„Ganz viel altes Holz“ – Test Embertone „Walker 1955 Steinway Grand D“

Ein Testbericht von Klaus Feurich

 

„Hot town, summer in the city…“ …es ist Sommer, es ist heiß und der Redakteur hat keine Lust. Hilft nicht, der Testbericht muss fertig werden. Und das Schlimme ist: auch der ist „hot“! Nun denn. Wir testen heute einen Flügel. Toll. Mal was Neues. Nicht. Hilft auch nicht. Los jetzt. ICH WILL EIN EIS!

Nochmal: wir testen heute einen Flügel. Und zwar nicht irgendeinen Flügel, sondern einen Steinway. Genauer gesagt, einen alten Steinway Walker D aus dem Jahre 1955. Ein Einzelstück. Also eine Menge altes Holz. Aber keine Angst, der Testredakteur musste den nicht auch noch im Schweiße seines Angesichts in den ersten Stock ins Teststudio schleppen. Man kann ihn downloaden. Immerhin etwas.

 

 

Überblick „Walker 1955 Steinway Grand D“

Also mal von Anfang an. Wir haben hier eine Samplelibrary aus dem Hause Embertone für NI Kontakt. Die Library arbeitet sowohl unter dem kostenlosen Player als natürlich auch in der Vollversion. Allerdings ist mindestens Version 5.7x erforderlich, um die Library auch als solche einbinden zu können. Für ältere Kontakt Versionen gibt es auf Anfrage ein spezielles Legacy Patch.

Grundlage der Library ist ein, richtig, aus dem Jahre 1955 stammender, vollrestaurierter Flügel der Marke Steinway. Dabei steht das D für die Größe des Flügels, in dem Fall 9 Fuß bzw. 2,75m. Laut Embertone handelt es sich bei dem Flügel um ein Einzelstück.

Die Library gibt es übrigens in drei verschiedenen Ausführungen: einer Standardversion, die testen wir hier grade, einer Liteversion mit reduzierter Anzahl an Velocity-abhängigen Samples und einigen anderen Einschränkungen, und eine Fullversion mit, ähm, ich schlage vor, ihr lest einfach mal weiter, das löse ich im Verlauf des Tests auf, was das genau heißt.

 

Samples, Samples, Samples

Und: Oh, doch ein Schwergewicht. Nicht in Sachen Gewicht, aber in Sachen Umfang. Die Library nimmt tatsächlich 34GB Speicherplatz auf der Festplatte für sich in Anspruch Für ein Instrument. Und pro Mikrofonierung.

Ähm, Moment! „Pro Mikrofonierung“?! Jup, pro Mikrofonierung. Denn, wer Embertone bereits kennt, weiß, dass Jonathan und Alex extrem detailverliebt sind, was ihre Libraries betrifft. Und so ist man hingegangen und hat das „Walker 19545 Steinway Grand D“ nicht nur mit einer Set Mikrofone abgenommen, sondern direkt mit deren sechs! In verschiedenen Positionen und verschiedenen Modellen. So kommen dann pro Mikrofonierung tatsächlich 34GB an Samples zusammen.

Denn natürlich hat man nicht nur jede einzelne Note in 36 verschiedenen Velocities aufgenommen und mit Round Robin jede Velocity auf noch mehrfach gesamplet, nein, natürlich gibt es auch noch Samples für die Pedalgeräusche. Und, da wir einen großen Flügel haben, – ihr wisst schon, nen Schaltwagen, der mit den drei Pedalen – , gibt es auch noch einen komplettes Sampleset für das „una corda“-Pedal, bei dem Tastatur und Hammerwerk so verschoben werden, das jeweils nur eine Seite pro Taste angeschlagen wird und nicht alle drei.

Aber damit noch nicht genug. Denn etwas, was mir bisher bei den meisten Libraries von Flügeln noch nicht unter gekommen ist, es gibt tatsächlich auch noch über 10.000 Releasesamples. Also für jede Taste und für jede Velocity eigene. Moment mal, Feurich, Releasesamples, was soll das sein?! Ja, eben. Releasesamples. Wir denken kurz an die Klangerzeugung eines Klaviers. Das sind tatsächlich Samples für das Geräusch, das entsteht, wenn nach dem Loslassen der jeweiligen Taste, der Dämpferfilz wieder auf die Klavierseiten „fällt“. Das hat man tatsächlich für jede einzelne Taste bzw. Tonhöhe aufgenommen. Ich sagte ja: detailverliebt.

Was es außerdem –auch noch – gibt: Staccato Samples. Denn Staccato auf einem Flügel klingt nun einmal anders, als „nur“ eine hohe Velocity mit kurzer Notendauer. Und auch hier gibt es natürlich wieder eigenen Releasesamples. Und natürlich auch 3-faches Round Robin. War klar, oder?!

