Testbericht: CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Der Traumfänger

Ein Traumtagebuch …ähh… Testbericht von Perry Staltic,
veröffentlicht am 20.04.2022

Mal abgesehen vom Kernprodukt VOLTAGE MODULAR waren die bisher von CHERRY AUDIO veröffentlichten Plugins, egal ob nun Instrumente oder Effekte, allesamt Emulationen tatsächlich existierender Hardware aus den Siebzigern und Achtzigern. Der neue DREAMSYNTH DS-1 bricht nun mit dieser Tradition und präsentiert sich als originärer Software-Synthesizer ohne konkretes Vorbild, wenngleich CHERRY AUDIO angibt, sich an den hybriden Instrumenten der mittleren Achtziger und frühen Neunziger orientiert zu haben, bei denen die Präzision digitaler Wellenformen auf die vielbeschworene Wärme analoger Filter traf. Ein Traum in einem Traum oder doch eher Alptraum? Ich habe den DREAMSYNTH DS-1 einfach mal zur Untersuchung ins Schlaflabor eingeladen…


Hypnagoge Phase…

Bei all den Unterschieden, die DREAMSYNTH DS-1 zu seinen Geschwistern aufweist, gibt es auch viele Gemeinsamkeiten, die ihn eindeutig als ein CHERRY AUDIO-Plugin identifizieren. Wer von Euch bereits ein solches sein Eigen nennt, der kann jetzt gerne schon mal zum nächsten Kapitel scrollen, ohne befürchten zu müssen, dass er etwas verpasst…

DREAMSYNTH DS-1 ist ein reines 64-Bit-Plugin und läuft daher auch nur auf entsprechenden Betriebssystemen. Auf PC-Seite ist dies WINDOWS 7 oder neuer, beim angebissenen Apfel ist macOS 10.9 oder neuer erforderlich, zudem werden hier auch M1-CPUs nativ unterstützt.

Neben einer Standalone-Variante gibt es die üblichen Plugin-Formate, also VST2, VST3, AAX und AU, getestet habe ich jedoch wie immer nur die VST-Versionen. Mein Testsystem besitzt einen i7-4790K-Prozessor mit 4 x 4,0 GHz und 16 GB Arbeitsspeicher, darauf läuft sowohl WINDOWS 7 als auch 10. Ich habe DREAMSYNTH DS-1 auf beiden Systemen installiert und getestet. Unter WINDOWS 10 ging dem Rechner erstaunlicherweise beim weiter unten präsentierten Klangbeispiel trotz diverser Optimierungsmaßnahmen meinerseits schneller die Puste aus als unter WINDOWS 7 (bei Letzterem konnte ich mehr Instanzen des DREAMSYNTH DS-1 laufen lassen, ohne dass es zu Aussetzern kam).

DREAMSYNTH DS-1 unterstützt auch MIDI Polyphonic Expression, kurz MPE, zu dessen Nutzung ist jedoch ein kompatibler MIDI-Controller vonnöten, über den ich nicht verfüge.

Auch die Installation und die Aktivierung des Plugins folgt dem bei CHERRY AUDIO üblichen Procedere. Das bedeutet, dass auf dem Host-Rechner zumindest temporär eine Internetverbindung erforderlich ist. Zum einen werden beim Installieren nämlich noch einige Daten vom Server nachgeladen (Presets…?), zum anderen erfolgt die endgültige Freischaltung der Software ausschließlich online mit Hilfe der auch im obligatorischen CHERRY AUDIO-Account verwendeten Email-Adresse sowie dem dazugehörigen Passwort. Die alternative Möglichkeit einer Offline-Aktivierung existiert leider nicht.

Wenn man den DREAMSYNTH DS-1 nach seiner Installation nicht aktiviert, dann läuft er im Demo-Modus, in dem man ihn dreißig Tage lang ausprobieren kann, die einzige Einschränkung dabei ist ein periodisch auftretendes Rauschen im Audiosignal.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1

Die Bedienoberfläche des DREAMSYNTH DS-1 ist skalierbar, sowohl frei durch Ziehen mit der Maus als auch über eine Menü-Auswahl mit vorgegebenen Prozentwerten. Nahezu alle Parameter der Klangarchitektur befinden sich im direkten Zugriff, ohne umschaltbare Tabs oder Bildschirmseiten.

