Testbericht TAL „U-NO-LX“ 1


Die Schweiz: majestätische Berge, gelber Käse, lila Kühe, tanzwütige Pseudo-DJs mit niedlichen Namen und geheime Nummernkonten… Neben diesen und noch einigen Klischees mehr, die man mit unseren eidgenössischen Nachbarn assoziieren mag, kommen einem Plugin-Junkie wie mir natürlich auch sofort die gesammelten Werke von Togu Audio Line in den Sinn.

Togu Audio Line oder kurz TAL bereichert die Plugin-Szene nämlich schon seit einigen Jahren mit kostenlosen und dabei dennoch professionellen Synthesizern und Effekten, die sich durch ihre Qualität und Machart wohltuend von der Masse der üblichen „Me-Too“-Software nach dem Baukastensystem abheben.

Patrick Kunz, der Kopf hinter TAL (Macht dieser Mann das eigentlich alles alleine…?!), hat dabei wiederholt bewiesen, dass er die Disziplin des DSP- Programming sicher beherrscht.

Auch im Plugin-Ordner des Verfassers tummeln sich TALs Kreationen und werden diesen wohl auch niemals mehr verlassen. Einige davon werden bei mir im Studio regelmäßig zur Arbeit aufgerufen. Beispielsweise setze ich nach wie vor häufig und gerne das TAL-Dub II ein, obwohl ich auch noch über eine Handvoll recht guter, kommerzieller Delay-Plugins verfüge. Auch der NoizeMaker von TAL hatte im Bereich (nicht nur!) der „analogen“ Freeware-Synths neue klangliche Maßstäbe gesetzt.

Um so gespannter waren wir natürlich, als wir erfuhren, dass Togu Audio Line nun mit dem U-NO-LX sein erstes kommerzielles Plugin veröffentlicht hat, einem Synthesizer, der einmal mehr die Vorliebe TALs für gewisse japanische Synthesizer der 1980er Jahre mit weiblichen, aus der römischen Mythologie abgeleiteten Namen unter Beweis stellt, die der Verfasser dieser Zeilen im Übrigen teilt.

Die Gemahlinnen des Jupiter

1982 brachte die japanische Firma ROLAND den (eigentlich müsste es ja jeweils „die“ heißen …) JUNO-6 auf den Markt, einem verhältnismäßig preisgünstigen, 6-stimmig polyphonen Analog-Synthesizer mit zwar einfacher Klangarchitektur, aber sehr gutem Grundklang, der allerdings im Gegensatz etwa zum KORG Polysix über keine Möglichkeit zur Speicherung von Klängen verfügte.

Das begeisterte die Musikerwelt Anfang der 80er Jahre verständlicherweise nicht mehr so wirklich, und so schob ROLAND auch nur wenige Monate später den JUNO-60 nach, der nun unter anderem endlich auch eigene Klangkreationen abspeichern ließ. Dieses Modell erfreute sich schnell großer Beliebtheit und ist auch auf zahlreichen kommerziellen Musikproduktionen aus dieser Zeit zu hören.

Synthesizer Roland Juno

Das Gleiche gilt im Prinzip auch für den 1983 veröffentlichten JUNO-106, einem etwas kleineren und leichteren Nachfolger, der zwar als einer der ersten Synthesizer über das damals brandneue MIDI-Interface verfügte, dafür aber auf den gerngesehenen Arpeggiator seines Vorgängers verzichten musste. Zudem sagen Kenner beider Instrumente dem Juno-106 einen etwas „zahmeren“ Klangcharakter nach, was wohl dem Umstand geschuldet ist, dass der JUNO-106 im Gegensatz zu JUNO-6 und JUNO-60 über einen DCO („Digital Controlled Oscillator“) und nicht einen VCO („Voltage Controlled Oscillator“) verfügt, somit also schon den Ansätzen der zunehmenden Digitalisierung unterlag.

Der Verfasser dieser Zeilen hat leider niemals einen JUNO-60 besessen, dafür aber rund zehn Jahre lang eben jenen Nachfolger JUNO-106, von dem er stets begeistert war. Denn die Klangarchitektur war grundsätzlich ähnlich, und die Bedienung war sogar identisch: Regler anfassen, Klänge nach Gehör basteln, fertig! Keine stupide Werte-Eingabe mit Drucktastern und LCD-Mäuse-Kino, wie es uns wenig später als der große „Fortschritt“ verkauft werden sollte, die gerontologisch Fortgeschritteneren unter Euch erinnern sich bestimmt noch… ,-)

Der TAL-U-NO-LX (sprich JUNO-LX, aber ROLAND wird offenbar stinkig, wenn man ihre Produktbezeichnungen verwendet…) stellt augenscheinlich eine etwas aufgebohrte Emulation des älteren JUNO-60 dar. Mit dem TAL-U-NO-62 hat Togu Audio Line ja bereits ebenfalls schon seit längerem einen oft gelobten und kostenlosen JUNO-Klon am Start, und der kommerzielle Nachfolger wird sich natürlich auch der Konkurrenz aus dem eigenem Hause stellen müssen.

