Testbericht: FRACTIONATE von HOMEGROWN SOUNDS

Ein Testbericht von Stefan Federspiel,
veröffentlicht am 27.01.2022

ractionate Main Screen
Fractionate Main Screen

Fractionate ist ein MIDI- Sequenzer auf der Basis der Vollversion von Native Instruments Kontakt. Homegrown Sounds entwickelte neben zahlreichen Sample-Instrumenten, in die Sequenzer integriert sind auch einige MIDI-Generatoren und den freien MIDI Recorder, der so ziemlich der einzige Recorder ist, der mir bisher begegnet ist, der funktioniert. Die Kontakt Sequencer Collection und Midi Looper, zu dem es einen News-Artikel gibt bilden dabei eine Vielzahl von Möglichkeiten mit Noten in regelmäßigen Rastern ab. Fractionate verlässt dieses Raster zwar letztendlich auch nicht, teilt es aber anders auf. Das zugrunde liegende Prinzip sind Euklidische Rhythmen. Diese funktionieren so, dass man eine Sequenz mit einer festgelegten Länge von Schritten (Steps) hat, auf die eine kleinere Anzahl Schläge (Beats) möglichst gleichmäßig verteilt werden. Die Methode, mit der man diese gleichmäßige Verteilung berechnet geht auf den griechischen Mathematiker Euklid zurück, der sie sich vor über 2000 Jahren erdacht hat.

Prinzip Euklidische Rhythmen
Die euklidische Methode Beats auf Steps zu verteilen

Es gibt neben Hardware, meist in Modular-Synthesizern einige wenige Software-Plugins nach diesem Prinzip, die allerdings eher auf Drums spezialisiert sind, wie den Rhygenerator, zu dem es auf BuenasIdeas einen Kurztest gibt oder zu HY-RPE2, der auch einen gut ausgebauten euklidischen Sequenzer integriert hat, aber eben vor allem ein Drum-Sequenzer ist.
Wie es dazu in DAWs aussieht weiss ich nicht, nur dass FL Studio in seinem Channel- Pattern Step Sequencer gut versteckt einen sehr einfachen euklidischen Sequenzer untergebracht hat.

Fracrionate Sequenzer
Einer der Sequenzer von Fractionate

Die Abfolge in einer Sequenz und das Abspielverhalten wird von den Parameter-Einstellungen davor bestimmt. CLOCK leitet sich von den BPM des Hosts ab und es handelt sich bei der Grundeinheit wohl tatsächlich um die Master Clock Rate, die von 1- 128 gehen können. Der größte Wert 128 ist dann auch 128 Mal länger, als der Wert 1, der die Sequenz sehr schnell abspielt, ein Step entspricht dann einem 64.tel, 4 dem Wert eines 16.tels pro Step.
STEPS gibt die Anzahl der Schritte in der Sequenz an. DIVIDE mit wie vielen Beats die Sequenz unterteilt wird. Sechzehn Steps auf die sieben Beats verteilt werden entspricht gleich wie in dem Beispiel oben dann Steps 16 / Divide 7.
SHIFT verschiebt den Startpunkt der Sequenz nach rechts, was zu unterschiedlichen Betonungen führt, wenn man von einem Taktraster ausgeht.
VELO bestimmt die Velocity der ausgegebenen MIDI-Noten des Sequenzers.
LENG die Notenlänge im Verhältnis zum eingestellten Clock-Wert, schnell hintereinander abgespielte Noten sind kürzer, als solche mit größeren Abständen. Bei allen Clock-Werten hat das Ende der Note einen Abstand von einem 64.tel zur nächsten, auch bei 100% Länge. Bei 50% Lange verkürzt sich das dann auf die Hälfte, ein Viertel also auf ein Achtel minus ein 64.tel. Der FIXED LENGTH Button ganz oben in der Mitte entkoppelt die Notenlänge von der Clock und macht sie gleich für alle Clock-Rates.
PROBA die Wahrscheinlichkeit, mit der Noten abgespielt werden, bei 100% wird immer jeder Beat gespielt.
DIR bietet verschiedene Abspiel-Optionen, Vor, Zurück, Varianten von Vor/Zurück, Zufall und einen Modus, der zufällig einen Schritt vor oder zurück geht.

