Testbericht Native Instruments Skanner XT

4 Kommentare

Testbericht von Perry Staltic

Die Firma Native Instruments (NI) aus Berlin gehört nicht nur zu den Marktführern im Bereich des computergestützten DJing, sondern zählt auch sicherlich mit Fug und Recht auf dem Gebiet der virtuellen Instrumente zu den Platzhirschen.

Nun ist ganz frisch ein neuer Klangerzeuger bei uns zum Test eingetroffen, der die ausgetretenen Synthese-Pfade zu verlassen versucht, indem er uns nicht die x-te Analogsimulation präsentiert, sondern mit einem eigenständigen Konzept aufwartet und dabei sowohl den live spielenden Musiker als auch den versierten Klangschrauber ansprechen soll.

Der neue Nachwuchs bei NI hört auf den Namen „Skanner XT“ und ist kein normales Plugin, vielmehr handelt es sich dabei um ein sogenanntes „Ensemble“ für den hauseigenen „Reaktor 5“. Dies bedeutet, dass man Letzteren unbedingt zum Betrieb des Skanner XT benötigt, allerdings ist man dabei nicht zwingend auf die kostenpflichtige Vollversion angewiesen, denn der Skanner XT läuft zum Glück auch mit dem kostenlosen „Reaktor 5 Player“, der online bei NI erhältlich ist.

Da mir zu diesem Test ebenfalls nur die Player-Version des Reaktor 5 zur Verfügung stand, musste ich leider einige interessante Optionen des Skanner XT ausklammern, die lediglich den Nutzern der Vollversion vorbehalten sind, doch dazu weiter unten mehr.

Möglicherweise kann ich diese hier unterschlagenen Aspekte einmal separat nachreichen, falls ich den Skanner XT noch einmal mit einer Reaktor 5-Vollversion zu testen vermag.

Bei dem Namen „Skanner XT“ werden sicherlich einige von Euch aufhorchen, hatte NI doch im vergangenen Dezember für kurze Zeit ein kostenloses Reaktor-Ensemble namens „Skanner“ veröffentlicht, welches auch noch mal rund drei Monate später auf der DVD einer Ausgabe der BEAT auftauchte. Der Skanner XT ist sozusagen der große Bruder des kurzfristigen Gratis-Skanners, er verfügt über einen deutlich größeren Klangvorrat, über zusätzliche Effekte sowie über zwei neue Sound-Kategorien.

Für diesen Testbericht wäre sicherlich auch einmal ein direkter Vergleich zwischen diesen beiden Versionen interessant gewesen, allerdings gilt hier: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Zwar habe ich ich die erwähnte BEAT-Ausgabe mitsamt DVD ebenfalls hier liegen, als ich jedoch vor einigen Tagen den in der Zeitschrift abgedruckten Link zur Anforderung der Seriennummer in meinem Webbrowser aufrufen wollte, existierte diese Seite bei NI leider nicht mehr…

Allgemeines (Installation, Optik, Bedienung etc.)

Getestet habe ich den Skanner XT auf dem folgenden System: Windows XP Professional x32 mit SP3, Athlon X2 4200+ mit 2,5 Gigabyte RAM. Und wieder mal kam EnergyXT 2.6 als DAW zum Einsatz.

Nachdem ich zunächst den Reaktor 5 Player auf meinem System installiert hatte (dieser läuft übrigens entgegen der Angabe auf der NI-Webseite auch auf Windows XP!), schaufelte die Setup-Routine des Skanner XT selbigen an den gewünschten Ort auf meiner Festplatte. Als ich anschließend den Reaktor 5 Player öffnete, fand ich in dessen Browser auf der linken Seite auch schon das Skanner XT-Ensemble zur Auswahl. Dieses zieht man einfach mit gedrückter Maustaste hinüber in den anfangs noch leeren Bereich des Reaktor Players.