Allgemeines (Installation, Optik, Bedienung etc.)

Mal wieder mein übliches altes Test-System: Windows XP Professional x32 mit SP3, Athlon X2 4200+ mit 2,5 Gigabyte RAM. Die verwendeten Hosts waren EnergyXT 2.6 und Cubase 5.5.

Der TAL-U-NO-LX ist, wie alle Plugins von Togu Audio Line, sowohl für MacOS als auch für Windows verfügbar, für Windows gibt es dabei jeweils VST-Installer für x86- und x64-Betriebsysteme, während Mac-User die Wahl zwischen VST- und AU-Plugins haben, ebenfalls jeweils als 32bit- und 64bit-Version. Somit sind die Kreationen von TAL auch nicht mit einem der bekannten Baukastensyteme á la SynthEdit oder SynthMaker entstanden, sondern von Grund auf programmiert.

Die Setup-Datei befördert das Plugin in den gewünschten Ordner, anschließend muss nach dem ersten Start nur noch die vom Käufer erworbene Seriennummer eingegeben werden. Dafür gibt es einen speziellen Menüpunkt im Preset-Menü. Ansonsten ist löblicherweise keine umständliche und lästige Aktivierungs-Prozedur von Nöten, womöglich noch über das Internet. Gut so.

Review TAL-U-NO-LX

Zum Vergrößern bitte in das Bild klicken

Wer jemals Hand an einen der vorgenannten JUNO-Synthies (oder auch an einen Analogsynthie überhaupt) gelegt hat, der kommt mit der Bedienung des U-NO-LX ohne Zweifel sofort zurecht. Meiner subjektiven Meinung nach ist das die beste JUNO-artige GUI, die ich bisher bei einer Emulation dieser Synthesizer gesehen habe. Gefällt mir sogar noch besser, als die ohnehin schon ansehnliche Bedienoberfläche des U-NO-62.

Das liegt vor allem daran, die GUI des U-NO-LX den zur Verfügung stehenden Platz optimal ausnutzt und auf überflüssigen Schnickschnack, wie etwa nachgebildete Seitenteile des Originals oder Klaviatur verzichtet. Das Bedienpanel und die Regler orientieren sich optisch schon sehr nahe am Original, und beim Verfasser kam auch sofort das altbekannte „JUNO-Feeling“ auf. Das Plugin lässt sich sogar einigermaßen gut über einen Touch-Screen bedienen, leider fehlt hier aber noch das haptische Feedback, um die Illusion perfekt zu machen… 😉

Und endlich kann ich auch mal wieder einen Pluspunkt vergeben für die bei einem Plugin vorhandene Option, dessen virtuelle Regler auch mit dem Mausrad bedienen zu können. Mein Griffin PowerMate bedankt sich ebenfalls dafür!

Übrigens beherrscht der U-NO-LX auch MIDI-Learn der Regler für den Einsatz mit diverser Controller-Hardware sowie Parameter-Automation im Host. Beides funktionierte in der Praxis einwandfrei.

Die CPU-Auslastung des U-NO-LX stellte auch meine alte Gurke von Rechner vor keinerlei Probleme, und lange Ladezeiten waren ebenfalls kein Thema.

Die Klangarchitektur des U-NO-LX

Die Klangerzeugung des U-NO-LX orientiert sich gleichermaßen sehr nahe an der Hardware-Vorgabe: ein Oszillator (hier aber korrekterweise als DCO bezeichnet…), der eine Sägezahnwelle sowie eine Rechteckwelle mit einstellbarer und modulierbarer Pulsweite erzeugen kann (übrigens bei Bedarf auch gleichzeitig), ein Suboszillator, der mit seiner Rechteckwelle dem Bass von unten herum „dicke Eier“ verpasst, ein Rauschgenerator, ein einfacher Hochpassfilter ohne Resonanz und eine 24dB-Tiefpassfilter-Sektion mit einstellbarem Cutoff, Resonanz, Verlaufsrichtung und Intensität der Hüllkurve, LFO-Modulationstiefe und Keyboard-Tracking. Das Ganze geht dann noch durch eine gemeinsame Hüllkurve für Filter und Lautstärke (Letztere kann alternativ auch via Schalter eine Orgel-artige Hüllkurve erhalten) sowie gegebenenfalls noch durch den LFO, und das war’s dann auch schon.