Die also durchaus gegebene Übersichtlichkeit und Ergonomie ließe sich meiner Meinung nach noch deutlich erhöhen, wenn CHERRY AUDIO die Farbgebung der einzelnen Sektion unterschiedlich gestaltet hätte, es würde wohl schon ausreichen, wenn man sich dabei nur auf die Labels und die Umrahmungen beschränkte, die derzeit allesamt hellblau bzw. weiß gefärbt sind.

Verschiedene GUI-Themen mit alternativen Farben, wie sie beispielsweise die hauseigenen CA2600 oder PS-20 bieten, kann man beim DREAMSYNTH DS-1 nicht auswählen.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - mit aktiverter FOCUS-Funktion
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – mit aktiverter FOCUS-Funktion

Die seinerzeit mit dem EIGHT VOICE eingeführte FOCUS-Funktion, die mittlerweile in allen Synthesizer-Plugins von CHERRY AUDIO Einzug gehalten hat, gibt es auch beim DREAMSYNTH DS-1. Hiermit lässt sich mal eben schnell ein Ausschnitt der Bedienoberfläche mit etwa doppelter Größe in den Vordergrund holen, um dort bequemer Einstellungen vornehmen zu können.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - MIDI-Learn-Funktion
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – MIDI-Learn-Funktion

Die Optionen zur Einbindung externer MIDI-Controller sind gewohnt üppig ausgefallen, neben dem Anlernen von Bedienelementen lassen sich alle vorgenommenen Zuordnungen noch nachträglich verändern, die jeweiligen Regelbereiche einschränken oder nicht-lineare Verläufe für die Regelkurven einstellen.

Auch eine Bedienung via Mausrad wird angeboten, zudem helfen UNDO- und REDO-Funktionen beim schnellen Vergleich verschiedener Parametereinstellungen oder beim Ausbügeln von irrtümlich vorgenommenen Veränderungen. Die in eigentlich allen DAWs übliche Parameter-Automation wird ebenfalls unterstützt.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - QWERTY Keyboard
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – QWERTY Keyboard

Gerade kein MIDI-Keyboard zur Hand? Kein Problem, einfach das QWERTY KEYBOARD aufrufen! Das ist eine kleine, transponierbare Bildschirm-Klaviatur mit rund zweieinhalb Oktaven Umfang, die sich mit der Maus oder mit der Computer-Tastatur spielen lässt. Auch des Keyboarders übliche Spielhilfen, zum Beispiel Sustain, Pitch Bend oder Modulation, sind integriert. Sicherlich kein vollwertiger Ersatz für ein richtiges Keyboard, aber sehr praktisch, wenn man mal mit dem Laptop unterwegs ist.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Settings
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Settings

Das Settings-Menü dürfte den Besitzern früherer CHERRY AUDIO-Plugins ebenfalls vertraut erscheinen. Wie immer ist dieses in drei Bereiche unterteilt, grundlegende Einstellungen bezüglich der Bedienoberfläche und ihrer Steuerung, des Speicherorts für die Presets, dem Umgang mit eventuellen Updates, den Zugangsdaten für die Aktivierung und Ähnliches lassen sich hier vornehmen.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Preset-Browser
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Preset-Browser

Klangkreationen, sei es die zahlreichen mitgelieferten oder eigene, werden wie gehabt mit dem Preset-Browser verwaltet. Dazu stehen diverse praktische Funktionen bereit, welche die Bedienung bequemer gestalten. So gibt es Kategorien, in denen die Presets thematisch eingeteilt werden, etwa nach Pads, Bass- oder Leadsounds etc. (sogar MPE-kompatible Presets haben eine eigene Kategorie erhalten). Ein Suchfunktion hilft ebenso beim schnellen Auffinden bestimmter Klänge wie eine Favoritenliste, in der man all seine Lieblings-Preset sammeln kann.

Normalerweise schließt sich das Browser-Fenster unmittelbar nach Auswahl eines Presets wieder von alleine, um dieses Verhalten zu unterbinden, existiert eine Pin-Funktion, mit der der Browser so lange geöffnet gehalten wird, bis irgendwo außerhalb des Fensters klickt. Auf diese Weise kann man in Ruhe durch die Presets steppen (übrigens auch mit den Pfeiltasten der Computer-Tastatur).