Auf diese Weise lädt man den Skanner XT. Beim ersten Start erscheint ein Hinweis, der darauf aufmerksam macht, dass man den Skanner XT noch nicht mit der mitgelieferten Seriennummer registriert/aktivert hat. Dazu benötigt man zwingend einen kostenlos zu erstellenden Online-Account bei Native Instruments. Hat man schon einen Account, so führt der schnellste Weg zur Aktivierung online über das NI Service Center. Dies erfordert aber natürlich, dass der DAW-Rechner auch (temporären) Zugang zum Internet hat, ansonsten ist man halt auf die Option zur Offline-Registrierung mittels Dateien, die man auf einen Internet-fähigen Rechner kopieren muss, angewiesen. Ich habe, weil’s schneller geht, die erste Möglichkeit gewählt und meinen Rechner dazu kurz online geschaltet.

Bedienoberflächen hat der Skannter XT gleich zwei, nämlich eine Kleinere („A-Ansicht“) mit weniger Parametern, die beim Start automatisch geladen wird und die sich vorrangig für Live-Performances eignet, sowie eine Größere („B-Ansicht“), die mit tiefer reichenden Eingriffsmöglichkeiten, zum Sound-Editieren einlädt. Dazu gleich mehr. Diese beiden Bedienoberflächen kommen im NI-typischen Design daher, wirken also modern und funktionell.

Einen obligatorischen Minuspunkt gibt es allerdings von mir für die fehlende Option, die virtuellen Regler des Skanner XT auch mit dem Mausrad bedienen zu können. Somit bleiben AI-Knob- oder PowerMate-User wieder einmal außen vor…

Die CPU-Auslastung war zumindest auf meinem schon etwas betagterem System durchaus spürbar, das CPU-Meter des Reaktor Player zeigte bei geladenem Skanner XT etwa 25% Auslastung an, und (das nicht Multi-Core-fähige) Energy XT bedankte sich dann bei mir ab der vierten geladenen Instanz mit diversen Audio-Aussetzern.

Native Instruments SKANNER XT

Die Klangarchitektur des Skanner XT

Obwohl die Klangerzeugung des Skanner XT auf Samples basiert, handelt es sich dabei mitnichten um einen typischen „ROMpler, bei dem diverse Multisamples abgefeuert und mit einigen Synthesizer-typischen Bearbeitungsmöglichkeiten versehen werden.

Vielmehr geben zwei (wohl der Einfachheit halber als „Oscillators“ bezeichnete) Klangerzeugungsquellen jeweils einen Ausschnitt aus einem der inkludierten Samples wieder, wobei eben das „Scannen“ dieses Ausschnitts auf vielfältige Weise (etwa in Position, Richtung und Geschwindigkeit) moduliert werden kann.

Native Instruments selbst beschreibt das Ganze so: „Bei tiefen Frequenzen entsteht über das Vorwärts- und Rückwärts-Abtasten von Samples ein Scratch- ähnlicher Sound. Bei höheren Frequenzen überwiegt das von der Sample-Wellenform geprägte Signal der Oszillatoren.“

Darüber hinaus stehen neben weiteren Modulatoren (zum Beispiel Amplituden-Modulation) auch noch Hüllkurven, Filter und allerlei Effekte als Werkzeuge zu Verfügung, um den Grundklang weiter nachzubearbeiten. Die Filter und die Effekte weisen dabei – wie von NI gewohnt – eine sehr gute Qualität auf.

Skanner XT kommt mit insgesamt 296 Pesets, die in die Sound-Kategorien „Pads“, „Soundscapes“, „Bass“, „Lead“, „Keys“, „SFX“, „Chiptune“ und „Motion“ aufgeteilt sind. Während „Motion“ dabei vornehmlich rhythmische Klangverläufe enthält, dürfte „Chiptune“ mit seinen zahlreichen an die Spielekonsolen und Arcadeautomaten der 80er Jahre gemahnenden Sounds wohl bei Freunden des „8-Bit-Techno“ auf rege Zustimmung treffen, ATARI lässt grüßen…

Die Auswahl aus den insgesamt 24 mitgelieferten Samples erfolgt dabei ebenso wie die oben erwähnte Möglichkeit zum tieferen Eingriff in das Klanggeschehen stets auf der „B-Ansicht“ des Skanner XT. Letztere stellt daher auch die erste Anlaufstelle für den geneigten Klangschrauber dar.