Fractionate arbeitet mit 12 Sequenzen, die mit verschiedenen Methoden verwendet werden können. Die erste, CHROMATIC ordnet jeder Sequenz von oben nach unten die 12 Noten einer Oktave zu, mit C beginnend, die unterste Sequenz triggert dann alle B’s (im deutschen System H’s) auf der Klaviatur in allen Oktaven. In welcher Oktave die Sequenz, die C, C#, D, D#, E usw. jeweils zugeordnet ist dann zu welchem Zeitpunkt abgespielt wird, wird davon bestimmt in welcher Oktave und in welcher Länge die Note in der Piano Roll eingezeichnet ist. Man kann Fractionate auch Live mit dem Keyboard spielen. C4 triggert also die oberste Sequenz, die wiederum eine Folge von C4-Noten ausgibt, solange diese Note in der Piano Roll/Keyboard gehalten wird. Um die vertikale Zuordnung der Noten umzudrehen und der Abfolge in der Piano Roll anzugleichen kann man den Key Flip -Button ganz oben aktivieren, dann ist C dem untersten Sequenzer zugeordnet.

Mit diesem CHROMATIC-Modus hat man eine sehr komfortable euklidische Sequenzierung von Melodien, die normalerweise eher für Rhythmen verwendet wird. Natürlich hat auch hier das Verfahren grundsätzlich seine Grenzen, da man eine Sequenz pro Noten-Typ hat. Ein C4 verwendet zwangsläufig die gleiche Sequenz wie ein C5 oder jedes andere C. Aber ich sehe Fractionate weniger als ein Performance-Instrument, als vielmehr einen Phrasen/Loop Lieferanten, dessen Output dann ohnehin noch nachträglich arrangiert wird. Man könnte also verschiedene Sequenzen einstellen, das MIDI aufnehmen und dann nachträglich zusammenstellen, wie man will. Außerdem entkoppeln die anderen Modi die Noten von fest zugeordneten Sequenzen.

Cycle Menue
Das Cycle Menü

CYCLE FWD startet mit der obersten Sequenz, jede gleichzeitige weitere Note wird von der nächsten Sequenz darunter genutzt. Werden z. B. vier Noten gleichzeitig in der Piano Roll abgespielt, sind vier Sequenzer aktiv. Sind diese Noten zu den nächsten vier gebunden (Legato), wird der nächste Vierer-Block Sequenzer getriggert. Der Modus ELASTIC F macht dasselbe, nur reagiert er nicht auf Legato-Noten. CYCLE REV entspricht CYCLE FWD, nur werden die Sequenzen von unten angefangen getriggert. RANDOM triggert völlig zufällig die Sequenzer. Dabei kann es auch vorkommen, dass die Anzahl reduziert wird, also vier Noten dann zwei Sequenzer benutzen. SEQUENCE 1 benutzt immer die oberste Sequenz.

Die Options-Abteilung oben rechts regelt die Auswirkungen des Mod-Wheels auf die Verringerung der Velocity und man kann damit den Output aller Sequenzen einige Oktaven höher verschieben. MAX SEQS reduziert die Anzahl der Sequenzen, die für die Cycle-Methoden genutzt werden. FLUCTUATE fügt der Velocity kleine zufällige Variationen hinzu.

Optionen
Die globalen Optionen

Wie in allen Kontakt-Instrumenten von Homegrown Sounds spielt die Erzeugung neuer Presets per Zufallsgenerator eine große Rolle und es kann fein eingestellt werden, welche Parameter wie verändert werden. Dieses Panel befindet sich direkt über den Parametern für die Sequenzer und stimmt in der Anordnung damit überein. Es können Bereiche angegeben werden, zwischen denen die zufällig erzeugten Werte liegen sollen.

Random Panel
das Random Panel

Zum einen gibt es rechts am Ende jedes Sequenzers einen R wie Random Button, der die Parameter dieses Sequenzers durcheinender würfelt. Mit dem D-Button kommt man immer auf die Default-Werte im Default Template zurück.
Anders herum gibt es für jede Spalte in den Sequenzer-Parametern einen eigenen Random-Button, innerhalb welcher Parameter-Ranges sich dieser auswirkt kann man in den Zahlenfeldern darüber festlegen.
Der große GLOBAL RANDOMIZE Button schmeisst wie immer alle Parameter durcheinander. Er wirkt sich auch auf die Parameter auf der MOD-Seite aus.

Bewegungsarten

Hier spielen vier klassische Parameter-Sequenzer die Hauptrolle, davon steuern die ersten beiden die Parameter der Euklidischen Sequenzer auf der Hauptseite und überschreiben diese global, sie wirken sich also immer auf alle Sequenzer gleichzeitig aus.
Die zwei unteren Sequenzer geben MIDI-CC Werte aus, mit denen die Parameter des Ziel-Plugins direkt automatisiert werden können, z. B. den Filter Cutoff. Diese Werte sind gesteppt, wie die Höhen der Steps und werden nicht interpoliert, wie in MIDI MOD.

Modulation
Die Modulations-Seite von Fractionate

Mit dieser internen Modulation der Parameter der euklidischen Sequenzer hebt sich Fractionate von allen anderen Software-Sequenzern dieser Kategorie deutlich ab (wie das bei Hardware in Modularsystemen aussieht kann ich nicht abschätzen). Vor allem die Modulation von Division führt zu interessanten Ergebnissen, der Rhythmus verändert sich, wird ungleichmäßiger und Noten werden übersprungen. Steuern die Werte beider Sequenzer denselben Parameter addieren sie sich auf, werden aber auch dividiert, damit der Wertebereich nicht ständig überschritten wird. Der Abspielmodus wirkt sich hier noch deutlicher aus, als in den Haupt-Sequenzern, es macht einen großen Unterschied, ob der Abspielkopf einfach nur durchläuft und sich die Modulation wiederholt, oder ob die Steps zufällig per Random oder Toggle getriggert werden.

Beständig veränderte Steps führen zu einem eher sprunghaften Auffüllen der Beats während die Manipulation von Clock eine sehr experimentelle, kaum vorhersehbaren Variation der Abspielgeschwindigkeit bewirkt. Velocity verursacht je nach eingestelltem Wert deutliche Sprünge in der Gesamtlautstärke, sorgt aber auch für mehr Lebendigkeit.
Alle Regler bedeuten hier nicht einfach nur dass der Effekt der Modulation mehr oder weniger stark wirkt, wie ein Amount- oder Mix-Regler, sondern, dass sich auch die Qualität ändert. Wenig Division bringt auch eine Beschleunigung des Ablaufs, Velocity kippt ab einem bestimmten Punkt von einer Dämpfung der Lautstärke in eine hohe Dynamik.

Extremere Einstellungen, z. B. hohe Werte für Steps und Division in Kombination mit niedrigen für Clock führen zu sehr kurzen Noten.

Etwas Division und nicht so extrem unterschiedliche Steps für die Modulation sind auch für ruhigere Passagen brauchbar.

Gerade die Parameter-Modulation bringt auch innerhalb des wiederholten Ablaufs einer Phrase immer wieder ganz unterschiedliche Ergebnisse und liefert wenn man das aufzeichnet, entweder in der DAW oder mit dem eingebauten MIDI-Recorder, Rohmaterial aus dem man wiederum interessante Stellen herauskopieren und weiter verwenden kann.

Das Fractionate alle Parameter der Sequenzer nach aussen publiziert, kann man so auch einzelne Werte nur eines Sequenzers automatisieren. Was wiederum ganz andere Ergebnisse bringt, als wenn sich alle Sequenzer gleichzeitig ändern.

Die zwei MIDI CC Sequenzer können bei einem Ziel-Instrument zusätzlich interessante Klangvariationen bewirken. Sie sind in den Basiswerten, von denen sie starten einstellbar und auch die Auswirkung der Random-Buttons kann feinjustiert werden.

Aber auch ganz normal, ohne Modulation oder Export, kann die Random-Funktion mit etwas manueller Korrektur interessante Phrasen hervorbringen. Hier Keys und eine zweites Fractionate auf dem Bass.

Fractionate kann man auch auf ein Drum-Plugin richten und man bekommt dann die typischen euklidischen Rhythmen. Etwas besser zu diesem Zweck ist Formula geeignet, das in dem Serenity Group Buy Bundle enthalten ist, es enthält ein Kit-Management, Zeit-Effekt-basierte Trigger Keys und Keys, die Spuren stumm schalten können.

Fazit

Ein euklidischer Sequenzer bringt andere Sequenzen hervor, als ein herkömmlicher, das ist der Vorteil, er ist gleichzeitig eingeschränkter in den Möglichkeiten die Sequenz gezielt zu beeinflussen. Das kann man teilweise ausgleichen, indem man das exportierte MIDI nachträglich editiert, je nachdem Steps löscht oder hinzufügt.
Fractionate bietet mit seinen 12 Sequenzern in der Kombination mit den unterschiedlichen Methoden, wie sie genutzt und wie durch sie hindurch rotiert wird innovative Möglichkeiten. Dazu kommen die Modulations-Sequenzer, die noch mal eine neue Dimension eröffnen und das Abspielverhalten völlig verändern können. Die Ausgabe zusätzlicher CC Automationsdaten rundet die Einflussmöglichkeiten ab. Mir ist noch kein Euklidischer Sequenzer begegnet, der so viele Features und Spuren bietet und damit diese spezielle Art der Sequenzierung auch sehr gut für Melodien und nicht nur für Rhythmen zugänglich macht.

Produktseite Fractionate:
https://hgsounds.com/product/fractionate-for-kontakt-6/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*