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Oversampling-Optionen
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Oversampling-Optionen

Via Menü lässt sich der gewünschte Faktor des integrierten Oversamplings in vier Stufen auswählen. Je höher das Oversampling eingestellt ist, desto besser ist die Qualität der Klangausgabe (das ist ja schließlich auch der Sinn hinter dieser Funktion…), aber damit einhergehend steigen auch die Anforderungen an die Computer-Ressourcen. Ein ökonomischer Kompromiss kann es daher (je nach Leistungsfähigkeit des Host-Rechners) sein, zum Komponieren und Arrangieren einen geringeren Oversampling-Faktor zu verwenden und erst zum finalen Rendern auf eine hohe Qualitätsstufe umzuschalten.


Klartrauminduktion…

Wie eingangs bereits erwähnt, hatte CHERRY AUDIO bei der Entwicklung des DREAMSYNTH DS-1 zwar keine bestimmte Hardware als Vorlage genommen, aber dabei dennoch eine Geräteklasse vergangener Jahrzehnte im Sinn, nämlich die der Synthesizer mit hybrider Klangerzeugung. Bei jener Gattung kamen digital erzeugte bzw. gespeicherte Wellenformen zum Einsatz, die weitere Nachbearbeitung geschah mittels herkömmlicher analoger Filter. Solche Geräte gab es von verschiedenen Herstellern, etwa ENSONIQ ESQ-1 und SQ-80, KORG DW-6000 und DW-8000, KAWAI K3, SEQUENTIAL CIRCUITS PROPHET VS, KEYTEK CTS-2000 und natürlich die WAVE-Reihe von PPG, um nur einige zu nennen. Da ein Plugin aber natürlich niemals analoge Komponenten enthalten kann und daher stets digitaler Natur ist, lässt sich der der DREAMSYNTH DS-1 auch ebenso gut mit rein digitalen Boliden wie dem KAWAI K4 oder dem ROLAND JD-800 vergleichen.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Oszillator
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Oszillator

Den Kern des DREAMSYNTH DS-1 bildet seine dreifache Oszillator-Sektion. Jeder der Oszillatoren (OSC 1, OSC 2 und OSC 3) vermag bis zu zwei Wellenformen gleichzeitig wiederzugeben. Innerhalb eines Oszillatorsstranges können diese Wellenform-Pärchen sowohl gegeneinander verstimmt als auch separat in ihrer Oktavlage verschoben werden, so dass wir es im Prinzip also eigentlich mit sechs Oszillatoren zu tun haben.

OSC 3 bietet zusätzlich zu den Fußlagen 4′, 8′, 16′ und 32′ auch noch eine LO-Range-Einstellung und kann zudem zu OSC 1 synchronisiert werden. Bei Bedarf können OSC 2 und OSC 3 auch von der nachfolgenden Bearbeitung durch das Filter ausgenommen werden. Die restlichen Einstellmöglichkeiten der drei Oszillatorenstränge fallen identisch aus.

So verfügt jeder über einen Aktivierungsschalter für die global einstellbare Portamento-Funktion (GLIDE) und kann zwecks Ausgabe konstanter Tonhöhen von der Tastatur entkoppelt werden (KEYB). Das Mischungsverhältnis der beiden Wellenforrmen eines Strangs kann stufenlos eingestellt (und auch moduliert) werden. Die Pulsweitenregelung wirkt sich ausschließlich auf die virtuell-analoge Pulswelle aus, alle anderen Wellenformen bleiben davon unbeeinflusst.

Des Weiteren besitzt jeder Oszillatorenstrang seinen eigenen LFO mit Dreieckswelle. Diese LFOs sind fest der Tonhöhe des jeweiligen Strangs zugeordnet (lassen sich jedoch auch anderen Modulationszielen zuweisen) und beeinflussen dessen beide Wellenformen gleichzeitig. Sie lassen sich zum Host-Tempo synchronisieren, schwingen aber stets frei und nicht in Phase zueinander. Zu guter Letzt kann jeder Strang separat in der Lautstärke und im Stereo-Panorama geregelt werden, während eine SOLO-Funktion ihn allein ertönen lässt.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Wellenformauswahl
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Wellenformauswahl

Der mitgelieferte und durch den Anwender nicht erweiterbare Vorrat an Wellenformen ist sehr reichhaltig, in zahlreiche Kategorien aufgeteilt (siehe Screenshot oben) und bietet ein breites Spektrum. Neben den üblichen virtuell-analogen Grundwellenformen gibt es allerlei geloopte PCM-Samples sowie One-Shots, aber auch jede Menge Single-Cycle-Wellenformen mit mehr oder minder komplexen Obertonstrukturen.