 

Interface und Handhabung

Nun denn, starten wir mal unser NI Kontakt und laden das einzige Instrument der Library. Also, zumindest einziges Instrument, wenn man nur eine Mikrofonierung hat. Denn hier gibt es pro Mikrofonierung jeweils ein eigenes Instrument. Zu den verschiedenen Mikrofonierungen komme ich dann im nächsten Abschnitt. Der Rest, also die verschiedenen „Presets“, werden beim „Walker 1955 Steinway Grand D“ über Snapshots innerhalb des nki Instruments gehandhabt. Und dementsprechend werden mal mehr, mal weniger Samples vorgeladen. Im „Max memory load“ Snapshot sind das dann gut 2GB preloaded Samples im RAM.

Also, wir laden. Und laden. Wie das bei Kontakt so ist. Es handelt sich um ein großes Instrument und wenn Kontakt 5 das noch nicht kennt, wird das Instrument erst noch geprüft. Deswegen die dringende Empfehlung, dass nki einmal nach dem ersten Laden direkt wieder zu speichern, dann lädt es beim nächsten Mal deutlich schneller.

Die verschiedenen Snapshots regeln dabei in erster Linie, wie viele verschiedene Velocities geladen werden, ob „una corda“, Staccato, Round Robin und die verschiedenen Pedalsamples zur Verfügung stehen oder eben nicht.

 

Das lässt sich alles auch wunderbar in den verschiedenen Konfigurationsmenüs des Instruments einstellen. Da brauch ich nicht viel zu sagen – es ist heiß – da lassen wir die Bilder für sich selbst reden.

 

 

Außerdem lässt sich hier natürlich auch Reverb, EQ und noch einiges Anderes am Klang feintunen. Sehr schön auch, zwischen Player und Audience Perspektive umschalten zu können. Das können die meisten anderen aber auch.

Empfehlung ist, alles einmal so einzustellen, wie man es selber gerne haben möchte und dann als eigenen Screenshot abzuspeichern. Dann kann man „seinen“ Steinway immer direkt so laden, wie man ihn am Liebsten hat.

 

Klangbeispiele

Grau ist alle Theorie, von daher: Ein paar Klangbeispiele gefällig?! Hier bitte:

https://soundcloud.com/embertone/sets/walker-1955-steinway-d

 

Mikrofonierung I

Ähm, ja, ihr erinnert euch, da war doch noch was. Ich hab jetzt schon mehrfach von Mikrofonierungen gesprochen. Und tatsächlich: für den „Walker 1955 Steinway Grand D“ bieten uns die beiden Jungs von Embertone tatsächlich mehrere Samplesets an. Hauptunterschied dabei sind die verwendeten Mikrofone und deren Position.

Zur Verfügung stehen dabei ganze sechs verschiedene Aufnahmesettings:

Standard
Mikrofon(e): AKG C414 XLS, ORTF Stereo
Position: über und neben dem Flügel

Nah
Mikrofon(e): Neumann U87, A/B Stereo (Kugel)
Position: 15cm über den Seiten

Hammer
Mikrofon(e): Superlux S241/U3, X/Y Stereo
Position:  30cm direkt über der Hammermechanik

Raum
Mikrofon(e): Schoeps CMC 6, A/B Stereo (Niere)
Position: aus 1,80m Entfernung und 2,30m Höhe aus Publikumsperspektive in das Innere des Flügels bei geöffnetem Deckel

Weit
Mikrofon(e): Modified Oktava Mk012, A/B Stereo (Kugel)
Position: an der Spielerposition, 30cm von der Tastatur entfernt und zu den jeweiligen Enden der Tastatur ausgerichtet

Kunstkopfstereo
Mikrofon(e): Stereo Kunstkopfmikrofon (liebevoll  Bruce genannt)
Position: ca. 60cm von der Tastatur an der Spielerposition in Ohrhöhe

 

 

So, damit wisst ihr jetzt, um was es geht.  Jede Mikrofonierung ist ein eigenes Instrument (nki). Und jedes Sampleset ist auch wieder 34 GB groß. Wie Jonathan und Alex selbst sagen: „This thing is HUGE!“ Ja, isses.

Die Standardmikrofonierung wird mitgeliefert. Jede weitere Mikrofonierung ist einzeln für je 13€ zu beziehen, oder man kauft sich direkt die Fullversion mit allen Mikrofonierungen. Das ist dann auch deutlich günstiger, als sich alle einzeln nachzukaufen.

Einen Zahn muss ich euch dabei aber ziehen: wer glaubt, er kann dann ja einfach nur ein Samplesset für 12€ kaufen und hätte den „Walker 1955 Steinway Grand D“, Pustekuchen: das Standardset ist immer notwendig, um die anderen Mikrofonierungen verwenden zu können.

 

Mikrofonierung II

Und auch hier gilt: Klingt ja spannend, aber kann man die Unterschiede denn großartig hören?! Ja, man kann. Bitteschön:

Wobei natürlich das Kunstkopfstereo-Sampleset eine Besonderheit darstellt. Das sollte man mit Kopfhörern verwenden, so wie es quasi auch aufgenommen wurde. Dann ist die Illusion perfekt. Grandios!

Und dann kommt die Frage: Braucht man das tatsächlich?!
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber wenn man nicht grade einen „Walker 1955 Steinway Grand D“, von dem es ja in dem Setting nur einen gibt, im Studio stehen hat, oder den grade mal einfliegen lassen kann, für den dürften grade diese verschiedenen Mikrofonierungen für die verschiedenen Einsatzzwecke durchaus interessant sein. Je nachdem, für was man den Flügel grade verwenden möchte.

 

Zusammenfassung

Nun, Libraries mit Konzertflügel für Kontakt gibt es bereits einige. Zum einen natürlich die in NI Komplete beinhalteten Exemplare, die „Alicia’s Keys“ ebenfalls von NI oder auch die grade von 8DIO veröffentlichte „The New 1969 Steinway Piano“. Warum sollte es dann ausgerechnet diese hier sein?

Nun, abgesehen davon, dass die Standardpiano Libraries aller DAW, Sampler wie Kontakt oder Independence oder XT natürlich klanglich nicht an die genannten, spezielleren Libraries heranreichen, da sie einfach nicht den Klangumfang und vor allem die Detailtreue wiedergeben können, hat der „Walker 1955 Steinway Grand D“ von Embertone halt noch einige Features mehr, die ihn für mich außergewöhnlich machen. Ganz vorne dabei natürlich die Releasesamples. Und die Auswahl der verschiedenen Mikrofonierungen.

Wer braucht das?! Nun, wer nur „mal eben“ ein bisschen „Klavier“ für einen Pop- oder Rocksong oder den nächsten Housetrack braucht, für den ist die „Walker 1955 Steinway Grand D“-Library natürlich schon ein wenig „overdressed“. Dafür ist diese Library auch sicher nicht gedacht.

Diese Library hier will den puren Klavierklang transportieren. Die „reine Lehre“ sozusagen. Denn erst dann kommen die ganzen Spielereien und die Detailverliebtheit dieser Library zum Tragen. Dafür merkt man meiner Meinung nach dann aber auch wirklich kaum mehr einen Unterschied zu einem echten Flügel. Außer bei der Tastatur natürlich. Aber hören kann man ihn eigentlich nicht mehr.

Also: Klassik. Und …Jazz vielleicht auch noch. Oder – so wie ich das gerne mache – einfach stundenlang am Flügel vor sich hin improvisieren. Sich treiben lassen. Klang pur halt.

DAS ist der „Walker 1955 Steinway Grand D“.

(Und ja, dafür wandern meine bisher so geliebten „Alicia’s Keys“ tatsächlich in die Mottenkiste. Sorry, Alicia.)

 

Fazit

Mit dem „Walker 1955 Steinway D“ ist Embertone erneut, wer hätte es anders erwartet, eine superbe Library mit extremster Detailverliebtheit, aber auch dem entsprechenden Speicherplatzverbrauch gelungen. Wer den puren Klang eines echten Steinway D Fullsize-Flügels inklusive feinster Facetten wie Releasesamples sucht, hat hier sein Ziel gefunden. Mehr braucht man nicht. Aber auch nicht weniger.

(Und draußen ist es inzwischen noch heißer, als zu Beginn des Testberichtsschreibens. Jetzt brauch ich wirklich ein Eis! Oder zwei…)

 

Plus:

+ Sound

+ Releasesamples

+ verschiedene Mikrofone und Positionierungen

 

Minus:

–  erfordert relativ hohe Festplattenperformance

 

Bezugsquellen

Die Embertone Library „Walker 1955 Steinway Grand D“ ist über die Webseite von Embertone beziehbar.

Die UVP für die Standardversion mit einer Mikrofonierung liegt bei 99$ (ca. 85€).
Jede weitere, einzeln erhältliche Mikrofonierung kostet 15$ (ca. 13€).

Die Komplettversion mit allen Mikrofonierungen liegt bei 149$ (ca.125€).

Die Lite Version ist für 39$ (ca. 35€) erhältlich.

 

Weitere Informationen und Bezug über die Herstellerseite:

https://embertone.com/instruments/steinwayD.php


Klaus Feurich
Über Klaus:
Musiker und Techniker: Keyboards, Gitarre, Sounddesign, Ton- und Studiotechnik, Computertechnik
http://lunymarmusic.com

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