Das liest sich zunächst vielleicht etwas unspektakulär, aber man ist überrascht, wie viele unterschiedliche Klänge sich damit schon realisieren lassen. Und man gelangt schnell damit zum Ziel, anstatt sich in einer unüberschaubaren Parameterflut zu verlieren.

Als einzige Extravaganz wurde den JUNOs noch ein gut klingender Chorus-Effekt mit zwei festen Einstellungen beschert. Bei den Originalen neigte dieser Chorus zum hörbaren Rauschen, der TAL-U-NO-LX verzichtet zum Glück jedoch auf eine solche unerwünschte Realitätsnähe.

Im Gegensatz zu den Originalen ist der TAL-U-NO-LX zwölfstimmig spielbar. Zudem verfügt sein LFO nicht nur eine Sinuswelle, sondern auch noch über Dreieck-, Sägezahn-, Rechteckwelle sowie Zufallsmodulation und ist wahlweise zum Host-Tempo synchronisierbar (ich benötigte damals bei einem Track, bei dem mein JUNO-106 einen Sound mit langsamer Filtermodulation durch den LFO spielte, bestimmt an die zehn Aufnahmedurchläufe, bis es sich halbwegs passend anhörte, da der LFO auch dann munter durchlief, wenn der Sequencer längst auf Stop stand…). Auch hier verzichte ich gerne auf zu viel Realitätstreue.

Der Arpeggiator des TAL-U-NO-LX ist ebenfalls synchronisierbar, man sogar die Wahl zischen Host-Tempo und MIDI-Clock. Den hätte ich in früher meinem JUNO-106 auch gerne eingebaut gehabt…

Auf weitere Zugaben, wie etwa eingebaute Delay- oder Hall-Effekte, hat TAL verzichtet, und das ist auch gut so! Ich persönlich bin nämlich kein sonderlicher Freund von eingebauten Effekt-Sektionen in Synthies, meistens schalte ich diese, wenn vorhanden, sogar ganz ab und verwende stattdessen lieber meine darauf spezialisierten Favoriten (z.B. das TAL-Dub…). Daher begrüße ich sogar, das TAL sein stringentes Konzept beim Design durch solche Weichspüler nicht wieder verwässert.

Der Klang des U-NO-LX

Kommen wir zum spannendsten Teil eines solchen Tests, denn wie immer gilt: Was nützt das schönste Design, wenn der Klang nicht stimmt?

TAL schreibt zum U-NO-LX, dass das Klangverhalten des Plugins peinlich anhand einem originalen JUNO-60 kalibriert wurde, den Patrick Kunz sein Eigen nennt. Wenn ich mir das Demo auf der TAL-Webseite anhöre, bei dem einige Presets jeweils kurz vom Juno-60 und danach vom U-NO-LX angespielt werden, dann kann ich beim besten Willen keinen Unterschied hören. Vielleicht sind meine alten Ohren ja auch schon völlig Schrott, aber ich hoffe, es liegt eher an der gelungenen Umsetzung von Togu Audio Line… 😉

Ich selbst habe ja, wie nun schon mehrfach erwähnt, damals einen JUNO-106 besessen und kenne zumindest auch noch einige andere ROLAND-Synthies aus dieser Zeitphase, etwa von diversen Bekannten oder auch aus einem Synthesizer-Kurs an der Volkshochschule, den ich mal besucht habe (Mann, die hatten, da richtige Schätzchen herumstehen, dafür muss man heutzutage wieder Mondpreise zahlen…).

Was ich damit sagen will, ist lediglich, dass meinem subjektiven Empfinden nach der Klangcharakter des TAL-UNO-LX dem typischen JUNO-Sound entspricht. Das betrifft nicht nur den Grundklang an sich, sondern auch das Verhalten von Filter, Hüllkurve, Chorus etc.

Daher gehen meine beiden Daumen für den Klang des U-NO-LX nach oben!

Dagegen habe ich bei manch anderen angeblichen JUNO-Emulationen schon öfters feststellen müssen, dass das Klangverhalten in keiner Weise dem Sound des Originals bei ähnlichen Reglereinstellungen und -Bewegungen entsprach.

Ich muss an dieser Stelle aber auch noch erwähnen, dass auch zwischen zwei einzelnen Hardware-JUNOs leichte klangliche Abweichungen vorkommen können, etwa wenn es sich um Modelle aus unterschiedlichen Fertigungsreihen handelt. Bei meinem eigenen JUNO-106 beispielsweise klangen identische, über das Cassetten-Interface geladene Presets hörbar anders, als bei dem JUNO-106 in der VHS. So war etwa der Filter-Cutoff bei beiden Geräten unterschiedlich trotz gleicher Reglerwerte auf dem Bedienpanel.

