schlechteren Fall alle zwangsläufig in den Speicher geladen werden und im besseren Fall separat bei Bedarf nachgeladen werden können. Hier also separate Instrumente, was den Nachteil hat, dass man sich zunächst entscheiden muss, welche Perspektive man benutzen will und dann wenn das nicht passt ein weiteres Instrument in den Kontakt-Multi lädt und entsprechend dazu mischt, aber den Vorteil, dass das RAM nur so weit belegt wird, wie notwendig. Ich vermute, das diese Entscheidung auch mit dem aufwendigen Scripting zusammenhängt, dass es ermöglicht das Timbre jeder einzelnen Note zu steuern. Was man so theoretisch auch getrennt in jedem Instrument einstellen kann, plus all die anderen Regler, die den Klang individueller machen.

Presets werden über die eingebaute Snapshot-Funktionalität von Kontakt geboten und sie bewegen sich von den Unterschieden her in einem etwas engeren Rahmen, als einem sonst meist so begegnet. Das entspricht jedoch ganz der Philosophie hinter diesem Instrument, das den originalen Klang eines Bechsteinflügels möglichst genau und unverfälscht wiedergeben soll und dennoch flexible Anpassungen an den musikalischen Kontext erlaubt.

Spannend ist ja immer das erste Anspielen eines solchen Instruments nach der Installation. Das Bechstein Digital Grand Piano sprach ab der ersten Tastenberührung sehr direkt an und der Klang ist zwar unverkennbar ein Flügel, aber dennoch ein ganz eigener. Die sehr verbreiteten Steinway- oder Yamahaflügel mögen mehr harmonischen Schmelz im Timbre haben, dagegen klingt dieser Bechstein etwas härter, klarer um nicht zu sagen „knochiger“. Doch geht das nicht so weit, dass das unangenehm wäre, er klingt auch schön, jedoch anders, verkraftet auch sehr schnelle Passagen und was gleich aufhorchen ließ war die tiefe Lage. Die ist richtig klar definiert, kein Bass-Matsch, sehr ausgewogen, kräftig und bei genauem hinhören schwingt ein ungewöhnlicher Sub-Sinus mit im Ausklang. Das kann man vielleicht auch als störend empfinden, auf mich wirkt das authentisch.

Basstest


Lauf C0-C8 Bechstein


Lauf C0-C8 Grandeur im Vergleich

 

Aber auch in den höheren Lagen spielt sich dieser Bechstein fein, ohne Ausreisser und sehr differenziert über alle Velocity-Werte ohne wahrnehmbare Stufungen. So würde man sich ja so manch anderes Piano auch wünschen.

 

Zuerst spielt der Bechstein, gefolgt von einem Steinway, in diesem Fall der Grandeur von Native Instruments. Der Unterschied in der Klangfarbe ist bemerkenswert.


Für mich ist der Bechstein voll und klar, manchmal sogar etwas singend glockig, speziell die tiefen Töne sind phänomenal. Während der Steinway harmonisch reicher und weicher klingt. Insgesamt erscheint mir der Bechstein direkter und präziser.

Interessanterweise fällt der Unterschied im Timbre zu einem Steinway bei mittleren Lautstärken viel deutlicher ins Gewicht, als volle Pulle in die Tasten gehauen.

Das GUI ist in vier Seiten aufgeteilt, auf der ersten finden sich nur die wichtigsten globalen Makro-Regler zu Stereobreite, Anschlagsdynamik, Lid, also ob der Deckel des Flügels geöffnet ist und dem Hall-Effekt. Der letze Regler betrifft den String-EQ und stellt eine Spezialität dieses Pianos dar, dazu gleich mehr. Die Fußzeile unten bleibt über alle Seiten erhalten und enthält ein Balkendiagramm, dass die Velocity der letzten angeschlagenen Noten wiedergibt. Rechts die Pedale, Sustain, Sostenuto und Una Corda, sie leuchten auf, wenn ein entsprechendes MIDI-Signal eintrifft und das Volumen der mitschwingenden Saiten kann hier geregelt werden.

Der String-EQ auf der nächsten Seite stellt pro Taste/Saite getrennt einige Parameter über Balkendiagramme ein. Der Aufwand im Hintergrund ist hier enorm, das Handbuch spricht von bis zu 1200 Parametern, die gleichzeitig verändert werden, deshalb kann das das System ziemlich belasten, lässt sich aber auch teporär ausschalten, wenn man den Mix-Regler ganz herunter dreht. Die Balken stellen den Wert eines Parameters dar, sie können einzeln pro Saite eingestellt werden oder sinnvoller über einen Tastaturbereich, Bass, Mitte, Höhen um ungefähr das zu tun, was ein Intoneur bei der Erststimmung des Flügels macht, den Klangcharakter einzelner Tonhöhen-Bereiche individuell anzupassen. Der Klang kann hier perkussiver, weicher, voller oder mit mehr Obertönen gestaltet werden. Das bewegt sich durchaus, wie die meisten Kontrollen und Einstellungen dieses Instruments in einem subtilen Rahmen, der den Original-Bechsteinflügelklang nicht über Gebühr verbiegt.