Man kann sich entweder schrittweise durch die angebotenen Wellenformen hangeln oder diese mittels Popup-Menü direkt auswählen. Mit bis zu sechs gleichzeitig verfügbaren und Wellenformen sind vielfältige Klanggebilde möglich, und da sich ebenfalls sehr viele Drumsounds an Bord befinden, lässt sich der DREAMSYNTH DS-1 sogar als Drum-Synthesizer verwenden, zumal sich durch geschickte Modulationszuweisungen auch ohne Step-Sequencer komplette Rhythmusmuster erzeugt werden können.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Filter
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Filter

Für die Filter-Sektion hat offenbar das OBERHEIM SEM bzw. der hauseigene EIGHT VOICE Pate gestanden. Sie wartet mit einem zustandsvariablen Multimode-Filter auf, das eine Flankensteilheit von 12 dB pro Oktave besitzt. Seine Charakteristik lässt sich stufenlos von Tiefpass über Notch bis Hochpass einstellen, alternativ kann es aber auch als Bandpass fungieren.

Grenzfrequenz und Resonanz sind natürlich regelbar, Letztere reicht bis in die Selbstoszillation hinein. Das Filter lässt dann sich übrigens auch ohne Oszillator-Sektion, also ohne aktivierte Wellenformen spielen, das vermögen längst nicht alle Software-Synthesizer (die damit erzielbaren klanglichen Ergebnisse haben mich hier jetzt allerdings auch nicht sonderlich aus den Pantoffeln gehoben…). Die Hüllkurvenintensität und das Keyboard-Tracking ist jeweils bipolar einstellbar, und alle Parameter der Filter-Sektion lassen sich getrennt voneinander modulieren.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Hüllkurven
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Hüllkurven

Hüllkurven gibt es zwei, eine für das Filter und eine für den Verstärker (können aber auch anderen Parametern zugewiesen werden.) Mit ihrer ADSR-Parametrisierung bieten sie gewohnte Standardkost. Manch einer mag sich hier vermutlich noch ein paar zusätzliche Phasen wünschen. Die Amplitude lässt sich bei beiden Hüllkurven über die Anschlagsdynamik steuern.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - LFO
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – LFO

Bei den schon erwähnten Pitch-LFOs in den Oszillatorsträngen stehen noch drei weitere, umfangreicher ausgestattete LFOs zur Verfügung. Diese lassen sich allen modulierbaren Zielen frei zuweisen und können ihrerseits auch selbst bezüglich der Intensität ihres Ausgangssignals moduliert werden, beispielsweise um so den verzögerten Einsatz eines Vibratos zu erreichen.

Geboten werden die Wellenformen Sinus, Dreieck, abfallender und aufsteigender Sägezahn (sowohl mit linearem als auch mit exponentiellem Verlauf), Rechteck sowie eine Zufallsfunktion. Die Geschwindigkeit lässt sich wieder bei Bedarf zum Host-Tempo synchronisieren.

Der BIAS-Schalter legt fest, ob nur positive, nur negative oder auch bipolare Modulationen erfolgen, während ONE-SHOT den LFO nicht kontinuierlich, sondern wie eine Hüllkurve lediglich einmal durchfährt und RETRIGGER den LFO bei jedem Tastenanschlag erneut startet.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Modulationsquellen
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Modulationsquellen

Bei den drei LFOs lassen sich jeweils vier um neunzig Grad verschobene Phasen abgreifen: 0 Grad, 90 Grad, 180 Grad und 270 Grad. Diese findet man in der Modulationsquellenauswahl, welche sich bei einem Mausklick auf einen der kleinen MOD-Schalter als Popup-Menü präsentiert.

Hier findet man auch zahlreiche weitere Quellen, wobei deren Anzahl und Art vom jeweiligen Modulationsziel abhängig ist. Während manche Ziele eine Auswahl aus lediglich monophonen Modulationsquellen erlauben, stehen anderen wiederum sowohl monophone als auch polyphone Quellen zur Verfügung. Einigen der Parameter (Oszillator-Pitch und Filter-Cutoff) können sogar zwei voneinander unabhängige Modulationsquellen zugewiesen werden.

Interessant ist auch, dass die drei Oszillatoren ebenfalls als polyphone Modulationsquelle für manche Parameter dienen können. Auf diese Weise lassen sich dann auch einfache FM-Klänge realisieren (inklusive Filter-FM), die bei Bedarf auch in arge Krachgefilde hineinreichen können. Dies funktioniert wohlgemerkt mit allen vorhandenen Wellenfomen, nicht nur mit einem Sinus à la DX7.

Insgesamt ist das Modulationssystem des DREAMSYNTH DS-1 gut durchdacht, flexibel und einfach zu bedienen, wenngleich es natürlich nicht ganz mit der Komplexität und Übersichtlichkeit etwa eines ARTURIA PIGMENTS mitzuhalten vermag.


Doppelherz…

Die im vergangenen Kapitel vorgestellte Synthesearchitektur stellt das primäre Herz des DREAMSYNTH DS-1 dar, ist jedoch nicht seine einzige Klangquelle. In der Sektion STRINGS, die sich ganz rechts in der unteren Hälfte des GUI befindet, finden wir noch eine zweite. Hierbei handelt es sich, die Bezeichnung lässt es eigentlich schon vermuten, um die Emulation eines analogen String Ensemble. Hmmm, kommt Euch das auch irgendwie bekannt vor? Richtig, bereits beim QUADRA hatte CHERRY AUDIO eine separate Strings-Sektion integriert, dort allerdings, weil das nun mal eben die Vorgabe der emulierten Hardware war.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Strings
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Strings

Die virtuell-analoge Streichersektion im DREAMSYNTH DS-1 ähnelt zwar recht stark der des QUADRA (auch klanglich), ist aber nicht völlig identisch zu dieser. Sie beruht ebenfalls auf der Nachahmung einer Frequenzteilerschaltung, ist sechzehnstimmig polyphon und wie auch schon beim QUADRA durchläuft das Ausgangssignal einen fest im Signalweg integrierten Tri-Chorus-Effekt (basierend auf einer BBD-Emulation), der über keinerlei Einstellmöglichkeiten verfügt und permanent aktiv ist.

Viele Parameter gibt es nicht: So können sich Attack- und Release-Zeiten, Stimmung und Intensität der Anschlagsdynamik geregelt werden, die Fußlagen 16′, 8′ und 4′ lassen sich auswählen, bei Bedarf auch gleichzeitig zur Erzeugung vollerer Streicherklänge, und die Tonhöhe kann mit einer monophonen Quelle moduliert werden (FM durch einen der Oszillatoren ist somit also leider nicht möglich). Zu guter Letzt lassen sich auch hier Stereo-Panorama und Lautstärke einstellen (und modulieren).

Während ich mich noch fragte, was CHERRY AUDIO wohl dazu bewogen haben mag, an ihrem Digitalsynth noch ein solches String Ensemble anzuflanschen (hätten hier eventuell nicht auch einfach entsprechende Samples bei den Oszillator-Wellenformen ausgereicht?), passt es auf den ersten Blick doch irgendwie gar nicht in das Grundkonzept des DREAMSYNTH DS-1, habe ich einfach ein wenig damit herumgespielt und oben gestellte Frage gleich wieder vergessen. Es klingt gut, also ist es gut, fertig!

Zwar bin ich kein ausgemachter Fan von String Ensembles, aber von spacigen Sounds, und bekommt man mit den Strings ganz einfach hin, wenn man noch die Effekt-Sektion hinzubemüht, insbesondere das Reverb mit dem GALACTIC-Algorithmus bei einem Mischungsverhältnis von 100% wet. Klingt wirklich wie ein Gleiten durch die Weiten des Alls.

Ein Kleinigkeit habe ich allerdings vermisst, nämlich einen Schalter mit dem man die Strings (und auch die Synth-Sektion) einfach abschalten kann. Momentan kann man sie lediglich leise drehen, wenn man sie nicht braucht. Einen Schalter, der die jeweilige Sektion komplett deaktiviert, so dass diese dann auch keine CPU-Ressourcen verbraucht, fände ich hier praktischer. Vielleicht ja eine Idee für ein künftiges Update…?


Astralebene…

CHERRY AUDIO gibt seinen Software-Instrumenten in der Regel eine Effekt-Sektion mit auf dem Weg, auch beim DREAMSYNTH DS-1 haben die Entwickler keine Ausnahme gemacht. Insgesamt gibt es fünf Effekt-Module (DISTORTION, PHASER, MOD EFFECT, DELAY und REVERB), bei jedem davon lässt sich getrennt einstellen, ob die Synth- und/oder die Strings-Sektion in ihn geroutet werden sollen.

Zudem besteht bei jedem Effekt die Möglichkeit, allen vorhandenen Drehreglern jeweils eine Modulationsquelle zuzuweisen, dadurch werden die Effekte zu einem aktiven Teil der Klangarchitektur und stellen nicht nur ein simples Anhängsel dar.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Effekte
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Effekte

DISTORTION bietet die vier Verzerrer-Modi TUBE, GRUNGE, FUZZ und SAMPLE CRUSH, die alle unterschiedlich aggressiv klingen. Verzerrungsgrad (DRIVE), Klang (TONE) und Lautstärke sind einstellbar. Ein fünfter Modus namens TONE & LEVEL deaktiviert den DRIVE-Regler (und ebenso den Verzerrer) und dient somit als Klangregelung.

Beim PHASER kann die Anzahl der Stufen vier, sechs, acht, zehn oder zwölf betragen, damit ähnelt er sehr stark dem Phaser der hauseigenen RACKMODE SIGNAL PROCESSORS, weitere Einstellmöglichkeiten sind LFO-Geschwindigkeit (RATE, nur manuell justierbar, von 0,1 Hz bis 5 Hz), Effekt-Intensität (DEPTH) sowie Rückkopplungs-Intensität (FEEDBACK).

Der MOD EFFECT kann wahlweise als FLANGER, CHORUS oder ROTARY SPEAKER fungieren, neben Verzögerungszeit (TIME) und LFO-Geschwindigkeit (ebenfalls nur manuell justierbar, von 0,01 Hz bis 8 Hz) lassen sich noch FEEDBACK (nur im FLANGER-Modus), DEPTH und MIX (also das Mischungsverhältnis zwischen trockenem und bearbeitetem Signal) regeln. Im Modus ROTARY SPEAKER ist lediglich der RATE-Regler aktiv, mit ihm lässt sich dann die Geschwindigkeit in zwei Stufen einstellen.

Beim DELAY hat man die Auswahl zwischen den beiden Algorithmen STEREO DELAY und TAPE DELAY, Letzteren hat CHERRY AUDIO ja ebenfalls bereits als separates Effekt-Plugin veröffentlicht (siehe hier).

Die Verzögerungszeit (TIME) kann bei manueller Einstellung von 1 Millisekunde bis zu 2 Sekunden betragen, bei einer Synchronisation zum Host-Tempo erfolgt Einstellung nach Notenlängen. Die Höhendämpfung (DAMP) und natürlich die Wiederholungsdauer (FEEDBACK) verfügen über eigene Regler, ebenso wie der Versatz zwischen linkem und rechtem Stereo-Kanal (SPREAD) und das Mischungsverhältnis (MIX).

Das REVERB schließlich stellt die fünf Modi ROOM, PLATE (Plattenhall), HALL, GALACTIC und SPRING (Federhall) bereit. GALACTIC stellt dabei ein Neuzugang dar (die anderen vier Algorithmen kennt man bereits von früheren Plugins) und bietet einen sehr großen und spacigen Reverb-Effekt mit langer maximaler Ausklingzeit. Wie oben schon erwähnt, macht er sich besonders gut auf den Strings, aber natürlich nicht nur dort. An regelbaren Parametern finden wir die Abklingzeit (DECAY), die Höhendämpung (DAMP) sowie das Mischungsverhältnis zwischen trockenem und verhalltem Signal (MIX).

Wie schon bei den vergangenen Synthesizer-Plugins von CHERRY AUDIO, hinterlässt die Effekt-Sektion auch beim DREAMSYNTH DS-1 einen guten Eindruck. Sicherlich mag man in bestimmten Fällen lieber einen externen Spezialisten dahinterschalten, doch oftmals ist dies gar nicht notwendig, da die Onboard-Effekte von hinreichend guter Qualität sind und außerdem den Vorteil bieten, dass man sie mittels des Modulationssystems in das Klanggeschehen einzubinden vermag.


Rapid Eye Movement…

Der DREAMSYNTH DS-1 kann zwar nicht mit einem Step-Sequencer aufwarten, dafür jedoch immerhin mit einem Arpeggiator. Es lässt sich festlegen, ob nur dem Synth, nur den Strings oder allen beiden die Beine …ähh… die Akkorde gebrochen werden.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Arpeggiator
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Arpeggiator

Die Geschwindgkeit kann zum Host-Tempo synchronisiert werden und bewegt sich dann von 1/64tel Triole bis hin zu acht Takten. Bei manueller Einstellung sind 0,25 Hz bis 30 Hz möglich. RANGE legt fest, wie viele Oktaven das Arpeggio umfassen soll und PATTERN bietet diverse Abspielfolgen zur Auswahl an (aufwärts, abwärts, alternierend, in der Reihenfolge der angeschlagenen Tasten und zufällig). HOLD hilft gegen verkrampfte Finger, indem es das Arpeggio auch dann weiterspielt, wenn man die Keyboardtasten wieder loslässt.


Oneirologie…

Die verbleibenden drei Sektionen des DREAMSYNTH DS-1 sind ebenfalls sehr schnell erklärt, daher handele ich nachfolgend zusammen ab, auch wenn sie eigentlich nicht direkt zusammengehören. Beginnen wir mit dem TRANSPOSE- und SPLIT/LAYER-Bereich auf der linken Seite unterhalb des Arpeggiators.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Transpose-, Split- und Layer-Einstellungen
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Transpose-, Split- und Layer-Einstellungen

TRANSPOSE, wenn mag es wundern, dient einfach der Umschaltung der Grundstimmung um eine Oktave nach oben oder unten. SPLIT/LAYER ermöglicht die Definition von Tastaturbereichen sowohl für den Synth als auch für die Strings. Auf diese Weise lassen sich die beiden Klangerzeugungen übereinanderschichten oder auf voneinander getrennte Bereiche legen. Auch die Bildung von Schnittmengen, also nur teilweise Überlappungen sind realisierbar. Entweder wählt man dazu die gewünschte niedrigste bzw. höchste Notennummer für jede Sektion aus Popup-Menüs aus oder man klickt auf den LEARN-Schalter und drückt anschließend einfach die jeweiligen Tasten auf dem MIDI-Keyboard.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Stimmenzuweisung
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Stimmenzuweisung

Unmittelbar darunter finden wir den Bereich SYNTH VOICE ASSIGN. Dieser ist ausschließlich für den Synthesizer-Teil zuständig (für die Strings stehen ja immer volle sechzehn Stimmen bereit). Die maximale Stimmenanzahl des Synthesizers wird via Popup-Menü festgelegt und kann zwischen zwei und sechzehn Stimmen betragen, mit allen möglichen geraden und ungeraden Zwischenwerten.

Mit dem GLIDE-Regler stellt man die Portamento-Geschwindigkeit ein, aktiviert werden muss dieser Effekt dann ja noch separat in jeder OSC-Sektion.

Es existieren zwei unterschiedlichen POLY- (POLY 2 ist für das Spiel mit GLIDE optimiert) und ebenso viele MONO-Modi (Einzelnoten-Wiedergabe und Unisono-Vollfettstufe, Letztere mit einstellbarer Verstimmung). Bei den beiden polyphonen Modi steht eine CHORD MEMORY-Funktion zur Verfügung, mit der sich bis zu sechzehn Noten mit nur einer Keyboardtaste wiedergeben lassen.

Bei den monophonen Modi kann man bei der Notenpriorität zwischen zuletzt gespielter Note (LAST), tiefster gespielter Note (LOW) sowie höchster gespielter Note (HI) wählen. Außerdem gibt es hier eine MULTI TRIGGER-Funktion, die bei Aktivierung bewirkt, dass bei neu angespielten Noten auch die Hüllkurven jeweils neu getriggert werden, für ein Legato-Spiel sollte dieser also deaktiviert bleiben.

CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 - Master-Bereich
CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1 – Master-Bereich

Der MASTER-Bereich ganz rechts unten beinhaltet einige globale Einstellungen für das jeweilige Patch. BEND RANGE legt die maximale Tonhöhenbeugung bei Betätigung des Pitch Benders am MIDI-Keyboard fest. Diese kann bis zu zwölf Halbtöne betragen und beeinflusst Synth und Strings gleichermaßen.

ANALOG DRIFT verursacht zufällige Abweichungen in der Frequenz der Oszillatoren und des Filters und soll damit ein weniger statisches Klangbild erzeugen, eben ähnlich dem analoger Gerätschaften.

TUNE erlaubt die Anpassung der Feinstimmung um maximal einen Halbton nach oben oder unten und VOLUME die der Gesamtlautstärke. Mit LIMIT wird eine Begrenzungsfunktion aktiviert, die dafür sorgt, dass der Pegel niemals das oberste Pärchen der virtuellen LED-Kette aufleuchten lässt.


Traumtänzer…

Weiter oben habe ich mich ja schon vereinzelt zum Klangvermögen des DREAMSYNTH DS-1 ausgelassen. Die Bandbreite ist recht groß und deckt neben diversen Analog-Imitaten (die Standardwellenformen lassen hier grüßen…) allerlei digitale Töne ab, von herkömmlichen Brot-und-Butter-Sounds bis hin zu etwas abgedrehteren Kreationen. Hinzu gesellt sich noch die Streicher-Sektion mit ihrem ganz eigenen Klangbild.

Das Klangbeispiel ist wieder einmal der Versuch, einen kompletten Track ausschließlich mit dem Testkandidaten zu erzeugen, insgesamt 17 Instanzen des DREAMSYNTH DS-1 waren hierbei beteiligt, inklusiver aller Drumsounds. Ganz am Anfang sind übrigens auch die Strings zu hören, die zunächst völlig trocken beginnen und dann allmählich in das GALACTIC-Reverb hineintauchen.

Klangbeispiel CHERRY AUDIO DREAMSYNTH DS-1

Keine weiteren Plugins oder internen Klangverbieger der DAW kamen zum Einsatz, aber das halte ich ja prinzipiell immer so.

Ich muss auch gestehen, dass ich das klangliche Spektrum des DREAMSYNTH DS-1 mit dem vorliegenden Track nur unzureichend abzudecken vermag, ich kratze hier vielmehr lediglich an der Oberfläche des Möglichen (ansonsten hätte ich nämlich gleich mehrere Stücke oder einen überlangen Megamix basteln müssen, um dem Plugin gerecht zu werden, aber das geht mir eigentlich mit den meisten Synths so, die ich hier teste…). Auf der Produktwebseite zum DREAMSYNTH DS-1 findet Ihr jedoch noch zahlreiche Demo-Tracks, die in ganz andere klangliche und musikalische Richtungen gehen.


Fazit:

Um die eingangs gestellte Frage zumindest teilweise zu beantworten: Nein, der DREAMSYNTH DS-1 ist keinesfalls ein Alptraum! CHERRY AUDIO hat jetzt zwar nicht unbedingt das Rad neu erfunden oder einen Innovationspreis verdient, dennoch haben wir es hier durchaus mit einem soliden Software-Synthesizer zu tun, der sich nicht zu verstecken braucht.

Der Klang ist gut und deckt viele Bereiche ab (längst nicht nur angestaubte 80er-Klischees!), die Bedienung gestaltet sich bei flacher Lernkurve recht einfach und der Preis ist mehr als fair. Sicherlich gibt es aufwändigere und komplexere Synthesizer, die noch viel mehr auf dem Kasten haben, aber dann ein Vielfaches des DREAMSYNTH DS-1 kosten und zum Teil auch nur sehr umständlich bedienbar sind.

Ob der DREAMSYNTH DS-1 nun wirklich der Traumsynthesizer geworden ist, den sich viele erhoffen, muss jeder für sich selbst entscheiden, dazu sind die subjektiven Anforderungen und Geschmäcker einfach zu verschieden.

Den DREAMSYNTH DS-1 bekommt man nicht nur bei CHERRY AUDIO, sondern auch bei diversen Online-Händlern. Als Einführungspreis werden 39,- US-Dollar (das sind derzeit keine 36,- Euro) genannt, der reguläre Listenpreis wird mit 59,- USD (rund 54,- Euro) angegeben (hat CHERRY AUDIO tatsächlich jemals eines ihrer Plugins zu den jeweils genannten regulären Preisen angeboten…?). Wer ungern die Katze im Sack kauft, der sei hier noch einmal an die Demo-Version erinnert, die einen ausgiebigen Test vorab erlaubt.


Positives:
+ guter Grundklang
+ flexible Klangmöglichkeiten
+ einfache Bedienung
+ sehr brauchbare Effekte
+ umfangreiche MIDI-Learn-Sektion
+ nur moderate CPU-Anforderungen
+ günstiger Verkaufspreis

Negatives:
– keine Offline-Aktivierung bzw. -Installation möglich
– Synth- und Strings-Sektionen lassen sich nicht separat (de-)aktivieren


Produktwebseite: https://cherryaudio.com/products/dreamsynth

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