Bezüglich eines Klangvergleichs zwischen dem U-NO-LX und dem älteren U-NO-62 aus gleichem Hause fiel es mir beim nahezu identischen INIT-Sound beider Plugins zunächst etwas schwer, die subtilen Unterschiede wahrzunehmen, über meinen Kopfhörer jedoch erschien mir das Audio-Signal des U-NO-LX vor allem bei länger gehaltenen Noten schwebender und weniger statisch. Dieser subjektive Eindruck verdichtete sich bei der anschließenden Verwendung der zur Verfügung stehenden Klangparameter und des Chorus-Effekts zunehmend. Beim U-NO-LX hat Togu Audio Line somit ohrenscheinlich auch unter der Haube noch einmal ordentlich Hand angelegt, das Analog-Modelling weiter verbessert und nicht einfach nur alten Wein in neue Schläuche umgefüllt.

Auf jeden Fall klingt der neue Spross überaus amtlich und mindestens so gut, wie er aussieht! Mag ja sein, dass die Hardware noch einen Ticken mehr Unregelmäßigkeiten aufweist, weil sie eben analog ist, aber in einem Mix dürfte das wohl kaum zu hören sein.

Ich habe mal wieder einen einfachen Demo-Track gebastelt. Erwartet also bitte keine ausgefeilte Komposition, sondern achtet vielmehr vorrangig auf den Klang, denn dieser stammt ausschließlich vom TAL-U-NO-LX (8 Instanzen), ohne FX und Mastering:

Anmerkung Andreas: Soundcloud hat die Sounds geklaut, leider kann ich Euch die Klangbeispiele nicht mehr anbieten.

Bei TAL gibt es übrigens noch weitere Demo-Tracks inklusive des oben erwähnten Direktvergleichs zwischen Hardware und Software. Auch eine Demo-Version des TAL-U-NO-LX, die keine Speicherung von Klängen zulässt, lässt sich hier downloaden. Ziehen und Testen!

Bleibt noch zu erwähnen übrig, dass der TA-U-NO-LX für die eher Schraubfaulen gleich mit einer ganzen Batterie an Presets ausgeliefert wird, darunter befindet sich auch die originale „Factory Bank A“ des JUNO-60.

Fazit

buenasideas-tippWas soll ich jetzt noch großartig um den Brei herumreden…ähhh…schreiben? Der TAL-U-NO-LX hat mir außerordentlich gut gefallen, was sicherlich auch durch den Umstand begründet sein mag, dass ich diese JUNOs und ihren Sound eben einfach mag. Aber gerade genau deswegen habe ich auch schon viele Möchtegern-JUNOs nach kurzem Testen gleich wieder gelöscht, weil sie nach allem anderen klangen, bloß nicht nach einem JUNO. Den TA-U-NO-LX hingegen wird dieses Schicksal sicherlich nicht ereilen, denn er bietet verblüffend realistischen Sound und ein (fast) authentisches Feeling plus die Vorzüge eines Plugins.

Der TAL-U-NO-LX ist nur direkt bei Togu Audio Line erhältlich und kostet 70,- US-Dollar (rund 56,- Euronen), bis zum 1. September 2012 wird das Plugin aber noch für den überaus günstigen Einführungspreis von 35,- US-Dollar (etwa 28,- Euro), also für gerade einmal die Hälfte, feilgeboten.

Für die gebotene Leistung ist auch der spätere Vollpreis für das Gebotene in Ordnung, vor allem, wenn man sich einmal anschaut, zu welchen Preisen andere kommerzielle Anbieter ihre Hardware-Emulationen verticken. Qualitativ bewegt sich Togu Audio Line mit dem TAL-U-NO-LX jedenfalls in der gleichen Liga wie diese.

Was mir besonders gut gefiel:

  • Sehr guter Grundklang
  • Bedienung
  • optisches Design
  • recht geringe CPU-Belastung
  • MIDI-Learn
  • Reglerbedienung via Mausrad möglich

Was mir weniger gut gefiel:

  • Da fällt mir jetzt tatsächlich nix ein… 😉

Mein subjektives Testurteil nach Schulnoten: sehr gut (1)

Download, Demoversion, weitere Klangbeispiele und Info zum TAL U-NO-LX findet ihr bei: kunz.corrupt.ch

Andreas: Und wenn Perry so begeistert ist dann gibt es von uns natürlich einen ganz dicken buenasideas.de Tipp!


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Ein Gedanke zu “Testbericht TAL „U-NO-LX“

  • Perry Staltic

    Update:

    Die Versionsnummer ist mittlerweile bei 2.0 angelangt und beinhaltet zahlreiche Detailverbesserungen und Fixes.

    Zudem wurde der Preis des U-NO-LX inzwischen von TAL auf gerade mal 40,- USD (also schlappe 30,- Euronen!) gesenkt.