Auf der dritten Einstellungsseite Audio-Design findet sich je nachdem, ob das Player-Instrument mit seiner Mid-Side Mikrofonierung geladen ist oder die seitliche- oder Top-Perspektive etwas unterschiedliche Regler. Im Player-Instrument lässt sich das Verhältnis des Mitten- zum Seitensignal regeln und damit auch sehr weit die Stereobreite. Die darunterliegenden Drehregler für EQ und Kompressor wirken auf jeden Kanal separat. Bei den anderen beiden Instrumenten steht das etwas einfacher für das gesamte Stereosignal zur Verfügung. Ein Kompressor macht in einem Piano durchaus Sinn um Dynamikspitzen abzufangen oder den Ton anzudicken. Der Equalizer hilft den Pianoklang insgesamt besser in den Mix einzupassen. Die prominente runde Bonbonkugel in der Mitte verändert den Gesamtklang entweder mehr zu einem hellen, klaren Charakter oder zu einem warmen, zarten. Aber auch hier gilt, dass das eher Nuancen sind, als brachiale Eingriffe.

Der Regler links unten, der „Aura“ betitelt ist macht das Timbre etwas voller, zur linken Seite hin mit einem Faltungshall, auf der anderen „natural“ werden jedoch im Hintergrund tatsächlich Zusatzsamples geladen, die aus einer extremen Nahperspektive aufgenommen wurden und dem Klang mehr Sättigung und Wärme verleihen.
Der Regler „Lid“ wiederholt die Einstellmöglichkeiten von der Startseite, versehen mit Gradangaben, aber die zwei Regler unter Stage daneben bieten die Auswahl zwischen verschiedenen Raumgrößen und Hall-Intensität, ab 50% wird das Piano scheinbar weiter in die Ferne gerückt.

Die letzte Seite „Details“ beschäftigt sich mit Feinheiten, wie einer differenziert einstellbaren Velocity- In/Out Kurve und den mechanischen Nebengeräusche eines Flügels, die für Tasten, Dämpfer und Pedale geregelt werden können. am auffälligsten erschien mir aber der letzte Punkt „String Releases“, der das Geräusch der Dämpfer wiedergibt, wenn sie nach dem Loslassen der Taste zurück fallen. Das kam mir in fast allen allen Presets zu laut vor.

Es gibt vier Regler, die die Resonanz insgesamt beeinflussen, links neben Sympathetic unter Resonance finden sich Color und Depth. Color sorgt für eine leichte Färbung und wahrgenommene Breite durch Phasenmodulation, Depth verstärkt und hält diesen Eindruck, was auch über das natürliche Maß hinaus geregelt werden kann. Unten bei den Pedalen liegt rechts neben dem Sustain-Pedal ein Volume-Regler, der die generelle Lautstärke der Resonanz-Samples verstärkt, wenn er über ca. 45% aufgedreht wird kommt dieses typische Klingeln bei schnellen Noten herein. Zusätzlich wirkt sich das Niveau der sympathetischen Resonanz aus, die weiter unten besprochen wird.

Die Resonanz der ungedämpften Saiten baut sich bei dem Bechstein Digital Grand Piano relativ stark auf und entspricht eher dem natürlichen Verhalten eines Pianos als bei dem EZKeys Steinway, bei dem man da nichts regeln kann. Bei einzelnen oder wenigen Noten ist der Unterschied sehr gering, bei vielen Stakkato-Noten jedoch groß.
Im Beispiel sind zunächst alle Resonanz-Regler heruntergedreht, es baut sich kaum ein Mitschwingen aller Saiten auf, dann sind im Kontrast alle vier Regler auf 100%, was natürlich viel zu viel ist und dann die Bechstein- Standardeinstellung, gefolgt von dem EZKeys Steinway, bei dem sich die Stakkatotöne deutlich weniger überlappen und aufbauen, darauf der Grandeur mit den Standardeinstellungen und ganz zum Schluss Grandeur mit härterem Tonecolor und ganz aufgedrehter Resonanz.
Beispiel A: Bechstein, alle Resonanz-Regler herunter gedreht B: Bechstein, alle 4 Regler auf 100% C: Bechstein Standardeinstellungen D: EZKeys E: Grandeur Standardeinstellungen F: Grandeur, aufgedrehte Resonanz


Generell lässt sich sagen, dass die Saitenresonanz bei dem Bechstein und Grandeur völlig verschieden klingt, die Resonanz beim Bechstein hat eine eigene musikalische Qualität, beim Grandeur bleiben Stakkatonoten definierter.

Das zeigt sich deutlich im Zusammenhang eines längeren Stückes, der Étude Feux Follets von Liszt, eingespielt von Bernd Krueger http://www.piano-midi.de Piano-Midi.de, die einen extra Pedal-Kanal mitliefern und überhaupt aussergewöhnlich gut gemachte MIDI-Dateien klassischer Pianostücke bieten. Und was könnte von der Firmengeschichte von C. Bechstein her, die ich hochinteressant finde auch besser passen als ein Stück von Liszt… Bei einem so schnellen Stück brilliert der Bechstein mit seiner Präzision und Eleganz.
Feux Follets Bechstein


Feux Follets Grandeur

 

Dieser virtuelle Flügel verfügt über eine extra gesamplete und regelbare sympathetische Resonanz. Das heisst stumm gedrückte und gehaltene Tasten, bei denen dann der Dämpfer oben ist schwingen mit, wenn weiter unten ein Ton kurz angeschlagen wird.
Zunächst hört man den unteren Ton ohne oben gehaltene Tasten, dann mit einem Akkord eine Oktave weiter oben stumm gehalten, sympathetische Resonanz bei 75%, dann mit 100%, darauf mit einem andern Preset, bei dem auch die anderen Resonanz-Regler voll aufgedreht sind.


In der Praxis unterscheidet sich diese virtuelle sympathetische Resonanz doch etwas von der echten. Wird der obere Akkord wirklich stumm gedrückt also mit Velocity bei 0, dann wird auch kein Mitschwingen der Saiten ausgelöst. Bei nur etwas mehr als 0 Velocity funktioniert es dann, der Effekt steigert sich jedoch auch nicht weiter, wenn der Akkord anfangs ganz laut angeschlagen wird. Es sprechen nur „verwandte“ Akkorde zum angeschlagenen Grundton an, was mit der Obertonreihe an sich zu tun hat. Das ist zwar auf einem echten Piano auch so, aber nicht so ausschließlich, nicht passende Akkorde schwingen nur deutlich leiser, aber nicht überhaupt nicht. Aber das ist keine Kritik, sondern eher eine Beobachtung, denn dass überhaupt sympathetische Resonanz geboten wird ist bei virtuellen Pianos selten und macht dieses Instrument besonders authentisch.

Interessant ist auch das Una Corda Pedal, dass das Spielwerk zur Seite verschiebt, so dass die Hämmer nur noch zwei oder im Bass eine Saite treffen. Die Lautstärke nimmt ab, aber auch die Klangfarbe ändert sich zu einem zurückhaltenderen Ton.

Noch ein Stück von Liszt, der Rakoczy-Marsch der dramatischer daherkommt und dem virtuellen Piano einiges abverlangt.
Liszt Rakoczy Bechstein


Liszt Rakoczy Grandeur


Ausschnitte aus komplexeren Jazz-Stücken, die Bechsteinflügel waren bei Jazzmusikern in den Staaten überaus beliebt. Zunächst der Bechstein, dann Grandeur.

 

Fazit

Das Bechstein Digital Grand Piano stellt auf dem dicht gedrängten Markt der virtuellen Flügel-Bibliotheken eine Überraschung dar. Fragt man sich doch immer – braucht es noch einen? Hier kann diese Frage klar mit Ja beantwortet werden, mit diesem Flügel kommt ein Instrument mit neuen Qualitäten hinzu, das betrifft einerseits technische Features, wie den String-EQ, der auf intuitive Weise tief gehende Eingriffe in das Timbre und die Spielbarkeit des Instruments eröffnet ohne zu übertriebenen Effekten zu führen. Auch das Resonanzverhalten ist vorbildlich regelbar. Doch vor allem wird hier ein neuer Klang in die Welt der Pianos am PC eingeführt, denn dieses Instrument klingt deutlich anders, als alle anderen. Man könnte sagen, hier kommt der helle klare aus dem Norden, wenn da nicht auch dieser wunderbare volle Klang in der Tiefe wäre. Das Bechstein Digital Grand Piano wirkt ausgeglichen über alle Lagen und ist exzellent spielbar von den leisesten Tönen bis zum donnernden Fortissimo. Bei der Konzeption dieses virtuellen Instruments wurde tatsächlich an den Produzenten in einer modernen digitalen Studioumgebung gedacht, die Features und Einstellungen des Flügels sind clever, modern und gut zugänglich, der völlig trocken aufgenommene Sound bietet einen idealen Ausgangspunkt für die weitere Bearbeitung und Anpassung an den musikalischen Kontext.

Im digitalen Tonstudio hat man im Gegensatz zu den meisten Bühnen die Wahl zwischen verschiedenen Pianos und damit auch die komfortable Situation sich zur musikalischen Situation eines mit der passenden Klangfarbe heraus zu suchen. Wenn es um einen sehr weichen, verträumten Ton geht wäre das Bechstein Digital Grand Piano sicher die falsche Wahl, jedoch in den meisten anderen Fällen besticht dieser Flügel durch seinen präzisen, klaren, sehr musikalischen Klang und ist für mich in Zukunft das erste Instrument, dass ich verwende, wenn ein Piano gebraucht wird.

Produktseite Bechstein Digital Grand Piano: https://www.bechstein-digital.com/de/

 

Ein Testbericht von Stefan Federspiel