Die „A-Ansicht“ hingegen ist für das Live-Spiel optimiert. Hier finden sich auf der rechten Seite vier sogenannte „Macro Controls“, mit denen man jeweils mehrere (in der „B-Ansicht“ zu definierende) Parameter auf einmal ansteuern kann. Damit lassen sich subtile bis drastische Klangänderungen live erzeugen und auch in der DAW aufzeichnen. Das macht natürlich vor allem dann Spaß, wenn man dazu einen MIDI- oder Automations-Controller benutzt. Die vier „Macro Controls“ lassen sich wahlweise aber auch via eines separaten LFO modulieren, jeder Regler sogar separat und auf Wunsch natürlich auch synchron zum Host-Tempo.

In der Mitte der „A-Ansicht“ befindet sich der „Preset Morpher“. Dieser erlaubt es, sein Name verrät es bereits, zwischen insgesamt acht verschiedenen „Snapshots“ (so heißen die Preset-Sounds beim Reaktor und damit auch beim Skanner XT…) mit einstellbarer Geschwindigkeit zu morphen, also quasi fließend von einem Sound zu einem Anderen hinüberzublenden. Diese dynamischen Morphing-Bewegungen können auch in der DAW automatisiert werden, sie sind also nicht nur für Live-Performances gedacht. Der „Preset Morpher“ muss deaktiviert sein, wenn man die „B-Ansicht“ des Skanner XT aufrufen möchte, um einen Snapshot zu bearbeiten. Dies wird auch durch eine entsprechende Warnmeldung kommuniziert.

Reaktor Player vs. Reaktor Vollversion

An dieser Stelle möchte ich auch noch auf die erweiterten Möglichkeiten hinweisen, die den Besitzern der Reaktor 5-Vollversion vorbehalten sind, wenngleich es mir nicht möglich war, diese für den vorliegen Bericht zu testen.

Zunächst einmal ist man mit der Vollversion in der Lage, seine eigenen Snapshots abzuspeichern (und natürlich wieder aufzurufen…). Nutzern des Reaktor Player steht hier lediglich die Option zur Verfügung, vorgenommene Klangeinstellungen zusammen mit dem DAW-Projekt abzuspeichern. Dies funktioniert logischerweise nur bei Verwendung des Reaktor Player als Plugin, nicht jedoch als Stand-Alone-Version.

Die interessanteste Option für Anwender der Vollversion stellt jedoch sicherlich die Möglichkeit dar, auch beliebige eigene Samples als Ausgangsmaterial für die Oszillatoren zu nutzen. Hiermit tut sich natürlich ein nahezu unendliches Universum an neuen Klangfarben auf. Es ist schade, dass dies nicht auch mit dem Reaktor Player möglich ist, und weckt natürlich Begehrlichkeiten nach der Vollversion. Ob NI sich wohl etwas dabei gedacht hat…? 😉

Es ist aber verblüffend, wie viele unterschiedliche Klänge sich auch allein mit den enthaltenen 24 Samples des Skanner XT realisieren lassen. Die mitgelieferten Presets belegen dies eindeutig.

Wie der Skanner XT klingt

Der Skanner XT klingt in meinen Ohren grundsätzlich digital. Dies meine ich aber durchaus in einem positiven Sinne, denn Analoge gibt’s ja eigentlich schon genug! Der Skanner XT hat einen druckvollen, rauen und manchmal auch harschen Klang, der sich im Mix sehr gut durchsetzt, vor allem im Mischbetrieb mit Analogsynthies. Bisweilen wurden bei mir Assoziationen zur FM-Synthese geweckt, etwa bei den knochentrockenen Bässen. Der Klangcharakter ist dabei natürlich auch vom verwendeten Sample abhängig.

Ich habe ein paar einfache Klangbeispiele vorbereitet, möchte Euch hier aber auch noch empfehlen, Euch unbedingt mal die Demotracks auf der NI Webseite anzuhören, diese sind professionell und sehr modern produziert! (Anmerkung Andreas: Leider hat uns Soundcloud die Sounds geklaut ….. daher leider keine Klangbeispiele)

Den Anfang macht ein simples Stück, bei dem alle Klänge mit Ausnahme der Drumsounds vom dem Skanner XT stammen (keine EQs oder externen Effekte, lediglich eine leichte Summenkompression mit dem Density MK II). Die Klangveränderung im Bass habe ich dabei via manuell angelegter Automationskurven erledigt.

[soundcloud params=“auto_play=false&show_comments=true“]http://soundcloud.com/andreas-eberhardt/klangbeispiel-ni-skanner-xt-a[/soundcloud]

Und hier hört Ihr noch mal etwas in Richtung Klangkollage, denn auch das ist eine der Spezialitäten dieses Synthies. Diesmal kommen alle Sounds ausschließlich vom Skanner XT.

[soundcloud params=“auto_play=false&show_comments=true“]http://soundcloud.com/andreas-eberhardt/klangbeispiel-ni-skanner-xt-b[/soundcloud]

Fazit:

Mit dem Skanner XT bringt NI einen Synthesizer an den Start, der richtig Spaß macht. Hier ist endlich mal wieder ein kreativer Umgang mit Samples abseits des altbekannten ROMpler-Prinzips angesagt. Die Bedienung gestaltet sich nach kurzer Einarbeitung in das Konzept erfreulich unkompliziert, und das Teil klingt richtig gut und professionell, was sicherlich die Hauptsache ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Skanner XT noch in zahlreichen kommerziellen Musikproduktionen und in diversen Film-Soundtracks (Podracer, Raumgleiter, Droiden und Transformer vertont der Skanner XT mit links…) zu hören sein wird. Der Skanner XT mit seinem durchsetzungsfähigen und alles andere als „braven“ Sound stellt meiner Meinung nach vor allem eine ideale Ergänzung zu Analogsynthesizern und deren Emulationen dar.

Der Skanner XT eignet sich im Prinzip für jede Spielart elektronischer Musik, dürfte aber wohl besonders Freunde im Lager der deftigeren Klänge finden. Technoides und EBM- und Industrial-Sounds zaubert er genauso leicht, wie abgefahrene Effektsounds für Film- und Videospielproduktionen.

Der Preis für den Skanner XT beträgt 49,- Euro. Damit gehört er sicherlich zu den erschwinglicheren Software-Synthesizern auf dem Markt (sofern man ausschließlich mit dem kostenlosen Reaktor 5 Player arbeitet…). Die Glücklichen, die den kleinen Bruder Skanner (also ohne das „XT“) seinerzeit erhaschen konnten, bekommen das Upgrade auf den Skanner XT übrigens zum halben Preis (24,50 Euro) und erhalten damit insgesamt 296 Presets, zwei neue Effekte (Flanger & Cabinet) sowie zwei neue Sound-Kategorien („Chiptune“ und „Motion“).

Was mir besonders gut gefiel:

  • Sehr guter Grundklang
  • Konzept und Klangmöglichkeiten
  • Bedienung
  • optisches Design
  • Preis

Was mir weniger gut gefiel:

  • Keine Reglerbedienung via Mausrad möglich
  • Einbindung eigener Samples erfordert Reaktor 5-Vollversion
  • teilweise nicht geringe CPU-Belastung

Mein subjektives Testurteil nach Schulnoten: gut bis sehr gut (2+)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

4 Gedanken zu “Testbericht Native Instruments Skanner XT”

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen